Die Notfallverhütung (auch Notfallkontrazeption; umgangssprachlich Pille danach) ist ein hormonell wirksames Präparat zur Empfängnisverhütung, das nach dem Geschlechtsverkehr zur Verhinderung einer Schwangerschaft eingenommen wird. Die Wirkstoffe sind das Gestagenderivat Levonorgestrel oder der Progesteron-Rezeptor-Modulator Ulipristalacetat. Die Einnahme erfolgt so früh wie möglich innerhalb einer vom Wirkstoff abhängigen Zeitspanne nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr. Diese Medikamente sind nicht zur regelmäßigen Empfängnisverhütung geeignet und stören den natürlichen Menstruationszyklus.
Präparate zur Notfallverhütung sind in vielen Ländern rezeptfrei erhältlich, darunter in den meisten EU-Staaten wie Deutschland, Österreich, aber auch in der Schweiz und in den USA.
Abgrenzung „Die Pille“ ohne den Zusatz „danach“ ist hingegen der verbreitetste umgangssprachliche Begriff für die Antibabypille, die ab dem Beginn des weiblichen Zyklus (ab dem 1. Tag der Menstruation) täglich eingenommen werden muss, um wirksam zu sein.
Die Pille danach ist nicht zu verwechseln mit der sogenannten „Abtreibungspille“, die als Wirkstoff Mifepriston enthält.
Eine Spirale danach ist bis spätestens fünf Tage nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr möglich., Elsevier, Urban und Fischer Verlag, 2005, ISBN 3-437-56510-9.
Wirkungsweise Bei den Präparaten wird auf die ovulationshemmenden Wirkung der Wirkstoffe gesetzt. Zusätzlich werden auch andere Mechanismen wie die Behinderung der Spermien diskutiert. Auch eine Hemmung der Nidation (Einnistung) einer bereits befruchteten Eizelle wird insbesondere bei Ulipristalacetat diskutiert.J. A. Keenan: Ulipristal acetate: contraceptive or contragestive? In: The Annals of Pharmacotherapy. Band 45, Nummer 6, Juni 2011, S. 813–815, doi:10.1345/aph.1Q248. PMID 21666088.
Wirkungsmechanismus Levonorgestrel
Die Wirksamkeit von Levonorgestrel hängt ab vom Zeitpunkt der Einnahme, die bis spätestens 72 Stunden (drei Tage) nach dem Geschlechtsverkehr folgen muss. Eine mögliche Schwangerschaft wird umso wahrscheinlicher verhindert, je früher sie eingenommen wird. Bei Einnahme der ersten Dosis innerhalb von 24 Stunden liegt die Rate der Schwangerschaften bei etwa 0,6 %. Wird die Pille danach erstmals am zweiten Tag nach dem Geschlechtsverkehr genommen, beträgt die Schwangerschaftsrate etwa 1,2 % und 2,7 % bei Einnahme am dritten Tag.Horacio B. Croxatto, Maria E. Ortiz, Andrés L. Müller: Mechanisms of action of emergency contraception. In: Steroids. 2003 Nov;68(10–13):1095–8.Freimut Leidenberger, Thomas Strowitzki, Olaf Ortmann (Hrsg.): Klinische Endokrinologie für Frauenärzte. 3. Auflage. Springer Verlag, Heidelberg 2005, ISBN 3-540-44162-X, S. 226–228.
Der genaue Wirkungsmechanismus der Wirkstoffe ist nicht vollständig geklärt. Als Hauptwirkung der Pille danach wird in der medizinischen Fachliteratur die Verhinderung des Eisprungs (Ovulation) angegeben, also die ovulationshemmende Wirkung. Sollte sich die Wirkung darauf beschränken, könnte sie keine Schwangerschaft verhindern, wenn die Pille danach erst nach dem Eisprung eingenommen wird.
Der Eisprung ist die Voraussetzung für eine Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium. Die Reifung der Eizelle und der Eisprung werden durch Hormone gesteuert. Ein sprunghafter Anstieg der Konzentration des Luteinisierenden Hormons (LH) im Blut löst ca. 14 bis 16 Tage vor der nächsten Menstruation den Eisprung aus. Hormone aus der Gruppe der Gestagene hemmen die Ausschüttung von LH. Levonorgestrel – der Wirkstoff der Pille danach – ist ein künstlich hergestelltes Gestagen, das gezielt die LH-Ausschüttung und damit den Eisprung verhindert. Ist der LH-Anstieg bereits erfolgt (12 bis 24 Stunden vor dem Eisprung), so hat Levonorgestrel auf die finale Reifung des Follikels und auf den Eisprung keinen Einfluss mehr.
Neben der Wirkung auf den Eisprung wurde experimentell eine Verminderung der Beweglichkeit und Funktionsfähigkeit von Spermien durch die Wirkstoffe festgestellt. Die Gabe von Levonorgestrel führt zu einer verminderten Zahl von Spermien in der Gebärmutter. Levonorgestrel bewirkt, dass das Sekret der Drüsen der Gebärmutterschleimhaut weniger sauer wird (der pH-Wert des Sekretes erhöht sich), was eine verminderte Beweglichkeit der Spermien zur Folge hat. Daneben bewirkt Levonorgestrel ein zäheres Sekret des Gebärmutterhalses. Infolgedessen wird die Wanderung weiterer Spermien aus der Vagina in die Gebärmutter unwahrscheinlicher.
Ob Levonorgestrel die Einnistung (Nidation) befruchteter Eizellen in die Gebärmutterschleimhaut hemmt, ist wissenschaftlich umstritten. Direkte Hinweise für eine solche Nidationshemmung existieren nicht. Für indirekte Hinweise, wie beispielsweise Veränderungen der Struktur und Funktion der Gebärmutterschleimhaut durch die Gabe der Pille danach, die möglicherweise die Einnistung der befruchteten Eizelle verhindern könnten, existieren sowohl bestätigende als auch verneinende Untersuchungen. Insgesamt werden solche Effekte, die nach Befruchtung der Eizelle stattfinden können (post-fertilization effects), als wenig relevant für die empfängnisverhütende Wirkung der Pille danach angesehen. Diskutiert wird, ob die Fehlschläge der postkoitalen Schwangerschaftsverhütung darauf zurückzuführen sind, dass die Pille danach möglicherweise keinen Einfluss auf die Einnistung einer befruchteten Eizelle hat.
Wissenschaftlich gesichert ist, dass Levonorgestrel (ebenso wie Ulipristalacetat, siehe unten) wirkungslos ist, wenn sich die befruchtete Eizelle bereits in der Gebärmutterschleimhaut eingenistet hat. Die irrtümlich zu späte Einnahme von Levonorgestrel wirkt sich nicht negativ auf bereits bestehende Schwangerschaften aus.David A. Grimes, Elizabeth G. Raymond: Emergency contraception. In: Ann Intern Med., 2002 Aug 6, 137(3), S. 180–189. PMID 12160366. Volltext (PDF) annals.org; abgerufen am 18. Dezember 2008.
Ulipristalacetat
Ulipristalacetat (Handelsname ellaOne) steht als Notfallkontrazeptivum in Deutschland seit Ende 2010 zur Verfügung. Es verhindert den Eisprung noch bis wenige Stunden vor dem Zeitpunkt, auch dann, wenn bereits ein LH-Anstieg erfolgt ist. Es muss innerhalb von 120 Stunden (fünf Tagen) nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden; allerdings ist auch hier wie bei LNG die Sicherheit umso höher, je früher das Medikament nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen wird. Ulipristalacetat ist ein selektiver Progesteron-Rezeptormodulator (SPRM): Es verhindert das Andocken des körpereigenen Sexualhormons Progesteron, so dass dieses nicht wirken kann. Der Eisprung wird verhindert oder verzögert. Die Bildung von Proteinen, die für den Beginn und Erhalt einer Schwangerschaft notwendig sind, wird unterdrückt.
Ulipristalacetat wurde von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin im Februar 2013 als Standardmedikament für die Notfallkontrazeption bezeichnet. (PDF; 268 kB)
Unerwünschte Wirkungen Sehr häufig (bei über 10 %) auftretende, unerwünschte Wirkungen nach Einnahme von Levonorgestrel sind Übelkeit, Kopfschmerzen und Unterbauchschmerzen. Unabhängig von der Menstruation können Blutungen auftreten (Zwischenblutungen). Die nachfolgende Menstruationsblutung kann verspätet einsetzen; allerdings sollte ein Schwangerschaftstest durchgeführt werden, wenn die Menstruation eine Woche nach dem erwarteten Zeitpunkt noch nicht eingesetzt hat oder schwächer als üblich ausfällt. Bei Erbrechen bis zu drei Stunden nach Einnahme der Pille danach wird eine erneute Einnahme von Levonorgestrel empfohlen. Übelkeit und Erbrechen können mit Metoclopramid behandelt werden. Auch nach der Gabe von Ulipristalacetat sind die häufigsten Nebenwirkungen Unterleibsschmerzen, Menstruationsstörungen, Übelkeit und Kopfschmerzen.Produktinformation ellaOne (PDF; 227 kB) Stand 7. Januar 2015. (PDF; 187 kB)
Frauen mit einem Risiko für Eileiterentzündungen, Eileiter- oder Bauchhöhlenschwangerschaften müssen mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt klären, ob die Pille danach als Notfallverhütung für sie in Frage kommt.Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung -
Abgabevoraussetzungen für Levonorgestrel Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt aufgrund der relativ guten Verträglichkeit von Levonorgestrel, und weil eine ärztliche Untersuchung vor der Einnahme nicht nötig ist, die Pille danach rezeptfrei zugänglich zu machen, weil so ungewollte oder unerwünschte Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche vermieden werden können.Fact sheet on the safety of levonorgestrel-alone emergency contraceptive pills (LNG ECPs) (PDF, englisch; 275 kB), Department of Reproductive Health and Research, World Health Organization. In fast allen europäischen Ländern ist Levonorgestrel zur postkoitalen Empfängnisverhütung ohne Rezept erhältlich. Ausnahmen sind Polen und Ungarn. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte sprachen sich 2013 gegen eine Entlassung aus der Rezeptpflicht aus. In: apotheke-adhoc.de. 11. Februar 2013. vom 17. April 2013 Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bezweifelte eine Verbesserung der Versorgung betroffener Frauen. vom 16. April 2013 Andere deutsche Verbände und Experten sprachen sich für eine Rezeptfreistellung aus. Fürsprache kam auch 2014 von der österreichischen AGES, die die Rezeptfreistellung in Österreich (Ende 2009) als Erfolgsgeschichte bezeichnet.
Staat Status Beschreibung Deutschland rezeptfrei seit März 2015 Zum 14. März 2015 wurde die Pille danach mit dem Wirkstoff Levonorgestrel rezeptfrei, die Zustimmung Erziehungsberechtigter bei Jugendlichen ab 14 Jahren ist nicht erforderlich.Bundesapothekerkammer: Stand vom 28. Januar 2015, Abruf am 27. Februar 2015. Veranlasst durch die Entscheidung der EU-Kommission im Januar 2015, das ulipristalhaltige Notfallkontrazeptivum EllaOne verschreibungsfrei zu stellen, hatte das Bundesgesundheitsministerium im gleichen Monat einen Verordnungsentwurf zur Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung vorgelegt, wodurch Notfallkontrazeptiva sowohl mit Ulipristal als auch Levonorgestrel aus der Verschreibungspflicht entlassen werden sollten. Am 6. März 2015 stimmte der Bundesrat dem Verordnungsentwurf zu.Verordnung zur Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung und der Apothekenbetriebsordnung vom 6. März 2015 ()
Vorangegangen waren jahrelange Debatten. Bereits 2003 hatte sich der zuständige Ausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dafür ausgesprochen, Levonorgestrel zur postkoitalen Verhütung aus der Rezeptpflicht zu entlassen.Deutsches Ärzteblatt vom 14. Januar 2004 Pro familia hatte sich mit einer Kampagne für die Freigabe engagiert (2012), hingegen sprachen sich der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF) und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) gegen die Rezeptfreiheit aus (2012). Offener Brief von BVF und DGGG zur Rezepfreiheit von Levonorgestrel vom 9. November 2012
2012 hatten SPD und Linke die Regierung in zwei Anträgen im Bundestagsausschuss für Gesundheit zur Entlassung aus der Verschreibungspflicht aufgefordert, Unionsparteien und FDP lehnten im Mai 2013 – vier Monate vor der Bundestagswahl – ab.Notfallkontrazeption. „Pille danach“ bleibt rezeptpflichtig. In: Deutsches Ärzteblatt, Nr. 21/2013, S. 882.