Hahambaşı, auch Chachambaschi (), ist der türkische Titel des Groß- oder Oberrabbiners der Türkei, des Oberhaupts der rund 17.600 Juden des Landes.The Jewish Population of the World, 2010. Jewish Virtual Library; abgerufen am 4. Januar 2012. Der Oberrabbiner hat seinen Sitz in Istanbul. Aufgrund der Geschichte des Osmanischen Reichs gilt die Institution als eine der weltweit wichtigsten ihrer Art. mini|Der Oberrabbiner Jacob Saul Dwek, Chachambaschi von Aleppo, Vilâyet Syrien, 1907.
Geschichte Die Institution des Hahambaşı (der Begriff ist zusammengesetzt aus hakham, hebräisch für weise und baschi, türkisch für Haupt) entstand um 1835, als der Rabbi von Istanbul Abraham Levi Pascha von den osmanischen Behörden zum ersten Oberrabbiner des Osmanischen Reiches eingesetzt wurde und so eine ähnliche Stellung wie der griechische und armenische Patriarch erlangte.Hirschberg, Derovan (EJ2), S. 245. Nachdem das Millet-System, das zur Kontrolle von religiösen Minderheiten geschaffen wurde, auch auf die jüdische Gemeinschaft ausgeweitet wurde, war das Amt des Hahambaşı geschaffen worden, um eine ähnliche Verwaltungsbasis wie bei den christlichen Minderheiten zu erhalten. Dass die Institution des Hahambaşı auf die Zeit von Sultan Mehmed II. zurückgeht, der nach der Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453 Mose Capsali zum Oberrabbiner erklärt hatte, ist der Mythologie zuzurechnen.Lewis (2004), S. 117. Gemäß Bernard Lewis gibt es keinen Anhaltspunkt, dass im 15. oder 16. Jahrhundert irgendeine Art eines Oberrabbinats im Osmanischen Reich bestanden hätte.Lewis (2004), S. 118. In der heutigen Forschung wird davon ausgegangen, dass es wohl immer wieder einzelne Rabbiner in den größeren Städten gab, die eine herausragende Stellung gegenüber der Obrigkeit einnahmen. Von einem Oberrabbinat für das gesamte Osmanische Reich kann jedoch erst ab 1835 gesprochen werden.Vgl. Ben-Naeh (2008), S. 304 ff.
Motivation zur Neuschaffung einer Oberrabbinerstelle um 1835 waren die osmanischen Reformbemühungen für die Minderheiten, die nach dem Verlust Griechenlands (1832) als nötig erachtet wurden, sowie der Druck Großbritanniens, das auf eine „Emanzipation der Juden“ drängte.Hirschberg, Derovan (EJ2), S. 245.
Ziel war es, die ethnisch und kulturell sehr verschiedenen Untertanen so weit wie möglich nach ihren eigenen Gesetzen zu regieren. Da die Religion als wichtige Grundlage der Identität der verschiedenen Gemeinschaften angesehen wurde, wurden ihre religiösen Führer auch als Ethnarchen bezeichnet. Dies trifft außer auf den Hahambaşı auch auf den christlichen Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel zu, und vor allem auf den Großmufti, den obersten islamischen Rechtsgelehrten im Osmanischen Reich, der sogar den Rang eines Ministers bekleidete.
Aufgrund der Größe und geographischen Lage des Reichs, das nicht nur Palästina, die historische Heimat der Juden, sondern auch mehr Diasporagemeinden als jedes andere Land umfasste, wurde der Hahambaşı auch mit dem Exilarchen verglichen, dem Führer der Juden während des Babylonischen Exil und im späteren Perserreich.
Der Hahambaşı hatte während des osmanischen Reichs weitgehende Gesetzgebungs- und Rechtsprechungsgewalt über die Mitglieder seiner Gemeinschaft und direkten Zugang zum Sultan. Per kaiserlichem Dekret (Berât) waren die Aufgaben und Rechte des Hahambaşı geregelt. Es betraf vor allem drei Punkte: erstens religiöse Autorität und Rechtsprechung, zweitens die Repräsentation der Obrigkeit und der Einzug der Steuern, drittens die Erlaubnis, die Thora zu lesen, was gleichbedeutend war mit dem Recht zur Errichtung von Synagogen.Hirschberg, Derovan (EJ2), S. 246. An dem neuen Amt entzündete sich innerhalb der jüdischen Gemeinden eine Auseinandersetzung zwischen den Traditionalisten und den reformorientierten Kräften.Lewis (2004), S. 156. Die Stellung des Hahambaşı blieb an die dreißig Jahre umstritten. Erst mit der Ernennung der angesehenen Großrabbiner Yacob Avigdor und Yakir Gueron konnte sich das Amt des Hahambaşı konsolidieren.Geller, Hirschberg, Bornstein-Makovetsky (EJ2), S. 536f.
Die Oberrabbiner der heutigen säkularen Türkischen Republik tragen ebenfalls den Titel Hahambaşı.
Liste der Hahambaşı im Osmanischen Reich und in der Türkischen Republik seit 1835 (gemäß Encyclopaedia Judaica)Hirschberg, Derovan (EJ2), S. 246.
Abraham Levi Pascha 1835–1839Samuel Hayim 1839–1841Moiz Fresko 1841–1854Yacob Avigdor 1854–1870Yakir Geron 1870–1872Moses Levi 1872–1909Chaim Nahum Effendi 1909–1920Shabbetai Levi1920–1922Isaac Ariel 1922–1926Chaim Bejerano1926–1931Chaim Isaac Saki 1931–1940Rafael David Saban 1940–1960David Asseo 1961–2002Ishak Haleva 2002–2025
Liste von bedeutenden Großrabbinern in Konstantinopel vor 1835 (gemäß sephardicstudies.org)Chief Rabbis of the Ottoman Empire and Republic of Turkey
Eli Capsali 1452–1454Mose Capsali 1454–1495Elijah Mizrachi 1497–1526Mordechai Komitano 1526–1542Tam ben Jahja 1542–1543Eli Rozanes ha-Levi 1543Eli ben Hayim 1543–1602Jehiel Baschan 1602–1625Joseph Mitrani 1625–1639Jomtov Benjaes 1639–1642Jomtov Hananiah Benjakar 1642–1677Chaim Kamhi 1677–1715Judah Benrey 1715–1717Samuel Levi 1717–1720Abraham Rozanes 1720–1745Salomon Hayim Alfandari 1745–1762Meir Ishaki 1762–1780Eli Palombo 1780–1800Chaim Jacob Benyakar 1800–1835
Siehe auch Liste osmanischer Titel
Literatur Bernard Lewis: Die Juden in der islamischen Welt. Vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. München 2004, ISBN 3-406-51074-4. Yaron Ben-Naeh: Jews in the realm of the Sultans. Ottoman Jewish society in the seventeenth century. Tübingen 2008, ISBN 978-3-16-149523-6 Joseph Hacker: The Chief Rabbinate in the Ottoman Empire in the Fifteenth-Sixteenth Centuries. Zion, 49/3 (1984), (hebräisch)
Yaron Harel: Hakham Bashi. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 2: Co–Ha. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02502-9, S. 501–505.
Weblinks Chief Rabbis of the Ottoman Empire and Republic of Turkey Foundation for the Advancement of Sephardic Studies and Culture, abgerufen am 3. Januar 2011.
Einzelnachweise
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