Neger (entlehnt über und , „Schwarzer“, von „schwarz, schwärzlich, dunkelfarbig“) ist eine im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache eingeführte Bezeichnung für dunkelhäutige, insbesondere schwarze Menschen. Das Wort fand zunächst nur begrenzt Verwendung; mit dem Aufkommen der eng mit der Geschichte von Kolonialismus, Sklaverei und Rassentrennung verbundenen Rassentheorien und der inzwischen überholten Vorstellung einer „negriden Rasse“ bürgerte es sich ab dem 18. Jahrhundert in der Umgangs-, Literatur- und der Wissenschaftssprache ein.
Das Wort „Neger“ hat sich in Nutzung und Bedeutung der früheren Bezeichnung schwarzer Personen vor allem im Verlauf des späten 20. Jahrhunderts gewandelt und verschwand mehr und mehr aus der Alltagssprache. Es gilt als abwertende, rassistisch diskriminierende Bezeichnung und wird als Schimpfwort gebraucht. In Metadiskursen wird das Wort aus Gründen sprachlicher Sensibilität häufig nur als „N-Wort“ referenziert.
Etymologie Herkunft Nach dem Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache hat das Wort Neger die Ausgangsbedeutung „Schwarzer“Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 506. (wie sie etwa 1879 von Wilhelm BuschWilhelm Busch: Fipps, der Affe: „Dem Neger wird das Herze bang […]“ gefolgt von „Der Schwarze aber aß seit dieser Begebenheit […]“. synonym verwendet wurde und wie sie auch der Duden von 1929 noch angabDer grosze Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. Bearbeitet von Theodor Matthias. 10., neubearbeitete und erweiterte Auflage, Bibliographisches Institut, Leipzig 1929, S. 374.) und ist ein Lehnwort nach dem französischen nègre, das wiederum vom spanischen negro, der Nachfolgeform des lateinischen niger („schwarz“), abgeleitet ist.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23., erweiterte Auflage. Berlin / New York 1999.
Die Bezeichnung wurde erstmals im 16. Jahrhundert während des spanischen und portugiesischen Sklavenhandels für Menschen verwendet, vornehmlich für afrikanische Versklavte, und bezog sich auf deren dunkle Hautfarbe.Anke Poenicke, Holger Dix: Afrika realistisch darstellen. Diskussionen und Alternativen zur gängigen Praxis, Schwerpunkt Schulbücher (= Zukunftsforum Politik, Nr. 55). 2., überarbeitete Auflage. Konrad-Adenauer-Stiftung, St. Augustin 2003, ISBN 3-933714-93-1, S. 16 ff.; 120 Seiten; kas.de (PDF; 476 kB). „[V]or dem Hintergrund von Kolonialismus und neuzeitlicher Sklaverei“ entstand laut dem Soziologen Wulf D. Hund die Stereotypisierung von Menschen in Menschenrassen, indem „nebensächliche körperliche Eigenschaften in eine politische Frage verwandelt worden“ seien.Wulf D. Hund: Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit. Westfälisches Dampfboot, Münster 1999, ISBN 3-89691-453-7, S. 12; 173 Seiten;
Der analoge Begriff in der deutschen Sprache fand in Texten des 17. Jahrhunderts begrenzt VerwendungEtymologie, Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. In: Der große Duden. Band 7. Bibliographisches Institut, Dudenverlag, Mannheim / Wien / Zürich 1963, S. 464. und bürgerte sich im 18. Jahrhundert gleichzeitig mit der Etablierung von Rassentheorien ein.Wulf D. Hund: Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit. Westfälisches Dampfboot, Münster 1999, S. 34–35; Der negative Sprachgebrauchswert des Begriffs wird im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen aufgegriffen: Die deutsche Bezeichnung Neger, so Sabine Wierlemann, tradiere die Konnotationen der verschiedenen Entlehnungsstufen vom Lateinischen über das Spanische oder Portugiesische und das Französische. Im aktuellen Sprachgebrauch erhalte die Bezeichnung ihren diskriminierenden Charakter aus den etymologischen Wurzeln, denn das spanische und portugiesische ‚negro‘ sei eine „abschätzige […] Bezeichnung für die als Sklaven gehandelten Eingeborenen Afrikas“ gewesen.Neger. In: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 1993, S. 915; dwds.de Zitiert nach Sabine Wierlemann: Political Correctness in den USA und in Deutschland (= Philologische Studien und Quellen, Heft 175). Erich Schmidt Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-503-06144-4, S. 193 f.; google.de/books
Die teilweise von dem Begriff Neger abgelöste Bezeichnung Mohr, die bereits im 16. Jahrhundert eingebürgert war,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck, ebenda 1975, S. 506 (Neger) und 484 (Mohr). macht laut einer Deutung ihrem Ursprung nach ebenfalls eine Aussage über die Hautfarbe (siehe dazu ausführlicher in Sprachgeschichte des Wortes Mohr).
Ebenfalls über die Hautfarbe bestimmt sich der früher für dunkelhäutige Afrikaner gebräuchliche Begriff Äthiopier,Vgl. etwa Rufus von Ephesos in Die Fragen des Arztes an den Kranken. Vgl. Jutta Kollesch, Diethard Nickel (Hrsg.): Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek, Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 120 und 194, Anm. 8 (griechische Bezeichnung für „Neger“). der über lateinische Vermittlung vom griechischen („Brandgesicht“) kommt. Die Bezeichnung als „Brandgesicht“ bezieht sich auf den Mythos von Phaethon.W. Gemoll und K. Vretska: Gemoll. Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch. 10. Auflage. München / Düsseldorf / Stuttgart 2006.
Bis sich ab den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum das englische Wort Aborigines durchsetzte, hießen die australischen Ureinwohner in Deutschland Australneger.Matthias Heine: Rassismus und Sprache: Auch wer „Negerpüppis“ liebte, sagt nicht mehr „Neger“. Welt Online, 18. April 2018.
Semantik Das lateinische Adjektiv niger mit der Bedeutung schwarz wurde bei der Übertragung in andere Sprachen substantiviert. Auf Menschen bezogen, enthält es somit das Denotat „Mensch mit schwarzer Hautfarbe“.Dakha Deme: Konnotation und Denotation am Beispiel des Begriffs „Neger“. In: Interkulturell. Forum für interkulturelles Lernen in Schule & Sozialpädagogik, Hrsg. Forschungsstelle Migration und Integration an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Freiburg im Breisgau 1994, S. 57. Bereits mit der Verwendung im Portugiesischen und Spanischen im 16. Jahrhundert wurde die Bezeichnung „negro“ mit dem Wort Sklave konnotiert und im Weiteren mit anatomisch-ästhetischen (hässlich), sozialen (wild, ohne Kultur), sexuellen (abnorm) und psychologischen (kindlich) Vorstellungen verknüpft.Dakha Deme: Konnotation und Denotation am Beispiel des Begriffs „Neger“, S. 61 f. Die Übernahme des Begriffs in das Französische als „nègre“ im 16. Jahrhundert beinhaltete die Nebenbedeutungen und stand damit im Gegensatz zu dem direkt aus dem Lateinischen abgeleiteten noir für schwarz. Mit gleicher Gewichtung wurde das Wort als „Neger“ im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache übertragen, die Konnotation war von vornherein und dauerhaft inbegriffen,Dakha Deme: Konnotation und Denotation am Beispiel des Begriffs „Neger“. S. 59. wurde jedoch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts von den meisten Europäern nicht problematisiert. Auch als Selbstbezeichnung war das Wort geläufig, etwa ab 1929 in dem Namen der Bürgerrechtsorganisation Liga zur Verteidigung der Negerrasse. Erst mit dem Ende des Kolonialismus nach dem Zweiten Weltkrieg, mehr noch mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der Überwindung von Rassentheorien wurde die rassistische Konnotation des Begriffs anerkannt.
Bedeutungsgeschichte In der Klassifikation des Tierreichs teilte Carl von Linné im Jahre 1735 in der 1. Auflage seiner Systema Naturæ die Gattung Homo in die vier Varietäten Homo europaeus albescens (europäischer erbleichender Mensch), Homo americanus rubescens (amerikanischer errötender Mensch), Homo asiaticus fuscus (asiatischer dunkler Mensch) und Homo africanus niger (afrikanischer schwarzer Mensch) ein.Carl von Linné: Systema naturae sive regna tria naturae systematice proposita per classes, ordines, genera et species. Leiden 1735, S. 12; TIF-Seitenansicht biodiversitylibrary.org Menschen wurden damit auf Grundlage des Merkmals Hautfarbe zu unterschiedlichen biologischen und anthropologischen Einheiten in einem wissenschaftlichen Ordnungsprinzip, auch wenn bei dieser Annahme nur bedingt auf dieses Merkmal zurückgegriffen werden konnte, denn die Wahrnehmung natürlicher Unterschiede entsprach nicht den Abstrakta eines „Weiß“, „Rot“, „Gelb“ oder „Schwarz“ der Hautfarbe.Wulf D. Hund: Die Farbe des Schwarzen. Über die Konstruktion von Menschenrassen. In: Derselbe: Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit. Westfälisches Dampfboot, Münster 1999, S. 19 f.; So nahm sowohl die Anthropologie, unter anderem durch Johann Friedrich Blumenbach, wie die Philosophie des 18. und 19. Jahrhunderts eine Erweiterung zur Rassentheorie vor. In einem Konglomerat aus biologistischen und ästhetischen Wertungen wurde das rassistische Stereotyp des „Negers“ geschaffen, der beispielsweise nach Immanuel Kant als „stark, fleischig, gelenk, … faul, weichlich und tändelnd“Immanuel Kant: Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse. 1785. In: Kant. Werke Band 9: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel. Darmstadt 1983, S. 79. oder nach dem Popularphilosophen Christoph Meiners lediglich als „Halbmensch“ anzusehen sei.Christoph Meiners: Über die Natur der afrikanischen Neger und die davon abhangende Befreyung, oder Einschränkung der Schwarzen. 1790; ub.uni-bielefeld.de (TIF).
Einher gingen diese Konstruktion einer Rasse und die Etablierung des Begriffs „Neger“ mit dem großen politischen und wirtschaftlichen Faktor des transatlantischen Sklavenhandels. Wulf D. Hund führt dazu aus: „Tatsächlich konstruieren die Europäer, während sie einen ganzen Kontinent zum Sklavenreservoir ihrer kolonialen Expansion machen, gleichzeitig die Rasse des Africanus niger. Dabei wird in einem langwierigen und keineswegs gradlinigen Prozess ein im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts zusehends negativ gekennzeichnetes Mohrenbild mit der im 18. Jahrhundert entwickelten Ordnungskategorie Rasse zum Begriff des Negers verschmolzen.“Wulf D. Hund: Die Farbe des Schwarzen. Über die Konstruktion von Menschenrassen. In: Derselbe: Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit. Westfälisches Dampfboot, Münster 1999, S. 33;
Lexeme In der weiteren Entwicklung hat der Begriff laut der Afrikawissenschaftlerin Susan Arndt „als sprachliche Schöpfung von Sklaverei und Kolonialismus […] die Ideologeme, Denkmuster und Hierarchien dieser Zeit“ beibehalten. Der Begriff „Neger“ als Lexem wurde hinsichtlich äußerlicher Merkmale und der geographischen Verbreitung verschieden umgrenzt und war niemals eindeutig. Die Bedeutung wandelte sich über die Zeit.
Während der Brockhaus von 1839 die als „Neger“ Bezeichneten in der mittel- und nordwestafrikanischen Bevölkerung sowie in Ostindien und auf Südseeinseln sieht, gibt Meyers Konversations-Lexikon von 1888 auch abweichende wissenschaftliche Meinungen wieder, welche Völker unter diesen Begriff zu zählen seien:
Im Deutschen Kolonial-Lexikon von 1920 benennt der Hamburger Völkerkundler Georg Thilenius die Probleme der Unterteilung der „Rasse“: