mini|Die Buchstaben DGS für „Deutsche Gebärdensprache“ im deutschen Fingeralphabet, die übliche Eigenbezeichnung der Sprache

Die Deutsche Gebärdensprache, abgekürzt DGS, ist die visuell-manuelle Sprache (Gebärdensprache), mit der vor allem gehörlose und schwerhörige Personen in Deutschland, Belgien und LuxemburgCommuniqué: In: Gouvernement.lu. 16. Juli 2014, abgerufen am 27. Juli 2021. untereinander und mit Hörenden kommunizieren. Die Wörter der Sprache nennen sich Gebärden.

Die DGS wird von etwa 200.000 Menschen dauerhaft oder gelegentlich verwendet. Die Gebärdensprachen in Österreich (ÖGS) und in der Deutschschweiz (DSGS), die zur Familie der französischen Gebärdensprachen gehören, sind nicht mit der DGS verwandt.

Allgemeines DGS ist eine eigenständige Sprache. Die Grammatik unterscheidet sich grundlegend von derjenigen der deutschen Lautsprache; zum Beispiel werden adverbiale Bestimmungen der Zeit meistens am Satzanfang, Verben sowohl nach dem Subjekt als auch am Ende des Satzes gebärdet. alt=Beispielsatz in Deutscher Gebärdensprache: „Die Katze läuft zu einem Baum, klettert den Baum hoch und setzt sich in den Baum. Da kommt plötzlich ein Hund und läuft auf den Baum zu. Die Katze läuft schnell den Baum herunter und läuft weg.“|mini|Beispielsatz in Deutscher Gebärdensprache: „Die Katze läuft zu einem Baum, klettert den Baum hoch und setzt sich in den Baum. Da kommt plötzlich ein Hund und läuft auf den Baum zu. Die Katze läuft schnell den Baum herunter und läuft weg.“ Es gibt auch ein eigenes System Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG), auch „gebärdetes Deutsch“ genannt, das ganz oder teilweise der Grammatik der deutschen Sprache folgt, von vielen DGS-Benutzern aber als „falsch“ empfunden wird – es wäre vergleichsweise etwa so, als würden Worte der deutschen Sprache mit englischem Satzbau verwendet. Es gibt aber auch noch andere alternative Kommunikationssysteme mit Gebärden/Gesten oder DGS-Bestandteilen. Darunter zählen Lautsprachunterstützte Gebärden (LUG), Visual Vernacular (VV), Visuell gestische Kommunikation (VGK), Nonverbale Kommunikation (NVK), Gebärdenunterstützte Kommunikation (GuK), Lormen, Fingeralphabet (Graphembestimmtes Manualsystem), Lautgesten (Phonembestimmtes Manualsystem) und taktile Gebärden.Birgit Appelbaum: Gebärden in der Sprach- und Kommunikationsförderung. Schulz-Kirchner Verlag, Idstein 2016, ISBN 978-3-8248-1168-7, S. 47–64.

DGS ist, wie andere Gebärdensprachen, eine visuelle Sprache. Gedanken und Sachverhalte werden hauptsächlich mit den Händen ausgedrückt. Die mit den Händen geformten Sprachzeichen nennt man Gebärden. Daneben spielen die Körperhaltung und die Mimik eine große Rolle, vor allem bei der Kodierung grammatischer Inhalte (zum Beispiel bei der Bildung von Konditionalsätzen).Fabian Bross, Daniel Hole: Scope-taking strategies in German Sign Language. In: Glossa. A Journal of General Linguistics. Band 2, Nummer 1, 2017, Artikel 76, S. 1–30 (online). Gebärden unterscheiden sich voneinander durch die Handform, die Handstellung, die Ausführungsstelle und die Bewegungsrichtung. Auffallender Unterschied zu Lautsprachen ist, dass Gebärdensprachen räumlich ablaufen: Personen und Orte können in einem Gespräch sozusagen in der Luft platziert werden, und je nach der Bewegungsrichtung von Gebärden zwischen diesen „Raumpunkten“ ändert sich die Bedeutung. Als Hilfsmittel zum Buchstabieren von Eigennamen oder Vokabeln, deren Gebärden einer der Gesprächspartner oder auch beide (noch) nicht kennen, dient das Fingeralphabet.

Von den Anhängern des Oralismus wurde die Gebärdensprache gehörloser Kinder über mehr als 175 Jahre lang unterdrückt, weil man glaubte, sie behindere das Erlernen der für gehörlose Kinder nicht oder nur schwer wahrnehmbaren Lautsprache. Kinder, die beim kommunikativen Gebrauch der Hände ertappt wurden, erhielten in einigen Schulen Stockschläge auf die Hände oder wurden mit Spielverbot und Nachtischentzug bestraft. Ihnen wurde anerzogen, sich für den Gebrauch der Gebärden zu schämen. Eltern wurden dazu angehalten, mit Kindern nur in der Lautsprache zu kommunizieren. In einigen Schulen wurde und wird noch jetzt das Gebärden nur toleriert, die Lehrer wenden diese Sprache aber im Unterricht nicht an. Die Aversion gegen die Gebärdensprache hat sich heutzutage gemildert. Die Gebärdensprache ist jetzt in Deutschland als eigenständige Sprache anerkannt, was unter anderem bewirkt, dass Gehörlose ein Recht auf Hinzuziehung von Gebärdensprachdolmetschern bei behördlichen Angelegenheiten haben. Die politische Anerkennung der DGS in Deutschland erfolgte bereits 1998 in Hessen per Entschließungsantrag, die rechtliche Anerkennung schließlich 2002 mit dem Behindertengleichstellungsgesetz (§ 6 und § 9 BGG). Ihren Gebrauch in Verwaltungsverfahren regelt die im Juli 2002 in Kraft getretene Kommunikationshilfenverordnung.

Aufgrund dieser Vergangenheit ist die DGS nicht landesweit standardisiert. So gibt es etwa regionale Dialekte oder auch eine eigene Jugendsprache.Fabian Bross (2022): Jugendsprache in Gebärden? Ein kurzer Vergleich der deutschen Jugendsprache mit der jugendsprachlichen Varietät der Deutschen Gebärdensprache. In: Sprachreport, 38(3), 16–21. Oft wird die Gebärdensprachgrammatik mit der Grammatik der deutschen Sprache vermischt; es entsteht eine Mischung von DGS und gebärdetem Deutsch. Das DGS-Korpus hat Deutschland erstmal in 13 Spracherhebungszonen eingeteilt. Am Beispiel der Monatsgebärden sind die Dialekte der DGS sehr gut erkennbar. Unumstritten ist bisher ein sprachlicher Unterschied zwischen Norddeutschland und Süddeutschland. Durch die Deutsch-Deutsche Teilung haben sich auch sprachliche Unterschiede zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland entwickelt. Dazu wird aber in Zukunft noch weiter geforscht werden müssen.

Es gibt Wörterbücher mit Fotos und CD-ROMs von Gebärden und umfangreiche Internetangebote mit Videoinformationen in Deutscher Gebärdensprache: Bundesagentur für Arbeit – Ausbildung. Um die DGS schriftlich niederlegen zu können, wurden verschiedene Gebärdenschriften wie HamNoSys oder SignWriting geschaffen.

Die DGS gehört nach der Klassifikation von Henri Wittmann 1991 zu der relativ kleinen Gebärdensprachfamilie der Deutschen Gebärdensprachen, zu der neben der DGS die Israelische Gebärdensprache gehört.Henri Wittmann: Classification linguistique des langues signées non vocalement. In: Revue québécoise de linguistique théorique et appliquée. Band 10, Nummer 1, 1991, S. 215–288 (PDF). Lehrer und Schüler der Israelitischen Taubstummenanstalt Berlin-Weißensee flohen zu NS-Zeiten nach Israel, eröffneten dort Schulen und verwendeten die deutsche Gebärdensprache weiter. Durch Einfluss von Immigranten anderer Nationen entstand daraus eine Pidgin-Sprache, aus der die heutige Israelische Gebärdensprache entstand.Irit Meir, Wendy Sandler, Carol Padden, Mark Aronoff: Emerging sign languages. In: Marc Marschark, Patricia Elizabeth Spencer (Hrsg.): Oxford Handbook of Deaf Studies, Language, and Education. Band 2, Oxford University Press, New York 2010, ISBN 978-0-19-539003-2, S. 268–280 ().

Merkmale der DGS mini|Eine Gebärden­sprach­dolmetscherin übersetzt bei einer Konferenz in DGS – Deutsche Gebärden­sprache

Die DGS ist im Vergleich zur American Sign Language (ASL) stärker oralbetont. So werden Gebärden häufig begleitet von Lippenbewegungen, die dem lautsprachlichen Begriff entsprechen, so wird etwa, wenn „Mutter“ gebärdet wird, zusätzlich auch mit den Lippen tonlos „Mutter“ nachgebildet. Dies ist jedoch kein zwingender Bestandteil der DGS, sondern ein Nebeneffekt der oft oral ausgerichteten Schulbildung in Deutschland. Demgegenüber werden in der amerikanischen Gebärdensprache (ASL) vergleichsweise sehr viel häufiger Elemente und Abfolgen des Fingeralphabets in den Duktus der gebärdeten Information eingeflochten als es etwa in DGS üblich ist.

Die Grammatik der Deutschen Gebärdensprache Die Grammatik der Deutschen Gebärdensprache lässt sich mit Hilfe der konventionellen sprachwissenschaftlichen Kategorien PhonologieChrissostomos Papaspyrou: Grammatik der deutschen Gebärdensprache aus der Sicht gehörloser Fachleute (= Gebärdensprachlehre. Band 6). Signum, Seedorf 2008, ISBN 978-3-936675-21-4, S. 9–78., MorphologieChrissostomos Papaspyrou: Grammatik der deutschen Gebärdensprache aus der Sicht gehörloser Fachleute (= Gebärdensprachlehre. Band 6). Signum, Seedorf 2008, ISBN 978-3-936675-21-4, S. 79–104., MorphosyntaxChrissostomos Papaspyrou: Grammatik der deutschen Gebärdensprache aus der Sicht gehörloser Fachleute (= Gebärdensprachlehre. Band 6). Signum, Seedorf 2008, ISBN 978-3-936675-21-4, S. 105–164. und SyntaxChrissostomos Papaspyrou: Grammatik der deutschen Gebärdensprache aus der Sicht gehörloser Fachleute (= Gebärdensprachlehre. Band 6). Signum, Seedorf 2008, ISBN 978-3-936675-21-4, S. 165–199. beschreiben. Darüber wurde lange nachgedacht und diskutiert. Insbesondere mit der Definition der Phonologie wurde lange gehadert. Die Gebärden werden mit Hilfe von Glossen der Glossentranskription verschriftlicht.

Phonologie Da sich Gebärden auch in kleinere Einheiten zerlegen lassen, ist hier, obwohl keine Laute im klassischen Sinne vorliegen, die Definition der Phonologie vorhanden. Die Phoneme der DGS werden in manuelle, nicht-manuelle und orale Komponenten eingeteilt. Besonders die Gruppe der oralen Komponenten ist umstritten.

Manuelle Komponenten/Parameter Gebärden bestehen aus Elementen der distinktiven Merkmalsklassen Handform, Handstellung (Handorientierung), Ausführungsstelle und Bewegung.

Die Handform wird als Position bzw. Stellung der Finger zum Handballen definiert und teilweise mit HF abgekürzt. Mit der Handstellung ist die Stellung der Handfläche und der gestreckten Finger im räumlichen Verhältnis zwischen Hand und Körper aus der Perspektive des Sprechers gemeint. Teilweise wird die Handstellung mit HS abgekürzt. Die Ausführungsstelle bezeichnet die Ebene am Körper oder im Gebärdenraum an dem die Gebärde ausgeführt wird. Der Gebärdenraum lässt sich in die drei Ebenen frontal, senkrecht und waagerecht einteilen. Die frontale Ebene lässt sich in vorne und hinten, die senkrechte Ebene in rechts und links sowie die waagerechte Ebene in oben und unten spezifizieren. Teilweise wird die Ausführungsstelle mit AS abgekürzt. Das Verstehen der Bewegung einer Gebärde führt erst zum Erkennen der Gebärde. Dabei ist es insbesondere wichtig die spezifischen Teile der Bewegung Bewegungstyp, Ausführungsart und Bewegungsrichtung aufzuschlüsseln. Die Bewegung wird teilweise mit B abgekürzt.

Ändert sich ein Element einer dieser Klassen, so kann eine Gebärde mit völlig anderer Bedeutung entstehen. Zwei Gebärden, die sich nur in einem Element unterscheiden, werden als Minimalpaar bezeichnet. Dadurch wird bewiesen, dass die 4 Komponenten/Elemente der DGS eine ähnliche Bedeutung haben wie die Phoneme der Deutschen Lautsprache.

Die DGS kennt 32 Handformen, dabei gibt es sechs Grundhandformen (Phoneme, Abweichungen davon Allophone), die in allen Gebärdensprachen enthalten sind. Ein manuelles Alphabet wie das American Manual Alphabet für die ASL mit Fingerzahlen hat sich bisher nicht etabliert. Es gibt nur ein Fingeralphabet.

Man kann Gebärden in Einhandgebärden und Zweihandgebärden einteilen. Des Weiteren können Gebärden auch in unveränderbare (konventionelle/lexikalische Gebärden) und veränderbare (produktive Gebärden) Gebärden eingeteilt werden. Dann gibt es auch noch die Gruppe der Spezialgebärden (idiomatische Gebärden/Redewendungen).

Zweihandgebärden sind Gebärden, die notwendig mit beiden Händen ausgeführt werden. Ihre Bildung unterliegt starken phonotaktischen Beschränkungen wie der Regel der Symmetrie und der Dominanz. Bei der Symmetrie bewegen sich beide Hände gleichzeitig und haben dieselbe Handform. Bei der Dominanz weisen beide Hände unterschiedliche Handformen auf und es wird nur die dominante Hand bewegt, während die nichtdominante passiv bleibt.