mini|hochkant=1.4|„Und sitzt als ‚Fuchs‘ im Kneiplokal, …“ Studentensprache wörtlich genommen, Postkarte von 1903 mini|Fotografie von Füchsen der Leonensia (1883)
Ein Fuchs (teilweise auch Fux) ist ein neues Mitglied einer Studentenverbindung, das für ein oder mehrere Semester eine Probezeit absolviert, bevor es als Bursche vollberechtigtes Mitglied der Verbindung wird.
Bei manchen Corps werden Neumitglieder stattdessen Renoncen genannt. Damenverbindungen verwenden teils dieselben Bezeichnungen, teils als weibliche Form von Fuchs Fähe oder andere, eigenständige Begriffe.
Bedeutung
Kulturelle Bedeutung Der Fuchs gehört von alters her zu den verbreiteten Tieren und mythischen Mischwesen, die menschliche Eigenschaften besitzen (Personifikation) und auch menschlich handeln (Bildebene). Allgemein gilt er als „intelligent“ aber auch „verschlagen“ und kann sich wandeln.
Verweise auf eine der bekanntesten Fabeln – Vom Fuchs und Raben – des Äsop, der wahrscheinlich im 6. Jahrhundert v. Chr. im antiken Griechenland lebte, finden sich in zahlreichen europäischen (aber auch arabischen und hebräischen) Kunstwerken und Dichtungen. So taucht beispielsweise im 11. Jahrhundert in der Randborte des Teppichs von Bayeux eine Darstellung auf. Gezeigt ist der Moment, in dem der Rabe den Schnabel öffnet und der Käse herausfällt. Im 17. Jahrhundert veröffentlichte Jean de La Fontaine eine damals sehr erfolgreiche poetische Bearbeitung der Fabel. Auf deren Grundlage verfasste Gotthold Ephraim Lessing im 18. Jahrhundert unter dem Titel Der Rabe und der Fuchs eine ironische Abwandlung des Themas. Goethes „Reinecke“ bzw. Reineke Fuchs lag 1794 im Erstdruck vor.Reinecke Fuchs. In zwölf Gesängen. Berlin, 1794 (= Goethe's Neue Schriften, Bd. 2). () Der von ihm zugrunde gelegte Stoff aus dem Epos vom Reineke Fuchs geht auf mittelalterliche Fabeln und damit Äsop zurück.
Entsprechend war diese kulturelle Bedeutung im Bildungsbürgertum und an Universitäten allgemein bekannt.
Studentische Sprache
Noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein bezeichnete Fuchs in der allgemeinen Studentensprache einen Studenten in den ersten Semestern, vollkommen unabhängig von der Zugehörigkeit zu studentischen Zusammenschlüssen. Später wurden die alten, aus dem 18. Jahrhundert überlieferten studentischen Traditionen nur noch in den Studentenverbindungen weitergeführt, und der Ausdruck Fuchs wurde auf die Bedeutung „junges Nachwuchsmitglied von Studentenverbindungen“ eingeengt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bürgerte sich bei einigen spät gegründeten Verbindungen die Schreibweise Fux ein. Bei einigen Corps an bestimmten Hochschulorten wurden oder werden die Neumitglieder als Renoncen bezeichnet.
Begriffsgeschichte Im Rahmen des seit dem Mittelalter belegten universitären Initiationsrituals der Deposition gab es bereits Konzepte, die die neu an die Universität kommenden Studenten mit Tieren verglichen. Hier wurden sie als pecus campi (deutsch: „Vieh des Feldes“) bezeichnet und für das Ritual mit Zähnen, Hörnern und Fellen ausstaffiert, die ihnen dann mit überdimensionierten Werkzeugen entfernt wurden. Auf eine spezielle Tierspezies wurde dabei nicht Bezug genommen.
Durch das Ritual und die daraufhin vorgenommene Immatrikulation verlor der junge Student jedoch seine tierische Identität und wurde in die Gesellschaft der Studenten aufgenommen, auch wenn er danach im Rahmen des weitverbreiteten Pennalismus noch weitere Schikanen über sich ergehen lassen musste.
18. Jahrhundert mini|Hoch leben die Füchse und die Jungfrauen!
Die Bezeichnung „Fuchs“ ist in frühen studentengeschichtlichen Quellen seit dem 18. Jahrhundert belegt, hier auch in der lateinischen Fassung vulpes (deutsch: „Fuchs“), was eine etymologische Herleitung aus der Bezeichnung für das hundeartige Raubtier Fuchs nahelegt.
In der lateinisch abgefassten Abhandlung Dissertatio de norma actionum studiosorum seu von dem Burschen-Comment, dem 1780 veröffentlichten und damit ältesten bekannten Bericht über speziell studentische Gebräuche im deutschen Sprachraum, taucht der Begriff vulpes (Fuchs) bereits in zwei Paragraphen auf. Im § XII. werden einige typische Beleidigungen („Injurien“) aufgelistet, mit denen Studenten bezeichnet wurden, die sich nach damaliger Auffassung nicht angemessen benahmen. Diese Listen waren für das damalige Duellwesen und die benötigte Klassifizierung von Ehrverletzungen wichtig.
Als vulpes wird hier ein Student bezeichnet, der sich allzu ängstlich und übervorsichtig aufführt, was ihn damals offensichtlich dem Gespött seiner Kommilitonen aussetzte. Dazu wird auch erläutert, dass für neuangekommene Studenten diese Bezeichnung ebenfalls üblich sei, was in diesem Fall jedoch keine Ehrverletzung darstelle, vermutlich weil ein solches Verhalten für neue Studenten eher typisch sei und man von ihnen ein studentisches Benehmen noch nicht erwarten könne. Im § XIX. wird der Unterschied zwischen dem altgedienten Studenten (burschus, veteranus) und dem neu auf die Universität gekommenen (novitius) erläutert. Hier wird der Neuangekommene bei seiner Einführung öffentlich zum vulpes erklärt.
§ XII. II. VULPES, „Fuchs“, derivatur ab astutia atque callidate vulpium, qua caute circumspicere solent, et quemcunque pro aggressore et inimico habent, donec necessitate et consuetudine fiant mansueti. Novitii haud ignominiose ita nominantur; si vero veteranus ita vocatus fuerit, iniuria est. Fuchs kommt her von der List und Verschlagenheit der Füchse, mit der sie sich allenthalben umsehen, jeden für einen Feind halten und überall einen Angriff besorgen, bis sie endlich aus Noth und Gewohnheit zahm werden. Für neu angekommene Studenten ist übrigens diese Benennung nicht schimpflich; sie wird aber zur Injurie, so bald sie gegen einen alten Burschen gebraucht wird. § XIX. Ideoque veterani, actum superioritatis exercendi gratia, noviter advenientibus obviam eunt, et ludibriosi ita cum illis colloquuntur : Unde venis Nathanael ? N. Ex aedipus patris mei. Polyc. Quomodo stat alma mater ? N. Optime ! P. Hem, qui boni affers ? N. Caseum et butyrum et ioachimicos multos. P. Sis nobis hospes gratissimus. Nunc vero instruitur, quomodo se gerere debeat, et reliquis studiosis praesentatus, publice pro VULPE declaratur, quod est terminus a quo, et ita nominatur usque ad terminum ad quem, sive annum et diem. Durante primo semestri, GOLDFUCHS (quia habet nummos), secundo semestri vero BRANDFUCHS (a vulpibus samsoniticis) dicitur. Termino hoc Novitiatus praeterlapso, multis gratulationibus oculi Novitii eluuntur, quia durante novitiatu pro caeco habetur. Olim erat sic!
- Christian Friedrich Gleiß (Autor) 1780 Man darf sich daher nicht wundern, wenn bisweilen alte Bursche, um sich in ihrer ganzen Größe und Überlegenheit zu zeigen, den Neuankommenden entgegen gehn, und sie spöttisch fragen: „Woher mein lieber Nathanael?“ N. „Von Hause.“ P. „Was macht die liebe Frau Mama?“ N. „Sie befindet sich recht wohl.“ P. „So! Aber was bringst du Gutes mit?“ N. „Butter und Käse, und Thaler genug.“ P. „Sei uns willkommen!“ – Nun lehrt man ihn, wie er sich zu betragen habe präsentirt ihn den übrigen Studenten, und erklärt ihn öffentlich für einen Fuchs. Von diesem Augenblick an behält er diesen Namen bis zu einer bestimmten Zeit, nemlich, bis ein Jahr und ein Tag um ist. Im ersten halben Jahr heist er, weil er noch Geld hat, Goldfuchs, im zweyten aber bekommt er von Simsons Füchsen den Namen Brandfuchs. Ist diese Probezeit um, so werden dem Novizen unter vielen Gratulationen die Augen ausgewaschen, weil man ihn während des Fuchsstandes oder Noviziats als blind ansieht. So wurde es ehedem gehalten! - Nikolaus Balger (Übersetzer und Kommentator) 1798
19. Jahrhundert In einem Buch eines 1811 immatrikulierten Göttinger Corpsstudenten aus dem Jahre 1813 über das Leben an der Göttinger Universität findet man folgende Beschreibung:Ludwig Wallis: Der Göttinger Student. Oder Bemerkungen, Ratschläge und Belehrungen über Göttingen und das Studentenleben auf der Georgia Augusta, Göttingen 1813, S. 102.
Alternative Herleitungen
Obwohl bereits frühe Quellen die Bezeichnung Fuchs von dem hundeartigen Raubtier herleiten, gibt es auch andere etymologische oder volksetymologische Erklärungen.
Friedrich Kluge vermutete 1895 in seinem Werk über die Deutsche Studentensprache, der Ausdruck könnte an einer niederdeutschen Universität entstanden sein und auf den niederdeutschen Begriff Voß für Fuchs zurückgehen.Friedrich Kluge: Deutsche Studentensprache. Trübner, Straßburg 1895, S. 50–51. In der 23. Auflage des Etymologischen Wörterbuchs der deutschen Sprache von 1999 wird als ältere Form hingegen Fux vermutet, welches eine Umbildung von Feix wäre, für welches eine Herkunft aus Feist („Furz“) vermutet wird.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 23., erweiterte Auflage, de Gruyter, Berlin 1999, S. 289.
Ein weiteres Beispiel ist die Herleitung von faex (lat. Hefe, Bodensatz, Abschaum).Erich Bauer: Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, 4. Auflage, o. O., 1971, S. 9.
Fuchsenzeit
Aufnahme mini|„Fuchsentaufe“ auf der Rudelsburg (1885)
Der Vorgang der Aufnahme eines Studenten als Fuchs in eine Studentenverbindung hat verschiedene Bezeichnungen, die sich nach Dachverband und Verbindung unterscheiden. Üblich sind die Bezeichnungen Admission, Acception, Akzeption, Reception und Renoncierung.
Bei den meisten Verbindungen zählt das Datum der Aufnahme als Fuchs als offizielles Beitrittsdatum zur Verbindung. Nur bei den Corps hat das Datum der Reception als Corpsbursche eine größere Bedeutung.
Wenn ein Abiturient oder Student Gast einer Studentenverbindung ist und Interesse an einer Mitgliedschaft zeigt, nennt man ihn Spefuchs, von lat. in spe. Dies wird manchmal zum Spähfuchs, der die Verbindung neugierig mustert, umgedeutet. Er wird dann bei gegenseitigem Interesse zu Veranstaltungen und gemeinsamen Unternehmungen eingeladen, um die Verbindung näher kennenzulernen.
Ein Abiturient, der sich bereits während seiner Militär- oder Zivildienstzeit zu einer Mitgliedschaft entschließt, kann bei vielen Verbindungen als Militärfuchs aufgenommen werden. Er gilt als Mitglied und erhält die entsprechenden Couleurabzeichen, wird aber für die Zeit seiner Abwesenheit vom Hochschulort „beurlaubt“ und von seinen Aktivenverpflichtungen entbunden.
Rechte und Pflichten mini|Füchse des Corps Nassovia Würzburg (1896)
In der Fuchsenzeit hat das Mitglied einer Studentenverbindung eingeschränkte Rechte und Pflichten. So hat er in der Regel auf den meisten Conventen kein Stimmrecht und wird nicht zu Ämtern herangezogen. In den weitaus meisten Verbindungen ist es aber üblich, dass sich der Fuchs sofort mit Aufnahme in die Verbindung mit allen anderen Verbindungsmitgliedern, auch den ältesten, ohne weitere Formalitäten duzt.
Interessenvertretung Zur Vertretung seiner Interessen auf den Conventen gibt es die so genannten Leibverhältnisse. Hierzu wählt sich der Fuchs aus dem Kreise der Vollmitglieder einen Vertrauten, der ihm persönlich zur Seite steht. Diesen Vertrauten nennt man Leibbursch oder Leibdame (teilweise auch Leibvater oder Biervater), der Schützling ist dann sein Leibfuchs (auch Leibsohn oder Biersohn).
Aus den Leibverhältnissen entwickeln sich meist besondere lebenslange Freundschaften, die oft die späteren Familien miteinbeziehen. Da ein Leibbursch mehrere Leibfüchse haben kann, ergeben sich verzweigte Stammbäume von Leibfamilien (bzw. Bierfamilien).
Aus dem besonderen Fürsorgeverhältnis eines Leibburschen für seinen Leibfuchsen ergibt sich oft auch die Verpflichtung, ihm verschiedene Couleurgegenstände zu schenken, die in der Regel mit einer Widmung versehen werden. Die Regelungen sind sehr unterschiedlich.
Ausbildung miniatur|„O selig, ein Fuchs noch zu sein…“, Couleurkarte vor 1899