Die Westamerikanischen Maulwürfe (Scapanus) sind eine Säugetiergattung aus der Familie der Maulwürfe (Talpidae). Die fünf Arten dieser Gattung leben im westlichen Nordamerika etwa in dem Bereich vom südwestlichen British Columbia entlang der US-amerikanischen Pazifikküste bis in das nordwestliche Baja California. Es handelt sich durchweg um grabende Vertreter der Maulwürfe. Sie sind an diese Lebensweise mit einem walzenförmigen Körper, kurzen Hals und grabschaufelartigen Vordergliedmaßen angepasst. Der Schwanz ist kurz, übertrifft aber in seiner Länge vergleichsweise den der Eurasischen Maulwürfe. Die Fellfärbung zeigt sich zumeist schwarz bis schwarzbraun. Die Tiere bewohnen sowohl offene als auch geschlossene Landschaften und legen komplexe unterirdische Tunnel- und Gangsysteme an. Die Nahrung besteht überwiegend aus Regenwürmern und Insekten, teilweise auch aus Pflanzen. Der Nachwuchs kommt einmal jährlich zur Welt. Über Maulwürfe im westlichen Nordamerika wurde bereits Anfang des 19. Jahrhunderts berichtet. Die wissenschaftliche Einführung der Gattung datiert in das Jahr 1848. Fossil traten die Westamerikanischen Maulwürfe bereits im beginnenden Oberen Miozän vor rund 13 Millionen Jahren auf. Innerhalb der Gattung entstanden mehrere Entwicklungslinien. Der Bestand der heutigen Arten gilt als nicht gefährdet.
Merkmale Habitus mini|Townsend-Maulwurf (Scapanus townsendii) Die Westamerikanischen Maulwürfe sind mittelgroße bis große Vertreter der Maulwürfe. Die kleinste Form, der Baja-California-Maulwurf (Scapanis anthonyi), erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von 11,0 bis 11,4 cm, eine Schwanzlänge von 2,1 bis 2,5 cm und ein Gewicht von 30 bis 35 g. Der Townsend-Maulwurf (Scapanus townsendii) als größter Angehöriger hingegen weist eine Körperlänge von 16,1 bis 18,6 cm, eine Schwanzlänge von 3,4 bis 5,1 cm und ein Gewicht von 64 bis 171 g auf. In ihrer Größenvariation sind die Tiere mit den Eurasischen Maulwürfen (Talpa) vergleichbar. Bei allen Arten besteht ein ausgesprochener Geschlechtsdimorphismus mit größeren männlichen gegenüber weiblichen Individuen. Äußerlich ähneln die Westamerikanischen Maulwürfe den anderen grabenden Maulwürfen mit einem dementsprechend angepassten Körperbau. Dadurch ist der Rumpf walzenförmig gestaltet, der Hals kurz und die Vordergliedmaßen sind zu Grabwerkzeugen umgebildet. Letztere tragen breite, kräftige Krallen, die der Hinterfüße zeigen sich hingegen deutlich schmaler. Die Tiere haben eine lang ausgezogen und vorn spitz zulaufende Schnauze, sie ist aber kürzer als beim Ostamerikanischen Maulwurf (Scalopus). In der Regel ist die Spitze bis zu den Nasenlöchern nackt. Die Nasenlöcher zeigen aufwärts und bestehen aus sichelmondartigen Schlitzen. Die Augen sind klein, aber sichtbar, Ohrmuscheln lassen sich nicht erkennen. Das weiche, seidige Fell ist meist schwarzbraun oder schwarz gefärbt, es gibt aber auch einige Individuen mit Farbanomalien. Der Schwanz ist kurz, fleischig sowie an der Bais nur wenig eingezogen. Hier treten zumeist nur wenige, grobe Haare auf. Typisch für die Neuweltmaulwürfe (Scalopinia) und abweichend von den meisten Vertretern der Eigentlichen Maulwürfe (Talpini) übertrifft seine Länge immer die des Hinterfußes. Vorder- und Hinterfüße sind ebenfalls spärlich behaart. Weibchen weisen vier Paare an Zitzen auf, von denen sich zwei im Brust- und je eines im Bauch- und Lendenbereich befindet.
Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel ähnelt dem anderer grabender Maulwürfe. Er ist konisch zugespitzt und am Hirnschädel relativ breit. Der Augenbereich zieht nur schwach ein. Die Stirnlinie verläuft weitgehend gerade und ohne starken Abfall. Teilweise sind die Stirnhöhlen aber etwas geschwollen. Das Rostrum ist moderat lang, der Mittelkieferknochen ragt über das Nasenbein hinaus. Die Nasenöffnungen sind nach vorn gerichtet. Das Foramen infraorbitale ist klein, aber größer als beim Ostamerikanischen Maulwurf. Die Jochbögen sind vollständig, ebenso die Paukenblasen an der Schädelbasis, die aber gedrückt erscheinen. Die Warzenfortsätze zeigen sich kräftig, ragen jedoch nicht auffallend hervor. Der Gaumen ist etwas gestreckt und endet kurz hinter dem letzten Mahlzahn. Am Unterkiefer ist der horizontale Knochenkörper moderat kräftig, im vorderen Bereich verläuft er gerade im hinteren etwas aufwärts geschwungen. Der Kronenfortsatz erhebt sich leicht gestreckt nahezu in Linie mit dem horizontalen Knochenkörper. Der Winkelfortsatz ist massig ausgebildet.
Das Gebiss besteht bei den meisten Arten aus 44 Zähnen, lediglich beim Baja-California-Maulwurf ist es durch den Verlust einzelner Prämolaren auf 36 bis 40 Zähne reduziert. Die Zahnformel wird allerdings in der Regel mit angegeben. Typisch für die Neuweltmaulwürfe ist der vorderste obere Schneidezahn vergrößert und übertrifft den Eckzahn deutlich, während in der unteren Zahnreihe der zweite Schneidezahn eine leichte Hypertrophie aufweist. Die vorderen Zähen der oberen und unteren Zahnreihe bis zum jeweils dritten Prämolaren sind gleich aufgebaut und verfügen über nur eine Spitze (unicuspid), darüber hinaus sind die Vormahlzähne einwurzelig. Der nachfolgende letzte Prämolar nimmt auffallend an Größe zu und besitzt mehrere Höckerchen. Ebenso die Molaren, deren Haupthöcker in der oberen Zahnreihe W-förmig (dilambdodont) angeordnet sind. Sie zeigen sich im Querschnitt außerdem gleichfalls W-förmig, während die Mahlzähne im Unterkiefer hier eine M-förmige Gestalt haben. Der jeweils dritte Molar ist verkleinert. Übereinstimmend mit anderen Neuweltmaulwürfen und im Gegensatz zu den Eigentlichen Maulwürfen ist ein Zahnwechsel vom Milch- zum Dauergebiss ausgebildet.
Eimersches Organ Entsprechend den Eurasischen Maulwürfen treten auch bei den Westamerikanischen Maulwürfen als stark an das unterirdische Leben angepasste Tiere auffällige buckelartige Erhebungen auf der unbehaarten Nase auf. Die Buckel oder Papillen stellen Rezeptoren dar, die jeweils Nervenenden beherbergen. Das dadurch entstehende feinfühlige Tastwerkzeug wird als Eimersches Organ bezeichnet. Bei den Westamerikanischen Maulwürfen verteilen sich die Buckel auf sechs unterschiedliche Areale, die mehr oder weniger sternenförmig um die Nasenlöcher angeordnet sind. Sie erheben sich beim Pazifischen Maulwurf (Scapanus orarius) und beim Townsend-Maulwurf leicht über die Nase und sind unabhängig voneinander bewegbar. Funktional ähneln sie dadurch den fingerförmigen Hautanhängen beim Sternmull (Condylura), ohne jedoch deren Komplexität zu erreichen. Beim Kalifornischen Maulwurf (Scapanus latimanus) ist die Struktur etwas einfacher gestaltet. Die Anzahl der Aufwölbungen beim Townsend-Maulwurf beträgt 2470.
Genetische Merkmale Alle Arten der Westamerikanischen Maulwürfe haben einen diploiden Chromosomensatz von 2n = 34. Die Form der Autosomen ist nur beim Kalifornischen Maulwurf genauer bekannt, bei dem 16 zweiarmige Paare vorkommen mit einer fundamentalen Anzahl (Anzahl der Autosomenarme) von 60. Der Chromosomensatz 2n = 34 tritt auch bei anderen Neuweltmaulwürfen auf und ist zudem für einige Vertreter der Eigentlichen Maulwürfe und anderer Linien innerhalb der Familie belegt. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um den ursprünglichen Aufbau des Chromosomensatzes bei den Maulwürfen.
Verbreitung und Lebensraum Das Verbreitungsgebiet der Westamerikanischen Maulwürfe erstreckt sich entlang der Pazifikküste Nordamerikas vom südlichen British Columbia bis in das nördliche Niederkalifornien. Ostwärts erreicht es im Landesinneren Idaho. Der Townsend-Maulwurf und der Pazifische Maulwurf sind dabei im nördlicheren Teil zu finden, der Kalifornische Maulwurf, der Baja-California-Maulwurf und der Südliche Kalifornien-Maulwurf (Scapanus occultus) im südlicheren. Die Tiere haben sich an eine Vielzahl von Lebensräumen angepasst, die sowohl Wälder als auch offenes Grasland sowie Wiesen und Weiden einschließen. Im südlichen Teil des Vorkommens treten sie zusätzlich in halbwüstenartigen Landschaften auf. Einzelne Populationen sind des Weiteren auf vorgelagerten Inseln zu finden. Die Höhenverbreitung reicht vom Meeresspiegelniveau bis in höhere Gebirgslagen um 3000 m.
Lebensweise Territorialverhalten Über die Lebensweise der Westamerikanischen Maulwürfe liegen nur punktuell Untersuchungen vor. Wie alle Neuweltmaulwürfe sind sie unterirdisch aktiv und errichten Gangsysteme unter der Erde. Die Tunnel und Gänge bilden ein komplexes System. In der Regel verlaufen sie in mehreren Ebenen. Oberflächennahe Gänge dienen zumeist der Nahrungssuche, tiefere stellen Verbindungsgänge dar. In den tieferen Ebenen befinden sich auch Kammern mit gepolsterten Nestern, sie fungieren als Ruheplatz. Das Aushubmaterial wird an die Oberfläche gebracht und dort als Hügel aufgeschichtet (Maulwurfshügel). Die Tiere verhalten sich strikt territorial, wobei jedes ein eigenes Revier beansprucht. Männliche und weibliche Individuen kommen nur während der Paarungszeit zusammen. Außerdem sind sie relativ ortstreu, größere Wanderungen unternehmen in der Regel nur Jungtiere, die das mütterliche Nest verlassen. Aufgelassene Gangsysteme können aber sehr schnell wieder besiedelt werden.
Ernährung Die Nahrung der Westamerikanischen Maulwürfe besteht aus Regenwürmern und Insekten. Letztere umfassen häufig ein weites Spektrum und können sowohl Jung- als auch Altstadien einschließen. Gelegentlich werden zusätzlich pflanzliche Materialien verzehrt. Informationen zu den Nahrungskomponenten erbrachten Untersuchungen von Mageninhalten des Townsend-Maulwurfs und des Pazifischen Maulwurfs. Beim Kalifornischen Maulwurf wurden zudem größere Anteile an Weichtieren gefunden. In der Regel suchen die Westamerikanischen Maulwürfe die Nahrung unterirdisch, nur selten kommen sie dafür an die Erdoberfläche. Die täglich konsumierte Nahrungsmenge entspricht einem größeren Teil des eigenen Körpergewichts.
Fortpflanzung Die Paarung erfolgt im Winter, der Nachwuchs wird im Frühling geboren. Die genaue Tragzeit ist unbekannt, liegt aber vermutlich zwischen vier und sechs Wochen. Ein Wurf umfasst zwei bis fünf Jungtiere, die nackt zur Welt kommen. Die Aufzucht der Jungen findet in einem mit Pflanzen gepolsterten Nest statt. Der Townsend-Maulwurf schichtet dafür einen speziellen großen Hügel auf. Bei den anderen Westamerikanischen Maulwürfen liegt die Nestkammer innerhalb des Gangsystems. Die Jungen sind nach einem bis zwei Monaten selbständig und verlassen das mütterliche Nest, wofür sie teils längere Strecken an der Erdoberfläche in Kauf nehmen. Mit neun bis zehn Monaten erreichen sie die Geschlechtsreife. Wie die meisten Maulwürfe besitzen auch die Weibchen der Westamerikanischen Maulwürfe eine penisartige Klitoris. Der bei einigen Eurasischen Maulwürfen nachgewiesene Hermaphroditismus in Form von Zwitterdrüsen konnte allerdings bisher nicht dokumentiert werden.
Systematik