Seth (auch Setech, Sutech und Sutah) ist eine Gottheit der altägyptischen Mythologie. Er war der Gott der Wüsten, der Dürre und der sengenden Winde. Er war der Schutzpatron der Beduinen und Karawanenhändler. Seine mythologische wie kultische Haupt-Residenz lag bei Ombos. Er galt gemäß neuägyptischen Quellen als der Sohn der Himmelsgöttin Nut und des Erdgottes Geb, sein Sternbild war der Große Wagen, sein Planet der Merkur.Jan Assmann: Tod und Jenseits im Alten Ägypten. Beck, München 2003, ISBN 3-406-49707-1, S. 164. Seth hatte mehrere Kultstätten, besonders nahe Oasen und an Küsten, die seit der Prädynastik bestanden und er gehört, neben Horus, Bat und Neith, zu den ältesten Gottheiten der ägyptischen Geschichte.
Besonders während der frühdynastischen Epochen bis ins mittlere Alte Reich hinweg genoss Seth große Popularität und galt gemäß der frühen Mythologie als gleichberechtigter Zwillingsbruder von Horus. König Seth-Peribsen widmete ihm gar seinen Namen. Gegen Ende des Alten Reiches aber erfuhr er zunehmend religiöse Anfeindung, bis er ab dem Mittleren Reich als der neidische Onkel von Horus und als Mörder seines Bruders Osiris präsentiert wurde. Seither genoss Seth einen sehr ambivalenten Ruf. Einige Könige aber, wie beispielsweise Sethos I. und Sethos II. sowie Sethnacht, führten dennoch den Namen Seth als Eigennamen. Außerhalb der königlichen Familie trugen zumeist Beamte mit militärischer Funktion diesen Namen und unterstellten sich so seinen körperlichen und magischen Kräften.
In der Spätzeit wurde er immer stärker mit dem Fremdland in Verbindung gebracht und als „unerwünschter“ Gott angesehen. Seine negativen Aspekte hatten schon vorher eine zunehmende Ablehnung hervorgerufen, die unter mehreren Fremdherrschern der Spätzeit schließlich eskalierte. Ab der Perserzeit herrschte gar in vielen Regionen ein Anbetungsverbot. Die antiken Griechen setzten Seth mit ihrem Sturmgott Typhon gleich. In modernen Unterhaltungsmedien wird Seth durchweg als bösartig dargestellt, obwohl dies den Originalquellen widerspricht.
Zum Namen Etymologie Es ist heute nicht mehr feststellbar, woher der Name „Seth“ kommt und wie er ursprünglich ausgesprochen wurde. Der Grund dafür liegt darin, dass sein Name von der Prädynastik bis zur Mitte der 2. Dynastie nur mit der Seth-Tier-Hieroglyphe (Gardiner-Zeichen E20, E21 und/oder E21A) geschrieben wurde. Wie das Seth-Tier selbst genannt wurde, ist bis heute unbekannt. Ab der Mitte der 2. Dynastie erschien das erste komplementäre Schriftzeichen, das aber nur eine Transkribierung der Namensendung in š („sch“) erlaubt. Erst ab dem mittleren Alten Reich erscheint ein weiteres komplementäres Schriftzeichen, das eine Transkribierung des Namenanfangs in S (S) ermöglicht. Daher lautet die allgemeine Transkription seines Namens heute Stš oder Swtḫ. Bei der ursprünglichen Aussprache des Namens „Seth“ hilft dies aber nicht. Der moderne Name „Seth“ ist der gräzisierten Namensform entlehnt und spiegelt wohl kaum die Originalaussprache wieder, wird aber aus praktischen Gründen in der ägyptologischen Literatur beibehalten.Herman te Velde: Seth, God of Confusion. Leiden 1977, S. 3–7.
Namensvariationen Bereits gegen Ende des Alten Reiches ist Seths Name in mehreren Variationen überliefert, die aber stets mit dem Determinativ eines sitzenden (seltener schreitenden) Seth-Tieres abschließen. Ab dem Mittleren Reich erscheint sein Name in zahlreichen neuen Variationen, wobei die traditionelle Schreibweise aber nicht aufgegeben, sondern weiterhin parallel dazu verwendet wird. Doch sie alle schließen fast immer mit dem Determinativ eines sitzenden Mannes mit dem Kopf des Seth-Tieres oder mit dem Seth-Tier selbst ab. In den Grab- und Sargtexten wird sein Name mit Hieroglyphen wiedergegeben, die eine sichere Transkribierung als Stš (Setesch), Stḫ (Setech), Swtḫ (Sutech) und ab den Neuen Reich als Stj (Seti) erlauben. Ab der 18. Dynastie findet man noch die Schreibung Swtj (Suti). Die Lesung als Setech wurde ab der hellenistischen Epoche ins Griechische übernommen (gräzisiert) und mit Σηθ (Seth) wiedergegeben. Im Koptischen wurde er Σητ (Sēt) genannt. Babylonische-Keilschrift-Texte übernahmen offenbar die Namensform aus dem Neuen Reich und nennen ihn šutaḫ (Schutach).
Bedeutung Auch die ursprüngliche Bedeutung von Seths Namen ist verloren gegangen. Die Liste der Vorschläge hierfür ist lang. Hauptproblem ist der bereits erwähnte Umstand, dass für Seths Namen seit der Zweiten Zwischenzeit schier zahllose, leicht bis deutlich abweichende Schreibungen existierten, die ihrerseits ebenso viele Transkriptionsmöglichkeiten bieten. Die Hieroglyphen und Determinative, die in Grab- und Sargtexten zur Schreibung verwendet wurden, erlauben nur vage Übersetzungen, die von „der die Chamsin bringt“, „der sich abwendet“ bis hin zu „er, der ausgrenzt“ reichen. Dabei orientieren sich Ägyptologen wie Linguisten an Verben, die ähnlich aufgebaut sind wie Seths Name, oder die sich in seinen zahlreichen Beinamen finden lassen. Das Problem mit diesen Übersetzungen ist der Umstand, dass besonders die Beinamen aus einer Zeit stammen, als Seth bereits religiös stark angefeindet wurde. Dies hat gewiss die Schreibungen und Deutungen seines Namens negativ beeinflusst. Zu guter Letzt bleibt auch die Möglichkeit, dass die Alten Ägypter ab dem Mittleren Reich selbst nicht mehr so genau wussten, was Seths Name ursprünglich bedeutet hatte.
Darstellungen mini|190px|Kopf des Seth (Detail einer Statue aus der 20. Dynastie) mini|190px|Ein Erdferkel
Darstellung als Tier Es ist heute nicht mehr feststellbar, welche Tierart Seths Darstellung inspirierte. Auch hier ist die Liste der Vorschläge sehr lang. Grund für die Unidentifizierbarkeit ist unter anderem, dass das „Seth-Tier“ (wie es heute der Einfachheit halber genannt wird) bereits in der Prädynastik eine starke künstlerische Stilisierung erfuhr, das heißt, es wurde immer weniger auf naturgetreue Darstellung geachtet, sondern mehr darauf, es von der Natur abzuheben. Das Seth-Tier erscheint in prädynastischen Darstellungen als Vierbeiner mit eher kräftigem Körper, krallenbewehrten Tatzen, stark abwärts gebogener Schnauze und eckig gestutzten Ohren. Der Schwanz steht fast kerzengerade in die Höhe und weist eine merkwürdig gespaltene oder quastenähnliche Spitze auf. Ägyptologen wie Kurt Sethe wollen in dem Schwanz einen Pfeil sehen, der im Gesäß des Tieres steckt. In dieser Zeit wurde es ausschließlich stehend, beziehungsweise schreitend, dargestellt. Ab der 2. Dynastie erscheinen erste Darstellungen des Seth-Tieres in ruhender Pose, ab der Mitte der 3. Dynastie erscheint es auch sitzend. Schon zu dieser Zeit erfuhr das Seth-Tier eine starke Stilisierung und wurde überdies immer schlanker dargestellt. Die auffälligen Tatzen wurden zu einfachen Pfoten reduziert. Auch der Hals wurde etwas länger und er kann ab dem späten Alten Reich so etwas wie Ringe aufweisen.Herman te Velde: Seth, God of Confusion. Leiden 1977, S. 13–16, 25 u. 26.
Zu den favorisierten Tierarten, die Seths Aussehen inspiriert haben könnten, gehören:
Nubischer Wildesel (Equus asinus africanus): am häufigsten wird dieser Wildesel vorgeschlagen, weil er in der Frühzeit auch in Ägypten vorkam, in der Wüste lebte und scheu war. Außerdem war (und ist) er für seinen dröhnenden Schrei bekannt. Erdferkel (Orycteropus afer): das am zweithäufigsten genannte Tier. Besonders prädynastische Darstellungen des Seth-Tieres weisen große Ähnlichkeiten zum Erdferkel auf. Ab der 2. Dynastie aber lassen die Ähnlichkeiten rasch nach. Okapi (Okapia johnstoni): An dritter Stelle steht das Okapi, das die Ägypter über Handel mit Nubien kennengelernt haben könnten. Allerdings kommt das Okapi heute nur noch im Kongo-Gebiet vor und es ist fraglich, ob es jemals so weit nördlich bis Nubien gelebt hatte. Weitere Vorschläge nennen unter anderem: Elefantenrüsselfisch, Elefantenspitzmaus, Giraffe, Windhund oder Pinselohrschwein. Ein weiteres Problem ist der Umstand, dass Seth vor allem ab der Ramessidenzeit auch durch andere, deutlich besser bestimmbare Tierarten dargestellt werden konnte. Dazu zählen besonders Nilpferd, Hausschwein und Nil-Weichschildkröte. In späteren Schriften (besonders Grabinschriften) wurde Seth sogar mit Wanderheuschrecken gleichgesetzt. Auffällig hierbei ist, dass die vier letztgenannten Tiere bei den Ägyptern aufgrund ihrer Eigenart, regelmäßig Gärten und Felder zu verwüsten, oft nicht sehr beliebt waren. Dies schlägt sich bereits in religiösen Texten ab der 6. Dynastie nieder, in denen Seth mehr und mehr angefeindet wird.Michael Rice: Swifter Than the Arrow: The Golden Hunting Hounds of Ancient Egypt. e-book, I. B. Tauris / Bloomsbury Publishing, London 2006, ISBN 0-85771-721-9, S. 170–174.
Aufgrund der anhaltenden Unidentifizierbarkeit sind zwei Theorien entstanden: nach Ansicht von Hans Bonnet war das Seth-Tier schon früh aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden, entweder weil es in neue Lebensräume auswich, oder weil es sogar zwischenzeitlich ausgestorben war. Möglicherweise war es einfach allgemein sehr scheu. Und da man es selten zu Gesicht bekam, verfremdete sich die Darstellung mit der Zeit, so dass sich in dynastischer Zeit eine sehr unähnliche Darstellung als kanonisch entwickelt hatte. Andere, wie zum Beispiel Kurt Sethe, sehen in der Darstellung eine Stigmatisierung: weil der Gott mit vielen negativen Eigenschaften behaftet war, kam es zu einer verzerrten Darstellung und zu einem Pfeil, der im Körper des Tieres steckt. Letztlich ist es ebenso gut möglich, dass bereits während der Prädynastik mehrere Wüstentiere bildlich miteinander verschmolzen und spätere altägyptische Künstler genauso ratlos waren wie die moderne Forschung heute. Herman te Velde und Ian Robert Taylor machen abschließend geltend, dass es bereits den Künstlern der Prädynastik ein Leichtes war, auch Fabelwesen darzustellen und in ihre Alltagskünste zu integrieren: auf der Zwei-Hunde-Palette der Naqada II Epoche beispielsweise erscheinen ein Flötenspieler mit dem Kopf eines esel-ähnlichen Tieres, Schlangenhalspanther und sogar ein geflügelter Greif. Daher sei es wenig überraschend, ein unidentifizierbares Wesen wie das Seth-Tier anzutreffen.
Darstellung als Hieroglyphe mini|190px|Hieroglyphe des Seth (E21) auf einem Relieffragment des Königs Djoser
Seth wird als Schriftzeichen und Ideogramm mit dem Gardiner-Zeichen E20, E21 und E21A dargestellt, denen allen derselbe Lautwert zugesprochen wird. Er wird als Seth-Tier im Seitenprofil und sowohl schreitend, sitzend und/oder ruhend dargestellt. Typisch und auffällig ist hierbei, dass seine Ohren eckige Spitzen haben und stets beide zu sehen sind, entweder gespreizt (das hintere Ohr neigt sich etwas nach vorn, das vordere leicht nach hinten) oder beide etwas nach hinten geneigt. Auch ganz typisch ist sein Schwanz, der immer kerzengerade aufrecht absteht. Auch hier kann der Neigungswinkel variieren. Wie bereits zuvor erwähnt, wird das Seth-Tier ab der 2. Dynastie immer schlanker. Unter Pharao Seth-Peribsen (Mitte der 2. Dynastie) erscheint die Seth-Tier-Hieroglyphe erstmalig mit komplementären Schriftzeichen: Gardiner-Zeichen N27 (ein rechteckiger Teich; Lautwert „ch“), das unter dem Seth-Tier positioniert ist, das Tier erscheint stets in ruhender Pose. Ab dem Alten Reich erscheint zusätzlich das Gardiner-Zeichen S29 (ein Stück gefalteter Stoff; Lautwert „S“), das vor dem Seth-Tier mit Teich steht. Das Gardiner-Sonderzeichen E21B zeigt ein ruhendes Seth-Tier, das auf einer Gold-Hieroglyphe (S12) ruht.