Die Naturphilosophie ist eine philosophische Disziplin, die sich mit der Deutung und Erklärung der Natur beschäftigt. Sie versucht, die Natur in ihrer Gesamtheit aufzufassen und in ihren allgemeinen wie partikulären Strukturen zu beschreiben, theoretisch zu erklären und zu deuten. Naturphilosophie thematisiert die Charakteristika und Bedingungen der Möglichkeit der aktuellen wissenschaftlichen und lebensweltlichen Naturauffassungen und geht deren gegenseitigen Abhängigkeiten (Interdependenzen) nach. Ihr Aufgabenfeld lässt sich, entsprechend der traditionellen Gliederung der Philosophie, dreiteilen in die Analyse von Natur als Inhalt bzw. Gegenstand theoretischer, praktischer und ästhetischer Urteile.Gregor Schiemann: Naturphilosophie. [Version 2.0]. In: Thomas Kirchhoff (Redaktion): Naturphilosophische Grundbegriffe. 2012. Sie widmet sich seit der Moderne verstärkt dem Verhältnis zwischen verschiedenen Naturbegriffen.Gregor Schiemann: Naturphilosophie als Arbeit am Naturbegriff. In: Christian Kummer u. a. (Hrsg.): Was ist Naturphilosophie und was kann sie leisten? Freiburg 2009, S. 151.

Im europäischen Kulturkreis ist die ionische Naturphilosophie ein Ausgangspunkt der antiken Philosophie überhaupt. Die moderne systematische Naturphilosophie ist ein Teilgebiet der Ontologie und überschneidet sich mit der Philosophie der Physik, der Philosophie der Biologie, der Philosophie der Chemie und Philosophien anderer Naturwissenschaften bzw. umfasst diese als Teildisziplinen. Darüber hinaus umfasst Naturphilosophie – wenn man sie nicht im engen, 'analytischen' Sinne als Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften begreift – auch die Reflexion auf nicht-wissenschaftliche Naturauffassungen, in denen Natur kein kausales Wirkungsgefüge ist, sondern ein ästhetischer, symbolischer, ethisch-moralischer usw. Gegenstand.Lorenz, Stefan; Mojsisch, Burkhard; Schröder, Winfried & Kaulbach, Friedrich 2017: Naturphilosophie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie online. Schwabe Verlag, Basel; Kirchhoff, T. & Karafyllis, N.C. 2020. Einführung. In: Kirchhoff/Karafyllis/Evers/Falkenburg/Gerhard/Hartung/Hübner/Köchy/Krohs/Schäfer/Schiemann/Schlette/Schulz/Vogelsang (Hrsg.): Naturphilosophie. Ein Lehr- und Studienbuch. 2., aktualisierte und durchgesehene Auflage. UTB / Mohr-Siebeck, Tübingen 2020: XI-XVII.

Begriffsbestimmung und Methode der Naturphilosophie

Zum Begriff der „Natur“ Die europäische Naturphilosophie hat ihren Ursprung im antiken Griechenland. Das griechische Wort für Natur, „physis“, weist dabei zwei Verwendungsweisen auf. Zum einen bezieht sich physis auf die Gesamtheit aller von selbst entstandenen, nicht vom Menschen geschaffenen Dinge einschließlich ihrer späteren Veränderungen (z. B. durch Pflügen oder Ernten) sowie den Menschen selbst – dies aber erst seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Zuerst bedeutete (das vom Verbum „phyein“ – „wachsen (lassen)“, „entstehen“ – abgeleitete Nomen) physis die Natur von etwas, sein Wesen, die Essenz einer Sache.Thomas Buchheim: physis. In: Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie. München 2002, S. 345 ff. Dabei wurde das Dynamische, das innere Prinzip des Wirkens, etwa der Bewegung, betont. Es geht um Prinzipien der Entfaltung, des Erscheinens und des Wandels. Dies berührt insbesondere das Phänomen des Lebens. Die Bestimmung des Wesens des Menschen wird in der philosophischen Disziplin der Anthropologie behandelt, die – zumindest sofern mit „Wesen“, die „Natur“ oder physis gemeint ist – auch als ein Teilgebiet der Naturphilosophie verstanden werden kann. Auch die Grundlagen der menschlichen Natur für die Ethik, z. B. die Tugenden als natürliche Dispositionen, gehören zur Naturphilosophie.

Der Ausdruck „Natur“ und entsprechende Ableitungen („natürlich“, „naturwüchsig“, u. a. m.) werden immer im Gegensatz zu einem anderen Seinsbereich (z. B. Kunst/Artefakte), Prinzip (z. B. Freiheit) oder Vermögen (z. B. Vernunft) bestimmt – oftmals als Gegensatz zu „Kultur“ –, insofern letztere sich auf Artefakte bezieht, die durch menschliche Kunst oder Technik hervorgebracht sind (materiale Kultur).Götz Großklaus: Einleitung. In: G. Großklaus, E. Oldemeyer (Hrsg.): Natur als Gegenwelt. Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur. von Loeber, Karlsruhe 1983, S. 8–12.Robert Spaemann: Das Natürliche und das Vernünftige. In: O. Schwemmer (Hrsg.): Über Natur. Philosophische Beiträge zum Naturverständnis. Klostermann, Frankfurt am Main 1987, S. 149–164. So hatte schon Aristoteles (Physik II 192b) das Natürliche und das Künstliche bzw. physis und techné gegenübergestellt.

Eine weitere häufig anzutreffende Gegensatzbildung ist die von „Natur“ und „Übernatur“, die typisch für das christliche Mittelalter ist (u. a. bei Bonaventura): Natur galt als durch Gottes Eingreifen auch immer wieder von außen veränderbar. Während beispielsweise die neuzeitliche Naturphilosophie auf Objekte und Methodik naturwissenschaftlicher, empirischer Erkenntnismöglichkeiten verpflichtet ist, galt dies nach einer klassischen Unterscheidung für die spezielle Metaphysik nicht. Diese diskutiert vielmehr Thematiken wie Seele, Emanation, Gottheit und Göttliches. Unterschiedliche Klassiker ziehen diese Grenze aber unterschiedlich streng. Aristoteles beispielsweise unterscheidet als zwei Werke, Disziplinen und Gegenstandsbereiche die „Physik“ und die „Metaphysik“, behandelt nach heutiger Wissenschaftssystematik aber in der „Physik“ auch Themen der Ontologie und in der „Metaphysik“ auch naturwissenschaftliche Themen – etwa solche der Kosmologie.

Im griechischen Denken gab es keine strikte Trennung zwischen „Natur“ und Übernatürlichkeit. Vielmehr hat jede Naturbeschaffenheit zureichende, metaphysische Gründe, zu denen sie in einer Abhängigkeitsbeziehung steht und aus denen ihr natürliches Entstehen und Werden, ihre Prozesse und vielfältigen Vorkommen erklärt werden müssen. Das sind allem voran – wenn auch in völlig unterschiedlichen Akzentuierungen – die ›Vorbild-Abbild‹-Beziehung in Platons Naturbegriff des Timaios, und die ›Materie-Form‹-Gegensätzlichkeit in den ersten Büchern der Physik-Vorlesung von Aristoteles.Siehe G. Schiemann (1996), Was ist Natur?. Darin: Einleitung: Traditionslinien der Naturphilosophie (hier in der Literatur, S. 17 u. 19). Bei den Atomisten unter den antiken Griechen (Leukipp, Demokrit, Epikur) fällt Übernatürliches mit der „materiellen Natur“ zusammen, finalistische Ursachen und Zwecke werden angezweifelt.Siehe B. Russell, Philosophie des Abendlandes. (Übers. des Originals History of Western Philosophy von 1945): S. 73 f. (Koch) Berlin, Darmstadt (1950).

„Naturphilosophie“ bzw. „Philosophie der Natur“ Der deutsche Ausdruck „Philosophie der Natur“ kommt erst im 18. Jahrhundert auf und ist eine Übersetzung von dem seit der Antike gebrauchten lateinischen Ausdruck philosophia naturalis, der traditionell für die Lehre von den sinnlich wahrnehmbaren Dingen gebraucht wurde.Michael Heidelberger, Gregor Schiemann: Naturphilosophie. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Meiner, Hamburg 2000, S. 1129. Er wird im Deutschen einerseits sehr weit verwendet, so dass er beispielsweise anthropologische und phänomenologische Spekulationen zum Verhältnis von Mensch und Natur überhaupt mit umfasst, andererseits wird mehr und mehr eine enge Verwendung üblich, wie sie sich im englischsprachigen Raum schon lange etabliert hat. Demnach bezeichnet „Philosophie der Natur“ den Teilbereich der theoretischen Philosophie, welcher sich mit der Struktur der Natur inklusive der Interpretation unserer besten wissenschaftlichen Theorien darüber befasst. In beiden Verwendungsweisen ist oft ein Unterschied zur Verwendung des Ausdrucks „Wissenschaftstheorie“ üblich. „Wissenschaftstheorie“ bezieht sich dann auf allgemeinere erkenntnistheoretische (epistemologische), methodologische und spezifische Fragen zu Struktur und Wesen wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt. Da im Englischen „science“ oft im engen Sinne von rein naturwissenschaftlicher Forschung verstanden wird und andere Wissenschaften beispielsweise als „humanities“ bezeichnet werden, kann „Wissenschaftstheorie“ aber so verwendet werden, dass Themen der Philosophie der Natur mit umfasst werden.

Historische Entwicklung Antike Die Anfänge der Naturphilosophie liegen in der griechischen Antike. Die Vorsokratiker suchten nach allgemeinen, konstanten Konstitutions- und Erklärungsprinzipien der Erscheinungswelt. Dabei wurden meist ein oder mehrere einheitliche materielle Prinzipien angenommen, die einen gemeinsamen Ursprung (arché) bilden. Thales von Milet führte dazu das Wasser an, Anaximenes die Luft, Empedokles vier Elemente. Leukippos und Demokrit postulierten kleinste Teilchen: Atome. Anaximander sprach von einem Apeiron (das Unbestimmte), was eventuell mit Feuer oder Äther in Verbindung zu bringen ist. Insbesondere versuchten die Vorsokratiker die Ursachen der Bewegung der Himmelskörper zu bestimmen, was zur Entwicklung der Astronomie im antiken Griechenland führte. Auch Xenophanes, Heraklit und Anaxagoras gehörten zu den führenden Philosophen in der antiken, etwa die Zeit von 600 bis 450 v. Chr.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 6–7. umfassenden Periode der Naturphilosophie.

Viele griechische Philosophen, zuvorderst Aristoteles, schrieben eine Abhandlung mit dem Titel Über die Natur (perì phýseōs). Aufgabe der Naturphilosophie ist nach Aristoteles die Betrachtung der sinnlich wahrnehmbaren Substanzen, insofern sie bewegt und begrifflich erfassbar sind. Aus dieser Tradition entwickelte sich der Begriff Physik (enthalten auch in Werktitel wie Physica) als Inbegriff der späteren Naturwissenschaften, wenngleich die antiken Denker einen weiten Naturbegriff hatten. Zenon von Kition grenzt einen auf die Natur bezogenen Teil der Philosophie von Logik und Ethik ab. Diese Einteilung lässt sich über Cicero bis hin zu Augustin und Isidor von Sevilla nachweisen.Naturphilosophie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6, Basel 1984, Sp. 535–560, hier: Sp. 535.

Gegenstandsbereiche antiker Naturphilosophie waren u. a. Themen der Mathematik, Astronomie und Astrologie, Kosmologie, Physik, Geographie, Psychologie, Medizin, Botanik und Zoologie.

Chinesische Naturphilosophie Die von den Chinesen betriebene Naturerforschung war im Unterschied zur griechisch-abendländischen Naturwissenschaft weniger durch rational-objektive Kausalbetrachtung, sondern durch die Suche nach universellen Seinszusammenhängen in Übereinstimmung mit den Lehren von Laozi und Konfuzius und der Vorstellung vom Weltganzen (Dao) geprägt. Bereits mindestens um 1000 v. Chr. war eine Fünf-Phasen- bzw. Fünf-Elemente-Lehre ausgeprägt (Wu Xing), die mit Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde die Grundbegriffe der chinesischen Kosmologie benennt:Aihe Wang: Yinyang wuxing. In: Encyclopedia of Religion. Band 14, S. 9887–9890. Der Himmel erzeugte zunächst das Wasser, die Erde das Feuer. Dieses sind die beiden reinsten Elemente, Holz und Metall die schwersten und unreinsten. Im All existierte anfänglich nur die vermischte Urmaterie aus ruhendem und bewegendem Prinzip; diese bewegte sich und wirbelte hin und her. Die unreinen Stoffe sammelten sich im Mittelpunkt; so entstand die Erde (das ruhende Prinzip). Die reineren Bestandteile der Urmaterie wurden zu Himmel, Sonne, Mond und Sternen und bewegen sich ewig im Kreis um die Erde (das bewegende Prinzip).