Als kalte Fusion bezeichnet man Verfahren, die eine als Energiequelle nutzbare kontrollierte Kernfusion von Wasserstoff-Isotopen herbeiführen sollen und dazu keine thermonukleare Reaktion, also kein Plasma mit hoher Temperatur und Dichte, benötigen. Damit grenzt sich die kalte Fusion von den Verfahren ab, die im Kernfusionsreaktor oder bei der Trägheitsfusion genutzt werden. Ein häufig gebrauchtes Synonym für die kalte Fusion ist LENR (, also Kernreaktionen bei niedriger Energie).
Erste Überlegungen zur Fusion bei niedrigen Temperaturen gab es in den 1940er Jahren in der Sowjetunion (Myonen-katalysierte Fusion). Bekannt wurde der Begriff kalte Fusion (englisch ) durch ein 1989 von den Chemikern Stanley Pons und Martin Fleischmann vorgestelltes Experiment. Sie behaupteten, eine nukleare Fusion auf elektrochemischem Weg an einer Palladium-Elektrode bei 300 K (27 °C) durchgeführt zu haben.Martin Fleischmann, Stanley Pons, Marvin Hawkins: Electrochemically induced nuclear fusion of deuterium. In: Journal of Electroanalytical Chemistry. Bd. 261, Nr. 2, , 1989, S. 301–308, doi:10.1016/0022-0728(89)80006-3; Erratum in: Journal of Electroanalytical Chemistry. Bd. 263, Nr. 1, , 1989, S. 187–188, doi:10.1016/0022-0728(89)80141-X Dies ließ kurzzeitig die Hoffnung aufkommen, dass eine neue, praktisch unerschöpfliche Möglichkeit zur Stromerzeugung und Energieversorgung gefunden worden sei. Die Labor-Ergebnisse von Pons und Fleischmann konnten jedoch nicht durch unabhängige Dritte bestätigt werden. Eine vom Energieministerium der Vereinigten Staaten eingesetzte Kommission kam zum Ergebnis, dass es sich um pathologische Wissenschaft handle.John R. Huizenga: Cold Fusion: The Scientific Fiasco of the Century. Oxford University Press, Oxford 1993, ISBN 0-19-855817-1. Als Konsequenz gehen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass eine Kernreaktion mit nennenswerter Energiefreisetzung auf diese Weise nicht eingeleitet werden kann.Bart Simon: Undead Science. Science Studies and the After Life of Cold Science Ein soziologisches Fachbuch von 2002 über das Phänomen, dass die kalte Fusion von der Mehrheit der Forscher verworfen wurde, eine Minderheit dessen ungeachtet jedoch weiter an dem Thema forscht.
Im Jahre 2023 schrieb die dem Energieministerium der Vereinigten Staaten unterstellte Forschungsbehörde ARPA-E dennoch 10 Millionen Dollar für LENR-Forschung aus.
Vorgeschlagene Funktionsmechanismen Myonen-katalysierte Fusion Überlegungen dazu stellten Ende der 1940er Jahre Frederick Charles FrankFrank Hypothetical alternative energy sources for the second meson events, Nature, Band 160, 1947, S. 525–527. und Andrei SacharowReport Lebedev Institut, April 1948, nicht veröffentlicht, aber innerhalb der sowjetischen geheimen Forschung bekannt. Erste Veröffentlichung Zeldovich Reactions caused by mu mesons in hydrogen, Dokl. Akad. Nauka SSSR, Band 95, 1954, S. 493–496 (in Russisch) an, die aufgrund theoretischer Ansätze postulierten, dass Myonen die Einleitung von Fusions-Kernreaktionen in der Art eines Katalysators erleichtern könnten. Sacharow prägte 1948 dafür auch den Begriff „kalte Fusion“.Karl Strauß: Kraftwerkstechnik: Zur Nutzung fossiler, nuklearer und regenerativer Energiequellen. 5. Auflage. Springer, Berlin u. a. 2006, ISBN 3-540-29666-2, S. 432. Luis W. Alvarez,Alvarez u. a.: Catalysis of nuclear reactions by mu mesons. In: Phys. Rev. Band 105, 1957, S. 1127–1128Bericht der New York Times, 29. Dezember 1956. der 1968 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurde, entdeckte 1956 auf Blasenkammer-Aufnahmen ungewöhnliche Spuren. Zusammen mit Edward Teller kam er zu dem Schluss, dass Myonen Kernfusionen ausgelöst hätten.
Wenedikt Petrowitsch Dschelepow fand Mitte der 1960er Jahre am Kernforschungsinstitut in Dubna heraus, dass die Anzahl der durch Myonen katalysierten Fusionen in Deuterium mit steigender Temperatur zunimmt. Eine Erklärung lieferte bald darauf 1967 der damalige Student E. A. Wesman (der mit Semjon Solomonowitsch Gerschtein zusammenarbeitete) durch Resonanzen mit komplizierteren Molekülkonfigurationen (wie drei Deuteronen mit sowohl myonischer als auch elektronischer Bindung). 1975 fand Leonid Iwanowitsch Ponomarjow, der führend in der Sowjetunion an der immer genaueren Berechnung der Energieniveaus solcher mesonischer Moleküle war, einen besonders starken Resonanzeffekt in Deuterium-Tritium-Molekülen. Der Effekt konnte in Dubna 1979 durch Dschelepow bestätigt werden, was zur Wiederbelebung des Interesses an Myon-katalysierter Fusion auch im Westen beitrug (insbesondere Steven Jones in Los Alamos).
Der Bahnradius eines Myons um einen Atomkern ist umgekehrt proportional zur reduzierten Masse des Atomkerns und des Myons. Da ein Myon im Vergleich zu einem Elektron eine wesentlich höhere Masse besitzt, liegt sein Orbital wesentlich dichter am Atomkern als bei einem Elektron. Da in die reduzierte Masse zusätzlich auch die Masse des Atomkerns eingeht, führt eine höhere Masse des Atomkerns ebenfalls zu einem dichter liegenden Orbital des gebundenen Teilchens. Trifft nun ein negativ geladenes Myon auf ein DT-Molekül (aus einem Deuterium- und einem Tritiumatom), kann es vorkommen, dass das Myon ein Elektron aus den Molekülorbitalen verdrängt und ein neues Molekülorbital bildet. Durch die enge Abschirmung der Ladung des Tritiumkerns durch das Myon werden dabei die Atomkerne rund 200-mal enger gebunden als bei dem ursprünglichen Molekül. Daher kann es vergleichsweise leicht zur Kernverschmelzung (Fusion) kommen, durch die aus dem myonischen DT-Molekül ein myonisches Helium-5-Atom entsteht. Dieses zerfällt mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,4 % in ein Helium-4-Atom, ein Myon und ein Neutron, wobei Energie freigesetzt wird:
Das freigesetzte Myon kann nach dieser Reaktion die gleiche Reaktion erneut auslösen und somit einen Fusionsprozess kettenreaktionsartig am Laufen halten. Das Myon wirkt dabei ähnlich wie ein chemischer Katalysator. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,6 % bleibt das Myon aber auch am Helium-4-Atom haften (engl. ) und steht dann für weitere Fusionsvorgänge nicht mehr zur Verfügung:
Der gesamte Zyklus vom Myoneneinfang bis zur Fusion geschieht in etwa 10−9 s. Die kurze Lebensdauer des Myons von etwa 2,2 μs begrenzt damit die Zahl der katalysierten Einzelreaktionen prinzipiell etwa auf 2000. Danach zerfällt das Myon wieder gemäß:
Für die Herstellung eines Myons mit einem Teilchenbeschleuniger werden rund 3 GeV benötigt. Eine Netto-Energiegewinnung durch den Einschuss der erzeugten Myonen in ein Deuterium-Tritium-Gasgemisch erschien zunächst möglich.W. H. Breunlich: Myon Catalyzed Fusion: Nuclear Physics A Bd. 508 (1990) S. 3–15. Dass dies trotzdem nicht der Fall ist, liegt an dem oben beschriebenen zweiten Folgeprozess, bei dem das Myon haften bleibt und damit keine weiteren Fusionsreaktionen katalysieren kann. Aufgrund des zweiten Prozesses reduziert sich gemäß den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung die durchschnittliche Anzahl der katalysierten Fusionen auf . Das Ergebnis dieser geometrischen Reihe ist . Bei dieser geringeren Anzahl an Fusionen werden nur mehr 2,9 GeV Fusionsenergie erzeugt, also weniger, als zur Herstellung eines neuen Myons nötig ist. Daher lässt sich mit diesem Prozess im statistischen Mittel keine Nutzenergie gewinnen, insbesondere wenn die zusätzliche elektrische Energie berücksichtigt wird, die zur Herstellung und zum Grundbetrieb des Teilchenbeschleunigers erforderlich ist.
Metall-katalytische Fusion Palladium besitzt die höchste Absorptionsfähigkeit aller Elemente für Wasserstoff; es kann bei Raumtemperatur das 900-Fache seines eigenen Volumens binden. Zudem hat Palladium katalytische Eigenschaften. Viele Versuche zur kalten Fusion nutzen daher Palladium.
Paneth (1926) Der erste Bericht zur Umwandlung von Wasserstoff in Helium in Verbindung mit Palladium stammt aus dem Jahr 1926 von Fritz Paneth. Bei der Erwärmung von mit Wasserstoff behandelten Palladiumpräparaten stellte er eine nicht zu erklärende Menge an Helium fest. Im darauf folgenden Jahr hatte man jedoch einige Fehlerquellen erkannt. Ein Beispiel ist die bei erhöhter Temperatur bessere Durchlässigkeit von Glas für Helium. In einer Veröffentlichung von 1927 deutete Paneth zusammen mit weiteren Autoren das Helium daher als Folge dieser Ursachen.
„Kalte Fusion“ nach Fleischmann und Pons mini|Schematische Versuchsanordnung für die elektrochemische kalte Fusion Der Begriff „kalte Fusion“ wurde durch einen zunächst als Erfolg berichteten Versuch von Fleischmann und Pons bekannt. Am 23. März 1989 berichteten Martin Fleischmann und Stanley Pons im Rahmen einer Pressekonferenz von Experimenten, bei denen sie kalte Fusion beobachtet hätten. Diese Berichte wurden als Sensation aufgenommen, denn danach wäre auf einfache Weise Energie aus schwerem Wasser freizusetzen. Für kurze Zeit gab es in der Fachwelt die Hoffnung, dass dies als praktisch unerschöpfliche Energiequelle großtechnisch nutzbar gemacht werden könnte.John R. Huizenga: Cold Fusion. The Scientific Fiasco of the Century. Oxford University Press, Oxford 1993, ISBN 0-19-855817-1. In diesem Buch berichtet der Leiter der vom amerikanischen Präsidenten eingesetzten Kommission detailliert über den Ablauf der Ereignisse.
Bei diesem Experiment soll die Verschmelzung der Wasserstoff-Isotope Protium, Deuterium und Tritium während der Elektrolyse eines Elektrolyten an der Oberfläche einer Palladium-Kathode stattgefunden haben. Als Hinweise auf eine kalte Fusion gelten der Nachweis der dabei entstehenden Helium-Atome, Tritium und Neutronen- oder Gammastrahlen (bestimmter Energie bzw. Frequenz) sowie der Nachweis einer Überschuss-Wärmeproduktion, die nicht durch chemische Prozesse erklärt werden kann.
Schon am 1. Mai 1989 wiesen die Physiker Steven Koonin, Nathan Lewis, und Charles Barnes vom Caltech auf einer Sitzung der amerikanischen physikalischen Gesellschaft Fehler der Fleischmann-Pons-Experimente nach und widerlegten deren Ergebnisse. Auch anderen Laboratorien gelang es nicht, die Fleischmann-Pons-Ergebnisse zu bestätigen, auch nicht mit um Größenordnungen empfindlicheren Messapparaturen. Fleischmann und Pons selbst konnten ihre Ergebnisse vor Zeugen nicht wiederholen.
Inzwischen hatten weltweite Forschungen eingesetzt. So wurde z. B. im Juli 1989 von einer indischen Forschergruppe des BARC (P. K. Iyengar und M. Srinivasan) und im Oktober 1989 von einer US-amerikanischen Gruppe (Bockris et al.) über die Entstehung von Tritium berichtet. Im Dezember 1990 berichtete Richard Oriani von der Universität Minnesota über Überschusswärme bei Versuchen zur kalten Fusion.
Die amerikanische Regierung setzte eine Kommission des Energieministeriums (DOE) ein, um die möglichen Auswirkungen auf die nationale Energieversorgung untersuchen zu lassen. Die Kommission des DOE kam im November 1989 zum Schluss, dass „die gegenwärtigen Hinweise auf die Entdeckung eines neuen kernphysikalischen Prozesses, genannt ‚kalte Fusion‘, nicht überzeugend seien“.“[…] that the present evidence for the discovery of a new nuclear process termed cold fusion is not persuasive.”
Über die innerhalb von wenigen Monaten zunächst aufgebaute Euphorie mit anschließender Enttäuschung wurde in den allgemeinen Medien breit berichtet.
Eine erneute Veröffentlichung von Fleischmann trug dazu bei, dass sich das DOE in den Jahren nach 2003 nochmals der Sache annahm. Trotz der seit 1989 weiter fortgeschrittenen Technik der kalorimetrischen Messung und den durchgeführten Folgeexperimenten kommt das DOE zum gleichen Ergebnis wie 1989 und rät von einer gezielten Förderung der Erforschung der beschriebenen Effekte zur Entwicklung einer alternativen Energiequelle ab.Studie des DOE von 2004 (PDF; 242 kB)
Forschungsarbeiten Weltweit führen einige Forschergruppen bis heute wissenschaftliche Untersuchungen in dem Themenbereich „kalte Fusion“ bzw. LENR durch, zum Teil auch mit neuen Ansätzen.