Das Kastell Lautlingen, in der Fachliteratur auch unter dem Namen Kastell Ebingen-LautlingenBei Jörg Heiligmann: Der „Alb-Limes“. Ein Beitrag zur römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0814-X, S. 40–50. oder Kastell Albstadt-LautlingenBei Dieter Planck: Albstadt-Lautlingen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1555-3, S. 18f.; Dieter Planck: Albstadt-Lautlingen. Römisches Kastell und zivile Siedlung. In: Philipp Filtzinger, Dieter Planck und Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. 3. Auflage, Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0287-7, S. 212ff. bzw. S. 18f. geführt, war ein römisches Grenzkastell, das möglicherweise zum Alblimes gehörte. Es liegt als Bodendenkmal in einem teilüberbauten Bereich von Lautlingen, einem Stadtteil von Albstadt im Zollernalbkreis, Baden-Württemberg.

Lage mini|links|Das Kastellgelände von Westen gesehen, Standort ist der Westrand des Geländes, im Hintergrund Albstadt-Ebingen

Das Kastell liegt als oberirdisch nicht sichtbares Bodendenkmal etwa auf halbem Wege zwischen Lautlingen und Ebingen auf einer Passhöhe, die heute von der Bundesstraße 463, der Kreisstraße 7153 und einer Eisenbahnstrecke genutzt wird. Es befindet sich zum größten Teil unter den landwirtschaftlich genutzten Flächen der Flure „Steinhaus“ und „Totland“, lediglich ein Teilbereich des Kastellareals ist von einem Gärtnereibetrieb überbaut. Von der Kreisstraße wird das Lager durchschnitten, von der Bahntrasse im Süden tangiert.

mini|Ansicht von Norden auf den vom Kastell überwachten Albübergang (rot: Kastell) Wie alle Kastelle der Alblinie befindet es sich auf einer Wasserscheide, der Europäischen Wasserscheide zwischen Rhein und Donau, die hier mit rund 742 m ü. NN ihren niedrigsten Punkt im weiten Umkreis erreicht und die heute gleichzeitig die Gemarkungsgrenze zwischen Lautlingen und Ebingen bildet. Die Wasserversorgung der Garnison war durch die Quellhorizonte des Riedbaches und des Ebinger Talbaches gesichert, die Südhanglage erlaubte eine Sichtkontrolle der Passstraße auf einer Länge von insgesamt fünf Kilometern.Nach Jörg Heiligmann: Der „Alb-Limes“. Ein Beitrag zur römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0814-X, S. 40.

Das Kastell Lautlingen war möglicherweise Bestandteil des Alblimes, einer römischen Grenzlinie des späten 1. Jahrhunderts n. Chr., die sich über eine Länge von knapp 135 Kilometern von Arae Flaviae (Rottweil) im Südwesten bis Aquileia (Heidenheim an der Brenz) im Nordosten auf der Schwäbischen Alb erstreckte. An vielen StellenBei Gerhard Bersu, Friedrich Hertlein, Wilhelm Schleiermacher und zuletzt bei Dieter Planck: Albstadt-Lautlingen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1555-3, S. 19. in der Literatur wird jedoch die Ansicht vertreten, dass das Kastell eventuell nur in Verbindung mit der römischen Straße von Sulz zur vermuteten Donaufurt bei Laiz zu sehen sei und keineswegs zur Kette der anderen Albkastelle gehöre. Vor dem Hintergrund relativ unklarer Befunde können Funktion und Bedeutung des Lautlinger Militärlagers zum gegenwärtigen Stand der Forschung nicht mit abschließender Sicherheit interpretiert werden.

Die Fortifikation befand sich vermutlich auf dem Gebiet der römischen Provinz Germania superior. Das ein wenig weiter östlich gelegene Kastell Burladingen, mit dem Lautlingen durch eine Straße verbunden war, gehörte bereits der Provinz Raetia an. Der genaue Verlauf der Grenze zwischen Obergermanien und Rätien im 1. Jahrhundert n. Chr. ist jedoch heute nicht mehr präzise nachvollziehbar.So hat Friedrich Hertlein die Besatzung von Kastell Lautlingen als zum rätischen Heer (Exercitus Raeticus) gehörend angesehen. Nach Philipp Filtzinger: Die Römer in Baden-Württemberg. In: Handbuch der Baden-Württembergischen Geschichte 1. Allgemeine Geschichte. Teil 1 Von der Urzeit bis zum Ende der Staufer. (PDF; 290 kB). Klett-Cotta, 2001, S. 16.

Forschungsgeschichte Bereits 1840, 1874 und dann verstärkt ab 1895 traten in der Umgebung des Kastells römische Hinterlassenschaften zu Tage. 1913 wurde nur wenige Meter nördlich des Lagers ein römisches Steingebäude angeschnitten. Dies und der Umstand, dass die Topographie dieser Gegend frappierende Ähnlichkeit mit der des Kastells Burladingen aufweist, bewegte Gerhard Bersu dazu, hier 1924 und 1925 in zwei Grabungskampagnen eine gezielte Kastellsuche vorzunehmen. Dabei gelang es ihm, mit insgesamt 37 Sondierungsschnitten die Umwehrung des Lagers sowie die Lage des West- und des OsttoresNach Jörg Heiligmann: Der „Alb-Limes“. Ein Beitrag zur römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0814-X, S. 43. Nach Dieter Planck: Albstadt-Lautlingen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1555-3, S. 213 bzw. S. 18, wurde nur das Westtor festgestellt. zu bestimmen. Ein weiterer Suchschnitt im Kastellzentrum blieb ohne Befund.Nach Jörg Heiligmann: Der „Alb-Limes“. Ein Beitrag zur römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0814-X, S. 43. Nach Dieter Planck: Albstadt-Lautlingen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1555-3, S. 213 bzw. S. 18, ist im Kastellinneren noch nicht gegraben worden.

1972 wurden bei der Erschließung des Gewerbegebiets „Kientenstraße“ am Ortsrand von Ebingen römische Siedlungsreste entdeckt, die möglicherweise mit einem weiteren, auf diesem Gebiet vermuteten KastellNach Friedrich Hertlein und Peter Goessler: Die Straßen und Wehranlagen des Römischen Württemberg (= Die Römer in Württemberg. Band 2). Kohlhammer, Stuttgart 1930, S. 215 sowie Dieter Planck: Albstadt-Lautlingen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1555-3, S. 214 bzw. S. 19. Hertlein vermutete hier das eigentlich zum Alblimes gehörende Kastell. oder einer ZivilsiedlungNach Jörg Heiligmann: Der „Alb-Limes“. Ein Beitrag zur römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0814-X, S. 46–49. in Zusammenhang stehen. Systematische archäologische Grabungen blieben jedoch aus, es wurde lediglich eine baubegleitende Notgrabung durchgeführt.

Kastell Die Kastellgrabungen von Gerhard Bersu (vom 29. Oktober bis zum 7. November 1924 und vom 10. bis zum 22. September 1925) sind die bislang einzigen systematischen Untersuchungen des Militärlagers. Hierbei wurde ein leicht trapezförmiges Lager festgestellt, das mit seinen Abmessungen von 248/254 m × 264/273 m eine Fläche von rund 6,7 Hektar bedeckt. Das Kastell war von einem einzigen umlaufenden Spitzgraben umgeben, der eine durchschnittliche Breite von 2,5 m und eine erhaltene Resttiefe von 1,75 m aufweist. An der im Gelände tiefsten Stelle des Grabens, der Südostecke des Lagers, war der Graben zweimal erneuert worden.

An der westlichen und östlichen Seite des Lagers setzte der Grabenverlauf für einige Meter aus, hier führten Erdbrücken ins Lagerinnere.Hier besteht wiederum Uneinigkeit in der Literatur. Während Jörg Heiligmann: Der „Alb-Limes“. Ein Beitrag zur römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0814-X, S. 45, zwei Erdbrücken (und zwei Lagertore) – im Westen und im Osten – beschreibt und sich dabei auf Gerhard Bersu: Das Kastell Lautlingen In: Peter Goessler (Hrsg.): Württembergische Studien. Festschrift zum 70. Geburtstag von Prof. Eugen Nägele. Silberburg, Stuttgart 1926, S. 196, bezieht, beschreibt Dieter Planck: Albstadt-Lautlingen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1555-3, S. 213 bzw. S. 18, nur eine Erdbrücke (mit nur einem Lagertor) auf der Westseite. Über die Umwehrung können beim gegenwärtigen Stand der Forschungen keine gesicherten Aussagen getroffen werden. Die wenigen festgestellten Pfostensetzungen könnten sowohl auf hölzerne WachtürmeNach Gerhard Bersu: Das Kastell Lautlingen. In: Peter Goessler (Hrsg.): Württembergische Studien. Festschrift zum 70. Geburtstag von Prof. Eugen Nägele. Silberburg, Stuttgart 1926, S. 196. als auch auf eine Holz-Erde-MauerNach Dieter Planck: Albstadt-Lautlingen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1555-3, S. 213 bzw. S. 18. hinweisen. Ein von Bersu im Zentrum des Kastells angelegter Sondierungsschnitt von 20 m Länge förderte weder Bauspuren noch Funde oder Kulturschichten zu Tage.

Gesichert ist, dass kein Umbau zu einem Steinkastell erfolgt ist. Dies und das spärliche Fundaufkommen sprechen für eine nur vorübergehende Nutzung des Kastells. Vermutlich wurde es in spätvespasianischer Zeit oder unter Titus oder in frühdomitianischer Zeit, um das Jahr 80 n. Chr., errichtet und schon nach kurzer Zeit, spätestens zu Beginn der Regierungszeit des Domitian wieder verlassen.Jörg Heiligmann: Der „Alb-Limes“. Ein Beitrag zur römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0814-X, S. 49, geht von einer spätesten Erbauung unter Titus aus.

Die Größe des Kastells übertrifft mit 6,7 ha alle anderen Auxiliarlager dieser Zeitstellung im südwestdeutschen Raum und fällt deutlich aus dem Schema der gängigen Kastellgrößen, mit dem sich die Lager normalerweise bestimmten Auxiliareinheiten zuordnen lassen. Wieder lassen die schwachen Befunde und spärlichen Funde Raum für Spekulationen. Denkbar ist die Belegung mit einer Ala milliaria oder mit zwei Kohorten, genauso wie die Belegung mit einer größeren Legionsvexillation oder einer kombinierten Einheit aus Legionsvexillation und Auxiliartruppen. Der Fund des Bronzelots einer Groma spricht zwar möglicherweise aufgrund des eingeritzten, nicht römischen Namens CANDIDI ELI (‚Eigentum des Candidus Elus‘) für die Anwesenheit von Auxiliartruppen, aber wirklich gesichert ist dieser Zusammenhang nicht.Problematisch dabei ist: 1) dass der Fund zwar beschrieben, aber verschollen ist, 2) dass der Fund aus der äußersten Nordwestecke des Lagers stammt und heute nicht mehr ausgeschlossen werden kann, dass er zu dem nördlich des Kastells befindlichen Steingebäude gehört, insbesondere weil 3) der Fund zwar zusammen mit vespasianischer Drag. 29 und dem Randstück einer domitianischen Barbinoschale, aber auch zusammen mit einem Sesterz des Trajan, der zwischen 103 und 111 geprägt wurde, sowie trajanischen Sigillaten entdeckt wurde.

Siedlungsspuren im unmittelbaren Kastellbereich In nur rund 20 bis 25 m Entfernung nördlich des Kastells befand sich eine Gruppe von Steingebäuden, von der sich auch der Flurname „Steinhaus“ herleitet. Ob hier eine Benefiziarierstation oder eine Villa rustica angesiedelt war, ist beim gegenwärtigen Kenntnisstand noch ungeklärt, zumal völlig offen ist, ob es sich bei dem Befund, der sich mit Unterbrechungen über gut 125 m in nördliche Richtung hangaufwärts erstreckt, um einen zusammenhängenden Baukomplex oder verschiedene einzelne Bauwerke unterschiedlicher Bestimmung handelt. Definitiv ausgeschlossen wird die Existenz eines größeren, zusammenhängenden Vicus. Schon vor dem Hintergrund der nur kurzen Nutzungszeit des Kastells scheint ein solches Lagerdorf mehr als unwahrscheinlich.

Siedlungsspuren auf dem Gebiet von Ebingen