mini|Geographische Lage der Saintonge mini|Karte der Saintonge mini|Das Wappen der Saintonge zeigt die Mitra des Heiligen Eutropius, des ersten Bischofs von Saintes, dessen Gebeine in der ehemaligen Prioratskirche Saint-Eutrope in Saintes ruhen.
Saintonge (Saintongeais: Saintonghe) ist der Name einer ehemaligen Provinz im Westen Frankreichs. Sie ist primär Teil der Kulturlandschaft der Charente. Hauptsächlich in ländlichen Gebieten wird immer noch ein Dialekt der nordfranzösischen Sprachen (Langues d’oïl), das „Saintongeais“, gesprochen.
Lage Die Saintonge grenzt im Westen an den Atlantik und entspricht in ihrem Umfang weitgehend den Arrondissements von Saintes, Saint-Jean-d’Angély und Rochefort im Département Charente-Maritime.
Im Mittelalter umfasste die Bezeichnung dieses gesamte Département sowie den westlichen Teil des Départements Charente. Im Laufe der Geschichte sollte sich der Name aufgrund von Gebietsabtretungen und administrativen Veränderungen auf die drei genannten Arrondissements beschränken.
Bedeutende Ortschaften auf dem Gebiet der alten Saintonge waren neben Saintes und Saint-Jean-d’Angély auch La Rochelle, Rochefort und Cognac. Auch die zum Arrondissement Rochefort gehörende Inseln Oléron und Ré sind Teil der Saintonge.
Geschichte Antike und Frühmittelalter Die Region war ursprünglich vom keltischen Volksstamm der Santonen (lat. Santones) besiedelt, deren Zentrum die spätere römische Provinzhauptstadt Saintes (Mediolanum Santonum) war.José Gomez de Soto: La Protohistoire de l’Aunis et de la Saintonge. In: Louis Maurin (Hg.): Histoire de l’Aunis et de la Saintonge. Bd. 1: Des origines à la fin du VIe siècle après J.-C. Geste éditions, La Crèche 2007. ISBN 978-2-8456-1363-8. S. 78–103. mini|Triumphbogen des Germanicus (19 v. C.) in Saintes Nach der römischen Eroberung Galliens durch Gaius Iulius Caesar in den Jahren 58 bis 51 v. Chr. wurde die Region im Jahr 17 n. Chr. der Provinz Gallia Aquitania zugeteilt. Nach den Verwaltungsreformen des Kaisers Diokletian (284–305) gehörte sie zur Provinz Aquitania secunda, welche der Diözese Viennensis unterstellt war.Gaston Dez: Les siècles de romanisation. In: Edmond René Labande (Hg.): Histoire du Poitou, du Limousin et des Pays charentais - Vendée, Aunis, Saintonge, Angoumois. Toulouse 1976. S. 51–90.
Seit Beginn des 5. Jahrhunderts gehörte das Gebiet der heutigen Saintonge zum Tolosanischen Reich der Westgoten. Nach deren Niederlage 507 in der Schlacht von Vouillé gegen den Frankenkönig Chlodwig I. wurde es Bestandteil des Fränkischen Reichs. Regiert wurde das Gebiet dann von den Herzögen von Aquitanien, die versuchten, sich der Kontrolle der fränkischen Könige zu entziehen. Aus dieser Zeit sind mit Waddo (Waddon, um 565) und Gundegisel „Dodo“ (später Bischof von Bordeaux, um 585) zwei Amtsgrafen in Saintes überliefert.
Nachdem Karl der Große um das Jahr 770 Aquitanien unterworfen hatte, war die Saintonge Teil des aquitanischen Unterkönigtums der Karolinger. Als Kaiser Ludwig der Fromme im Jahr 839 dort seinen Enkelsohn Pippin II. durch seinen jüngsten Sohn Karl den Kahlen ablöste, setzte er in Aquitanien zugleich ihm ergebene Grafen ein – so auch in Saintes, womit die Grafschaft Saintonge begründet wurde. Diese war umgeben von der Grafschaft Poitou im Norden, dem Herzogtum Angoulême im Osten sowie im Süden vom Périgord und dem Ästuar der Gironde, an deren Südufer die Gascogne grenzte.
Kaiser Ludwig vertraute die Saintonge dem Grafen Seguin II. von Bordeaux an, der 846 im Kampf gegen die Loire-Normannen, die raubend in Aquitanien eingefallen waren und dabei Saintes brandschatzten, sein Leben ließ. Ihm folgte Graf Landry nach, der im Bunde mit Graf Turpion von Angoulême am 4. Oktober 863 bei Saintes eine Schlacht gegen die Normannen verlor, in der Turpion fiel. Danach geriet Landry in einen jahrelangen Krieg gegen Turpions Bruder, Graf Emenon von Angoulême (zuvor schon Graf von Poitou), der am 14. Juni 866 in einer Schlacht bei Rancogne entschieden wurde, in der Landry fiel. Wenngleich auch Emenon wenige Tage später seinen Verletzungen erlag, konnte sein Nachfolger in Angoulême, Graf Vulgrin I., auch die Saintonge an sich nehmen.
Hochmittelalter Nach Vulgrins Tod (886) zerstritten sich dessen Nachkommen in einem Familienkonflikt, den sich die Grafen von Poitou, die zugleich Herzöge von Aquitanien waren, zunutze machten und sich zu Beginn des 10. Jahrhunderts des größten Teils der Saintonge bemächtigten. Beim Territorium der Grafen von Angoulême (Angoumois) verblieb jedoch das Land um Cognac, Bouteville und Jarnac. Saintes aber unterstand nun der direkten Kontrolle der Herzöge, bis Wilhelm VI. der Dicke am 9. September 1033 bei Moncontour vom späteren Grafen von Anjou, Gottfried Martel, geschlagen und gefangen genommen wurde. Gottfried zwang den Herzog zum Preis der Freiheit, ihn als dessen Vasall mit der Saintonge zu belehnen. Nachdem Gottfried 1060 gestorben war, wurde dessen Erbe unter seinen Neffen geteilt; während Gottfried der Bärtige das Anjou bekam, ging die Saintonge an dessen jüngeren Bruder Fulko den Griesgrämigen. Beide Brüder konnten mit einem Sieg über Herzog Wilhelm VIII.Jan Hendrik Prell: Graf, Vizegrafen und Adel in Nordaquitanien (10. und 11. Jahrhundert). Prosopographisch-verfassungsgeschichtliche Untersuchungen zu Poitou, Aunis und Saintonge. Diss., Universität Mannheim 1991. 1061 an der Boutonne dessen Versuch, die Anjou-Brüder aus Aquitanien zu vertreiben, erfolgreich abwehren. Dennoch konnte der Herzog nur ein Jahr später die Saintonge zurückgewinnen, nachdem sich Fulko gegen seinen Bruder gewandt hatte und das Anjou an sich riss. Nun stand die Saintonge wieder mehrere Generationen unter der Herrschaft der aquitanischen Herzöge, die in der Mitte des 12. Jahrhunderts durch die Heirat der Herzogin Eleonore mit dem Grafen Heinrich von Anjou, der wenig später auch den englischen Königsthron bestieg, von der Plantagenet-Dynastie beerbt wurde. Dadurch wurde auch diese Region Schauplatz des über Generationen dauernden Konflikts dieser Dynastie mit dem französischen Königtum.
In den folgenden Jahren erhoben sich gegen die Regentschaft von Eleonores Sohn Richard Löwenherz mehrere Vasallen Aquitaniens. Löwenherz besiegte im Mai 1176 bei Bouteville das Brabanzonenheer des Grafen von Angoulême und belagerte im Winter 1177 in der Burg von Pons den Aufständischen Geoffroy II. de Rancon, dessen Festung Taillebourg er 1178 ein erstes und 1188 ein zweites Mal zerstörte. 1190 vertraute Richard das Herzogtum Aquitanien seinem Neffen Otto von Braunschweig an, übernahm es jedoch wieder 1198, nachdem Otto in Deutschland zum König gewählt wurde. Nachdem Richard ein Jahr später verstorben war, übernahm erneut Eleonore das Herzogtum, das sie aber wiederum ein Jahr später ihrem Sohn Johann Ohneland übergab. Nach Eleonores Tod 1204 fielen die aquitanischen Grafen von Johann ab und verbündeten sich mit dem französischen König, der zuvor schon die Gebiete der Plantagenets nördlich der Loire hatte unterwerfen können. Von Aquitanien verblieb lediglich noch die Saintonge und das Poitou in Johanns Besitz, doch dessen Sohn Heinrich musste schließlich im Französisch-Englischen Krieg von 1224 bis 1225 den Verlust dieser Gebiete an König Ludwig VIII., der am 13. August 1224 La Rochelle eingenommen hatte, hinnehmen. Das Land wurde nun vorerst von der Krone direkt regiert, bis 1241 König Ludwig IX. seinen jüngeren Bruder Prinz Alfons mit dem Poitou und der Saintonge belehnte, womit er dem Testament ihres Vaters nachkam.
Ein Jahr später landete König Heinrich III. von England mit einem Heer an der Küste der Saintonge mit dem Ziel, die verloren gegangenen Gebiete zurückzuerobern, doch Ludwig IX. und Prinz Alfons stellten sich am 21. Juli 1242 bei Taillebourg dem englischen Heer entgegen und schlugen es vernichtend. Wenige Tage später siegte Ludwig erneut bei Saintes über Hugo X. von Lusignan, den Verbündeten Heinrichs. Nach diesem verlorenen Saintonge-Krieg musste Heinrich III. im Vertrag von Pons 1242 auf seine Ansprüche in Frankreich verzichten; erst im Zuge einer Ausgleichspolitik mit Ludwig IX. wurde ihm die Saintonge im Vertrag von Paris 1259 zurückerstattet; im Gegenzug mussten er und seine Nachkommen den französischen Königen für das betreffende Gebiet huldigen.
Spätmittelalter mini|links|hochkant=1.2|Die Seeschlacht vor La Rochelle 1372 Nun wieder den Plantagenets zugehörend, wurde die Saintonge ab der Mitte des 14. Jahrhunderts ein Schauplatz des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich. Der „schwarze Prinz“ Edward of Woodstock konnte durch seinen Sieg in der Schlacht bei Maupertuis 1356 noch einmal das gesamte Aquitanien für England gewinnen (Vertrag von Brétigny, 1360), doch wenige Jahre später gelang es dem französischen Connétable Bertrand du Guesclin, die Gascogne und Aquitanien und damit auch die Saintonge zurückzuerobern. Entscheidend war dabei unter anderem der Sieg einer französisch-kastilischen Flotte über die englische im September 1372 vor La Rochelle. Im Vertrag von Brügge 1375 trat der englische König Edward III. die Saintonge und weitere Gebiete an Frankreich ab, wo es schließlich bis heute (ohne Unterbrechung) verblieb.Edmond René Labande: Dans L’empire Plantegenet. In: Ders. (Hg.): Histoire du Poitou, du Limousin et des Pays charentais - Vendée, Aunis, Saintonge, Angoumois. Toulouse 1976. S. 133–150.
Den Titel eines Grafen von Saintonge – verbunden mit der Würde eines Pair von Frankreich – verlieh König Karl VII. 1428 ein letztes Mal an den schottischen König Jakob I. zur Bekräftigung der französisch-schottischen Allianz (Auld Alliance) gegen England. König Ludwig XI. zog den Titel wieder ein und vergab ihn stattdessen 1469 als Apanage an seinen Bruder, den Prinzen Karl von Valois, nach dessen erbenlosem Tod 1472 der Titel wieder endgültig der Krondomäne zugeführt wurde.
Verwaltet wurde die Saintonge ab 1255 von einem Seneschall, der seinen Sitz in Saint-Jean-d’Angély hatte; 1453 wurde ein weiteres Seneschallat (Sénéchaussée) mit Sitz in Saintes eingerichtet. Zuvor aber war bereits 1373 das Land um La Rochelle und Rochefort in ein eigenes Seneschallat zusammengefasst worden, dessen Gebiet, das Aunis (vom lateinischen Alumitium), schon länger eine eigene regionale Identität besaß. Die Landschaftsbezeichnung Saintonge wird seither nur noch auf die Verwaltungsgebiete von Saintes und Saint-Jean-d’Angély bezogen. Dennoch sollten alle drei Seneschallate ab 1694 unter einem Gouvernement (Généralité), welches seinen Sitz in La Rochelle hatte, administrativ wieder vereint werden.
Neuzeit