Die Kleintenreks (Microgale), manchmal auch als Spitzmaus- oder Langschwanztenreks bezeichnet, sind eine Säugetiergattung aus der Unterfamilie der Reistenreks (Oryzorictinae) innerhalb der Familie der Tenreks (Tenrecidae). Es handelt sich um kleine Vertreter der Tenreks, die in ihrem Habitus den Spitzmäusen ähneln. Typisch sind der spindelförmige Körper, die kräftigen Gliedmaßen und der langschmale Kopf. Das Fell besitzt eine weiche Textur, der Schwanz variiert je nach Art auffällig in seiner Länge, bei einigen wird er nur halb so lang wie der restliche Körper, bei anderen übertrifft er die Körperlänge um das doppelte.
Die 21 bekannten Arten der Kleintenreks kommen endemisch in Madagaskar vor, ein größerer Teil ist an die tropischen Regenwälder im Osten des Inselstaates angepasst, ein geringerer Teil bewohnt auch die trockeneren Gebiete im Westen. Über die Lebensweise liegen kaum Informationen vor, die Tiere leben versteckt und werden selten gesichtet. Allerdings bestehen aufgrund des variierenden Erscheinungsbildes, hervorgerufen durch die unterschiedliche Schwanzlänge und Fußgröße, verschiedene Anpassungstypen, die von baumkletternd, über bodenlebend bis zu unterirdisch grabend reichen. Einzig eine Form, der Wassertenrek, ist an ein Leben im Wasser angepasst.
Die Gattung wurde im Jahr 1882 eingeführt, zusammen mit einer lang- und einer kurzschwänzigen Form. Bis zu den 1930er Jahren waren bereits fast zwei Dutzend Arten beschrieben worden, deren Gültigkeit im Einzelnen aber diskutiert wurde. Insgesamt blieben die Informationen spärlich und die Anzahl an bekannten Individuen eher gering. Erst im Zuge einer intensiven Erforschung der biologischen Vielfalt Madagaskars, die in den 1990er Jahren einsetzte, stieg das Wissen über die Tiergruppe stark an. Genetische Untersuchungen aus dem Jahr 2016 berücksichtigten erstmals alle bekannten Vertreter und brachten so Einblick in die bestehenden Verwandtschaftsverhältnisse.
Merkmale Habitus Kleintenreks ähneln den – auf Madagaskar nicht vorhandenen – Spitzmäusen und haben offenbar die gleichen ökologischen Nischen besetzt wie diese. Sie gehören zu den kleineren Vertretern der Tenreks, ihre Kopf-Rumpf-Länge variiert von 4,7 bis 6,6 cm beim Zwergkleintenrek (Microgale parvula) und beim Gnomkleintenrek (Microgale pusilla) bis zu 12,2 bis 17,0 cm beim Wassertenrek (Microgale mergulus). Das Körpergewicht schwankt demzufolge von 2,1 bis 4,2 g bei den kleinsten und von 80 bis 105 g bei den größten Formen. Der Schwanz ist bei den einzelnen Arten unterschiedlich lang ausgebildet, er kann nur die Hälfte der Länge des übrigen Körpers einnehmen wie beim Kurzschwanz-Kleintenrek beziehungsweise beim Grandidier-Kleintenrek (Microgale grandidieri) oder aber die Kopf-Rumpf-Länge um mehr als das Doppelte übertreffen, etwa beim Kleinen Langschwanz-Kleintenrek (Microgale longicaudata) sowie beim Großen Langschwanz-Kleintenrek (Microgale principula). In absoluten Zahlen ausgedrückt reicht die Schwanzlänge von 3,3 bis zu 17,1 cm. Der Körper besitzt einen charakteristisch spindelförmigen Bau, die Gliedmaßen sind kurz und kräftig. Die Schnauze ist langgestreckt, die Ohren ragen aus dem Fell, auffallend sind außerdem die langen Vibrissen. Das Fell hat eine weiche Textur, seine Färbung variiert an der Oberseite von rötlichbraun über verschiedene Braun- und Grautöne bis fast schwarz, die Unterseite ist meist heller gefärbt. Hände und Füße verfügen über jeweils fünf krallenbewehrte Strahlen, bei denen die drei mittleren zumeist kräftiger gestaltet sind. Auf der Unterseite befinden sich jeweils vier Hautpolster, eines je an der Basis des ersten und fünften Strahls und je eines an der Basis zwischen den zweiten und dritten sowie dritten und vierten Strahl. Zusätzlich sind noch ein Thenar und ein Hypothenar ausgebildet, beide jedoch besitzen reduzierte Größen.
Schädel- und Gebissmerkmale Die Schädelgröße variiert stark, die größte Länge reicht von 15,5 bis 32,0 mm Länge, die größte Breite am Hirnschädel von 6,0 bis 16,5 mm. Insgesamt zeigt er innerhalb der Gattungen nur wenige Änderungen. Er ist langgestreckt und schmal, das Rostrum läuft bei den meisten Arten spitz zu. Auffallend erscheint der ausgedehnte hintere Schädelteil gegenüber dem vorderen, dass Verhältnis beträgt beim Cowan-Kleintenrek (Microgale cowani) 0,52:0,48. Bei den anderen Tenreks präsentiert sich das Verhältnis umgekehrt und verstärkt sich bei den Igeltenreks (Tenrecinae) durch die Verlängerung des Rostrums. Ein charakteristisches Merkmal stellt der nicht geschlossene Jochbogen dar. Das paarige Nasenbein ist abweichend von anderen Tenreks nicht verwachsen, ebenso ist kein Scheitelkamm ausgebildet.
Die Kleintenreks besitzen gegenüber dem vollständigen Gebiss der Höheren Säugetiere eine nur wenig reduzierte Zahnanzahl, lediglich der vorderste Prämolar ist zurückgebildet. Das Gebiss setzt sich somit aus 40 Zähnen zusammen und hat folgende Zahnformel: . Die jeweils vorderen beiden Schneidezähne sind immer größer als der dritte, wobei in der oberen Zahnreihe häufig der erste, in der unteren der zweite Incisivus am größten ausgebildet ist. Der Eckzahn ähnelt den Schneidezähnen und ist dadurch nur wenig spezialisiert. Ähnliches ist für die vorderen Prämolaren zu sagen, die zumeist einfach gestaltet sind. Die vorderen Zähne bis einschließlich der vorderen Prämolaren tragen häufig zusätzliche kleine Höckerchen vor und hinter der Zahnkrone, zudem sind sie je nach Art durch Diastemata mit variierender Position und Länge voneinander getrennt. Der hintere Prämolar ähnelt den nachfolgenden Molaren, letztere zeigen bei den Kleintenreks nur wenige Unterschiede. Die Mahlzähne zeichnen sich durch ein zalambdodontes Kauflächenmuster aus. Es besteht aus drei Haupthöckern (Para-, Proto- und Metaconus; bezogen auf die Oberkiefermolare) in dreieckiger Anordnung, wobei der Paraconus eine besonders große und pyramidenförmige Gestalt aufweist. Die letzte obere Mahlzahn ist charakteristisch in seiner Größe reduziert, vor allem die hinteren Teile des Zahns.
Skelettmerkmale Am postcranialen Skelettbau ist die geringere Anzahl an Brust- und Lendenwirbeln auffallend, die zusammengenommen bei den Kleintenreks 21 bis 22 Elemente umfassen gegenüber 22 bis 23 bei den nahe verwandten Reistenreks (Oryzorictes) oder bis zu 24 beim entfernter verwandten Großen Tenrek (Tenrec). Die Anzahl der Schwanzwirbel schwankt stark, je nach Länge des Schwanzes setzt sie sich beim Cowan-Kleintenrek aus 24, beim Gnomkleintenrek aus 32 und beim Kleinen Langschwanz-Kleintenrek aus 44 bis 52 Wirbeln zusammen. Letztere verfügen somit neben dem Langschwanzschuppentier (Phataginus tetradactyla) über die höchste Zahl an Einzelwirbeln im Schwanz bei heutigen Höheren Säugetieren.
Verbreitung Kleintenreks gehören zu den endemischen Bewohnern von Madagaskar. Sie kommen in einer Vielzahl verschiedener Habitate vor, sind aber in der Regel auf dichte Vegetation angewiesen. Ein Großteil der Arten ist an die tropischen Regenwälder und mitunter auch an Marschlandschaften des östlichen Teils der Insel angepasst. Diese zeigen dabei mit nur wenigen Ausnahmen ein ausgedehntes Verbreitungsgebiet, dass sich, häufig Nord-Süd orientiert, in einem mehr oder weniger breiten Streifen über nahezu die Gesamtlänge der Insel von 1300 km Länge zieht. Auffallend ist bei diesen Arten auch die weite Höhenverbreitung, die von den unteren und mittleren bis zu den höheren Gebirgsstufen um 2500 m reicht, wie etwa beim Drouhard-Kleintenrek (Microgale drouhardi), der in Höhen von 360 bis 2350 m vorkommen kann, oder beim Zwergkleintenrek (Microgale parvula), der zwischen 450 und 2050 m Höhe auftritt. Ein geringerer Teil der Arten besitzt sowohl geographisch als auch in der Höhenverbreitung ein eingeschränktes Verbreitungsgebiet, hier gehört der Gebirgs-Kleintenrek (Microgale monticola) dazu. Weniger als ein Viertel der Vertreter besiedelt die trockeneren Landschaften im Westen, die einzelnen Vorkommen sind mit Ausnahme des Kurzschwanz-Kleintenreks (Microgale brevicaudata) räumlich begrenzt. Auffällig ist vor allem, dass in den Gebirgslandschaften des östlichen Madagaskars zahlreiche Arten der Kleintenreks mehr oder weniger sympatrisch auftreten. So sind am Tsaratanana-Massiv in der Provinz Mahajanga insgesamt ein Dutzend Arten nachgewiesen, im Waldgebiet von Tsinjoarivo in der zentral-madagassischen Provinz Antananarivo sind es ebenso viele, während in mehreren anderen Regionen bis zu zehn verschiedene Vertreter vorkommen können. Prinzipiell ist die unterschiedliche Nischennutzung der Kleintenreks weitgehend unerforscht. In einzelnen Regionen ließen sich Abweichungen in der Höhenverteilung einzelner Arten feststellen, etwa beim Kleinen (Microgale longicaudata) und beim Großen Langschwanz-Kleintenrek (Microgale principula) am Anjanaharibe-Massiv in der Provinz Antsiranana, in anderen untersuchten Gebieten konnte dies aber nicht bestätigt werden.
Lebensweise Allgemein Die Lebensweise der Kleintenreks ist nur wenig untersucht, sie leben eher versteckt und werden nur selten in freier Wildbahn gesichtet. Zu den wenigen besser untersuchten Arten gehören der Wassertenrek (Microgale mergulus) und der Cowan-Kleintenrek (Microgale cowani). Die Kleintenreks sind landbewohnend mit Ausnahme des Wassertenreks, der als einziger Vertreter der Tenreks an eine semi-aquatische Lebensweise angepasst ist. Im Allgemeinen beruhen die Einschätzungen zum Verhalten der weiteren Arten auf den äußerlichen Merkmalen, seltener auf tatsächlichen Beobachtungen. So wird für den Kleinen (Microgale longicaudata) und den Großen Langschwanz-Kleintenrek (Microgale principula) oder den Major-Langschwanz-Kleintenrek (Microgale majori) eine teils baumkletternde Fortbewegung angenommen, an die sie mit einem langen, beweglichen Schwanz und verlängerten Füßen angepasst sind. Der lange Schwanz fungiert dann als Greiforgan, was zumindest beim Kleinen Langschwanz-Kleintenrek nachgewiesen ist. Die eher kurzschwänzigen Arten wie der Kurzschwanz-Kleintenrek (Microgale brevicaudata), der Nacktnasen-Kleintenrek (Microgale gymnorhyncha) beziehungsweise der Grazile Kleintenrek (Microgale gracilis) sind dagegen wohl teils unterirdisch grabende Formen. Dafür sprechen auch die bei diesen Arten eher breit ausgebildeten Füße mit langen Krallen sowie die kleinen Augen und ebenfalls kleinen, fast unter dem Fell verborgenen Ohren. Tiere mit intermediären Schwänzen, die etwa die Länge des übrigen Körpers erreichen, gelten dagegen als Bodenbewohner, so der Cowan-Kleintenrek (Microgale cowani), der Thomas-Kleintenrek (Microgale thomasi) oder der Taiva-Kleintenrek (Microgale taiva). Über Aktivitätszeiten der Tiere liegen kaum Informationen vor, einige Arten wie der Kleine Langschwanz-Kleintenrek sind nachtaktiv. Teilweise legen Tiere auch Nester als Schutz und Unterschlupf an.
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