mini|Peter Paul Rubens: „Das Wunder des Hl. Ignatius von Loyola“, 1617/1618. Der Jesuit Ignatius treibt Dämonen aus. Links hat eine besessene Frau einen Krampfanfall und muss von einem Zuschauer gestützt werden. Die Menge blickt gebannt auf die Besessenen oder auf den Heiligen. Links im Hintergrund fliegen die grau dargestellten Dämonen durch das Kirchenschiff davon.Vincent Crapanzano: Introduction. In: Vincent Crapanzano, Vivian Garrison (Hrsg.): Case Studies in Spirit Possession. John Wiley & Sons, New York 1977, S. 2 (= Contemporary Religious Movements: A Wiley-Interscience Series). Besessenheit bezeichnet das „Inbesitzgenommensein“ eines Lebewesens durch das Handeln des Betroffenen bestimmende, in den Menschen „eingefahrene“ Wesen oder übernatürliche Kräfte, die sich in einem ausgeprägten Erregungszustand zeigt. Die Verhaltens- und Bewusstseinsänderung wird in einigen Religionsgemeinschaften und Glaubensrichtungen auf das Eindringen eines Dämons, eines Geistes oder einer Gottheit zurückgeführt. Der Duden bezeichnet besessen als im Volksglauben verwurzelt „von bösen Geistern beherrscht, wahnsinnig“ oder allgemeiner als „von etwas völlig beherrscht, erfüllt.“besessen. Duden.de; abgerufen am 7. Oktober 2014.
Der Begriff Besessenheit wird im übertragenen Sinne auch medizinisch und psychologisch, aber auch historisch im kriminologisch-polizeilichen BezugMichel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt 1969. Surveiller et punir. La naissance de la prison. Gallimard 1975; deutsch: stw 1976. verwendet.
Religion Laut dem Religionspsychologen Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen werden als Besessenheit „religiöse Extremzustände“ gedeutet, die in vielen Kulturen und Religionen vorkommen. Religionswissenschaftlich werde „damit ein ungewöhnliches Verhalten in einem veränderten Bewusstseinszustand beschrieben, wobei sich die betroffene Person als durch einen Geist oder eine Gottheit besessen und gesteuert erlebt.“ Nach diesem erweiterten Begriff schließe er auch positiv-erwünschte Formen ein. Besessenheitsphänomene seien im Spiritismus der afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Kulturen (Passie 2011) sowie in den weltweiten Pfingstgemeinden (Währisch-Oblau 2011) sowie in Europa „im Milieu alternativer Lebenshilfe“ (Pöhlmann 2011) „recht häufig“ zu beobachten. Moshe Sluhovsky (2011) unterteilt zwischen „heiliger und dämonischer Besessenheit“. Eine stärkere Rolle außerhalb von sogenannten Stammeskulturen spiele der Begriff im Christentum in Teilen der katholischen Kirche sowie der Pfingstbewegung; ferner auch der sogenannten „Esoterikszene“ in Europa (vgl. Channeling). Der islamische Kulturraum kennt nach traditioneller Auffassung gute und böse Geister („Dschinnen“), die auf den Menschen einwirken würden.Michael Utsch: Besessenheit. In: Lexikon für Religion und Weltanschauungen, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, September 2013; abgerufen am 8. Oktober 2014.
Juden- und Christentum mini|Julius Schnorr von Carolsfeld: Der liebende Jesus jagt Dämonen in unschuldige Schweine, 1860. Nach Heilungswundern in Bibelstellen: Die Heilung der Besessenen von Gadara , Die Heilung eines mondsüchtigen Jungen und Die Wirkung des ersten Auftretens Im Neuen Testament finden sich Fälle von angeblicher Besessenheit. Die Evangelien berichten von Heilungen Betroffener durch Jesus, der selber von seinen Gegnern als (dämonisch) besessen (griechisch δαιμονιζόμενος) bezeichnet wurde,Ferdinand Hahn: Theologie des Neuen Testaments. Band I: Die Vielfalt des Neuen Testaments. Band II: Die Einheit des Neuen Testaments. UTB 2011, S. 499; Google Bücher im Sinne einer „Austreibung“ in der geistigen Tradition des Judentums. Von Seiten der modernen historisch-kritischen Bibelforschung wird die Existenz von Dämonen und damit die diesbezüglichen neutestamentlichen Zeugnisse abgelehnt mit der Erklärung, dass der damaligen Zeit heutige Kenntnisse über psychische Krankheiten fehlten und solche somit irrigerweise als dämonische Besessenheiten bezeichnet worden seien (so zum Beispiel Rudolf Bultmann: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben“Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie (1941), zitiert auf ).
Nach jüdischem Volksglauben kann es zu einem Zustand der Besessenheit kommen, indem ein Dibbuk, ein Totengeist, in einen Menschen fährt.
Die unterschiedliche Bewertungen von Besessenen (genannt auch Energumenen)Theodor Kirchhoff (Hrsg.): Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens. 2 Bände. Hrsg. mit Unterstützung der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München sowie zahlreicher Mitarbeiter. Springer, Berlin 1921–1924, S. 23. bzw. Besessenheit zeigen sich in verschiedenen historischen Lexikoneinträgen, so schrieb etwa Meyers Großes Konversations-Lexikon 1905 mit Hinzunahme eines historischen Abrisses:
Das Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit konzentrierte sich 1857 im Wesentlichen auf die Krankheitsbilder der sogenannten Besessenen:
Das Damen Conversations Lexikon warnte bereits 1834 vor „Aberglauben“:
Das Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon ergänzte 1837 hinsichtlich christlicher Praktiken:
Kontroversen Angenommene Besessenheitsphänomene polarisieren bis heute stark. Sie werden von Teilen der römisch-katholischen Kirche als Beleg der Existenz dämonischer Wesen verstanden. Andererseits werden sie von Naturwissenschaftlern für Symptome von psychischen Erkrankungen oder organischen Störungen (zum Beispiel Epilepsie) gesehen. Der katholische Publizist Joseph Görres thematisierte die religiös gedeuteten Krankheiten in seinem Werk Die christliche Mystik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.Zur Frage der Editionsmotive der dann gescheiterten Ausgabe Balls und zu Balls Auseinandersetzung mit Schmitt findet sich manches in der von Hans Burkhard Schlichting herausgegebenen und kommentierten Aufsatzsammlung. Der Künstler und die Zeitkrankheit. Suhrkamp 1984. Und vor allem in der neuen dreibändigen Ausgabe der Briefe. ISBN 3-89244-701-2.
Die römisch-katholische Kirche erkannte Anfang Juli 2014 die in etwa 30 Ländern vertretene Internationale Vereinigung der Exorzisten (AIE) offiziell als private rechtsfähige Gesellschaft an. Axel Seegers, Theologe bei der Beratungsstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Erzdiözese München sagte in einem Interview: „Prinzipiell ist das weltweit in der Katholischen Kirche kein umstrittenes Thema. Ob in Italien oder Spanien, in Südamerika oder Asien: Überall gibt es ganz selbstverständlich Priester, die Exorzismus durchführen.“ Die Katholische Kirche habe „mehr als eine Milliarde Mitglieder in sehr unterschiedlichen Kulturräumen. Was für uns ausgeschlossen sei, werde in anderen Ländern als vollkommen normal betrachtet.“ Seit dem Fall Anneliese Michel habe es in Deutschland keinen offiziellen Exorzismusfall gegeben, jedoch würden zahlreiche inoffizielle „Teufelsaustreibungen“ teils auch von Priestern vorgenommen. Zudem sei seit der Überarbeitung des sogenannten Rituale Romanum 1999 vorgeschrieben, dass Priester bei der Begutachtung auch Mediziner und Psychiater hinzuziehen sollen. Der katholische Theologe und Psychotherapeut Jörg Müller berichtet ebenso von einem Bedürfnis von vielen Patienten, von „dämonischer Besessenheit und bösen Flüchen geheilt“ zu werden. Die Mehrheit sei „traumatisiert aus der Kindheit aufgrund von Missbrauch sexueller, physischer oder emotionaler Art. Das ist meistens verdrängt und kann dann später Symptome erzeugen, die man irgendeiner Besessenheit zuordnet.“ Heute würden wir aber wissen, „dass das eine Form der Abspaltung von Empfindungen und Gefühlen ist, um sich zu schützen.“ Eine Abspaltung „führe später zu den bekannten Symptomen wie Stimmen hören, Fratzen sehen oder sich von etwas Fremdem berührt fühlen.“ Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater hält exorzistische Rituale für reine Suggestion, da durch sie die Vorstellung von Besessenheit erst geschaffen und das Leid der Betroffenen unter Umständen noch verstärkt werde. „Manifeste seelische Erkrankungen können nicht durch Exorzismus gelöst oder geheilt werden. Es kann aber zu Verschlimmerungen kommen, wenn medizinische Hilfe“ unterbleibe.Günther Birkenstock: Katholische Kirche: Exorzismus weiter gefragt. Deutsche Welle, 10. Juli 2014; abgerufen am 11. September 2014.
Afrikanische Religionen In Kulturen in Afrika gibt es Besessenheitskulte sowohl innerhalb von traditionellen Religionen (etwa den Nya-Kult in Mali und Burkina Faso) und im christlichen Umfeld (Mashawe und Vimbuza in Sambia, Pepo in Tansania), als auch innerhalb des Volksislam (Bori in Nigeria, Zar im Sudan und in Ägypten, Aisha Qandisha und Derdeba in Marokko, Stambali in Tunesien). In den sich aus der afrikanischen Tradition ableitenden synkretistischen Religionen (Voodoo, Santería, Candomblé) gibt es einen Zustand der Trance oder künstlich herbeigeführten temporären Besessenheit, der sogar erwünscht ist, in dem Götter oder Geister Verstorbener, meist sogenannte „Ahnen“, von den Menschen Besitz ergreifen sollen, wie es zum Beispiel der Regisseur Jean Rouch im Film Les Maitres Fous darstellte. Im Zar- und Pepo-Kult werden im Wesentlichen Fremdgeister (von anderen Ethnien stammende Geister) verehrt, ebenso im Tchamba-Kult im Süden Togos. Die fremden Geister stammen hier von früheren Sklaven.
Indien Im indischen Volksglauben stammen allgemein Bhuta genannte Geister, die Besessenheit verursachen können, von den Seelen der Menschen ab, die auf unnatürliche Weise (Unfall, Mord oder Suizid) zu Tode gekommen oder nicht mit den erforderlichen Ritualen bestattet worden sind. In Rajasthan heißt ein solcher Geist Vir, wenn er von einem Menschen Besitz ergriffen hat, der plötzlich krank geworden ist oder ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigt. Solcherart Erkrankte stammen meist aus den unteren Bevölkerungsschichten. Eine Erklärung verweist auf den Versuch des Verhaltensauffälligen, aus den rigiden sozialen Zwängen der Familie oder Dorfgemeinschaft vorübergehend und gesellschaftlich akzeptiert auszubrechen. Ein Heilungspriester (Bhopa) behandelt die Krankheitsfälle, nachdem er in einem Ritual sich selbst vom besonderen Totengeist Bavaji, der in der Schlange Vasuki wiedergeboren wurde, hat befallen lassen.Jyotindra Jain: Bavaji und Devi. Besessenheitskult und Verbrechen in Indien. Europaverlag, Wien 1973, S. 23–27.
Bei ursprünglich volksreligiösen Ritualdramen, die später mit dem Hinduismus verschmolzen sind, werden auf dem Höhepunkt der Veranstaltung die Ritualtänzer von einer Gottheit besessen und sind während dieser Zeit in der Lage, Orakel an die versammelten Gläubigen zu geben. Neben der einfachen Form des Bhuta kola in Karnataka und Kerala an der Südwestküste Indiens gehören zu diesen, auf altindische Traditionen zurückgehenden Ritualen unter anderem das mit großem finanziellen Aufwand organisierte Teyyam-Fest, das ähnliche Ritualtheater Mutiyettu und das nur für Gläubige in kleinerem Rahmen organisierte Ayyappan tiyatta in derselben Region sowie die beiden Maskentänze Gambhira und Midnapur chhau in Westbengalen. Zum Umfeld des Bhuta kola gehört das an mehreren Dörfern in derselben Region jährlich stattfindende Ritual Siri jatre, bei dem nicht wie sonst in Indien einer oder wenige männliche Teilnehmer, sondern eine große Zahl Frauen zugleich von der niederen weiblichen Gottheit Siri besessen werden. Rituelle Besessenheit von einem höheren Gott (Deva) ist üblicherweise ein Privileg von Mitgliedern der obersten Brahmanenkaste.