Der Esperanto-Verband im Kulturbund der DDR, ab 12. Mai 1991 Esperanto-Verband der DDR im Kulturbund e. V. (Esperanto-Asocio de GDR, GDREA) wurde während der 3. Zentralen Konferenz der Esperantisten der DDR vom 22. bis 24. Mai 1981 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) gegründet. De facto entstand der Verband bereits nach Gründung des Zentralen Arbeitskreises Esperanto im Deutschen Kulturbund (ZAKE, Centra Laborrondo Esperanto en Germana Kulturligo, CLE) am 31. März 1965 und der Bildung der Bezirksarbeitskreise Esperanto (BAKE, Distrikta Laborrondo Esperanto, DLE) und Esperanto-Gruppen in den Kreisen bzw. Städten und Stadtbezirken, wobei der ZAKE als Zentralvorstand und die BAKE als Bezirksvorstände tätig wurden.
1976 trat der Arbeitskreis dem Esperanto-Weltbund als Anschlussmitglied bei.Hier wird der Begriff Zentraler Arbeitskreis Esperanto, der eigentlich ein 32-köpfiges Leitungsgremium benannte, auch als Bezeichnung für den im Kulturbund de facto schon existierenden Esperanto-Verband benutzt. UEA akzeptierte die Anmeldung mit 500 Mitgliedern. Die wirkliche Mitgliederzahl war höher, wurde aber wegen der Devisenknappheit nicht benannt.
Nach der deutschen Wiedervereinigung vereinigte sich der Verband 1991 auf dem Deutschen Esperanto-Kongress in München mit dem Deutschen Esperanto-Bund. Bibliothek und Archiv sind ins Bundesarchiv (SAPMO) übergegangen.
Langjähriger Sekretär des Verbandes war der Sprachwissenschaftler Detlev Blanke. Zu den Vorsitzenden gehörte der Diplomat Rudi Graetz.
Der Verband (vorher der ZAKE) gab von 1965 bis 1990 die Verbandszeitschrift Der Esperantist (Eigenschreibweise: der esperantist) heraus, 1990–1991 dann den Cirkulero de GDREA (GDREA-Rundbrief).
Von 1949 bis 1961 waren Esperanto-Vereinigungen in der DDR verboten, die Esperantisten durften zwar Esperanto sprechen, aber Zusammenkünfte oder der Bezug ausländischer Publikationen waren bereits in einer Grauzone und erregten die Aufmerksamkeit des staatlichen Repressionsapparates.
Geschichte Vorgeschichte bis 1965 Nach den Jahren des Verbots von Esperanto-Unterricht (1935) und Esperanto-Organisationen (1936) in Nazi-DeutschlandUlrich_Lins: Die gefährliche Sprache. Die Verfolgung der Esperantisten unter Hitler und Stalin. Bleicher, Gerlingen 1988, ISBN 3-88350-023-2, (deutsch, gekürzte Ausgabe) S. 103 ff. bildeten nach 1945 auch in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands Esperanto-Sprecher wieder Gruppen und organisierten Esperanto-Kurse. In Reichenbach beispielsweise gründete Erich Würker (1903–1989), der Leiter einer Textilfabrik die 1936 verbotene Esperanto-Gruppe im August 1946 mit Erlaubnis des russischen Stadtkommandanten im Rahmen des Kulturbundes für die demokratische Erneuerung Deutschlands wieder neu.Joachim Booth, W. Neumann, H. P. Scheffler: Herbert Häußler 1912–1973. Der erste deutsche SF-Fan. Eine Biografie. Andromeda SF Magazin 148, Science Fiction Club Deutschland (SFCE e. V.), Berlin 2002, S. 36–37. Der Neulehrer Ludwig Schödl (1909–1997) unterrichtete in Großzerlang schon 1945 Esperanto in der kleinen Dorfschule und setzte das in Linow und Neuruppin dann fort.Ludwig Schödl: Renkontiĝoj kun amikoj. PACO – GDR-eldono, Berlin, 1985, S. 24–25. Im Ostberliner Bezirk Weißensee erschien Esperanto 1947 im Programm der Volkshochschule.Gerhard Keiderling: Berlin 1945–1986. Geschichte der Hauptstadt der DDR. Dietz-Verlag, Berlin 1987, S. 251.
Es gab auch weitergehende Organisationsformen. Am 29. September 1946 gründeten in Dresden-Neustadt Esperanto-Sprecher aus 38 Städten die „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Esperantisten in der Sowjetzone – AES“.Detlev Blanke: Skizze der Geschichte des Esperanto-Verbandes in der Deutschen Demokratischen Republik, S. 5. 1949 wurde per Dekret ein Esperanto-Organisations- und Publikationsverbot in der SBZ verkündet, das in der DDR bis 1961 weitergalt: In den „Ausführungsbestimmungen zur Verordnung zur Überführung von Volkskunstgruppen und volksbildenden Vereinen in die bestehenden Massenorganisationen“ vom 12. Januar 1949 bestimmten die Deutsche Verwaltung des Innern und die Deutsche Verwaltung für Volksbildung: „7. Kunstsprachengruppen sind aufzulösen. 8. Ido- und Esperantosprachecken in den Zeitungen und Zeitschriften sind unverzüglich aufzuheben.“Zentralverordnungsblatt Nr. 7 (10.2.1949) S. 68. https://zs.thulb.uni-jena.de/rsc/viewer/jportal_derivate_00267571/BS_Zentralverordnungsblatt_129466026_1949_0116.tif
Ungeachtet des Verbots gab es weiter Treffen, Kurse und das Bemühen, bei offiziellen Stellen eine Aufhebung des Verbots zu erreichen. Darum bemühten sich zum Beispiel Ludwig Schödl (Neuruppin) und Karl Maier (Berlin), Erich Würker (Reichenbach), Georg Sörgel, (Quedlinburg), Paul Glöckner (Pirna), Curt Kessler, Walter Ranft (Dresden), Alois Jauernig und Johann Haupt (Neinstedt im Harz).Detlev Blanke: Skizze der Geschichte des Esperanto-Verbandes in der Deutschen Demokratischen Republik, S. 7.
Ein Schreiben Ludwig Schödls an die SED-Tageszeitung Neues Deutschland vom 9. Juli 1949, in dem er auf den Artikel „Sprachwissenschaft mitten im Leben“ reagierte, wurde am 1. August vom Zentralsekretariat der SED – Kultur und Erziehung beantwortet: „Ihr Schreiben beweist, dass die Deutsche Verwaltung des Innern sich mit vollem Recht bei ihrem Verbot der Kunstsprachzirkel vor allem von politischen Erwägungen hat leiten lassen, und dass sie gut daran tat, die Meinung sogenannter Esperanto-Fachleute außer Acht zu lassen.“Schreiben: Zentralsekretariat der SED – Kultur und Erziehung Berlin an Ludwig Schödl in Linow vom 1. August 1949 (Privatbesitz Schödl).
Der Generalstaatsanwalt der DDR wies die Beschwerde von Walter Ranft, Radebeul, 1955 mit der Begründung zurück: „Diese gesetzlichen Bestimmungen widersprechen nicht der Verfassung, da die Erlernung von Kunstsprachen keinerlei kulturellen oder volksbildenden Charakter hat. Kunstsprachen stellen keine nationale Sprache dar und haben deshalb entsprechend der Lehre des unvergesslichen J. W. Stalin über Fragen des Marxismus in der Sprachwissenschaft keine wissenschaftliche oder kulturelle Grundlage, da sie weder einen lexikalischen Grundbestand noch eine eigene Grammatik besitzen.“Schreiben Generalstaatsanwalt der DDR an Walter Ranft, Radebeul vom 17.3.1955, im Auftrag unterzeichnet (Privatbesitz Schödl)
Marie Torhorst, Abteilungsleiterin im Ministerium für Volksbildung schlägt 1956 in ihrer Stellungnahme im Leuna-Echo zu der Frage, welche Möglichkeiten es in der DDR gebe, Esperanto zu erlernen, einen neuen Ton an: „Nach sorgfältiger Überprüfung der von ihnen gestellten Fragen teilen wir Ihnen mit, dass wir der Abhaltung von Esperanto-Kursen nicht zustimmen können.“ Sie erklärte weiter, dass man den Fremdsprachenunterricht in Russisch, Englisch und Französisch verstärken wolle, um den wachsenden Anforderungen an den internationalen Verkehr zu entsprechen und behauptete, dass „jahrzehntelange Erfahrungen“ gelehrt hätten, dass „Esperanto…für solche Zwecke offenbar nicht geeignet ist“, fügte aber hinzu: „Im Rahmen der Friedensbewegung allerdings können auch in der DDR die am Studium und am Gebrauch von Esperanto Interessierten Esperanto erlernen und mit Esperanto-Anhängern im Ausland korrespondieren..“
Diese Möglichkeit, unter dem Dach des Deutschen Friedensrates Esperanto zu unterrichten und zu propagieren, praktizierte Ludwig Schödl, der frühere Arbeiteresperantist und seit 1953 Direktor der Schule des Friedens in Neuruppin. Darüber hinaus vermittelte er in Absprache mit dem Chefredakteur Asen Grigorov (1903–1985) etwa 800 Abonnements der bulgarischen Esperanto-Zeitschrift Nuntempa Bulgario (Bulgarien heute) in der DDR, was zur Vernetzung der sich formierenden Esperanto-Sprachgemeinschaft in der DDR beitrug ebenso wie die etwa 300 Abonnements der chinesischen Esperanto-Zeitschrift El Popola Ĉinio (Aus Volkschina), die Karl Maier (1901–2000)Karl Maier hatte mehr als 20 Jahre mit seiner Frau Hedwig in China gelebt und war 1955 nach Deutschland zurückgekommen. Er wurde Chefarzt der Zahnklinik im Krankenhaus Prenzlauer Berg. Gemeinsam mit Ludwig Schödl setzte er sich vehement für die Legalisierung der Esperanto-Betätigung in der DDR ein, pflegte seine Beziehungen zu den chinesischen Esperantisten und der chinesischen Kultur und wurde 1965 Vorsitzender der Esperanto-Gruppe in Prenzlauer Berg. Siehe: Fritz Wollenberg: „…ohne Esperanto wäre ich mir hier sehr verloren vorgekommen…“ Karl Maier reist nach Amerika (1930) und kehrt aus China zurück (1955). In: Esperanto. Lingvo kaj kulturo en Berlino kaj Brandenburgio 111 jaroj, Jubilea Libro 1903–2014…, S. 101–109. vermittelte, während die Post den Vertrieb mit dem Hinweis auf das Verbot ablehnte.
Schödl erlebte, wie auch andere, Hausdurchsuchung durch die Polizei und Besuche der Staatssicherheit, die ihm seine illegale Tätigkeit untersagten, was ihn nicht hinderte, weiterzumachen.Fritz Wollenberg: Interview mit Ludwig Schödl. Mit einer Einführung von Detlev Blanke (Übertragung des Video-Textes von Sebastian Hartwig). Arbeitsgruppe zur Erforschung der Geschichte des Esperanto-Verbandes im Kulturbund der DDR, Berlin 2008.
Curt Kessler (Dresden), der regelmäßig einen vervielfältigten Info-Brief mit Neuigkeiten versandte, berichtete, dass auch andere diese Möglichkeit nun nutzen, es aber weitergehende Forderungen nach Zulassung einer Esperanto-Organisation gibt, um Lehrbücher, Wörterbücher, ein Mitteilungsblatt und anderes drucken zu lassen.Schreiben 2452-12 Curt Kessler vom 23.2.1958 (BArch NY 4604 / vorl. 1629).
Otto Bucklitsch aus Leuna charakterisiert 1958 die Situation treffend: „Esperanto ist nicht verboten und ist nicht erlaubt. Das ermöglicht Willkür und Intrigen“.Brief von Otto Bucklitsch an Ludwig Schödl vom 26. November 1958. (BArch NY 4604 / vorl 161) Als Erfolg wurde empfunden, dass am Esperanto-Weltkongress in Warschau 1959 eine zehn-köpfige offizielle Delegation von DDR-Esperantisten, entsandt vom Deutschen Friedensrat, teilnahm und dass 1960 eine DDR-Ausgabe des PACO, redigiert von Karl Maier und Ludwig Schödl, erscheinen konnte.Ludwig Schödl und Karl Maier (Red.). PACO. DDR-Ausgabe, Deutscher Friedensrat, Berlin 1960.
Im März 1960 lud Georg Sörgel (1911–1961), Nationalpreisträger in Quedlinburg zur Zusammenkunft einer „Informgrupo pri Esperanto en GDR“ (Informelle Gruppe zum Esperanto in der DDR) ein. Er hatte dem Ministerium für Volksbildung den Vorschlag gemacht, das Esperanto im Rahmen des Kulturbundes zuzulassen.
In den 1960er Jahren hatte sich die Struktur des Deutschen Friedensrates verändert. Er verlor den Charakter einer Massenorganisation. Der Deutsche Kulturbund erschien mit seiner Organisationsstruktur nun tauglicher als Dach für eine Esperanto-Betätigung.
Kurz nach Beginn des Mauerbaus in Berlin startete die SED einen Versuch, sich des lästigen Esperanto-Problems endgültig zu entledigen. Durch einen Beschluss vom 17.08.1961 lt. Gesetzblatt Teil II Nr. 64 vom 15.09.1961 wurde die Verbotsverordnung von 1949 für gegenstandslos erklärt. Da dieser Beschluss vielfach als Aufhebung des Verbotes verstanden wurde und unerwünschte Aktivitäten innerhalb der Esperanto-Anhänger der DDR auslöste, sah sich der Minister für Kultur der DDR genötigt, über eine Mitteilung vom 15.12.1961 darauf hinzuweisen, dass mit dem Beschluss vom 17.08.1961 keineswegs eine Erlaubnis zur Neugründung von Vereinen erteilt worden wäre. Das Verbot hatte weiterhin Bestand.Verfügungen und Mitteilungen des Ministeriums für Kultur vom 15.12.1961, Teil II, Nr. 14
Betr.: Ziff. 7 und 8 der Ausführungsbestimmungen der VO vom 12.01.1949 Siehe auch "Esperanto in der DDR", 2. Aufl. von Hartwig Wischendorf, ISBN 9783756850709.