300px|mini|Der Limes an der unteren Donau mini|Übersichtsplan des Archäologischen Parks mini|Denkmal für Anani Jawaschow mini|Lapidarium mini|Porträt eines Ehepaares auf einem Grabstein aus dem 2. oder 3. Jahrhundert mini|Detailrekonstruktionen des Kastells mini|Das restaurierte Nordtor mini|Restaurierter Hufeisenturm mit Aussichtsplattform die die ursprüngliche Höhe des Bauwerkes veranschaulichen soll mini|Reste eines Hufeisenturms mini|Turm 19 an der Südmauer mini|Befundplan der Umwehrung und Lage der im Artikel erwähnten Zwischentürme mini|Konservierte Mauern der Innenbebauung im archäologischen Park Abrittus mini|Portikus des Praetoriums mini|Eingangsbereich des Museums Abrittus (auch: Abritus, Abrittos) war ein römisches Kastell und eine Zivilsiedlung (vicus) bzw. frühbyzantinische Stadt in der Provinz Moesia beim heutigen Rasgrad (bzw. Razgrad), Oblast Rasgrad, in Bulgarien.

Im Laufe der Zeit entwickelte es sich zu einem der größten urbanen Zentren dieser Region. Das Kastell zählt zu den am besten erforschten römischen Stätten in Südosteuropa. Es war das erste Mal, dass in Bulgarien eine römische Befestigungsanlage fast vollständig ausgegraben und konserviert wurde.

Name Der antike Name der Stadt ist u. a. aus der Inschrift eines Herkulesaltars aus Kalkstein bekannt, der 1954 gefunden wurde und aus der Zeit von 139 bis 161 n. Chr. stammt., mit der Namensform Abritus. Auf einem frühchristlichen Grabstein fand sich die lateinische Inschrift CIV. ABR., die von Boris Gerov und Georgi Mihailov als Abkürzung für Civitas Abritanorum interpretiert wurde, was später auch von Teofil Iwanow bestätigt wurde. Der Buchstabe A fand sich auch in die Mauern der nördlichen Hufeisentürme, in das Nordtor und in den Ostwall eingemeißelt. Iwanow glaubt, dass sie für Abritus stehen. Abritus findet sich weiter in einer griechischen Inschrift (Fundort unbekannt), die heute im Museum von Weliki Preslaw aufbewahrt wird. Auf einer Grabinschrift des späten 3. Jahrhunderts n. Chr., gefunden in Aquileia, wird das Kastell namentlich erwähnt.: … castell(o) Abritanor(um).

Lage und Funktion Rasgrad liegt im Zentrum Nordostbulgariens, im Tal des Flusses Beli Lom, in der Landschaft Ludogorie, die zur Donautiefebene gehört. Die Topographie dieser Region weist ein ebenes bzw. leicht hügeliges Erscheinungsbild auf. Die Beli Lom ist ein Nebenfluss der Russenski Lom, die etwa 50 Kilometer weiter im Norden bei Russe in die Donau mündet, einst Standort des Kastells und Flottenstützpunktes (Classis Moesica) Sexaginta Prista.

Im Verlaufe vieler Jahrhunderte kreuzten sich hier einige Handelswege, die Zentraleuropa mit der Schwarzmeerregion und Asien verbanden. Das „Archäologische Reservat Abritus“ befindet sich rund 50 Kilometer südlich der Donau, in der Flur Chisarlik, einen Kilometer östlich von Rasgrad entfernt, entlang den Ufern des Flusses Beli Lom, und bedeckt in etwa eine Fläche von 1000 Hektar. Diese sehr fruchtbare Region wurde schon seit der Antike intensiv für Landwirtschaft, Weinbau und Viehzucht genutzt und versorgte vorrangig die Siedlungen und Militärstützpunkte an der Donaugrenze mit Nahrungsmitteln.

Abrittus diente als Festung der rückwärtigen Limeslinie, deren Besatzung die Donaugrenze des Römischen Reiches und strategisch wichtige Straßen- und Handelsverbindungen mit Odessus, der Provinzmetropole Marcianopolis und Sexaginta Prista vor Invasionen aus dem Norden schützen sollte.

Forschungsgeschichte Die erste bedeutende Entdeckung war die thrakische Vorgängersiedlung. Ihr folgte die Lokalisierung des spätrömischen Kastells bzw. der frühbyzantinischen Stadt. Zuletzt wurde auch die bulgarische Nachfolgesiedlung archäologisch untersucht.

Die Erkundungen in Abrittus begannen im Jahr 1887. 1893 entdeckte der in Rasgrad ansässige Schuldirektor Anani Jawaschow 60 m östlich des Westtores die Überreste einer Basilika aus dem 6. Jahrhundert und wahrscheinlich auch Teile des Südtores. Er hielt die Basilika allerdings aufgrund einer beim Bau wiederverwendeten antiken Inschrift fälschlicherweise für einen Tempel des Apollon. 1928 konnte der NO-Fächerturm freigelegt werden. 1930 veröffentlichte Jassow seine Grabungsergebnisse am Chisarlik.

1953 grub Teofil Iwanow weitere Teile der Basilika aus. Durch die Auffindung der Inschrift mit Nennung des Ortsnamens wurde 1954 klar, dass es sich bei den bis dahin freigelegten Ruinen um das in zahlreichen antiken Quellen erwähnte Abrittus handelte. 1955 bis 1976 wurden die Grabungen durch das Archäologische Institut der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und das Historische Museum in Rasgrad durchgeführt. In dieser Zeit gelang es, die genaue Position aller Türme und Tore zu bestimmen.

Die großflächigen Ausgrabungen mussten 1972 vorübergehend eingestellt werden, da die römischen Mauerzüge nun unter dem Gelände einer Pharma-Fabrik verschwanden. Besonders in den zentralen und in den westlichen Sektionen der archäologischen Stätte wurden sie durch das Fabrikgelände stark eingeschränkt. Die damalige sozialistische Regierung Bulgariens war jedoch nicht dazu bereit, eines der größten medizinischen Produktionszentren auf dem Balkan umzusiedeln. Die bedeutendsten Ausgrabungskampagnen standen unter der Leitung von Teofil Iwanow. Aufgrund seiner Befunde war eine exakte Rekonstruktion des Kastells möglich, basierend auch auf vergleichenden Studien mit Hilfe von antiken Quellen und ähnlichen, am Limes aufgedeckten Lagern. Die stellenweise heute noch bis zu 2 m hohen Umfassungsmauern sind größtenteils freigelegt worden. Erst in den 1990er Jahren wurden die archäologischen Untersuchungen – etwas weiter weg von der Fabrik – wiederaufgenommen.

2002 wurde in der Nähe des Museums ein Lapidarium mit 60 Inschriftensteinen eingerichtet. Die an einigen Stellen noch einige Meter hohen Überreste des Kastells wurden restauriert und konserviert und sind nun Teil eines archäologischen Schaugeländes mit angeschlossenem Museum, in dem die Funde aufbewahrt und ausgestellt werden.

In den Jahren 2007–2013 wurde Abritus durch ein EU-Projekt mit EUR 2,5 Millionen gefördert. Die Stadt Razgrad hatte einen Eigenanteil von EUR 0,5 Millionen übernommen. 2017 waren schon viele der neu errichteten Wege wieder vollkommen von Vegetation überwuchert.

Abrittus zählt zu den 100 nationalen touristischen Objekten des Landes, die vom Bulgarischen Tourismusverband zusammengestellt wurden.

Funde 1921 wurde nördlich der Chisarlik von Weinbauern 26 Bronzestatuen und Reliefs griechisch-römischer Gottheiten aus dem 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. aufgefunden. Sie sind heute im Historischen Museum von Rasgrad ausgestellt. Während der Ausgrabungen konnte auch eine große Menge an Gold- und Silbergegenständen geborgen werden, darunter ein großer Münzhort des 5. Jahrhunderts n. Chr., bestehend aus 835 Goldmünzen mit einem Gewicht von fast vier Kilogramm. Es handelte sich um Prägungen von zehn verschiedenen spätrömischen Kaisern.Stojan Stojanov: Златното съкровище от Абритус 5 в. след н.е. (deutsch: Der Goldmünzschatz von Abrittus, 5. Jh. u.Z.). Septemvri, Sofia 1982. Unter den erwähnenswerten Funden befand sich auch ein goldener Pegasos, der heute auch im Wappen von Rasgrad dargestellt wird.

Entwicklung Erste Spuren menschlicher Siedlungstätigkeit sind seit dem Jungpaläolithikum nachweisbar. Direkt am Ufer des Belo Lom liegt der Hügel von Chisarlik, unter dem sich u. a. auch eine Kulturschicht aus der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. fand. Die Wurzeln des antiken Abrittus gehen auf eine thrakische Siedlung (4. bis 1. Jahrhundert v. Chr.) zurück. Sie war wohl während der Regierungszeit der letzten thrakischen Könige die Metropole der Strategie Rysiké.Inscriptiones Graecae in Bulgaria repertae 743 (online).

Im Jahr 45 n. Chr. wurde die untere Donau Teil der römischen Provinz Moesia, nach der Teilung 86 n. Chr. der Provinz Moesia inferior (Niedermösien), in der Spätantike der neu eingerichteten Provinz Moesia secunda (Obermösien). Spätestens seit dem Jahr 78 n. Chr. waren hier auch römische Hilfstruppen stationiert. Im 2. Jahrhundert war Abrittus Standlager der Cohors II Lucensium. Das frühe Kastell wurde jedoch noch nicht erforscht. Teofil Iwanow hält es aufgrund der aufgefundenen Spolien für möglich, dass mit dem Bau des Steinkastells schon unter Marcus Aurelius oder seinem Nachfolger Commodus begonnen worden sein könnte. Bekannt wurde dieser Ort vor allem durch die Schlacht von Abrittus, in der Kaiser Decius 251 von den Goten getötet wurde,Jordanes, Getica 284. die die Donau zwischen den Kastellen von Augustae (Harlez) und Sexaginta Prista überschritten hatten. Das Lager wurde während des Gotenkrieges offenbar nicht zerstört, sondern noch zusätzlich verstärkt.

Im 4. Jahrhundert wurden Tore und Mauern unter Kaiser Konstantin dem Großen (306–327) weiter ausgebaut und noch stärker befestigt. Nach Abzug des regulären Militärs wurde das Kastell als befestigte Zivilstadt (civitas) genutzt. Abrittus wurde danach noch mehrmals zerstört jedoch immer wieder aufgebaut. Bis zu seinem endgültigen Niedergang erreichte seine bebaute Fläche eine Größe von 300 Hektar. Hier hatten sich mittlerweile neben römischen Veteranen und Thrakern auch viele Zuwanderer angesiedelt. Nach der Etablierung des Christentums als offizieller Staatsreligion des Römischen Reiches avancierte Abrittus auch zu einem kirchlichen Zentrum.

In der letzten Siedlungsphase von Abrittus wurden unter Justinian noch einmal Reparaturen an den Verteidigungsanlagen vorgenommen.Prokopios, De aedificiis 4, 11. Im Süden wurde zwischen Turm 19 und Turm 20 vor der Kastellmauer eine schmale Mauer hochgezogen. Alle Tore und Schlupfpforten wurden – bis auf das Westtor – zugemauert. Nach Hierokles war es in justinianischer Zeit der Sitz eines Bischofs und gehörte zur Kirchenprovinz Marcianopolis.Hierokles, Synekdemos 63, 6, 8. Auf dieses Bistum geht auch das Titularbistum Abrittum zurück.

585 beschädigten Angriffe der Awaren und Slawen das Kastell schwer; daraufhin wurde es aufgegeben. Vom Ende des 9. bis Anfang des 10. Jahrhunderts besetzten Bulgaren die Ruine und befestigten sie neu. Diese Festung wurde wiederum in der Mitte des 11. Jahrhunderts während des Krieges mit Swjatoslaw I., Fürst der Kiewer Rus, von den Petschenegen niedergebrannt.

Kastell Das spätantike Kastell entstand im späten 3. Jahrhundert oder zu Beginn des 4. Jahrhunderts. Es befand sich auf einer leichten Erhebung am gegenüberliegenden Ufer, westlich des frührömischen vicus. Bei Auswahl des Standortes des Kastells orientierten sich die römischen Architekten an der thrakischen Vorgängersiedlung. Die Befestigung hatte einen rechteckigen Grundriss und bedeckte eine Fläche von rund 10 Hektar. An seiner Nord- und Ostseite wurde das Lager vom Fluss gesichert. Im Süden und Westen wurde zusätzlich ein Wehrgraben angelegt der später aber wieder aufgefüllt wurde. Einige Abschnitte sind heute noch als leichte Vertiefungen erkennbar. Das Baumaterial stammte zum großen Teil aus Steinbrüchen nahe dem Kastell. Hinweise auf Marmorbrüche fehlen bisher; zur Ausgestaltung der Repräsentationsbauten musste der Stein wohl aus anderen Provinzen importiert werden. Die Versorgung mit Frischwasser wurde durch eine aus Tonröhren bestehende Wasserleitung gewährleistet. Ihr Ausgangspunkt befand sich im 5–6 km entfernten Dorf Poroliste. Die Leitung führte unter dem Südtor hindurch und reichte bis in das Zentrum des Kastells. An der Mauer wurden zahlreiche Kanäle zum Abführen des Regen- und Schmelzwassers nachgewiesen. Dieses Abflusssystem stand jedoch nicht mit der Abwasserkanalisation der Festung in Verbindung.

Umwehrung