Neersen ist ein Dorf am Mittleren Niederrhein und Ortsteil der Stadt Willich im Kreis Viersen in Nordrhein-Westfalen.
Herleitung des Namens mini|Die Niers bei Neersen
Namensgeber Neersens ist aller Wahrscheinlichkeit nach der Fluss Niers, welcher damals eine hohe Bedeutung für Neersen hatte. Die Niers wurde früher auch Neers genannt und floss bis zu ihrer künstlichen Begradigung im Jahre 1930 unmittelbar am Ort vorbei, speiste eine Wassermühle und diente dem Burggraben als Wasserzulauf. Ein Brief des Kölner Erzbischofs, datiert vom 16. Dezember 1263, nennt den Amtmann von Neersen „Vait van der Nersin“. Da damals Familiennamen noch nicht üblich waren, ist dies als Herkunftsname „Vogt von der Niers“ oder „von Neersen“ zu verstehen. Auf einer niederländischen LandkartePieter van der Keere: Landkarte Germania Inferior, Amsterdam 1617. The British Library Board (BL Maps C.7.c.20) aus dem Jahr 1617 ist der Ort als „Niersen“ verzeichnet. Neersen bezeichnete zunächst die dortige Burg und das von ihr aus verwaltete lehensrechtliche Territorium. Die im Umfeld der Burg entstehende zivile Siedlung wurde auch als „Nerstraeß“So z. B. im Dokument Wegweiser zur Kapelle Klein-Jerusalem von Gerhard Vynhoven um 1670. oder „Neer-Straße“,Anton Friedrich Büsching: Neue Erdbeschreibung. Dritter Teil welcher das deutsche Reich nach seiner gegenwärtigen Staatsverfassung enthält. 5. Auflage. Verlag Johann Carl Bohn, Hamburg 1771. Band 1, S. 89. also Straße an der Niers, bezeichnet. Wohl nachdem die lehensrechtliche Herrlichkeit Neersen 1798 aufgelöst worden war, setzte sich Neersen als Ortsname endgültig durch.
Geographie Der Ort ist Teil der naturräumlichen Großregion Niederrheinisches Tiefland (57). Der Nordosten liegt im Teil-Naturraum Kempener Lehmplatte (573.3), wohingegen sich der Südwesten im Mittleren Nierstal (573.1), genauer im Neersener Niersbruch (573.12), befindet. Die Straßen Rothweg und Virmondstraße bilden den ungefähren Verlauf dieser naturräumlichen Grenze ab.
Im Süden des Ortes verläuft, aus Mönchengladbach-Neuwerk kommend, die Niers. An ihr liegt der Nierssee. Nach dem Zufluss der Cloer fließt die begradigte Niers weiter nach Viersen.
Bevölkerungsentwicklung + Einwohner der Siedlung im Umfeld der Burg Neersen Zeit Anzahlen 15. Jahrhundert 8 kleine bäuerliche Anwesen 1550 30 Häuser 1660 51 Häuser 1800 200 Häuser 1900 400 Häuser mit 2616 Einwohnern 1969 5286 Einwohner 2025 6900 Einwohner
Geschichte Im Jahre 1250 wurde im in lateinischer Sprache abgefassten Memorienbuch der Benediktiner-Abtei Gladbach ein „Henricus de Nersa“ genannt. Es ist die erste Erwähnung des Ortsnamens.
mini|Neersen im Jahr 1844 mini|Schloss Neersen (Rückseite)
Neersen lag im Nievenheimer Gau Lentzen, Johann Peter u.Verres, Franz: Geschichte der Herrlichkeit Neersen und Anrath : mit besonderer Berücksichtigung des alten Pfarrbezirks Anrath mit den Dörfern und Ortschaften Neersen, Schiefbahn, Kehn und Clörath sowie des Schlosses und der Herren von Neersen 1883 bzw. bis zum 11. Jhd. in der Grafschaft Liedberg Jacob Bremer: Das Kurkölnische Amt Liedberg . 1263 wurde Neersen erstmals ausdrücklich als Sitz der Vögte von Neersen, spätestens 1371 als Standort einer Wasserburg an der Niers erwähnt. Die Niers bildete die damalige Grenze zwischen dem Kurfürstentum Köln und dem Herzogtum Jülich. Der Ort Neersen bestand neben der Burg nur aus wenigen Häusern und bildete zusammen mit dem größeren Dorf Anrath die Herrlichkeit Neersen. Kirchlich gehörte Neersen damals zur Pfarre Anrath.
1579 wurde am Schwarzen Pfuhl ein Galgen errichtet, 1580 wurde dem Vogt von Neersen die Hohe Gerichtsbarkeit bestätigt. Während des Truchsessischen Krieges stand der Vogt von Neersen auf protestantischer Seite, woraufhin auch Neersen und Anrath 1585 von katholischen Söldnertruppen geplündert wurden.
Auch Neersen blieb nicht von Kriegseinwirkungen im Dreißigjährigen Krieg verschont. 1642 wurde Neersen durch den katholischen Reitergeneral Johann von Werth besetzt, der die Region von protestantischen Truppen befreite. Dabei mag der Neersener Gerhard Vynhoven eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben, denn dieser war als katholischer Priester Militärseelsorger in von Werths Einheit. Wenig später, in den Jahren 1654 bis 1660, errichtete Vynhoven nördlich des Ortes die Wallfahrts-Kapelle Klein-Jerusalem. Die Freiherren von Virmond-Neersen waren durch aktive Kriegsbeteiligung auf katholischer Seite zu beachtlichem Reichtum gekommen und unterstützten Vynhoven großzügig. Die Virmonds ließen auch die Burg zu einem Schloss umbauen (1661–1669) und stifteten 1652 eine Kirche in Neersen, in der sie 1658 ein Minoritenkloster in Neersen ansiedelten.Konrad Eubel: Geschichte der Kölnischen Minoriten-Ordensprovinz. J. & W. Boisserée, Köln 1906, S. 159. Die Mönche entwickelten neben einer bedeutenden seelsorgerischen Tätigkeit auch einen lebhaften Handel mit Vieh, Wein und Lebensmitteln. Der erste Markt in Neersen, der Halbfasten- oder Schüppenmarkt, wurde vom Kloster bestritten.
Franzosenzeit In den auf die Französische Revolution folgenden Koalitionskriegen wurde Neersen im Laufe des Herbstfeldzuges im Oktober 1794 von französischen Revolutionstruppen besetzt. Der Ort wurde, wie die gesamten eroberten linksrheinischen Territorien von Frankreich annektiert, 1798 in das Département de la Roer (dt. Rur-Departement) eingegliedert und durch den Frieden von Lunéville im Februar 1801 französisches Staatsgebiet.
Neersen wurde Teil des Arrondissement de Crévelt (dt. Distrikt Krefeld) sowie Hauptort eines eigenen Kantons, dem Kanton Neersen. Dem Kanton unterstanden zwölf Bürgermeistereien (französisch ), nämlich: Neersen (inklusive Anrath, Clörath und Kehn), Alt-Willich, Kleinkempen, Schiefbahn, Süchteln, Gladbach, Obergeburth, Oberniedergeburth, Unterniedergeburth, Liedberg, Korschenbroich und Kleinenbroich.Sabine Graumann: Französische Verwaltung am Niederrhein. Das Roerdepartement 1798–1814. Essen 1990.
Am 18. September 1798 wurde die Neersener Klosterkirche auf Drängen des Guardians des Minoritenklosters, Pater Quirin Leopold Eggerath, von der Pfarre Anrath getrennt und Neersen zur Pfarre erhoben. Eggerath wurde erster Pastor der neuen Pfarre. Damit bewahrte er die Klosterkirche vor der Säkularisation durch die Franzosen in deren Rahmen das restliche Kloster 1802 offiziell aufgelöst wurde.Konrad Eubel: Geschichte der Kölnischen Minoriten-Ordensprovinz. S. 161. Damals zählte die neue Pfarrgemeinde 1200 Katholiken. Eggerath weihte die Kirche 1803 dem Heiligen Napoleon und erreichte dadurch überraschenderweise,Eigentlich war dies eine einzigartig absurde Schmeichelei gegenüber dem französischen Kaiser Napoleon Bonaparte, zumal es keinen Heiligen Napoleon gegeben hat. dass von einer geplanten Aufhebung der jungen Pfarre abgesehen wurde und diese sogar die Gebäude des ehemaligen Klosters zurückerhielt.Konrad Eubel: Geschichte der Kölnischen Minoriten-Ordensprovinz. S. 162.
1802 wurde auch die Gewerbefreiheit nach französischem Recht eingeführt. Von Mitte 1809 bis Ende 1810 wurde zwischen Neersen und Schiefbahn ein Teil des Nordkanals gebaut. 1815 wurde Neersen beim Wiener Kongress dem Königreich Preußen zugeschlagen; von 1823 bis 1850 wurde der Kanalabschnitt von Kähnen und Schiffen genutzt.
Preußen Im Rahmen der preußischen Kreiseinteilung wurden die Bürgermeisterei Neersen im Jahre 1816 dem Landkreis Krefeld zugeschlagen. 1819 wurde die Bürgermeisterei Neersen in den Landkreis Gladbach umgegliedert. Dabei wurde Anrath aus der Bürgermeisterei Neersen herausgelöst und mit der Bürgermeisterei Kleinkempen vereinigt, die vom Landkreis Gladbach zum Landkreis Krefeld wechselte.
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts hatten sich im Rahmen der Industrialisierung einige Textilfabriken in Neersen angesiedelt.Franz Heinrich Ungewitter: Neueste Erdbeschreibung und Staatenkunde, oder geographisch-statistisch-historisches Handbuch. Verlag Adler und Ditze, Dresden 1848. Band 1, S. 434. Dort wurde der vor Ort angebaute Flachs zu Leinen gewebt, sowie aus importierter Baumwolle Samt hergestellt. Besonders zu nennen ist die „Rheinische Velvetfabrik“, die 1864 vom Krefelder Fabrikanten Gustav Klemme in Neersen gegründet wurde und bis zu ihrem Konkurs 1928 ein bedeutender Arbeitgeber war.Geschichte der Stadt Willich und ihrer Alt-Gemeinden. Willicher Kulturstiftung der Sparkasse Krefeld, Willich 2003, ISBN 3-933969-34-4, S. 390, 854.
1832 wurde an der Kirchhofstraße ein neuer Friedhof angelegt.
1856 wurde die Pfarrkirche St. Napoleon wieder St. Mariä Empfängnis gewidmet, der sie bereits von 1671 bis 1803 geweiht war.
1877 wurde südlich des Ortes der Bahnhof Neersen in Betrieb genommen. Er bildete den Knotenpunkt zwischen den Strecken Neuss–Neersen, Neersen–Viersen und Krefeld–Rheydt. Das in einem orientalischen Stil gebaute große Gebäude wurde 1972 gesprengt.Hans Kaiser: Krisen, Aufschwung, Bauprojekte. In: Rheinische Post 13. August 2021 S. D4 Der dortige Schienenverkehr wurde von 1968 bis 1994 schrittweise eingestellt.
1884 bis 1893 wurde ein Gebietsaustausch zwischen Neersen und Schiefbahn durchgeführt. Neersen erhielt ein Teilstück im Hagwinkel/Vennheide/Giesgesheide und übertrug dafür Ländereien im Gebiet Straterhof/Elserhütte.
20. Jahrhundert mini|hochkant|Technisches Rathaus am Schloss Neersen
1929 fielen durch eine kommunale Neugliederung Neersen, Anrath, Schiefbahn und Willich an den neu gebildeten Kreis Kempen-Krefeld.
Die künstliche Begradigung der Niers erfolgte 1930. Sie fließt seither nicht mehr direkt am Schloss vorbei, sondern ist ca. 1 km vom Schloss entfernt.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Begeisterung für die NS-Ideologie auf die Spitze getrieben. Der Minoritenplatz wurde in „Adolf-Hitler-Platz“ umbenannt und, dieses geschah überobligatorisch, die Malteserstraße in „Straße der SA“. Die Ratsmitglieder dieser Zeit nannten sich in den Ratsprotokollen nur mit Pseudonymen, wie Efmann, Pemann usw.
1942 wurde im Rahmen eines Umlegungsverfahrens die Kleinsiedlung Cloerbruchallee von der Stadt Mönchengladbach an die Gemeinde Neersen übertragen.
Am 10. März 19455th Armored Division auf history.army.mil wurde Neersen von der über Viersen kommenden amerikanischen 5. Panzerdivision besetzt. Da der Ort bereits von der Wehrmacht verlassen worden war, kam es zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen.
1960 wurde das ehemalige Minoritenkloster sowie der Hauptteil der alten Pfarrkirche abgerissen und an deren Stelle eine neue Kirche errichtet, die 1962 eingeweiht wurde. Von der alten Pfarrkirche blieb nur der Chor erhalten.
1965 wurde in Neersen die erste und einzige evangelische Kirche errichtet, die Mitte der 1980er Jahre den Namen „Friedenskirche“ erhielt.
Nach dem Inkrafttreten des „Gesetzes zur Neugliederung des Kreises Kempen-Krefeld und der kreisfreien Stadt Viersen“ am 1. Januar 1970 wurde die Gemeinde Neersen mit den Nachbargemeinden Anrath, Schiefbahn und Willich zur Stadt Willich zusammengeschlossen. Das Schloss Neersen dient seit 1971 als Rathaus der Stadt Willich. 2003 wurde das Rathaus um das neugebaute Technische Rathaus erweitert.
Wappen Im 20. Jahrhundert gab sich die Gemeinde Neersen ein Wappen, das dem der einstigen Freiherren und Grafen von Neersen nachempfunden wurde. Offiziell führte die Gemeinde dieses Wappen bis zur Gründung der Stadt Willich 1970.
links|140px|Wappen von Neersen 135px
Die Felder haben folgende Bedeutung: das Geschlecht derer von der Neersen (1263–1487) das Geschlecht derer von Virmond (auch von Virmont oder von Viermund) (1502–1744) Kurköln, einstige Lehnsherren Neersens (um 953–1794) die Herrschaft Nordenbeck, Stammsitz derer von Virmond
Liste der Herren von Neersen Haus Neersen vor 1263–nach 1279: Heinrich I. von der Neersen um 1327: Heinrich II. von der Neersen um 1340–1370: Heinrich III. von der Neersen 1370–1414: Heinrich IV. von der Neersen 1414–1438: Heinrich V. von der Neersen 1438–1487: Heinrich VI. von der Neersen
Haus Palant 1487–1502: Anton von Palant