Die ehemalige Abtei Saint-Fortunat (frz. Abbaye de Saint-Fortunat) war zunächst in karolingischer Zeit ein bischöfliches Kloster und später eine cluniazensische Benediktinerabtei. Sie liegt in der kunsthistorisch bedeutsamen französischen Stadt Charlieu, in der Region Auvergne-Rhône-Alpes, an der südlichen Grenze zu Burgund, im Département Loire, etwa 15 km nördlich von Roanne und 5 km östlich der Loire.
Die besonderen Kleinode der Abtei sind drei Tympana der Portale ihrer zu Beginn des 19. Jahrhunderts weitgehend zerstörten dritten Kirche, von der oberirdisch nur die westliche Fassade mit den ersten beiden Seitenschiffjochen und dem später angefügten zweigeschossigen offenen Narthex (Vorhalle) erhalten sind. Der Rest der dreischiffigen Basilika, mit ausladendem Querhaus, ausgeschiedener Vierung und einem Staffelchor ist nur noch in ihren Grundmauern erhalten. Sie folgte im 11. Jahrhundert zwei Vorgängerbauten, deren Grundmauern ebenso ergraben sind und teilweise offen liegen. Von den heute erhaltenen Konventsgebäuden des Klosters gehören nur noch der Kapitelsaal und der Kreuzgang dem mittelalterlichen Bestand an. Unter den späteren Klostergebäuden ragt vor allem das im 16. Jahrhundert als mehrflügelige Anlage errichtete Haus des Priors hervor. mini|hochkant=1.6|Abtei St-Fortunat, Grundriss
Geschichtliches mini|Abtei von NW Das Kloster in Charlieu wurde im Jahr 872 von Boson, Bischof von Valence gegründet, und war einem Heiligen namens Fortunatus (frz. Saint-Fortunat) gewidmet. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um Venantius Fortunatus (* um 540 in Valdobbiadene bei Treviso, Italien; † zwischen 600 und 610 in Poitiers), der ein Dichter und Hagiograph der Merowingerzeit und Bischof von Poitiers war.
Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts weitgehend zerstörte Abteikirche besaß zwei Vorgängerbauwerke, deren Grundrisse aus den ergrabenen Resten ihrer Grundmauern rekonstruiert werden konnten. Die beiden Vorgängerkirchen standen innerhalb des späteren Grundrisses der Folgekirche und waren genauer nach Osten leicht zu ihr verdreht ausgerichtet.
Die Erbauung der ersten Kirche wird auf das 9. Jahrhundert datiert, vermutlich infolge des Gründungsjahrgangs und ist dementsprechend zur vorromanischen karolingischen Epoche einzustufen. mini|Stadtbefestigung im Mittelalter Bei der zweiten Kirche handelt es sich eigentlich um den umfangreichen Umbau und die Erweiterung der ersten, da ihre Abmessungen nahezu identisch waren. Deren Außenwände wurden wahrscheinlich wiederverwendet. Man hat sie im 10. Jahrhundert im Westen um einen Narthex erweitert und die Konstruktionen insoweit ergänzt, als eine gänzliche steinerne Einwölbung möglich wurde.
Schon bald nach der Gründung der Abtei Cluny im Jahr 910 schlossen sich die Mönche des Fortunatusklosters unter dem später konsekrierten Abt Odo (927 – 942) im Jahr 927 dem Reformkloster Cluny an. Das Kloster wurde damit eine Benediktinerabtei, die erstmals im Jahr 994 als Carus Locus (=Charlieu) urkundlich erwähnt worden ist und zum Namensgeber der späteren Ortschaft wurde (siehe auch Kloster Cherlieu).
Aus dieser Zeit stammen wahrscheinlich die teilweise noch erhaltenen, überwiegend zweigeschossigen Konventsgebäude des Klosters, insbesondere die Umfassungsmauern des auf der Südseite der Kirche anschließenden Kreuzgangs, der Ostflügel aus dem Kapitelsaal mit einer sich nach Süden anschließenden Kapelle und dem Parlatorium; ferner aus den Resten des Südflügels, möglicherweise barg er im Erdgeschoss das Refektorium (Speisesaal).
mini|Urban II., 14. Jh. aus dem Roman de Godfroi de Bouillon Die dritte Kirche von Charlieu entstand unter den Nachfolgern Abt Odilo (994–1049) und Abt Hugo (1049–1109), ein umfangreicherer Neubau, der 1094 durch Papst Urban II. geweiht werden konnte. Im Jahr 1130 wurde an die Westfassade des Neubaus ein offener zweigeschossiger Narthex angebaut, dessen Eingang sich geländebedingt nach Norden öffnete. Der Grundriss der dritten Kirche Saint-Fortunat ist direkt vergleichbar mit der nur etwa 25 Kilometer entfernten Prioratskirche Notre-Dame-de-l’Assomption in Anzy-le-Duc aus dem 11. Jahrhundert, was eine gemeinsame Planung nahelegt. Die dreischiffige Anlage mit vortretendem Querhaus und fünfteiligem Staffelchor ist ebenso von ihrer Mutterkirche in Autun übernommen worden, die sich an dem Vorbild der 1088 zerstörten Abteikirche Cluny II orientierte.
In der Folgezeit blieb das Kirchenbauwerk weitestgehend unverändert. mini|links|hochkant=0.5|Jakobspilger, Holzschnitt von 1568 mini|hochkant|Jakobsgrab, Santiago-de-Compostela
Die Fertigstellung der dritten Kirche der Abtei Saint-Fortunat fiel zusammen mit der Blütezeit der Wallfahrten zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren in Santiago de Compostela in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in der die Pilger jährlich zu Hunderttausenden über die Pyrenäen nach Süden zogen. In dieser Zeit organisierten vor allem Mönchsgemeinschaften die Abwicklung der Wallfahrt. Es formierten sich vier Hauptrouten und ein Netz von Nebenrouten, an denen Kirchen, Klöster, Hospize, Herbergen und auch Friedhöfe entstanden.
mini|hochkant|links|Schlacht von Auray (1364) im Hundertjährigen Krieg So war auch Saint-Fortunat eine recht bedeutende Station des Jakobsweges an einer Nebenroute der Via Lemovicensis, mit dem Ausgangsort Vezelay, und das Priorat konnte mit seinem Kirchenneubau und dessen Reliquien an der Spendenwilligkeit der Jakobspilger teilhaben. mini|hochkant|Turm Stadtbefestigung Wegen seiner strategisch exponierten Lage an einer Verbindungsstelle zwischen Rhonetal und Loire und an der Grenze zum Burgund ließ König Philippe Auguste das unter seinen Schutz gestellte Kloster zusammen mit der Stadt im Jahr 1180 von einer Befestigung mit Wehrmauern und Türmen umgeben. Von dieser haben sich noch umfangreiche Reste erhalten.
Aus der Zeit des 13. Jahrhunderts stammen die inneren gotischen Arkaden des Kreuzgangs, die südliche Galerie ist eine teilweise Erneuerung jüngeren Datums.
Als die Streitigkeiten um Aquitanien zwischen England und Frankreich nach Mitte des 12. Jahrhunderts anhoben, gingen die Pilgerbewegungen zurück und die Kriege des 13. / 14. Jahrhunderts, vor allem der Hundertjährige Krieg (1339–1453), brachten einen dramatischen Einbruch. Die Klöster von Charlieu und Anzy-le-Duc mussten sich wieder auf die Pilger zu ihren eigenen Reliquien beschränken.
Im Vergleich zu anderen Klöstern der Benediktiner oder Cluniazenser fällt auf, dass sich rund um St-Fortunat eine Siedlung gebildet hat, die auch nach dem Absinken der Bedeutung Clunys weiter wuchs. Denkt man an Semur-en-Brionnais oder an Anzy-le-Duc, so war dort nach dem 12. Jh. Stagnation eingetreten. Charlieu blieb jedoch im 13. und 14. Jahrhundert wirtschaftlich wie militärisch bedeutend.
Im 16. Jahrhundert wurde an die Südostecke der Konventsgebäude das Haus des Priors als mehrflügelige, zweigeschossige Anlage errichtet. Seine Südwände stehen im Verlauf der Wehrmauer des Klosters, die zu diesem Zeitpunkt ihre ursprüngliche Bedeutung verloren hatte.
In den Folgejahren der Französischen Revolution, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, fiel das Kirchengebäude bis auf wenige Reste der fast vollständigen Zerstörung zum Opfer. Neben den Grundmauern des Lang- und Querhauses und des Chors, sind die ehemalige Westwand des Langhauses, dessen erste Joche der Seitenschiffe mit ihren Gewölben, Teile der Südwand des Langhauses und der ganze Narthex erhalten geblieben und damit ihr Hauptschatz aus dem Westportal und den beiden Nordportalen. Gemeinsam mit der Zerstörung der Kirche wurden auch Teile der Konventsgebäude eingerissen, wie etwa der Süd- und Westflügel des Klosters.
Bauwerke mini|hochkant=1.4|links|1. Kirche, Grundriss
Erste Kirche
Abmessungen zirka, ohne Wandvorlagen (aus Grundriss entnommen und hochgerechnet)
Gesamtlänge (außen): 45,30 m Länge Langhaus (außen): 24,50 m Breite Langhaus (außen): 13,00 m Breite Langhaus (innen): 11,20 m Länge Chorjoch (innen): 9,40 m Breite Chorjoch (außen). 11,60 m Breite Chorjoch (innen): 9,80 m
Das einschiffige Langhaus der Kirche stand auf einem rechteckigen stützenfreien Grundriss, der durch äußere halbrunde Wandvorlagen in drei Joche unterteilt war, zwischen denen kleine rundbogige Fenster ausgespart waren. Die Fassade (Westwand) war durch ebensolche Pfeiler in drei Abschnitte unterteilt mit einem schlichten rundbogigen Hauptportal, das in den Seitenfeldern von zwei Fenstern flankiert wurde. Im Osten folgte ein etwas schmaleres, nahezu quadratisches Chorjoch, mit je einem Fenster in den Seitenwänden. Dieses wurde östlich von einem Umgangschor abgeschlossen, dessen im Grundriss halbkreisförmige Außenwand an die Seitenwände des Chorjochs anschloss. An deren Scheitel trat eine kleine Apsidiole (kleine Apsis) hinaus. Die Wände des Umgangs und der Scheitelapsidiole wurden von sieben halbrunden Wandvorlagen unterteilt, zwischen denen fünf rundbogige Fenster ausgespart waren. Der Umgang umschloss eine halbrunde Chorapsis, in deren Wand fünf kleine Fenster eingelassen waren. Chorjoch und Umgangschor wurden durch eine Wand voneinander getrennt, in der eine zentrale rundbogige Arkadenöffnung ausgespart war, die von zwei kleineren rundbogigen Durchlässen flankiert wurden. Der Boden der Chorapsis und des Umgangs lag neun und sieben Stufen höher als das Chorjoch. Die großen Spannweiten von Schiff und Chorjoch ließen damals keine Steinwölbungen zu, sondern waren vermutlich von hölzernen Dachstühlen überdeckt. Der Chorumgang wurde vielleicht von einer durchgehenden gebogenen Tonne überwölbt, die Apsiden von halben Kuppelkalotten. mini|hochkant=1.4|links|2. Kirche, Grundriss
Zweite Kirche
Abmessungen zirka, ohne Wandvorlagen (aus Grundriss entnommen und hochgerechnet)
Länge Langhaus mit Narthex (außen): 55,00 m Sonstige wie bei der ersten Kirche
Der Umriss der zweiten Kirche stimmt nahezu demjenigen der ersten überein, wurde aber im Westen um knapp zehn Meter mit einem Narthex in Breite des Langhauses erweitert, über dessen Aussehen es keine Belege gibt. Es ist durchaus möglich, dass man die Außenwände der ersten Kirche wiederverwendet hat. So hat man zunächst alle halbrunden Wandvorlagen entfernt. Auf den Längswänden von Langhaus und Chorjoch wurden innen und außen rechteckige Strebepfeiler mit geringeren Abständen aufgebracht. So wurde das ehemalige Langhaus in drei schmalere Joche und in ein breiteres Querhaus ohne seitliche Ausladung, aber mit einer Vierung aufgeteilt. Das ehemals einzige Chorjoch wurde in zwei Joche unterteilt. Durch Scheidewände auf rundbogigen Arkaden und rechteckigen Pfeilern entstand die Aufteilung in drei Schiffe. Die Arkaden der Vierungswände standen auf kreuzförmigen Pfeilern. Auch die beiden Chorjoche waren dreischiffig. Die ursprünglich fast geschlossene Chorapsis wurde vermutlich in eine umlaufende Arkadengalerie aufgelöst. In jedem Zwischenraum der Strebepfeiler war ein rundbogiges Fenster ausgespart. Das Mittelschiff war vermutlich tonnengewölbt, möglicherweise auch die Seitenschiffe, die vielleicht aber auch mit Kreuzgratgewölben überdeckt waren. Über den Aufriss der Schiffe sind keine Belege bekannt. Vielleicht war es der einer Pseudobasilika, ohne durchfensterte Obergadenzone. mini|hochkant=1.4|links|3. Kirche, Grundriss
Dritte Kirche
Abmessungen zirka, ohne Wandvorlagen (aus Grundriss entnommen und hochgerechnet)
Gesamtlänge mit Narthex (außen): 62,10 m Gesamtlänge ohne Narthex (außen): 53,30 m Länge Narthex (außen): 9,00 m Länge Langhaus (außen): 25,50 m Breite Langhaus (außen): 19,40 m Breite Langhaus (innen): 16,00 m Breite Mittelschiff (innen): 7,10 m Länge Querhaus (außen): 29,80 Länge Querhaus (innen): 26,70 m Länge Chorjoch mit Apsis (innen): 11,00 m
Langhaus