mini|180px|Der Altstadtmarktbrunnen mini|Altstadtrathaus und Brunnen mini|Die Altstadt (rot dargestellt) um 1400 mit dem Altstadtmarkt im Zentrum
Der Altstadtmarktbrunnen, in jüngster Zeit gelegentlich auch als Marienbrunnen bezeichnet,Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. In: Braunschweiger Werkstücke. Reihe B, Band 9 bzw. Band 70. Braunschweig 1988, S. 35: ist ein Brunnen, der seit seiner Errichtung Ende November 1408 auf dem Altstadtmarkt in Braunschweig steht. Neben dem Braunschweiger Löwen gehört der Altstadtmarktbrunnen zu den wenigen freistehenden Monumenten internationalen Ranges in der Stadt.Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. In: Braunschweiger Werkstücke. Reihe B, Band 9 bzw. Band 70. Braunschweig 1988, S. 7.
Es handelt sich um einen spätgotischer Drei-Schalen-Brunnen, der, wie auf dem Rand der untersten Schale in lateinischer Sprache zu lesen ist, im Jahre des Herrn 1408 am Vorabend von St. Katharinen, das heißt am 24. November 1408 gegossen wurde („anno d[o]m[ini] MCCCC VIII vigilia katerine fusa est“).Günter Jahn: Der Altstadtmarkt in Braunschweig – Geschichte und Geschichten. In: Stadtarchiv und Öffentliche Bücherei Braunschweig. Kleine Schriften Nr. 18. 2. Auflage, Braunschweig 1998, S. 27. Das verwendete Gussmaterial ist Blei aus dem etwa 50 Kilometer südlich der Stadt gelegenen Rammelsberg bei Goslar.
Die drei unterschiedlich großen, pyramidenförmig angeordneten Schalen sind mit zahlreichen Wappen, Figuren, floralem Schmuck sowie mittelniederdeutschen und lateinischen Inschriften versehen. Vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein diente der Quellbrunnen zur Versorgung der Braunschweiger Altstadt mit Trink- und Löschwasser.
Wer den Brunnen entwarf, wo er gegossen wurde und wer den Guss ausführte, ist nicht bekannt. Ebenso unbekannt sind jene, die die Figuren, Buchstaben und sonstigen Verzierungen schufen oder das Tabernakel anfertigten.Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. In: Braunschweiger Werkstücke. Reihe B, Band 9 bzw. Band 70. Braunschweig 1988, S. 41.
Wasserversorgung der Altstadt mini|In der Mitte die Heilige Katharina, Schutzpatronin der Gewandschneider
Seit etwa 1345Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. In: Braunschweiger Werkstücke. Reihe B, Band 9 bzw. Band 70. Braunschweig 1988, S. 13. existierte eine als Pipen bezeichnete hölzerne Wasserleitung, die, in etwa 1,70 m Tiefe verlegt, den Brunnen auf dem Altstadtmarkt speiste. Das Wasser stammte vom ca. zwei Kilometer westlich der Stadttore gelegenen Jödebrunnen. Über dieselbe Leitung wurde auch der unweit gelegene Kohlmarktbrunnen gespeist. Die Versorgung des Brunnens auf dem Altstadtmarkt mit Wasser vom Jödebrunnen bestand bis 1865.Städtisches Museum Braunschweig (Hrsg.): Die Ausstellung ‚Geschichte der Stadt Braunschweig’ im Altstadtrathaus. Teil 1, S. 36–37. Verantwortlich für den Unterhalt der Pipen war eine sogenannte Pipenbrüderschaft. Anton August Beck weist in der Beschriftung seiner Zeichnung aus dem Jahr 1753 (siehe rechts) darauf hin, dass Barward Tafelmaker, Angehöriger einer solchen Bruderschaft, im Jahre 1530 neue Holzrohre zum Brunnen auf dem Altstadtmarkt verlegte.
Vorläufer Vor der Errichtung des Altstadtmarktbrunnens stand an gleicher Stelle der „Jogetborn“ oder „Jungborn“, der in einer Quelle aus dem Jahr 1402 erwähnt wird.Jürgen Hodemacher: Braunschweigs Straßen – ihre Namen und ihre Geschichten, Band 1: Innenstadt. S. 20. Es war ein hölzerner Ziehbrunnen mit Trögen für das geförderte Wasser. Dieser Brunnen trug denselben Namen wie die Quelle, die ihn speiste.N. N.: Der Brunnen auf dem Altstadtmarkt zu Braunschweig. Anläßlich der Einweihung des von der Stadt Braunschweig wiederhergestellten Brunnens am 4. Dezember 1951. Braunschweig 1951, S. 10. Ende 1408 wurde er durch den aus Stein und Metall gefertigten Nachfolger ersetzt, der zunächst den alten Namen behielt und erst zu einem unbekannten späteren Zeitpunkt nur noch als „Altstadtmarktbrunnen“ bezeichnet wurde.N. N.: Der Brunnen auf dem Altstadtmarkt zu Braunschweig. Anläßlich der Einweihung des von der Stadt Braunschweig wiederhergestellten Brunnens am 4. Dezember 1951. Braunschweig 1951, S. 14.
Errichtung und Anspruch Mit der Errichtung des Altstadtmarktbrunnens wurden mehrere Ziele verfolgt: zum einen die Versorgung der Bürger mit frischem, sauberem Quellwasser, verbunden mit der Darstellung religiöser Inhalte, zum anderen mit einem „handfesten, profanen städtischen Anliegen“, der politischen (Selbst-)Darstellung der Hansestadt und ihrer Bürger, insbesondere der Zunft der Gewandschneider, deren Zunfthaus, das Klipphaus, direkt an den Altstadtmarkt grenzte und deren Schutzpatronin die auf dem Brunnen abgebildete Heilige Katharina ist. Um dieses „Anliegen“, die Repräsentation, zu unterstreichen, wurde der Brunnen im Zentrum der Altstadt errichtet und war ursprünglich (zumindest an seiner Spitze) reich bemalt und vergoldet und vom Wappen der Altstadt, dem steigenden Braunschweiger Löwen, gekrönt. Dieses Altstadtwappen galt bereits 1408 als Wappen der gesamten Stadt, noch bevor dies im Wappenbrief von 1438 bestätigt wurde.Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. In: Braunschweiger Werkstücke. Reihe B, Band 9 bzw. Band 70. Braunschweig 1988, S. 35. Nach einer Vielzahl langwieriger, schwerer, aber überwundener innerstädtischer Konflikte (siehe Große Schicht von 1374–1380) stand die Stadt zu Beginn des 15. Jahrhunderts innenpolitisch selbstbewusst, wohlhabend und stark nach außen da. Diese Stärke sollte, so der Wunsch ihrer Bürger, zur Reichsunmittelbarkeit führen.Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. In: Braunschweiger Werkstücke. Reihe B, Band 9 bzw. Band 70. Braunschweig 1988, S. 12.
Material und Aufbau
mini|hochkant|Löwenkopf als Wasserspeier
Material Ursprünglich – das heißt, vor seiner Zerstörung am 15. Oktober 1944 – hatte der Altstadtmarktbrunnen eine Höhe von etwa 9 m,Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. In: Braunschweiger Werkstücke. Reihe B, Band 9 bzw. Band 70. Braunschweig 1988, S. 23–24. heute misst er noch 8,30 m.N. N.: Der Brunnen auf dem Altstadtmarkt zu Braunschweig. Anläßlich der Einweihung des von der Stadt Braunschweig wiederhergestellten Brunnens am 4. Dezember 1951. Braunschweig 1951, S. 19. Er besteht aus Naturstein (Dolomit) und Metall (Blei). Erst 1847 entstanden das achteckige Fundament mit dem rundum laufenden ebenfalls achteckigen Brunnenbecken sowie der runde untere Brunnenschaft, auf dem die größte der drei Brunnenschalen sitzt.Städtisches Museum Braunschweig (Hrsg.): Die Ausstellung ‚Geschichte der Stadt Braunschweig’ im Altstadtrathaus. Teil 1, S. 39. Bis dahin standen lediglich mehrere große Steintröge vor dem Brunnen. Als Material wurde Salzhemmendorfer Dolomit verwendet.Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. In: Braunschweiger Werkstücke. Reihe B, Band 9 bzw. Band 70. Braunschweig 1988, S. 158. Die erste Stufe der Brunnenanlage besteht aus einem Sandstein, der dem Velpker Sandstein ähnelt. Alle anderen Werksteine sind aus Dolomit. Das Vorkommen dieses regionalen Dolomits, das zu dieser Zeit häufig in Braunschweig verbaut wurde, reicht von Lemgo, Minden und Hildesheim bis in den Braunschweiger Raum. Wo der Stein für den Brunnen gebrochen wurde, ist nicht bekannt. Die drei Schalen sowie die Zwischenstücke zum Tabernakelaufsatz sind aus elf Tonnen Rammelsberger Blei gegossen.N. N.: Der Brunnen auf dem Altstadtmarkt zu Braunschweig. Anläßlich der Einweihung des von der Stadt Braunschweig wiederhergestellten Brunnens am 4. Dezember 1951. Braunschweig 1951, S. 31–32.
Das vom Jödebrunnen kommende Quellwasser wurde über eine Leitung im Inneren des Brunnenschaftes bis in die Wasserspeier am Baldachin gefördert. Von dort fließt das Wasser durch vier Speier in Form von Fabelwesen (Drachen) in die oberste und kleinste Schale. An ihr sind wiederum vier Wasserspeier in Form von Löwenköpfen angebracht. Zu jeder der beiden restlichen Schalen gehören ebenfalls vier Löwenkopf-Wasserspeier, die versetzt zu den jeweils darüber befindlichen Speiern in den Schalenrand eingelassen sind. Insgesamt hat der Brunnen 16 Wasserspeier, davon vier Drachen und zwölf Löwenköpfe.
Die Restaurierung der Metallteile führte 1847 der Braunschweiger Erzgießer Georg Ferdinand Howaldt durch. Die damals fehlenden Füllungen des Helmdaches, Maria mit dem Kinde, vier Evangelisten und die Fahne wurden von Howaldt erst 1852 ergänzt.
Aufbau Wegen seiner etagenweisen Konstruktion zählt der Brunnen zu den „Stock-“ oder „Schalenbrunnen“, die sich immer am Ende einer Wasserleitung befinden. Das Wasser wird über eine hölzerne Leitung im Inneren der Brunnenkonstruktion bis an die höchste Stelle gefördert, von wo aus es mittels zahlreicher Überläufe in die unteren Schalen verteilt wird. Die vertikale Struktur, durch die Geometrie der pyramidenförmigen Anordnung der Becken noch betont, vermittelt dem Betrachter im Zusammenspiel mit der fast schlichten symmetrischen Gesamtform ein klares, geschlossenes Ganzes.Erhard Metz, Gerd Spies (Hrsg.): Der Braunschweiger Brunnen auf dem Altstadtmarkt. In: Braunschweiger Werkstücke. Reihe B, Band 9 bzw. Band 70. Braunschweig 1988, S. 20–21.
Untere Schale
Die untere der drei Schalen ist die größte und schwerste. Sie hat einen Durchmesser von 1923 mmN. N.: Der Brunnen auf dem Altstadtmarkt zu Braunschweig. Anläßlich der Einweihung des von der Stadt Braunschweig wiederhergestellten Brunnens am 4. Dezember 1951. Braunschweig 1951, S. 26. und wiegt rund 75 Zentner. Wie die anderen Bleibecken wurde auch dieses zunächst ohne schmückendes Beiwerk gegossen. Erst anschließend lötete man die zahlreichen Figuren, Wappen, Sprüche und sonstigen Verzierungen aus Blei auf die fertigen Becken. Am oberen Rand befindet sich ein umlaufendes Schriftband; darunter sind zahlreicher Personen abgebildet. Bis auf den ersten Spruch zum Gusstag, der in Latein abgefasst ist, sind alle anderen Texte Bibelzitate, die hauptsächlich die Bedeutung des Wassers hervorheben und – für die Zeit bemerkenswert – in der Sprache des Volkes geschrieben wurden, nämlich in Mittelniederdeutsch:
„David: des waters i[n]vlot de stat godes vrolich dot. Elyseus: s. u.[n]t hebbe ik se maket gar / un[n] w[er]de[n] nicht mer unvruchtbar. Salomon: alle wat[er] i[n] dat mer ga[n]. Ysaias: we[n] dorste de kome hir an. Elias: he scloch de watere un[n] entwe sint se ghedelet. Samuel: here we[n]te i[n] dosse[n] dach / a[men]“N. N.: Der Brunnen auf dem Altstadtmarkt zu Braunschweig. Anläßlich der Einweihung des von der Stadt Braunschweig wiederhergestellten Brunnens am 4. Dezember 1951. Braunschweig 1951, S. 13.
In hochdeutscher Übertragung lauten diese Inschriften: „David: Des Wassers Einflut macht die Stadt Gottes fröhlich“ . „Elisa: Gesund habe ich die Wasser gemacht ganz und gar und sie werden nicht mehr unfruchtbar sein“ . „Salomo: Alle Wasser gehen in das Meer“ . „Jesajas: Wen dürstet, der komme heran“ . „Elias: Er schlug die Wasser und in zwei Teile sind sie geteilt“ . „Samuel: Herr bis auf diesen Tag. Amen!“Günter Jahn: Der Altstadtmarkt in Braunschweig – Geschichte und Geschichten. In: Stadtarchiv und Öffentliche Bücherei Braunschweig. Kleine Schriften Nr. 18, 2. Auflage, Braunschweig 1998, S. 142.