mini|hochkant|Bannerflagge von Niederselters Niederselters ist ein Ortsteil der Gemeinde Selters (Taunus) im mittelhessischen Landkreis Limburg-Weilburg. Überregionale Bekanntheit erhielt Niederselters ab dem 17. Jahrhundert durch seine ergiebigen Mineralquellen, die unter dem Namen Selterswasser abgefüllt und in die ganze Welt exportiert wurden. Das Dorf ist der Hauptort und der Verwaltungssitz der im Jahr 1974 neu geschaffenen Gemeinde Selters (Taunus).
Geographie Niederselters liegt im sogenannten Goldenen Grund im Tal des Emsbaches des östlichen Hintertaunus.
Die Niederselterser Gemarkung grenzt im Norden an Oberbrechen, im Osten an Eisenbach, im Süden an Oberselters und im Westen an Dauborn. Am westlichen Gemarkungsrand verläuft die Bundesautobahn 3. An den Rändern der Gemarkung befinden sich mehrere kleinere Waldstücke, während der Rest aus landwirtschaftlich genutzter und Siedlungsfläche besteht. Der Ort selbst befindet sich im Tal auf rund 170 Metern Höhe, während das Gelände rundherum auf bis zu 260 Meter ansteigt.
Geschichte mini|Ehemalige kurtrierische Kaserne, heute Rathaus der Gemeinde Selters Der östliche Hintertaunus erweist sich aufgrund neuerer Forschungstätigkeit als bedeutende Montanlandschaft, deren Erzvorkommen von der Keltenzeit bis ins Mittelalter genutzt wurden. So konnte bei Selters-Niederselters sogar ein eigenständiger, neuer Rennofentyp zur Eisenverhüttung nachgewiesen werden.PDF. Guntram Gassmann und Sabine Schade-Lindig: Neuer Rennofentyp bei Selters-Niederselters nachgewiesen - Eisenverhüttung im Hintertaunus. Denkmal Hessen 2023, Band 1, S. 60–62. Abgerufen am 22. Februar 2026.
Die Siedlung entstand an der Stelle, wo die frühmittelalterliche Hessenstraße den Emsbach überquerte. Bekanntermaßen erstmals urkundlich erwähnt wurde sie im Jahr 772 unter dem Namen Saltrissa im Lahngau in einer Schenkungsurkunde des Klosters Lorsch.In pago Logenehe, im Codex Laureshamensis III, Nr. 3170 = 3686dd Die Formulierungen dieser Urkunde legen nahe, dass der Ort zu diesem Zeitpunkt eine nicht näher fassbare Mittelpunktfunktion (Eisenverhüttung?) für einen weiteren Umkreis hatte. Diese ging aber wohl spätestens um das Jahr 900 herum verloren. Später war Niederselters bis 1366 dem Zentgericht Aumenau zugeordnet, danach dem Gericht Dauborn der Grafschaft Diez.
Niederselters stand spätestens vom Jahr 1048 an unter der Herrschaft der Herren von Molsberg, die es als Lehen vom Erzbistum Trier erhalten hatten. Vermutlich beruht diese Herrschaft auf einem alten Königsgut, wodurch Niederselters der Grafenherrschaft im Niederlahngau und später der Grafschaft Diez nicht im vollen Umfang unterworfen war. In allen Urkunden vor 1279 ist eine Unterscheidung zwischen Nieder- und Oberselters nicht möglich. Im Jahr 1334 ist erstmals ein Hubengericht mit Sitz in Niederselters fassbar. Im Jahr 1365 kaufte das Erzbistum Trier die Grund- und Lehensherrschaft über Niederselters sowie Niederbrechen teilweise von den inzwischen verarmten Molsbergern zurück und 1368 vollständig. Dies diente zur Sicherung seines Einflusses gegen das Haus Nassau, das zunehmend die Nachfolge der im Niedergang befindlichen Grafen von Diez antraten. In den folgenden Jahrzehnten erwarb Kurtrier nach und nach weitere Rechte und Leute in Niederselters von verschiedenen Inhabern. Überlieferungen der folgenden Jahrhunderte dokumentieren fortgesetzte rechtliche Auseinandersetzungen zwischen Nassau und Kurtrier über den jeweiligen Einfluss im Ort. Mit dem Diezer Vertrag von 1564 verzichtete Nassau auf alle Rechte in Niederselters und Niederbrechen, sodass Kurtrier von da an unumschränkt Landesherr von Niederselters war.
Im 13./14. Jahrhundert bildete sich die noch heute gut erkennbare Struktur eines Rundlingsdorfs heraus. Spätestens im Jahr 1590 bestand eine Befestigung. Eine Zeichnung aus dem Jahr 1686 zeigt diese in Form eines Grabens mit Zaun und einer Pforte. Graben und Zaun wurden offenbar kurz darauf niedergelegt, die Pforte wohl kurz nach 1783.
Für das Jahr 1355 ist ein Heimberger überliefert, der wohl schon zu diesem Zeitpunkt von den Niederseltersern selbst gewählt wurde. 1559 wird erstmals ein Bürgermeister erwähnt, 1579 erstmals zwei. Spätestens von 1722 an wurde das Amt des Bürgermeisters immer von zwei Personen versehen.
Kirchlich gehörte Niederselters spätestens von 1340 an zur Pfarrei Eisenbach. Dies war ein wesentliches Element der Differenzierung gegenüber dem gleichnamigen Nachbarort, der der Pfarrei Camberg angehörte und zunehmend als Oberselters bezeichnet wurde. Ebenfalls 1340 wird erstmals eine Kapelle in Niederselters genannt, der zu diesem Zeitpunkt ein ständiger Geistlicher zugeordnet war. Spätestens im Jahr 1453 war sie dem Heiligen Christophorus geweiht. Zwischen 1526 und 1569 wurde die Kapelle aus dem Kirchspiel Eisenbach entlassen und zur Kirche erhoben, wodurch Niederselters zur eigenständigen Pfarrei wurde. 1659 war der Chorturm der Kirche eingestürzt und spätestens 1686 wieder errichtet worden. 1717 erfolgte aber der Abriss dieses Kirchenbaus. Im Herbst des gleichen Jahres war der heute als „Alte Kirche“ bezeichnete Bau fertiggestellt. Die neu errichtete Pfarrkirche St. Christophorus übernahm 1909 deren Funktion. 1990 wurde die vom Verfall bedrohte alte Kirche saniert. Seitdem dient sie als Veranstaltungs- und Kulturzentrum. Das Hotel „Zum doppelten Adler“ gegenüber der neuen Kirche geht auf das 17. Jahrhundert zurück und dient heute als Pfarrheim.
Eine eigene Schule bestand spätestens im Jahr 1618. Das Gebäude befand sich in der Hintergasse. Es diente im 18. Jahrhundert auch als Backhaus und 1855 als Rathaus.
Die ersten Anordnungen der Verhütung eines Brandes im Zusammenhang mit häuslichen Feuerstätten in Textform im Kurfürstentum Trier vom 9. Mai 1721 führten auch in Niederselters zu erheblichen Verbesserungen der Bauweise der Gebäude.
Im Jahr 1363 wird erstmals Weinbau in der Gemarkung erwähnt, der wohl um die Mitte des 17. Jahrhunderts herum aufgegeben wurde. Eine Mühle bestand spätestens von 1396 an. Spätestens 1618 wurde in der Nähe des Orts Blei abgebaut, was aber wohl noch im 17. Jahrhundert wieder aufgegeben wurde. 1790 gab es wenig erfolgreiche Probegrabungen nach Eisenerz. Mit Beginn der Nutzung des Mineralbrunnens nahm das Fuhr- und Gastgewerbe einen erheblichen Aufschwung.
Zum 1. Juli 1974 wurde im Zuge der Gebietsreform in Hessen die Gemeinde Niederselters mit Eisenbach und Haintchen (beide früher Kreis Limburg) und Münster (im ehemaligen Oberlahnkreis) zu einer neuen Gemeinde mit dem Namen Selters (Taunus) im neuen Landkreis Limburg-Weilburg kraft Landesgesetz zusammengeschlossen. Für alle nach Selters eingegliederten Gemeinden wurde ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung gebildet.
Die einstige kurtrierische Kaserne wurde im Jahr 1994 durch einen Anbau erweitert und dient als Rathaus der Gemeinde Selters (Taunus).
Geschichte der Mineralquelle mini|Seltersbrunnen 1873, links der 1857 errichtete Gusseisen-Glaspavillon über der Quelle mini|Restaurierter Brunnentempel in Niederselters Einem Bericht des Gelehrten Tabernaemontanus aus dem Jahr 1584, der den ergiebigen und mineralreichen Quellen jenseits des Emsbaches eine mythische Allheilwirkung bestätigte, folgte der wirtschaftliche Aufstieg von Niederselters. Der Limburger Chronist Johannes Mechtel berichtet für das Jahr 1609 von einer neuen Brunnenfassung in Niederselters, die süßes und saures Wasser trennte. Während der europäischen Kriege des 17. Jahrhunderts scheint die Nutzung der Quelle weitgehend zum Erliegen gekommen zu sein. Ausländische Kurgäste sind erst wieder nach dem Frieden von Nimwegen im Jahr 1679 nachgewiesen. Das Kurfürstentum Trier ließ ab 1678 rund um den Brunnen einen Park anlegen und richtete im späten 17. Jahrhundert zur Abfüllung des Wassers eine vorindustrielle Manufaktur ein. Die Steingutkrüge, in denen das Wasser vertrieben wurde, stammten aus der Produktion des traditionellen Keramikreviers Kannenbäckerland. Die enge Beziehung zwischen der Wasserproduktion in Niederselters und der Region im Westerwald sowie dem örtlichen Fuhrmannswesen und der Schifffahrt auf der Lahn, über die die gefüllten Krüge transportiert wurden, sollte in den folgenden Jahrhunderten bestehen bleiben. Auseinandersetzungen um Preise für Krüge, deren Qualität, Geschäfte mit anderen Abnehmern und Fuhrkosten sind mehrfach überliefert. Der Kurbetrieb in Niederselters blieb im Vergleich zum Versand des Wassers unbedeutend.
Von 1705 an war der Brunnenbetrieb verpachtet, der Landesherr nahm aber weiterhin starken Einfluss auf die Nutzung des Wassers. In den Jahren 1715 bis 1722 erfolgten Bauarbeiten und Baumpflanzungen nach den Plänen des kurtrierischen Hofbaumeisters Philipp Honorius von Ravensteyn, um die hygienischen Bedingungen am Brunnen und das Erscheinungsbild des gesamten Orts zu verbessern. Seit 1720 ist eine militärische Brunnenwache nachgewiesen, für die der Kommandant der Festung Ehrenbreitstein zuständig war. Grund dafür dürften verstärkt vorgebrachte Ansprüche des Hauses Nassau auf den Brunnen gewesen sein. Mitte des 18. Jahrhunderts gab es wiederholte Auseinandersetzungen zwischen Kurtrier und Nassau, bei der sowohl die nahe am Brunnen verlaufende Grenze beider Territorien eine Rolle spielte als auch die Konkurrenz mit der neu entdeckten nassauischen Quelle bei Diez, Zölle, und Blockaden der Lahnschifffahrt durch Nassau.
Im Jahr 1734 wurde an der Kirche in Niederselters eigens eine Frühmesse eingerichtet, um den Mitarbeitern der Wasserabfüllung, deren Dienst zum Teil um 4 Uhr morgens begann, an Sonn- und Feiertagen den kirchlich vorgeschriebenen Besuch der Messe zu ermöglichen. 1742 erfolgten weitere Bauarbeiten an der Brunnenanlage. Im Jahr 1753 nahm der Kurfürst den Brunnen in die Verwaltung der Hofkammer, 1755 setzte er einen Brunnenarzt ein, der die Hygiene bei der Abfüllung sicherstellen und Kurgäste betreuen sollte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde mit dem Versand ein jährlicher Gewinn von bis zu 50.000 Reichstalern erwirtschaftet. 1776 begann eine neue Baukampagne. Unter anderem entstand ein teils zweigeschossiger Fachwerkbau für Brunnenverwaltung, Wache und Lagerung des Pechs zum Verschließen der Krüge. Zudem wurden drei Alleen angelegt und der örtliche Abschnitt der neuen Landstraße zwischen Limburg und Bad Camberg angelegt. Aus dieser Zeit sind Abnehmer in Skandinavien, Russland, Nordamerika, Afrika und Batavia, dem heutigen Jakarta, nachgewiesen. Insbesondere zum Schutz der Quelle wurde von 1789 bis 1792 eine Kaserne im Ort errichtet, die mit einer 25 Mann starken Jägereinheit besetzt war.
Im Jahr 1784 brach im benachbarten, aber nassauischen Oberselters eine Mineralquelle auf, was zum Rückgang der Wassermenge in Niederselters führte. In den folgenden Jahren kam es zunächst zu schriftlichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fürstentümern. 1794 ließ Nassau zunächst die Quelle anbohren und dann Kurtrier eine 800 Mann starke Militäreinheit mit zwei Kanonen vor Oberselters aufmarschieren und erzwang so das Zuschütten der Oberselterser Quelle. Nachdem beide Orte 1803 nach Nassau-Weilburg eingegliedert wurden, öffneten die Oberselterser ihre Quelle wieder, was erneut Auseinandersetzungen zwischen beiden Orten auslöste. Im folgenden Jahr musste Oberselters die Quelle wieder schließen. Erst seit 1870 wird dort fortgesetzt Mineralwasser gewonnen und vermarktet.
mini|hochkant|Mineralwasserkrug der Quelle in Niederselters aus dem 19. Jahrhundert