miniatur|hochkant|Schutzumschlag des Erstdrucks 1946 Ein Zeitalter wird besichtigt sind die Memoiren Heinrich Manns, von 1943 bis zum 23. Juni 1944 im kalifornischen Exil geschrieben und im März 1946 mit einer Auflage von 3.500 Exemplaren in Stockholm erschienen. Der Aufbau-Verlag Ost-Berlin brachte das Buch 1947 mit 40.000 Exemplaren heraus.Schneider in der Ausgabe Fischer-TB, Frankfurt 1988, S. 630–631. Johannes R. Becher hatte einige Kapitel 1945 in Moskau vorabgedruckt.Klaus Schröter im Nachwort der Ausgabe 1988, S. 628 Mitte.

Besichtigt wird die Geschichte Europas, beginnend mit der Französischen Revolution über das „umfängliche Phänomen“ Napoléon bis hin zum wilhelminischen Deutschland. Genauer nimmt der Autor die Weimarer Republik und die durchlebte Zeit des Nationalsozialismus als Emigrant bis zur absehbaren Zertrümmerung des Großdeutschen Reiches unter die Lupe. Die über weite Strecken sarkastische Lektüre, eine – gerade für deutsche Leser – mitunter gallebittere Medizin, enthält etliche lesenswerte Kurzporträts von Personen der Zeitgeschichte.

Zeitalter Heinrich Mann datiert sowohl Anfang als auch Ende des Zeitalters, von dem die Rede ist, und fasst auch die Epoche des 19. Jahrhunderts zusammen.

4. August 1789. Bald nach dem Ausbruch der Französischen Revolution hebt die Nationalversammlung sowohl Feudalherrschaft als auch Leibeigenschaft auf. Der Autor bezeichnet 1789 als Jahr der „Befreiung der menschlichen Persönlichkeit“. „Das 19. Jahrhundert“ erhält „sich bis zum Schluß die Achtung vor der Intellektualität“. 6. Juni 1944. Im vorletzten Satz seiner Lebenserinnerungen schreibt Heinrich Mann: „Abgeschlossen am Siebzehnten nach dem D-day“. Ein altes Zeitalter „tritt ab“.

Von diesen anderthalb Jahrhunderten hat der Autor immerhin fast die Hälfte miterlebt und ist somit wohl zu dieser – wenngleich ziemlich eigenwilligen – Geschichtsbetrachtung autorisiert. Eigentlich könnte diese Autobiographie „Verbannung aus Europa“ heißen. Denn der Leser nimmt spätestens nach der Lektüre allzu deutlich wahr, der Autor kann seine Vertreibung aus dem Kontinent, die am 21. Februar 1933 mit einer unauffälligen D-Zugfahrt von Berlin nach Frankfurt am Main beginnt und am 13. Oktober 1940Ebersbach, S. 279. mit der Landung im Hafen von New York endet, nicht verwinden. Dabei hat Heinrich Mann „mehr Glück als Verstand“. Er „muss“ das aufschreiben. Als Ursache seiner gewaltsamen Entwurzelung sieht er „die deutschen Abenteuer, die Napoleon nachahmen“.

Bei aller Enttäuschung, bei allem Groll, ist Heinrich Mann tief dankbar, dass er sein Zeitalter durchleben durfte: „Es mitleben von A bis Z war zum Weinen und zum Lachen“.

Staaten In seinen Memoiren charakterisiert Heinrich Mann in 19 Kapiteln auf 511 Seiten unterschiedliche Staaten.

Weimarer Republik „Der kaiserliche Reichsbankpräsident Havenstein“, so spöttelt Heinrich Mann, stirbt 1923 „vor Schreck“, bevor er die Inflation begreift. Der „eilfertig angeschwollene Inflationskaufmann Stinnes“ verdiene für seine Kinder. Ende 1923 wäre die Inflation „abgebrochen“ worden. Plötzlich sei die „Goldmark“ da gewesen, nachdem „Kaufmann Stinnes, ein Komet, und seine zauberhaften Mitgestirne die greifbaren Grundlagen des nationalen Einkommens in ihren Besitz“ gebracht hätten. Schon vor 1933 hätten „die Industriellen die Alldeutschen finanziert, und hauptsächlich die hartnäckigen Forderungen der Industriellen nach eroberten Gebieten“ hätten „den Kaiser und seine Strategen bis in die vollendete Niederlage getrieben“.

Der „kranke, von niemandem geschonte“ Reichspräsident Ebert sei in München als „ungeschützter Tourist“ von den Nationalsozialisten bereits „ausgejohlt“ worden, als sie noch gar nicht Nazis geheißen hätten. Reichskanzler von Papen wäre im Ersten Weltkrieg „ein berufsmäßiger Spion gewesen“. „Hitler brachte General von Schleicher schon 1934 um“, schreibt Heinrich Mann. Und, so fährt er fort: „Die Republik hat an der vorgefundenen Machtverteilung nichts geändert. Herrschend blieben, wie je, Generäle, Großgrundbesitzer und Industrielle“. Im „Deutschland vor der Machtergreifung“ hätte die Macht „auf der Straße“ gelegen.

Nationalsozialistisches Deutschland Die „Besichtigung“ dieser verhängnisvollen Jahre nimmt in dem Erinnerungsbuch breiten Raum ein. „Die Deutschen“ hätten „ihre Regierung selbst gewählt, eigens, um hingerichtet zu werden“. „Der Terror in Deutschland“, gerichtet gegen „Sozialisten, Juden, Intellektuelle, Christen“, sei „geboten“ gewesen, „damit kein Widerspruch laut“ würde „gegen den Krieg“. Und „die deutschen Massen“ wären eigens da gewesen, „um sie zu betrügen, um sie zu verachten.“ Damit die Rüstung „nicht umsonst“ gewesen wäre, würde „Krieg sein müssen“. Der „Pakt“ vom 23. August 1939 solle „Verwandtschaft mit den Sowjets“ geheuchelt haben. Hitler habe „seine proletarischen Massen als Freunde“ geschickt. „Das“ sei „noch gefährlicher“ gewesen.

Der „Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion“ sei „auch mit moralischem Irresein nicht mehr zu erklären“. „Ihr letzter Raubkrieg“ habe „die Deutschen ihr Land“ gekostet. Heinrich Mann registriert allein in einem Monat des Jahres 1944 über zweitausend politische Hinrichtungen in Deutschland.

Sowjetunion Der Dialog Radeks im Moskauer Prozess 1937 mit dem Staatsanwalt Wyschinski wird erwähnt. Ab dem 23. August 1939, dem Tag des Nichtangriffspakts, hätten die „schweigsamen Sowjets“ in Moskau „Unterstände“ gebaut.

„Das Britische Commonwealth“ „Dank der Weisheit Englands“, so schreibt Heinrich Mann, „vergaßen die eroberten Länder, daß sie erobert waren. Die soziale Erfindung des Weltreichs ist das Commonwealth aller seine Teile“. „Es muß wohl ein geglaubtes, der Zukunft sicheres Gemeinwohl sein, wenn Kanadier, Australier, Neuseeländer, Südafrikaner, die Inder auch dabei, ungenötigt in Europa ihr Blut opfern“. Hitler habe „seine Gegner englischer Zunge vor versammeltem Reichstag Idioten“ genannt.

Frankreich „Der Dienst am Wort“: Heinrich Mann warnt acht Jahre in einer der Regierung nahestehenden französischen Zeitung vor Hitler. In Paris ist Heinrich Mann in den Jahren bis 1935 auf Versammlungen dabei, auf denen Henri Barbusse die französische Volksfront vorbereitet. Léon Blum soll Volksfrontminister werden. Blums Kontrahent ist Pierre Laval. André Gide, der seit seinem Moskau-Besuch die Sowjets anders sieht als zuvor von Paris aus, nimmt an den Zusammenkünften teil ebenso wie Louis Aragon und der Physiker Paul Langevin.

Die „Überrennung Frankreichs“ diene Hitler dazu, die deutschen Arbeiter reif zu machen für den „Überfall der Sowjetunion“. „Die Exekution jedes faschistischen Gespenstes“ koste „die lebendigen Franzosen zweihundert Erwürgte, Erschossene“.

Porträts Skizzen Heinrich Mann hat in den Text einige „novellistischen Skizzen“Dietze, S. 576. eingelegt bzw. eindringliche Bilder heraufbeschworen. „Kapitän Langsdorf“, Kommandant des deutschen „Westentaschenschlachtschiffs“ Admiral Graf Spee, erschießt sich am 19. Dezember 1939 in Buenos Aires.S. 67. Das Kapitel „Mein Bruder“S. 215. ist eine Hommage à Thomas Mann. Berlin, Unter den Linden 1906: Ein Arbeiter wird aus einem Café hinausgeworfenS. 223. Tilla Durieux tritt in Berlin auf.S. 231. Arthur Schnitzler, dem „geliebten Freund“, dem „Dichter des Todes“, wird in einem Kapitel gehuldigt.S. 234. „Félix Bertaux, Germanist, Lehrer an einem Lycée“ und Heinrich Mann luden sich nach dem Ersten Weltkrieg wechselseitig nach Paris und München ein.S. 242. „Eine Liebesgeschichte“S. 262. erzählt von einer berechnenden jungen Frau, die sich einen noch viel jüngeren Reichen angelt. Das Ehepaar avanciert zu den Kriegsgewinnlern des Ersten Weltkriegs, wird aber darüber nicht glücklich. Max Liebermann, der Freund, stirbt 1935 in Berlin.S. 343. „Die hinterbliebene Gattin vergiftet sich, als sie „nach dem Osten“ deportiert werden“ soll.S. 344. „Udet“ fragt „seinen Freund“ Hitler: „Sind Sie verrückt geworden?“S. 355. Der „Raufbold“ und „Wagehals“S. 472. Bismarck empfängt den „Literaten“ und „Streithengst“, den „Robespierre ohne Fallbeil“S. 473., Ferdinand Lassalle.S. 467.

Freund und Feind Augenzeuge Jx

Heinrich Mann will sich „mit Maßen“ einmischen. Also stellt der „Zuschauer“ dieser „Besichtigung“ sich mit „Jx“S. 148. vor. Trotzdem ist die Unterscheidung zwischen seinen Freunden und Feinden fast immer möglich. Gehöriger Abstand von den Ereignissen ist ein guter Vorsatz, den Jx selten einhalten kann. Nur zu oft schwillt Jx die Zornesader. Dann tritt er rasch zu nahe.

Freund Heinrich Mann plaudert darüber, wie sein Freund, der „gelernte Sprecher Albert Steinrück, Lakai des Publikums“ wurde.S. 229. Heinrich Mann nennt „Thomas Garrick Masaryk“ seinen wahren Freund.S. 299. Der tschechoslowakische Staatsgründer verhilft dem deutschen Emigranten, der das Tschechische falsch nachspricht, 1936 zur tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft.S. 436. Heinrich Mann schreibt anerkennend über Ernst BarlachS. 208., Max Reinhardt, den Theatermann, Anatole FranceS. 194., Ernest Renan, den Zweifler. Und er trauert um den ermordeten Freund Erich Mühsam.S. 352. Respektvoll äußert sich Heinrich Mann über Giacomo PucciniS. 284., DostojewskiS. 47. und Tolstoi. „Die Kreutzersonate“ sei „eines der Wunder des Zeitalters“.S. 49. In einem Atemzug mit seinem Lob auf Dostojewski und Tolstoi erkühnt sich Heinrich Mann zu der Behauptung, die „Oktoberrevolution“ sei die „Verwirklichung einer hundertjährigen Literatur“.S. 50. Stendhal und dessen Held „Julien Sorel“ in „Le Rouge et le Noir“.S. 22. werden gleichermaßen bewundert. Mit vorzüglicher Hochachtung schreibt Heinrich Mann über Bismarck: „Der Fürst hat von 1875 bis 90 den Frieden stark gemacht“.S. 179. 1883 – vierzehn Jahre vor den Engländern – beginnt er mit der „deutschen Arbeiterversicherung“.S. 466. Bismarck sei „eine konservative Wohltat dieses Erdteils“ [Europa] „gewesen – von seiner Bedrohung endlos entfernt“S. 471. Sympathie empfindet Heinrich Mann für die Sieger des Zweiten Weltkrieges – für Churchill, der „seine Wurzel in dem Schriftsteller Churchill“S. 32. hat und für Roosevelt, den „vergeistigtsten Typ, den Amerika kennt“.

Feind Wilhelm II.: Besonders ausgeprägt erscheint die Abneigung Heinrich Manns gegen Wilhelm II. Der Kaiser spiele den „absoluten Herrscher“. Dazu kleide er sich häufig um, reise immer, wisse alles und rede noch mehr.S. 12. Er achte nur das Geld und verbinde sich mit der Industrie. Wilhelm II. provoziere, zucke zurück und spiele „mit tödlichen Feindschaften“.S. 14. 1906 reitet der Kaiser Unter den Linden an Heinrich Mann vorüber in der „Haltung eines bequemen Triumphators. Wenn er gegrüßt“ werde, lächele „er – weniger streng als mit leichtsinniger Nichtachtung“.S. 222. Zur „Arbeitergesetzgebung“ habe der Kaiser bemerkt: „Die Kompottschüssel ist voll“ und zum Ausbruch des Krieges: „Das habe ich nicht gewollt“.S. 476.