Harry und Platte (im franz. Original Tif et Tondu) sind von Fernand Dineur erfundene und zunächst auch gezeichnete Comicfiguren. Er entwarf sie 1938 für das französisch-belgische Comicmagazin Spirou des Verlags Dupuis. Die Serie wurde dann von anderen Zeichnern und Textern weitergeführt, wobei Will als der Hauptzeichner der Serie für über 40 Jahre eine herausragende Stellung einnimmt.
Veröffentlichungsgeschichte
Die Frühzeit der Serie (1938–1954)
Die beiden Abenteurer waren seit der ersten Ausgabe des Journal de Spirou vom 21. April 1938 vertreten. Im ersten Abenteuer Les Aventures de Tif agiert Platte (frz. Tif) zunächst noch allein, doch bereits auf der fünften Seite stößt er auf einer einsamen Insel auf den gestrandeten Harry (frz. Tondu), der ihn fortan nicht wieder verlässt. Bei Dineur sind die Figuren noch sehr schematisch dargestellt. Die Zeichnungen sind einfach gehalten und weniger detailliert als unter seinen Nachfolgern, nur so konnte Dineur sein extrem hohes Arbeitstempo durchhalten. Zusätzlich sind die Geschichten noch sehr einfach gestrickt und kein Vergleich zu den späteren Szenarien.
Als Dineur nach fast zehn Jahren nahezu unununterbrochener Publikation in Spirou 1948 elf Episoden von Tif et Tondu im Konkurrenzmagazin Héroïc-Albums veröffentlichte, kaufte ihm Dupuis die Rechte an der Serie ab mit dem Ergebnis, dass ab 1949 Will die Reihe als Zeichner übernahm, während Dineur vorerst weiter die Szenarien schrieb. Bis 1990 blieb Will der Serie, die sich unter seiner Feder zu einem klassischen Vertreter der humorvollen Detektivserie entwickelte, treu, während die Texter häufiger wechselten. Aufgrund von Dineurs engen Vorgaben litt noch die zeichnerische Entwicklung der Serie. Erst nach dem endgültigen Verkauf der Rechte von Dineur an Dupuis änderte sich die Lage. Unter zwei von Luc Bermar geschriebenen Abenteuern und einem von Ben (Albert Desprechins) konnte Will seinen Stil ohne Dineurs Vorgaben finden.
Die Ära Rosy (1955–1968)
Der Mangel an einem festen Szenaristen führte schließlich über Umwege zum Durchbruch der Serie. In dem Jahr 1955 wurde Maurice Rosy mehr durch Zufall für viele Jahre der feste Texter der Serie. Unter Rosy wurde die muntere Abenteuerserie vielschichtiger. Fantastische und rätselhafte Elemente traten verstärkt in den Vordergrund, insbesondere in Gestalt des maskierten Kriminellen Schock. Es war klar geworden, dass Harry und Platte einen starken Gegenspieler brauchten, welcher das eher normale Auftreten der Protagonisten kompensieren konnte. Mit der Figur des Schock, welche an Fantômas angelehnt wurde, hatte die Serie zunehmend Erfolg, während Wills Zeichnungen nunmehr ihre endgültige Form annahmen.
Ende 1958 verließ Will den Verlag Dupuis für einige Jahre. 1960 und 1961 ließ das Spirou-Magazin zeitweilig Abenteuer durch Marcel Denis als Texter und Zeichner realisieren, um Will zu ersetzen, doch der Bruch war zu offenkundig, sodass dies eine kurze Episode blieb. Erst nach der Rückkehr von Will zu Dupuis kamen ab 1964 auch Harry und Platte, nach wie vor in Zusammenarbeit mit Rosy, wieder zurück.
Die Ära Tillieux (1968–1978)
1968 gab Rosy wegen vielfältiger anderer Aufgaben für den Verlag Dupuis die Mitarbeit an der Serie schließlich auf. Neuer Texter wurde Maurice Tillieux, unter dem die Serie sich stärker in Richtung einer semi-realistischen klassischen Detektivserie entwickelte, wobei die phantastischen Elemente aber nie vollständig aufgegeben wurden. Auch der Zeitgeist der anbrechenden 70er wurde in der Serie reflektiert. Unter Tillieux wurden zudem neue Nebenfiguren wie die Comtesse Amélie („Kiki“) und Inspektor Fixshusset eingeführt.
Die Figur des Schock dagegen taucht nicht auf, wohl auch, weil Rosy weiterhin die Rechte an der Figur hielt und daher seine Genehmigung hätte geben müssen. Zudem war Tillieux der Figur gegenüber eher abgeneigt eingestellt.
Die Ära Desberg (1979–1990)
Nach dem plötzlichen Unfalltod von Tillieux wurde ab 1978 Stephen Desberg der neue Texter, nachdem er schon in den beiden vorherigen Geschichten Der Abgrund des Todes und Die Kapuzenmänner als Assistent mitgewirkt hatte. Die Serie widmete sich nun auch stärker politischen Themen, so etwa Faschismus, politische Agitation und organisierte Kriminalität. Auch die phantastischen Elemente wurden nun wieder stärker betont.
Unter Desberg kehrte auch die Figur des Schock zurück, welcher während der Ära Tillieux nicht genutzt wurde. Anders als Tillieux erkannte Desberg das noch immer sehr große Potential des Charakters, und nach Erlaubnis von Maurice Rosy entwickelte er die Figur des Schock weiter, um besonders dessen Skrupellosigkeit und Wahl der (brutalen) Mittel herauszustellen.
Die Ära nach Will (ab 1990)
Nachdem er über 40 Jahre lang für die zeichnerische Umsetzung der Abenteuer von Tif et Tondu verantwortlich gewesen war, zog sich Will 1990 zusammen mit Desberg von der Serie zurück. Das Duo Alain Sikorski (Zeichnungen) und Denis Lapière (Szenarios) fertigte in den Folgejahren noch insgesamt 6 Kurzgeschichten und 5 albenlange Erzählungen an. Aber die Kritik an den allzu generischen Handlungen und der Wegfall der zeichnerischen Klammer von Will ließen die Popularität der Serie sinken. Im Jahr 1997 wurde die Reihe nach einer Laufzeit von knapp 60 Jahren eingestellt.
Von 2014 bis 2019 erschien die dreibändige Prequel-Serie Schock – Die Geister von Knightgrave, geschrieben von Stéphan Colman und gezeichnet von Éric Maltaite (dem Sohn von Will). In diesem Dreiteiler wird ausführlich gezeigt, wie ein Mann durch die Härten des Lebens zu dem bösartigen Verbrecher Schock wird. Die Kontinuität der Hauptserie wird eingehalten, und die Geschichte endet ganz kurz, bevor Schock das erste Mal auf Harry und Platte trifft.
Ab 2018 adaptierte der Franzose Blutch alias Christian Hincker die Episode Mais où est Kiki? (dt. Wo ist Kiki?) nach einem Szenario seines Bruders Robber (ebenfalls ein Pseudonym). Die Erstveröffentlichung erfolgte 2018/19 in drei Teilen in Schwarzweiß, die Albumausgabe in Farbe erschien Anfang 2020. Parallel dazu entstand ein Kurzroman von Robber in enger Verknüpfung mit der Comic-Erzählung (L'Antiquaire sauvage – un roman de Tif et Tondu), zu dem Blutch Illustrationen beisteuerte und der 2019 separat in einer kleinen, limitierten Auflage veröffentlicht wurde.
Veröffentlichung in Deutschland
In Deutschland wurden die Abenteuer von Tif et Tondu ab 1970 unter dem Titel Gin und Fizz durch verschiedene Publikationen des Kauka-Verlags bekannt. In den Jahren 1982 und 1983 erschienenen sechs Abenteuern im Semic Verlag – ebenfalls als Gin & Fizz –, bevor der Carlsen Verlag zwischen 1988 und 1994 17 Alben der klassischen Serie von Will veröffentlichte. Dabei wurde der Serienname in Harry und Platte geändert, obwohl die ebenfalls von Maurice Tillieux geschaffenen Serie Gil Jourdan (deutsch: Ein Fall für Jeff Jordan) in früheren Kauka-Veröffentlichungen den zum Verwechseln ähnlichen Namen Harro und Platte trug.
Nach einer Pause von sieben Jahren wurde die Comic-Reihe ab 2001 bei Salleck Publications fortgesetzt. Dort erschien ab August 2011 eine deutsche Übersetzung der französischsprachigen Gesamtausgabe, beginnend mit den Alben von Will und Rosy. Für die Gesamtausgabe wurden die Alben komplett neu übersetzt, um sie näher an das Original heranzubringen und die Namen zu vereinheitlichen. In diesem Zug wurden auch die Titel der ersten sechs Geschichten näher an denen der französischen Originale übersetzt.
Nachdem in Belgien seit 2017 eine neue Gesamtausgabe herausgebracht wird, die diesmal vollständig chronologisch ist und auch das bis dato fehlende Material von Will sowie von Marcel Denis enthält, wurde die bisherige Gesamtausgabe von Salleck nach dem 3. Band abgebrochen. Stattdessen wurde eine deutschsprachige Edition der neuen Gesamtausgabe begonnen.
Auch die Prequel-Serie wurde in Deutschland bei Salleck veröffentlicht, ebenso wie der Einzelband von Blutch und Robber.
Charaktere
Hauptpersonen
Platte (Carlsen, Salleck) / Fizz (Kauka, Semic) (orig.: Tif) Er ist zunächst die alleinige Hauptfigur der Serie, bevor sein Kumpel Harry sehr früh zu ihm stößt. Wie sein deutscher Name nahelegt, ist er kahlköpfig (sein Name im Original bedeutet aber genau das Gegenteil). Er ist eine Spur bedächtiger und zurückhaltender als sein Freund Harry, dennoch ist vor allem er es, dem die meisten (meist peinlichen) Missgeschicke passieren, wodurch dann sein Temperament durchbricht.Erstes Auftreten in Les Aventures de Tif. Harry (Carlsen, Salleck) / Gin (Kauka, Semic) (orig.: Tondu) Er tritt erstmals auf der fünften Seite der ersten Episode auf. Er wird als schiffbrüchiger Kapitän des gesunkenen Frachters Marius vorgestellt. Nach diesem ersten Zusammentreffen weicht er nicht mehr von Plattes Seite. Wie sein deutscher Name zeigt, hat er eine volle Haarpracht (sein Name im Original besagt aber das Gegenteil). Von dem Duo ist er es, welcher besser darin ist, schnell einen Plan zu machen, was zu tun ist.Erstes Auftreten in Les Aventures de Tif. Herr Schock (orig.: Monsieur Choc) Er ist der Dauerrivale von Harry und Platte. Als der Chef der weltweit verzweigten kriminellen Vereinigung "Die Weiße Hand" besitzt er große Ressourcen. Sein Gesicht ist stets hinter einer weißen, einem Ritterhelm nachempfundenen Maske verborgen, weshalb seine wahre Existenz ein permanentes Rätsel bleibt. Nach seiner ersten Niederlage ist er neben seinen Plänen darauf bedacht, Harry und Platte aktiv zu schaden.Erstes Auftreten in Die Weiße Hand (Tif et Tondu contre la main blanche).
Wiederkehrende Nebencharaktere
Inspektor Allumette (Salleck) / Inspektor Zündholz (Kauka, Semic) (orig: L'inspecteur Allumette) Ein Inspektor der französischen Polizei. Er kommt mit Harry und Platte in Kontakt, als er zu deren Schutz vor Attentätern von Schock abgestellt wird. Allumette ist hochkompetent und Harry und Platte meistens einen Schritt voraus. Später unterstützt er sie des Öfteren, wenn Schock in Frankreich aktiv wird.Erstes Auftreten in Die Rückkehr des Schock (Le retour de Choc). Inspektor Fixchusset (orig.: L'inspecteur Fixchusset) Ein Inspektor beim Scotland Yard und Freund von Harry und Platte, welcher es in seiner Laufbahn auch vor der Freundschaft mit Harry und Platte schon mit Schock zu tun hatte. Zudem ist er ein ausgezeichneter Schütze. Er unterstützt Harry und Platte bei Fällen, die in und um London stattfinden.Erstes Auftreten in Jagd auf den Unsichtbaren (L'ombre sans corps). In der Carlsen-Ausgabe heißt Fixchusset zunächst Inspektor Foster (Band 1, 4), bei seinem nächsten Auftauchen in Band 10 Inspektor Fixmint und schließlich in Band 16 Inspektor Fixshusset. Comtesse Amélie d'Yeu (orig.: genauso) Sie ist die Erbin eines zunächst unbedeutenden Adelssitzes, findet aber mit Hilfe von Harry und Platte heraus, dass sie sehr vermögend ist. Sie besteht später darauf, beide auf vielen Abenteuern zu begleiten, und möchte nur mit ihrem Kosenamen „Kiki“ angesprochen werden, da ihr der normale Name zu lang ist.Erstes Auftreten in Der Plan der Kobra (Tif et Tondu contre le cobra).
Harry und Platte weltweit
Die Geschichten sind weltweit in vielen Sprachen unter unterschiedlichem Namen erschienen:
Deutsch: Harry und Platte (aktuell; Carlsen, Salleck) / Gin und Fizz (früher; Kauka, Semic) Englisch: Tif and Tondu Französisch: Tif et Tondu Niederländisch: Baard en Kale Schwedisch: Tim och Tommy Spanisch: Tif y Tondu
Die Geschichten
Wie die meisten Serien des Magazins Spirou wurden die Abenteuer von Tif et Tondu einige Zeit nach der Erstveröffentlichung von Dupuis als Alben herausgebracht. Dabei wurde jedoch das Frühwerk von Fernand Dineur nicht berücksichtigt. Die Albenreihe beginnt erst mit den nach der Übernahme der Serie durch Will entstandenen Comics. Die ersten Abenteuer, die noch von Dineur getextet wurden, sind hier ebenfalls nur teilweise einbezogen.