mini|Erzberger 1919 als Abgeordneter der Weimarer Nationalversammlung Matthias Erzberger (* 20. September 1875 in Buttenhausen, Königreich Württemberg; † 26. August 1921 bei Bad Griesbach im Schwarzwald, Republik Baden) war ein deutscher Publizist und Politiker (Zentrum) im Kaiserreich und in der Weimarer Republik.

Erzberger wurde 1903 Abgeordneter für die Zentrumspartei im Reichstag und dort vor allem als Kritiker der Kolonialpolitik bekannt. Er beteiligte sich an der Aufdeckung mehrerer Kolonialskandale. Im Ersten Weltkrieg schloss er sich zunächst den Annexionisten an, die Gebiete anderer Länder erobern wollten. 1916/17 erkannte er jedoch als einer der Ersten im Reichstag und in der politischen Führung die Schwäche der militärischen Position Deutschlands. Um die drohende militärische Niederlage zu vermeiden, strebte er nun einen Verständigungsfrieden mit der Entente an und initiierte im Juli 1917 die Friedensresolution des Reichstags. Dabei entstand der Vorläufer der späteren Weimarer Koalition. Im Oktober 1918 wurde er Minister, im November 1918 unterzeichnete er als Bevollmächtigter der Reichsregierung das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne, das die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs faktisch beendete. Anschließend setzte er als Reichsminister der Finanzen von 1919 bis 1920 die nach ihm benannte Erzbergersche Reform durch, die als umfangreichstes Reformwerk der deutschen Steuer- und Finanzgeschichte gilt. Eine Hetzkampagne des deutschnationalen Politikers Karl Helfferich und der damit verbundene Prozess zwangen ihn 1920 zum Rücktritt. Kolporteure der Dolchstoßlegende bezeichneten Erzberger als einen der „Novemberverbrecher“. Im Jahr 1921 wurde Erzberger von Attentätern der rechtsterroristischen Organisation Consul ermordet.

Als „Schrittmacher des Parlamentarismus in einem antiparlamentarischen Verfassungssystem“ (Theodor Eschenburg) fand Erzberger postum, vor allem in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, eine große Würdigung. Nach Eschenburg war er „eine der wenigen Märtyrergestalten in der deutschen Geschichte vor der Hitlerdiktatur“. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zählte Erzberger an seinem 100. Todestag 2021 „zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Demokratiegeschichte und zu den großen Staatsmännern der jungen Weimarer Republik“. Er habe „den Übergang vom Kaiserreich zur Republik, vom Krieg zum Frieden entscheidend geprägt“.

Leben mini|Geburtshaus, heute Erinnerungsstätte Matthias Erzberger

Kindheit, Jugend, Studium, erste Berufstätigkeit Matthias Erzberger wurde als Sohn des Schneiders und nebenberuflichen Postboten Josef Erzberger und dessen Frau Katherina (geb. Flad) in Buttenhausen geboren. Während sich die Bevölkerung des kleinen Ortes etwa je zur Hälfte aus Juden und Protestanten zusammensetzte, gehörte die aus dem nahegelegenen Gundelfingen stammende Familie Erzberger zu den wenigen katholischen Familien im Ort. Matthias war das älteste von sechs Kindern.Cord Gebhardt: Der Fall des Erzberger-Mörders Heinrich Tillessen. Ein Beitrag zur Justizgeschichte nach 1945. Mohr, Tübingen 1995, ISBN 3-16-146490-7, S. 7. In Bichishausen besuchte er die katholische Volksschule und wohnte bei seinem Großvater väterlicherseits in Gundelfingen. Einer seiner Lehrer erkannte sein Talent und schlug den Eltern vor, ihrem Sohn eine Lehrerausbildung zu ermöglichen, deren Kosten die Familie tragen konnte. Nach der Schulzeit besuchte Erzberger zunächst die Präparandenanstalt in Gmünd. Dort übersprang er eine Klasse und absolvierte den dreijährigen Lehrgang in zwei Jahren. Anschließend studierte er am katholischen Lehrerseminar in Saulgau, wo er 1894 die Volksschul­lehrerprüfung als Bester seines Jahrgangs ablegte. Bereits in dieser Zeit setzte er sich mit politischen Fragen auseinander.Epstein: Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie. 1962, S. 17 f., 22 f. Erzberger diente nicht in der Armee, weil in seinem württembergischen Heimatbezirk ein Überschuss an wehrfähigen Männern bestand.Epstein: Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie. 1962, S. 19. Er wurde zum „glühenden Katholiken“ erzogen, seine religiösen Anschauungen waren die zentralen Leitgedanken in seinem gesamten politischen Denken und Handeln.Epstein: Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie. 1962, S. 20.

Erzberger trat 1894 in den Württembergischen Schuldienst ein. Nach Tätigkeiten als Lehrerpraktikant in Marbach und Göppingen sowie als Amtsverweser in Feuerbach bei Stuttgart entdeckte ihn Josef Eckard 1895 als politisches Talent. Eckard bot ihm eine Stelle als Redakteur für das katholische Deutsche Volksblatt in Stuttgart an, was Erzberger sofort annahm. Um der Sozialdemokratie entgegenzuwirken, war 1890 der Volksverein für das katholische Deutschland gegründet worden, dessen Führung Josef Eckard und Adolf Gröber übernommen hatten, Hauptmitarbeiter wurde nun Erzberger. Zur Vorbereitung auf die neue Aufgabe begann Matthias Erzberger 1896 ein Studium des Staatsrechts und der Nationalökonomie in Freiburg im Üechtland. Gleichzeitig engagierte er sich in katholischen Arbeitervereinen und in der Zentrumspartei. Beeindruckt von der zentralistischen Disziplin und dem Zusammenhalt der sozialistischen Arbeitervereine und Gewerkschaften, beschlossen Erzberger und andere christliche Delegierte 1897 anlässlich eines internationalen Kongresses in Zürich, eine christliche Gewerkschaftsbewegung in ganz Deutschland ins Leben zu rufen. 1899 beteiligte sich Erzberger an der Gründung Christlicher Gewerkschaften in Mainz, wo er der Hauptredner war, eines Bauernvereins und des schwäbischen Handwerkerbunds.Epstein: Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie. 1962, S. 23 ff.

Im Jahr 1900 heiratete Erzberger in Rottenburg Paula Eberhard (1875–1963), die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Der Ehe entstammten zwei Töchter und ein Sohn.; Der Sohn starb 1918 als Offiziersanwärter an der Spanischen Grippe. (PDF; 1,3 MB). Wenige Monate vor der Ermordung Erzbergers trat Maria Erzberger (1902–1937), die ältere seiner beiden Töchter, 1921 in den Karmel von Echt des Karmelitenordens in den Niederlanden ein. Sie starb dort 1937. Die Witwe Erzbergers und die jüngere Tochter Gabriele (1914–1996) blieben in Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten beide in Stuttgart. Paula und Gabriele Erzberger wurden im Biberacher Familiengrab neben ihrem Mann bzw. ihrem Vater beigesetzt.Lebenslauf Matthias Erzberger. Haus der Geschichte Baden-Württemberg, abgerufen am 13. November 2021; „Der Erste Weltkrieg war ein Wendepunkt.“ Domradio Köln, 26. August 2021, abgerufen am 13. November 2021.Matthias Erzberger – ein „Märtyrer für die Sache Gottes“. Jesuiten in Zentraleuropa, abgerufen am 13. November 2021.

Bis zur Wahl in den Reichstag widmete sich Erzberger hauptsächlich der publizistischen Arbeit, wobei das zentrale Thema der Kampf gegen den Marxismus war; dieser Kampf gründete sich auf seinen starken religiösen Überzeugungen und nicht auf den Wunsch, den wirtschaftlich-sozialen Status quo im Kaiserreich zu erhalten. Erzberger galt spätestens seit 1898 als einer der „unermüdlichsten Pamphletisten Deutschlands“. Seine Polemik gegen die Sozialdemokraten zeichnete sich dabei durch das seinerzeit keineswegs selbstverständliche Bemühen aus, die sozialistischen Argumente ernst zu nehmen, aber sie aus christlicher Sicht zu widerlegen.Epstein: Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie. 1962, S. 26, 28, 30.

Abgeordneter im Reichstag Bei der Reichstagswahl 1903 wurde Erzberger 28-jährig als damals jüngster Abgeordneter mit 90,4 % der Stimmen für den Wahlkreis Württemberg 16 (Biberach, Leutkirch, Waldsee, Wangen), einer Parteihochburg der Württembergischen Zentrumspartei, in den Reichstag gewählt, protegiert von den Abgeordneten Adolf Gröber und Richard Müller. Seine Wahlpropaganda war darauf ausgerichtet, den frommen Bauern „das rote Gespenst an die Wand zu malen, und es gelang ihm mühelos, die Schwächen des sozialdemokratischen Agrarprogramms aufzudecken“.Epstein: Matthias Erzberger und das Dilemma der deutschen Demokratie. 1962, S. 32; Matthias Erzberger: Die Sozialdemokratie in früheren Tagen. Stuttgart 1903, S. 22 ff. Ohne Vermögen und anderweitige Einkommen war er im damaligen Reichstag, der noch keine Diäten kannte, ein Außenseiter, ähnlich wie die Sozialdemokraten. Er wurde zu einem der ersten bürgerlichen Berufspolitiker, indem er sich zugleich als politischer Journalist finanzierte: Er schrieb eine Fülle von Artikeln für das Deutsche Volksblatt (Württemberg) und das Zentrums-Organ Germania. Außerdem kaufte er ein eigenes Magazin auf und verbreitete darüber teilweise reißerische Enthüllungsgeschichten, die er im Zusammenhang mit seiner Arbeit im Reichstag selbst recherchierte. Nach Christoph Palmer (2007) verkörperte er einen „Politiker neuen Typs“: „Er war so gar nicht der Typ für das Honoratioren-Parlament des Kaiserreichs. Stattdessen focht er mit einer Leidenschaft, die ihresgleichen suchte, für seine Überzeugungen […] Er fühlte und handelte als Anwalt der kleinen Leute, und er wollte die konsequente Demokratisierung Deutschlands.“

Erzberger arbeitete sich schnell zu einem Experten für Militär-, Kolonial- und Finanzpolitik hoch und wurde bereits 1904, nach einem Jahr Reichstagszugehörigkeit, auf Vorschlag Gröbers in die Budgetkommission des Reichstags (d. h. den Haushaltsausschuss) berufen. Da das Budgetrecht des Reichstags im Kaiserreich sein größter Einflussfaktor war, galt auch die Budgetkommission als besonders einflussreich. Erzbergers rascher Aufstieg schuf ihm unter den langjährigen Abgeordneten viele Gegner. In der Budgetkommission übernahm er zuerst sozialpolitische, dann militärpolitische Fachaufgaben. Der preußische Kriegsminister Karl von Einem äußerte sich in diesem Zusammenhang wertschätzend über Erzberger: „Der kann immer gleich Auskunft geben und weiß viel besser Bescheid als meine Offiziere und Beamten.“

Kolonialpolitik und Reichstagswahl 1907