mini|Gabriele D’Annunzio (1889) rahmenlos|rechts|klasse=skin-invert-image
Gabriele D’Annunzio (eigentlich: d’Annunzio; seit 1924 Principe di Montenevoso (Fürst von Montenevoso); * 12. März 1863 als Gabriele Rapagnetta-d’Annunzio in Pescara; † 1. März 1938 in Gardone Riviera) war ein italienischer Schriftsteller des sinnlichen Ichkults und Dichter des Fin de Siècle und spätromantischer Vertreter des Symbolismus. Er gilt als ein Ideengeber des italienischen Faschismus und Mentor Benito Mussolinis, ohne allerdings jemals bekennendes Mitglied der Faschistischen Partei gewesen zu sein.Michael Arthur Ledeen: „Preface“. D’Annunzio: the First Duce. Transaction Publishers 2001. ISBN 978-0-7658-0742-7.
Im Mai 1915 war er als ultra-nationalistischer Propagandist maßgeblich daran beteiligt, die öffentliche Meinung, die einen Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg bis dahin weit überwiegend abgelehnt hatte, in ihr Gegenteil zu verkehren. Nach dem Krieg war D’Annunzio 1919/20 Führer der kurzlebigen, international nicht anerkannten Italienischen Regentschaft am Quarnero im heutigen Rijeka. Nach D’Annunzio ist die Universität Chieti-Pescara benannt.www.unich.it
Leben mini|Geburtshaus in der Altstadt von Pescara Herkunft Gabriele D’Annunzio war der Sohn eines reichen Landbesitzers und Bürgermeisters, der ursprünglich Francesco Rapagnetta („kleine Rübe“) geheißen hatte. Im Alter von 13 Jahren wurde Francesco von seinem Onkel Antonio D’Annunzio adoptiert, weshalb er nach damaligem Recht den Namen D’Annunzio annahm.
Gabriele wurde laut Geburtsurkunde mit den Nachnamen Rapagnetta-d’Annunzio eingetragen. Das von seinem Vater dabei willkürlich gewählte kleingeschriebene d täuschte einen nicht vorhandenen Adelstitel vor. Gabriele unterzeichnete zeit seines Lebens stets mit „Gabriele d’Annunzio“.Vittorio Martinelli: La guerra di D’Annunzio. Da poeta e dandy a eroe di guerra e «Comandante». Gasperi, Udine 2019, S. 17.
Literarische und journalistische Tätigkeit D’Annunzio studierte in Florenz und an der Universität La Sapienza in Rom. Als 16-jähriger Gymnasiast debütierte er als Lyriker mit Primo vere, das er auf eigene Kosten drucken ließ und das sich stark an die Dichtung Giosuè Carduccis anlehnt. 1881 ließ sich D’Annunzio in Rom nieder, wo er bis 1889 als Journalist für die Zeitung Tribuna arbeitete und schnell Zugang zur aristokratischen Gesellschaft fand. Ein Jahr später gelangte er mit dem Gedichtband Canto novo zu erster Bekanntheit. Die darin enthaltenen Gedichte preisen die Freuden des Lebens und sind bestimmt vom Versuch einer neuen, elitären Sprachgebung. 1883 heiratete D’Annunzio die Gräfin Maria Hardouin di Gallese. In den 1890er Jahren wandte er sich dem Schreiben von Romanen zu. Trionfo della morte (Triumph des Todes, 1894) ist eine Beschreibung des Lebens in den Abruzzen. Bekannt wurde auch die von ihm erfundene karthagische Sagengestalt Maciste.
Nach 1898 galt D’Annunzios Begeisterung dem Theater. Großen Einfluss auf sein Werk hatte die Liebesbeziehung mit der italienischen Schauspielerin Eleonora Duse, die von 1897 bis 1902 andauerte. An ihrer Seite entwarf er auch Pläne zur Konzeption eines italienischen Nationaltheaters. Er widmete der Duse mehrere Stücke, einschließlich der Tragödien La Gioconda (1898) und Francesca da Rimini (1901), die von der unglücklichen Liebesgeschichte handelt, die bereits in Dantes Göttlicher Komödie erwähnt wird. D’Annunzios Drama wurde später von Riccardo Zandonai vertont (→ Francesca da Rimini). 1901 lernte D’Annunzio Karl Gustav Vollmoeller kennen, der 1902 für den S. Fischer Verlag D’Annunzios Francesca da Rimini ins Deutsche übertrug. 1910 übersetzte Vollmoeller auch D’Annunzios Roman Forse che si, forse che no (Vielleicht schon, vielleicht auch nicht) ins Deutsche. Neben der Dichtung verband D’Annunzio und Vollmoeller die Liebe zur Fliegerei. Ihr Besuch der berühmten Flugschau von Brescia ist u. a. durch einen Artikel Franz Kafkas überliefert, der beide Dichter dort beobachtete. Die Handlung des Romans Il fuoco (Das Feuer, 1900) ließ die italienische Leserschaft enge Parallelen zu der Beziehung zwischen D’Annunzio und der Duse erkennen. Die Tragödie La figlia di Jorio (1904), die allgemein als sein poetischstes und leidenschaftlichstes Drama gilt, spielt mit Elementen des bäuerlichen Lebens in den Abruzzen. Ihr schreibt man zudem die spätere Verbreitung des Namens Ornella zu. mini|Gabriele d'Annunzio: Il Libro delle Vergini, Carabba, 1917 Zwischen 1909 und 1912 arbeitete er zusammen mit dem Komponisten Ildebrando Pizzetti für die Oper Fedra nach dem antiken Phaidra-Stoff. Bereits 1910 war er wegen hoher Schulden, bedingt durch seinen luxuriösen Lebensstil, ins „freiwillige Exil“ nach Frankreich geflohen, um seinen Gläubigern zu entkommen. Während dieser Zeit schrieb er mehrere Werke in französischer Sprache, deren bekanntestes Le Martyre de Saint Sébastien (Das Martyrium des heiligen Sebastian, 1911) ist, ein lyrisch-dramatischer Text, den Claude Debussy vertonte.
Politik mini|Gabriele D’Annunzio um 1920 D’Annunzio engagierte sich oft politisch. Im Jahre 1897 wurde er als Kandidat der Konservativen für die XX. Legislaturperiode bis zum 17. Mai 1900 in die Abgeordnetenkammer gewähltEintrag im Portale storico der Camera dei deputati, nahm es mit den politischen Ausrichtungen aber nicht zu genau: So gab er 1900 den radikalen Linken seine Stimme.
Er befürwortete 1915 den Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg, den er auch als Redner publikumswirksam forderte. Der Krieg und seine Heroisierung spielten in Leben und Werk D’Annunzios eine zentrale Rolle. Er selbst war im Ersten Weltkrieg begeisterter Soldat. Allerdings bewegten sich auch hier seine Hoffnungen häufig weit jenseits der erreichbaren Realität.
Legendär geworden ist D’Annunzios Propagandaflug über Wien, der Hauptstadt des Kriegsgegners Österreich, am 9. August 1918, kurz vor Ende des Krieges. Eine Staffel von zehn einsitzigen und einem zweisitzigen Ansaldo S.V.A.-Flugzeugen (in letzterem saß D’Annunzio) brach zu diesem Flug auf; drei davon mussten vor Grenzübertritt notlanden, ein vierter Pilot in Österreich, wo er verhaftet wurde, die restlichen sieben erreichten ihr Ziel. Vom Flugzeug aus ließen sie keine Bomben, sondern Tausende von Flugblättern in zwei Ausführungen auf Wien herabflattern, die mit den Farben der italienischen Fahne bedruckt waren. Die eine war zweisprachig bedruckt, Italienisch und Deutsch, die zweite stammte von D’Annunzio selbst und war rein Italienisch. Der Text von letzterem fasste in reißerischen Propagandaparolen die sozialen und politischen Ansprüche Italiens zusammen, und am Schluss stand: „Das Drohen der Schwinge des jungen italienischen Adlers gleicht nicht der finsteren Bronze im morgendlichen Licht. Die unbekümmerte Kühnheit wirft über Sankt Stephan und den Graben das unwiderstehliche Wort, Wiener! Viva l’Italia.“Maria Gazzetti: D’Annunzio, Gabriele. Monographie. Hamburg 1989, S. 105.D’Annunzios Flug über Wien (1918). In: reise-nach-italien.de. Abgerufen am 10. Juli 2013.
Fiume: Italienische Regentschaft am Quarnero Nach Kriegsende führte er im September 1919 eine Gruppe Freischärler, die so genannten Arditi, sowie Teile der regulären italienischen Armee bei der Besetzung der Adria-Stadt Fiume an, das Waffenstillstandsabkommen unterlaufend. Damit reagierten die Besatzer auf die Pariser Friedensverhandlungen, nach denen Italien die zuvor zu Österreich-Ungarn gehörende Stadt möglicherweise nicht hätte annektieren dürfen. Zuvor machte das von D’Annunzio geprägte Wort von der vittoria mutilata, vom „Verstümmelten Sieg“, in Italien die Runde. Die Herrschaft in Fiume mit D’Annunzio im Mittelpunkt nahm dabei wesentliche Elemente des Faschismus vorweg: Die Fixierung auf einen Führer, die Massenmobilisierung sowie viele andere Elemente, die später bei den italienischen Faschisten ebenso wie bei den deutschen Nationalsozialisten wieder auftauchten.Tobias Zick: Führerkult, Unterdrückung und orgiastische Feste. In: Süddeutsche Zeitung. 12. September 2019. Abgerufen am 19. August 2021.
D’Annunzio schuf in Fiume ein Gegenbild zur nüchternen bürgerlichen Gesellschaft Italiens, sodass auch Lenin ihn einen Revolutionär nannte. In seinem Hass auf die Pariser Konferenz und deren angebliche Feindschaft gegen Italien hatte er eine Art Lehre vom Befreiungskampf der durch plutokratische Nationen unterdrückten Völker entwickelt, zu denen er neben den Italienern auch Deutsche, Sowjetrussen und Ägypter rechnete.
Nach Fiume mini|D’Annunzios Villa am Gardasee Nachdem D’Annunzio sich nach einer militärischen Intervention durch die italienische Regierung im Dezember 1920, in der eine Granate des Schlachtschiffes Andrea Doria sein Arbeitszimmer traf, gezwungen gesehen hatte, die Stadt zu verlassen, eignete er sich eine beschlagnahmte Villa bei Gardone Riviera am Gardasee an. Ursprünglich hatte er erklärt, an der Spitze seiner Truppen fallen zu wollen, erklärte dann aber, für „dieses“ Italien nicht sterben zu können. Seine Anhänger zerstreuten sich im ganzen Land und wurden nicht selten zu den wertvollsten Kadern der Faschisten. D’Annunzio betrachtete sich nach der Zeit in Fiume offenbar zunächst als politischen Gegenspieler Benito Mussolinis und wurde von diesem auch als solcher aufgefasst. 1922 bemühte er sich darum, vom König den Auftrag zur Bildung einer Regierung zu erhalten. Zeugnis hiervon legt die 1971 edierte Korrespondenz Carteggio D’Annunzio – Mussolini (1919–1938) ab.Renzo De Felice, Emilio Mariano (Hrsg.): Carteggio d’Annunzio-Mussolini (1919–1938). Mondadori, Mailand 1971. Mussolini kam ihm aber mit seinem Marsch auf Rom zuvor.
mini|Grabmal Gabriele D’Annunzio (Ausschnitt der Gesamtanlage) in Gardone Fortan zog sich D’Annunzio in seine Villa am Gardasee zurück, die er später Il Vittoriale degli italiani taufte und dem italienischen Volk vermachte. 1924 wurde er auf Vorschlag der faschistischen Regierung von König Viktor Emanuel III. geadelt und erhielt den in der Primogenitur erblichen Titel eines Principe di Montenevoso; zudem veröffentlichte ein staatliches Institut das literarische Gesamtwerk des Dichters.
D’Annunzio ließ sich von der faschistischen Regierung bis zu seinem Lebensende seinen weiterhin aufwändigen Lebensstil finanzieren. Er reduzierte seine politischen Aktivitäten, ging nur in nebensächlichen Fragen auf Konfrontation zu Mussolini und den Faschisten und lobte außerdem die territorialen Expansionsbestrebungen der Faschisten in Afrika, die seinen nationalistischen Vorstellungen des Mittelmeeres als italienischem „Mare Nostrum“ entsprachen.
D’Annunzio starb am 1. März 1938 in seiner Villa bei Gardone Riviera, die bereits vorher von der Regierung zur nationalen Gedenkstätte erklärt worden war. Bestattet wurde er in einer repräsentativ ausgebauten Grabstätte aus weißem Marmor auf dem Gelände seiner Villa. Der Flughafen Brescias ist nach ihm benannt.
Privatleben 1883 heiratete D’Annunzio Maria Hardouin di Gallese, mit der er drei Söhne hatte: Mario (1884–1964), Gabriele Maria „Gabriellino“ (1886–1945) und Ugo Veniero (1887–1945); die Ehe wurde jedoch 1891 geschieden. Im Jahr 1894 begann er eine Liebesbeziehung mit der Schauspielerin Eleonora Duse, die zu einer „cause célèbre“ wurde.Gabriele: Gabrielle D’Annunzio: The Book of the Virgins. Hesperus, London 2003, S. 101. Er verschaffte ihr Hauptrollen in seinen damaligen Theaterstücken wie La città morta (1898) und Francesca da Rimini (1901), doch die stürmische Beziehung endete schließlich 1910. Nachdem er 1903 die Marchesa Luisa Casati kennengelernt hatte, begann er eine lebenslange, turbulente On-Off-Affäre mit ihr, die bis wenige Jahre vor seinem Tod andauerte.Zarah Crawford: Shock of the Few. In: The New York Times. 25. Februar 2007. Abgerufen. 16. September 2026. Auch darüber hinaus hatte D’Annunzio zahlreiche Frauenbeziehungen.
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