miniatur|Parteifahne der Kommunistischen Partei Chinas (1942–1996) in einer unter Mao häufig verwendeten Variante Der Maoismus (chinesisch 毛泽东思想; Pinyin Máo Zédōng sīxiǎng wörtlich „Mao-Zedong-Gedanken“) ist eine sozialistische revolutionäre Bewegung und Weltanschauung, die sich auf die Ideen des chinesischen Revolutionärs und kommunistischen Führers der Volksrepublik China Mao Zedong stützt. Ausgelöst durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Missstände in China, entwickelte Mao seine Ideen mit Bezug auf Theorien von Marx, Engels, Lenin und Stalin. Mit der Gründung der Volksrepublik China 1949 wurden sie zu Leitlinien des politischen Handelns und Denkens in China. Eine Reihe dieser Ideen findet sich zusammengefasst im sogenannten Roten Buch, umgangssprachlich auch Mao-Bibel genannt. In Buchform wurden sie unters Volk gebracht, von Millionen von Chinesen gelesen und als Instrument der Revolution verwendet.Vgl. Petra Kolonko: Ein kleines rotes Buch als Waffe der Revolution. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 16. Dezember 2016, abgerufen am 16. September 2026.
Die Philosophie Mao Zedongs Leitgedanken Der Begriff Maoismus geht nicht von Mao oder der KPCh aus. In China wird die damit bezeichnete Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie Mao Zedong sixiang (Ideen/Philosophie des Mao Zedong) genannt. Grundlage dieser Ideen waren für Mao die Schriften und Lehren von Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir Lenin und Josef Stalin. Auf diese bezieht sich Mao, wenn er den Terminus Marxismus-Leninismus verwendet. Damit thematisiert er sowohl Grundlagen als auch Weiterentwicklungen der kommunistischen Weltanschauung.Vgl. Joachim Hofmann: Der Marxismus: seine Abbildung anhand von Originalzitaten. Donauwörth 2009, S. 13. Die Idee der Revolution als Antrieb und Ziel des politischen Handelns spielt im Maoismus eine zentrale Rolle.Friedrich Pohlmann: Marxismus-Leninismus-Kommunismus-Faschismus. Aufsätze zur Ideologie und Herrschaftsstruktur der totalitären Diktaturen. Pfaffenweiler 1995. S. 61–62.
Für seinen radikalen Neuansatz konnte sich Mao auch auf „eine lange Tradition des Protestes und die Entwicklung neuer politischer Ansätze“ berufen. Nach Auskunft von Historikern, wie z. B. dem deutschen Sinologen Helwig Schmidt-Glintzer, kann die Zeit zwischen den Aufständen im 19. Jh. und dem Ende der letzten kaiserlichen Dynastie Anfang des 20. Jh. innerhalb der chinesischen Gesellschaft als „Periode der Transformation“ gesehen werden. Es tauchten neue Menschentypen auf, die das Planen und Handeln der traditionellen Eliten behinderten.Vgl. Schmidt-Glintzer: Kleine Geschichte Chinas. München 2008. S. 170–175. – Vgl. auch Kai Vogelsang: Geschichte Chinas. Stuttgart 2013. S. 512 ff.: V. erwähnt, dass kommunistische Ideen bereits seit längerem bekannt waren, aber erst unter den veränderten gesellschaftspolitischen Bedingungen überzeugend vertreten werden konnten.
Als Leitgedanken des Maoismus für die Zeit von 1921 bis 1976 können im Rückblick auf den chinesischen Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Republikanern (1927–49) sowie den Großen Sprung nach vorn (1958–61) und der Kulturrevolution (1966–76) folgende festgestellt werden. Es ist eine vorläufige und einseitige – auf deutschen Veröffentlichungen gründende – Zusammenstellung. Bisher fehlt noch die Auswertung der Ergebnisse der chinesischen Forschung.Vgl. zum Forschungsstand der chinesischen Veröffentlichungen: Changshan Li: Die chinesische Kulturrevolution (1966-1976) im Spiegel der deutschen und chinesischen wissenschaftlichen Literatur. Diss. Bonn 2010, S. 17–21.
Es gibt einen chinesischen Weg des Marxismus-Leninismus. Mao hat in diesem Sinne die Chinesen immer wieder dazu aufgefordert, „die allgemeingültige Wahrheit des Marxismus mit der konkreten Praxis der chinesischen Revolution in vollem Ausmaß und in angemessener Weise (zu) vereinigen“.Leitartikel der Volkszeitung Renmin Ribao von 18. September 1968: Wegweiser zum Sieg der revolutionären Völker aller Länder. Zit. von Maowerke Archiv Peking. Die zentrale Führung durch die von der Sowjetunion gegründete kommunistische Weltbewegung wird abgelehnt. China solle sich mit den Völkern der Dritten Welt verbinden, um gegen die kolonialen Supermächte zu kämpfen. „Die Verbindung des Marxismus-Leninismus mit der konkreten Praxis der Revolution in den jeweiligen Ländern ist die grundlegendste Garantie für die Siege der Sache der Revolutionären Volksmassen aller Länder.“Leitartikel der Volkszeitung Renmin Ribao von 18. September 1968: Wegweiser zum Sieg der revolutionären Völker aller Länder. Zit. von Maowerke Archiv Peking. Die Klasse der Bauern anstelle der Industriearbeiter ist die Hauptkraft der kommunistischen Revolution in China. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren 70 % der chinesischen Bevölkerung besitzlose Bauern, Tagelöhner und Wanderarbeiter. Lenin hatte die Idee propagiert, dass Arbeiter und Bauern zusammen die Revolution anführen sollten.Henning Böke: Maoismus. Stuttgart 2007, S. 21. Die revolutionäre Eroberung der Macht erfolgt durch Guerillakriege von ländlichen Stützpunkten aus. Dies praktizierten Maos Truppen in der Zeit nach dem „Langen Marsch“ (1934/35). Sie ließen sich bis 1948 am Gelben Fluss in der Umgebung der Stadt Yan’an nieder. Von diesem Stützpunkt aus agierten sie militärisch gegen die republikanische Guomindangpartei und die japanischen Besatzungstruppen. Es gelang ihnen, die Bewohner der Umgebung für die Ideen Maos zu begeistern. Revolution und Klassenkampf sind dauernde Mittel der Entwicklung Chinas. In der russischen Schwesterpartei vertrat Leo Trotzki die Auffassung, dass die „permanente Revolution“ das „einzig reale Programm zur Beseitigung jeglicher Unterdrückung“ sei. Innerhalb der Gesamtheit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war es fraglich, ob die „permanente Revolution“ eine theoriekonforme Idee ist.Leo Trotzki: Die permanente Revolution: Ergebnisse und Perspektiven, 1906/1928. Essen 1993, S. 8. Praktische Weiterentwicklungen, die möglich sind, sind der Theorie vorzuziehen. D. h., viele theoretische Zwischenstadien der Entwicklung zur klassenlosen Gesellschaft sollen übersprungen werden, um möglichst rasch die anzustrebende, kommunistische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu verwirklichen. Diese Idee geht u. a. auf die Hegelsche Idee zurück; also dass sich Zivilisationen in „qualitativen Sprüngen“ weiterentwickeln. Die notwendige Weiterentwicklung zur kommunistischen Gesellschaft ist abhängig von einem revolutionären Denken. Daher bestimmt die Umbildung des traditionellen Bewusstseins zu einem kommunistischen Bewusstsein das Tempo und die Qualität des Prozesses der Veränderung der traditionellen Ordnung. Im Vordergrund steht daher die ständige Revolutionierung des Bewusstseins, bzw. die Veränderung des Denkens. Diese Idee führte zur Entscheidung Maos, die Kulturrevolution auszurufen. Ein verändertes, revolutionäres Denken ist das Ideal der zu entwickelnden kommunistischen Gesellschaft. Nur Revolutionäre, die nicht mehr traditionell denken, sind geeignet, Menschen für dieses neue Ideal der chinesischen Gesellschaft zu gewinnen. Der Entschluss des Einzelnen, ein anderes Denken anzustreben, wird durch die im Interesse der Gemeinschaft erfolgte eigene Veränderung belohnt. Aus chinesischer Sicht sind gemeinsame Ideale für die Gesellschaft wichtiger als die des Einzelnen.Vgl. Hauser, Häring: China-Handbuch. Berlin 2005. S. 80–83. Die Veränderung des Einzelnen wurde folglich im Interesse des gemeinsamen Ideals höher bewertet, als die individuelle fachliche Kompetenz und als die individuelle Belohnung durch materielle Leistungsanreize.
Mao Zedong war bis zum Ende der Kulturrevolution 1976 davon überzeugt, das Milliardenvolk der Chinesen könne durch Orientierung an den kommunistischen Ideen das Elend und die Rückständigkeit überwinden, in der es lebte. Mit Hilfe von Massenbewegungen und eines veränderten Bewusstseins der Massen, so nahm Mao weiter an, würde man unter der Führung der kommunistischen Partei in China bald die wirtschaftliche Entwicklung in Großbritannien und den USA überholen. Auch die Sowjetunion dachte er in Kürze einholen zu können, weil diese seiner Auffassung nach keinen Wert auf Massenbewegungen und auf das politische Bewusstsein legte.Vgl. Changshan Li: Die chinesische Kulturrevolution (1966-1976) im Spiegel der deutschen und chinesischen wissenschaftlichen Literatur. Diss. Bonn 2010. S. 104.
Die Veränderung des Denkens und die daraus resultierende kommunistische Bewegung möglichst vieler Chinesen hat – wie Mao in Reden und Schriften immer wieder darstellte – ihn vermutlich bewogen, viele Ereignisse der revolutionären Bewegung zwischen 1924 und 1976 den Institutionen und Mitgliedern der KPCh zu erläutern. Diese Erläuterungen sind im Originaltext auch in deutscher Sprache zugänglich.Unter dem Titel "Ausgewählte Werke Mao Tse-tungs"im VNW-Verlag Neuer Weg GmbH, Essen 1966.
Ideologie der Praxis mini|Die „Mao-Bibel“, deutschsprachige Ausgabe, Peking 1972 Wie macht man eine Revolution? Die philosophischen Ideen Maos waren eine Sache, eine andere war die Frage ihrer praktischen Umsetzung. Als er Revolutionär werden wollte und deshalb Mitglied der Kommunistischen Partei wurde, wusste er nur, dass er die Revolution wollte, erzählte Mao 1960 in einer Rede vor dem Politbüro der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Wie man eine Revolution machen solle, das habe er damals nicht gewusst.Helmut Martin (Hrsg.): Mao Zedong Texte. München/Wien 1982, Fünfter Band 1961-1964. S. 341.
Theorie und Wirklichkeit müssen übereinstimmen Dieser Frage hatte sich Mao Ende der dreißiger Jahre während des Bürgerkrieges mit der Guomindang mit dem Text „Über die Praxis“ gewidmet.Mao Tsetung: Über die Praxis. Über den Zusammenhang von Erkenntnis und Praxis, von Wissen und Handeln. (Juli 1937) Ausgewählte Werke Band I, Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking 1968. S. 347–364. Er diente der Ausbildung der Revolutionsarmee in Yan’an.
Seine Erläuterungen enthalten u. a. die Feststellung, dass nur das von Menschen als „richtig“ anerkannt wird, was in der Praxis erfolgreich wirkt. Alles dagegen, was zu Niederlagen führt, wird als „falsch“ bewertet. Menschen, die die Gesellschaft revolutionieren möchten, sind für die Wahrheit der Theorie darauf angewiesen, ihre revolutionären Ideen in Übereinstimmung mit den Gesetzmäßigkeiten der objektiven Außenwelt zu bringen. Gelingt es ihnen, werden sie revolutionäre Ideen erfolgreich umsetzen können.Mao Tsetung: Über die Praxis. (Juli 1937) Ausgewählte Werke Band I, Peking 1968. S. 349.
Die richtige gesellschaftliche Theorie stehe jedoch nicht für alle Zeiten fest: „Der Marxismus-Leninismus hat die Wahrheit keineswegs ausgeschöpft, sondern bahnt der Erkenntnis der Wahrheit in der Praxis ununterbrochen neue Wege.“Mao Tsetung: Über die Praxis. (Juli 1937) Ausgewählte Werke Band I, Peking 1968. S. 362. Die Idee des ständigen Wandels ist seit Jahrtausenden der Mittelpunkt des chinesischen Denkens und Handelns.
Erkenntnistheoretische Voraussetzungen Die für den Maoismus geltende materialistische Erkenntnistheorie, die als Voraussetzung der Möglichkeit eines sich ständig verändernden Denkens gilt, geht von sinnlichen Wahrnehmungen aus. Im westlichen Denken, vor allem in der deutschen Philosophie, ist die idealistische Auffassung vorherrschend, Denken verändere sich ausschließlich mit Hilfe der dem Menschen eingeborenen Ideen der Vernunft. Die sinnliche Erfahrung dient dabei nur als Anregung. Objektiv ist das, was der Vernunft entspringt.Vgl. z. B. Coreth, Schöndorf: Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts. Stuttgart 2000, 3. Auflage. S. 174–177.