mini|hochkant|Wappen der Müllenheim
Müllenheim (international oft Muellenheim, französisch Mullenheim, fälschlicherweise auch Mühlenheim) ist der Name eines alten Straßburger Patriziergeschlechts. Die Herren, Ritter und Freiherren von Müllenheim gehörten zum elsässischen Uradel. Die heute noch blühende Familie lässt sich in fünf bestehende Hauptzweige unterteilen, welche alle von der „Heinrich-Linie“, bzw. den „Müllenheim zu Rechberg“ abstammen. Dies sind zum einen die katholischen „Barons de Mullenheim“, welche 1773 den französischen Adelstitel erhielten und die evangelischen Zweige, darunter die „Freiherren von Müllenheim-Rechberg“, welche ab 1886 in den preußischen Rang erhoben wurden, dazu die untitulierten Zweige der „Herren Müllenheim“, deren gemeinsame Vorfahren das Adelsprädikat „von“ im 18. Jahrhundert wohl aus religiös-pietistischen Gründen abgelegt haben. Diese drei schlesischen Zweige lassen sich wiederum unterteilen in diejenigen, welche heute im Rheinland oder um Braunschweig ansässig sind, sowie die fälschlicherweise als „Herren Mühlenheim“ geschriebenen.
Geschichte Erstmals urkundlich erwähnt wird die Familie mit Berthold (Bertholdus) laut Rotulus vom Kloster St. Peter auf dem Schwarzwald (Rotulus Sanpetrinus) im Jahre 1108 als Schenkgeber aus dem Ort Müllheim im Markgräflerland (Villa Mulinhaimo). In der Urkunde des Klosters wird in einem weiteren Eintrag aus der Zeit zwischen 1111 und 1152 im Rahmen des Investiturstreits das ansässige „Geschlecht derer von Mulnhen“ (alemannische Ortsbezeichnung, heute Müllen) deutlich erwähnt, welche als Ministerialen (Dienstmannen) der Zähringer seine dortigen Besitzungen als Mitgiftmasse an diese verlor: „De domo ducis Berhtoldus de Mulenheim et filii eius Rudolf, Berhtold, Heinricus, Conrat et nepos ipsorum Hugo de Hugelheim et filii eius Rudolfus, Ruthardus quoque et Lucilius de Mulenheim.“ Der Ritter Burkard (Burcardus) und seine Brüder wurden 1183 als Zeugen bei der Stiftung der Abtei Rufach im oberen Elsass genannt.
Die ununterbrochene Stammreihe beginnt 1225 mit der Erwähnung des Johann (Johannis) von Mülnheim, bischöflicher Weinmesser zu Straßburg, in einer Urkunde des dortigen St. Peter-Capitels. Sein Enkel Burkhard beherbergte 1284 den römisch-deutschen König Rudolf I., der ihm daraufhin die Furt von „Gravenstaden vor der Hate“ (heute Illkirch-Graffenstaden) mit dem Recht übertrug, dort eine Maut zu erheben. Da es keine Brücke über den Rhein gab, konnte man nur über diese Furt den Fluss überqueren, was die Straßburger bis dahin kostenlos getan hatten; 1391 fiel die Furt zurück an die Stadt. Alle Zweige des Geschlechts gehen auf ihn und seinen 1290 als Ritter bezeichneten Bruder Walther von Mülnheim, 1284–87 Schaffner des Bischofs von Straßburg, zurück. Etliche Mitglieder der Familie gelangten ins Patriziat der freien Reichsstadt und gehörten dort zu den so genannten regimentsfähigen Geschlechtern. Indem die Müllenheim den Königen, den Bischöfen von Straßburg und dem elsässischen Adel große Summen vorstreckten, erwarben sie Renten, Pfandschaften und Lehen.
mini|Gerettetes Kirchenfenster vom „Alten Bethaus Allerheiligen“
Die Söhne von besagtem Burkhard bildeten im 13. Jahrhundert drei Hauptlinien des Geschlechts: Die „Burkhard-Linie“, die schon im 15. Jahrhundert ausstarb, die „Johannes-Linie“, die mit Philip Andreas von Müllenheim-Rosenburg 1684 wieder erlosch, und die „Heinrich-Linie“, von der alle heutigen Namensträger abstammen. Dieser Heinrich von Mülnheim, Ritter des Deutschen Ordens,Ritter des Deutschen Ordens gelobten ehelose Keuschheit; wie ist es dann zu erklären, dass er Stammvater aller heute noch lebenden Nachkommen wurde? war König Ludwig IX. im siebten Kreuzzug 1270 nach Tunis gefolgt. Er gelobte, falls er seine Heimatstadt Straßburg noch einmal wiedersehe, zum Dank eine Kirche zu errichten, woraufhin er nach geglückter Heimreise schließlich im Jahr 1300 die Wilhelmskirche stiftete. Am 14. Juli 1327 kaufte er von den Prämonstratensern des Klosters Allerheiligen in Oppenau im Schwarzwald für 140 Silbermark eine leerstehende Klosteranlage vor den Stadtmauern Straßburgs, welche bis kurz zuvor den auf dem Zweiten Konzil von Lyon verbotenen Sackbrüdern gehört hatte. Dieses „Alte Bethaus Allerheiligen“ stiftete er als Fideikommiss, welches fortan der Familie als Grablege und Memorialkirche bis zur Zerstörung in der Französischen Revolution diente; ein gerettetes Kirchenfenster hängt heute im Musée national du Moyen Âge in Paris. Heinrich pachtete außerdem den bischöflichen Zoll in Straßburg und lieh 1314 den Habsburgern 3'500 Silbermark, wofür er als Pfand u. a. die Burg Ortenberg erhielt, die seinen Nachkommen bis 1551 als Gemeinherrschaft gehörte.
Ab 1295 saßen die Müllenheim erstmals im Rat der Stadt Straßburg. In den folgenden Jahren spalteten sich die Adelsgeschlechter in zwei rivalisierende Stubengesellschaften, deren Anführer die Müllenheim (Treffpunkt in der Trinkstube "Zum Mühlenstein") bzw. die Zorn (Trinkstube "Zum Hohensteg") wurden. Aufgrund der großen Rivalität zwischen den beiden Geschlechtern erhielt die Pfalz (das damalige Rathaus) extra zwei Eingänge mit Aufstieg, einen für die Müllenheim und einen für die Zorn. Nach einem Fest am Hof der Müllenheim in der Brantgasse kam es am 20. Mai 1332 zu einem blutigen Kampf zwischen den beiden Parteien, welche als „Geschell der Zorn und Müllenheim“ in die Chroniken einging. Hierbei wurden 21 Edelleute erschlagen und die Zünfte benutzten die Gelegenheit, um die Adelsherrschaft zu brechen. Ab 1333 wurde den vier von den Adelsgeschlechtern erwählten Stettmeistern (Bürgermeistern) ein bürgerlicher Ammeister (Ratssprecher) zur Seite gestellt. Damals verließen viele Familienmitglieder wegen ihres schwindenden Einflusses aus Protest die Stadt und verbündeten sich mit dem Bischof gegen das reichsstädtische Regiment. Bis zum Zunftaufstand und dem Judenpogrom 1349 war kein Vertreter der beiden zerstrittenen Geschlechter mehr im Magistrat vertreten. Letztendlich stellten insgesamt 42 Namensträger von 1301 bis 1759 einen Stettmeister und 462 Angehörige saßen von 1295 bis 1760 im Stadtrat; so viele wie kein anderes Geschlecht.
Während des sogenannten Dachsteiner Kriegs öffnete Hans von Mülnheim den Ausziehenden das Stadttor von Dachstein und Burchard von Mülnheim, 1411–25 Reichsschultheiß von Hagenau, wurde Wortführer dieses Adelsbündnisses. Ein Teil der Familie kehrte später zurück und saß, wie beispielsweise 1424 Heinrich von Mülnheim-Landsberg, auch wieder im Rat, während ein anderer Teil Straßburg auf Dauer den Rücken kehrte und sich vollends dem Landadel assimilierte.
Conrad, Lütold und Marquart von Mülnheim nahmen an der Schlacht bei Sempach gegen die Schweizer Eidgenossenschaft der VIII. Orte teil und fielen am 9. Juli 1386 neben Leopold III. von Habsburg-Österreich; sie wurden mit vierzig weiteren Herren und Edlen Knechten beim Kloster Königsfelden im Kanton Aargau begraben. Walter von Mülnheim war 1383–94 Stiftspropst von Kloster Rheinau, zugleich 1388–92 Vogt von Riquewihr und 1391 Statthalter des Landvogts im Breisgau. Einzelne Müllenheim waren sogar im 15. Jahrhundert noch in der Lage, große Geldsummen zu verleihen (1427 z. B. 17'100 Florentiner an die Kurpfalz). Hans war 1429–32 Hofmeister des Markgrafen von Baden und 1446–48 Oberschultheiß von Zabern. Kirchliche Laufbahnen an Straßburger Stiften und Klöstern wählten Sigelin I. (1314–20) und Sigelin II. (1332–43) als Pröpste von St. Thomas. Burkhard veranlasste als Abt 1430–79 vom Kloster Sankt Walburga den Neubau des Kirchenchors mit seinen Glasfenstern. Conrad, 1500–07 Abt vom Kloster Gengenbach, wurde 1506 von seinen Mönchen gefangengesetzt. Der überwiegende Teil der Familie schloss sich der Reformation an und so wurde auch Christoph von Mülnheim (1505–68) und mit ihm als Familienoberhaupt das „Alte Bethaus Allerheiligen“ am 20. Februar 1529 evangelisch. Nur einige wenige, wie beispielsweise Heinrich, 1558–61 Abt vom Kloster St. Pantaleon in Köln, blieben katholisch.
Im Straßburger Rat nahm die Beteiligung der Müllenheim bis 1490 allmählich ab, stabilisierte sich anschließend auf niedrigem Niveau und setzte zwischen 1578 und 1637 völlig aus. Nach zahlreichen Lehnsaufnahmen hatten sich die einzelnen Zweige der Müllenheim inzwischen vor allem auf dem Land niedergelassen, vornehmlich im Unterelsass und in der Ortenau, residierten in Westhoffen, Mutzig, Rosheim, Schlettstadt, Dambach, Hüttenheim und Mittelwihr. Die politisch-ökonomische Krise des 17. Jahrhunderts verringerte zwar ihren Besitz, aber dank der Mitgliedschaft im Direktorium der unterelsässischen Ritterschaft blieb ihr Prestige erhalten. Als die Linie Müllenheim-Westhoffen (bzw. von Rosenburg) 1684 ausstarb, verblieben allein die auf Blasius II. von Müllenheim (um 1540–99) zurückgehenden Namensträger. Sein Sohn Johann (Hans) Jakob von Müllenheim (1570–1633) ist Stammvater der später zunächst in Preußen beheimateten evangelischen Linie, welche heute in vier Zweige aufgeteilt ist, davon drei ohne Adelsprädikat. Auf seinen jüngeren Bruder Georg Melchior (1577–1639) gehen die vor allem im Elsass gebliebenen rekatholisierten Müllenheim zurück.
mini|Kapitulationsurkunde von Illkirch
Im Jahre 1681 bemühte sich Maria Esther von Müllenheims Ehemann, der Straßburger Stettmeister Johann (Hans) Georg von Zedlitz, um Hilfe aus dem Reich zur Abwendung der drohenden Eroberung der Reichsstadt durch Truppen des Königs Ludwig XIV. von Frankreich unter General Joseph de Montclar. Da diese ausblieb, musste er schließlich, um größeres Leid zu vermeiden, am 30. September 1681 die „Kapitulationsurkunde von Illkirch“ mitunterzeichnen. Nach der französischen Annexion des Elsass arrangierten sich viele Müllenheim mit den Machthabern; so konvertierte beispielsweise Ludwig Heinrich (1668–1723), um in die französische Armee eintreten zu können, 1697 zum römischen Katholizismus und mit ihm als Familienoberhaupt das „Alte Bethaus Allerheiligen“. Dieser neuen politisch-konfessionellen Linie folgten nach und nach fast alle Familienmitglieder, denen Ludwig XV. 1773, ebenso wie der gesamten unterelsässischen Ritterschaft, die Berechtigung zuerkannte, sich künftig „Baron“ zu nennen. Obwohl sich die Müllenheim französisch assimiliert gaben, kamen Heiratsverbindungen nur mit deutschen, vorwiegend elsässischen Adelsfamilien, wie den Wurmser von Vendenheim, Zorn von Plobsheim, Böcklin von Böcklinsau, Truchsess von Rheinfelden, Klinglin und Glaubitz, zustande. Zahlreiche Töchter der Familie traten als Kanonissinnen in die Damenstifte der Augustiner-Chorfrauen B.M.V. in Andlau und Ottmarsheim ein.