mini|Coleman Hawkins im Spotlite Club, etwa September 1947.Fotografie von William P. Gottlieb. mini|Coleman Hawkins (in der Liste fälschlich als „Haskins“ bezeichnet) aufgenommen im Topeka High School Orchestra, aus dem Jahrbuch 1921. Coleman „Hawk“ Hawkins (* 21. November 1904 in St. Joseph, Missouri; † 19. Mai 1969 in New York) war ein US-amerikanischer Jazzmusiker (Tenorsaxophon und Klarinette). Er gilt als „Vater“ des Tenorsaxophonspiels und war neben Lester Young einer der ersten stilbildenden Solisten auf dem Instrument. In seiner von 1922 bis 1969 währenden Karriere wurde er zuletzt dem Mainstream Jazz zugeordnet, nahm aber immer wieder Herausforderungen an und spielte mit den jeweiligen Avantgardisten ihrer Zeit. Seine Spitznamen waren Hawk und Bean.
Leben Frühe Jahre (1904–1934) Coleman Hawkins stammte aus einer Mittelschichtfamilie und wuchs im Mittleren Westen der USA auf. Seine Mutter spielte Klavier und Orgel; mit vier Jahren brachte sie den jungen Hawkins dazu, Klavierspiel zu lernen; mit sieben Jahren begann er Cello zu spielen und mit neun Jahren bekam er ein C-Melody-Saxophon. Seine ersten Auftritte hatte er im Alter von zwölf Jahren bei Schulveranstaltungen in einer Trio-Besetzung mit Piano und Schlagzeug; durch diese Auftritte wurde er bald zu einer lokalen Berühmtheit. Seine Eltern schickten ihn daraufhin zur weiteren musikalischen Ausbildung nach Topeka; dort traf er mit dem Pianisten Jesse Stone und seinen Blue Serenaders zusammen und gehörte der Band einige Monate an. Deren Musik war ein Territory Jazz mit einem lockeren Two-Beat-Rhythmus.Hinweise zu den frühen Jahren bei Doering, S. 11 f.
Ab 1921 war er als Musiker in Kansas City aktiv; im April nahm die Vaudeville-Blues-Sängerin Mamie Smith den Siebzehnjährigen in ihre Begleitband Jazz Hounds auf und konnte seine Eltern überreden, ihn mit ihr auf Tournee gehen zu lassen. Hawk spielte dort Blues und New-Orleans-Jazz im Stil von King Oliver und Louis Armstrong. Sein damaliger Kollege Garvin Bushell erinnerte sich, dass Hawkins vor allem deshalb in die Band geholt wurde, weil er Noten lesen konnte; „er war auf diesem Instrument in allem weiter, als ich je gesehen hatte … Er konnte alles lesen und irrte sich in keiner einzigen Note … Und er spielte sein Saxophon nicht, als sei es eine Trompete oder Klarinette, wie es damals üblich war. Er spielte auf den Akkorden, weil er als Kind Klavier gespielt hatte.“Garvin Bushell and New York Jazz in the 1920s. „The Jazz Review“ von Nat Hentoff vom Februar 1959, übersetzt bei Arrigo Polillo, S. 396.
Anfang Mai 1922 gastierten die Jazz Hounds für Schallplatten-Aufnahmen in New York City („Mean Daddy Blues“); in dieser Zeit gab Hawkins auch Einlagen mit dem Cello. Inzwischen war er zum Star und zur Attraktion der Band geworden, bekam aber nur wenige solistische Freiräume, was ihn dazu bewog, auszusteigen und in New York zu bleiben. Dort bekam er Jobs in den Bands von Ralph Jones und Cecil Smith, bis er im angesehenen Orchester von Wilbur Sweatman landete. Dort hörte ihn Fletcher Henderson, der ihn 1924 in seine Band holte. Zunächst war er aber nur bei einigen Plattenaufnahmen anwesend, wie bei „Dicty Blues“ am 9. August 1923.
Fest zur Band gehörte er erst, als diese ein Engagement im Club Alabam bekam. Schließlich war es der Roseland Ballroom, wo er ab September 1924 an der Seite von Don Redman und Louis Armstrong zum führenden Solisten aufstieg und seinen eigenen Stil entwickelte, wie etwa in „The Stampede“ 1926 und dem Hit „Queer Notions“ 1933. In diese Zeit fiel seine erste Ehe mit einer Tänzerin namens Gertrude, die er noch aus seiner Zeit mit Mamie Smith kannte. 1929 ließen sich die beiden wieder scheiden.
„Spätestens ab 1929 war Hawkins’ Ruf als bester Tenorsaxophonist durch die Platten und Auftritte mit Fletcher Henderson unumstritten, und sein Einfluss auf andere Saxophonisten, nicht nur Tenorsaxophonisten, war überwältigend“, schrieb sein Biograph Teddy Doering.Zit. Doering, S. 27. So wurde Hawkins immer häufiger zu Aufnahmen anderer Bandleader oder Produzenten herangezogen, so bei den Little Chocolade Dandies im September 1929, kurz darauf bei den McKinney’s Cotton Pickers und mit Red McKenzies Mound City Blue Blowers, mit denen er „If I Could Be with You“ einspielte. Ende 1930 wechselte die Henderson-Band vom Roseland zu Connie’s Inn, einem Kellerclub mit hohem Ansehen, aus dem Auftritte im Radio ausgestrahlt wurden.
mini|links|hochkant|Coleman Hawkins und Buck Washington: „I Ain’t God (!) Nobody“, Duo-Aufnahme vom 8. März 1934 Ein Höhepunkt in Hawkins’ Werk bei Henderson war „It's the Talk of the Town“ von 1932, nach Joachim-Ernst Berendt wahrscheinlich die erste große Solo-Balladen-Interpretation der Jazzgeschichte.Berendt, S. 118. Am 29. September 1932 entstanden Hawkins’ erste Einspielungen unter eigenem Namen mit dem Engländer Spike Hughes, durch den er erfuhr, wie hoch sein Ansehen in Europa war. Zuvor hatte er einen soeben aus Europa zurückgekehrten Kollegen darüber reden gehört, wie gut dort die Arbeitsbedingungen für Musiker seien, besonders für Schwarze. Umgehend schickte er ein Telegramm an Jack Hylton, den „englischen Paul Whiteman“, in dem nur stand: „Ich möchte nach England kommen.“Zit. nach Polillo, S. 397. Hylton antwortete schon am nächsten Tag; Hawkins nahm Urlaub bei Fletcher Henderson, weil er glaubte, nur ein oder zwei Monate in Europa zu bleiben. Letztlich blieb er aber bis 1939.
Kurz vor seiner Abreise nach Europa produzierte John Hammond im März 1934 Duoaufnahmen des Saxophonisten mit dem Pianisten Buck Washington; es scheint, als ob diese Aufnahmen („I Ain't Got Nobody“ und „It Sends Me“) teilweise mit ihrer „Schroffheit und Kühnheit aus heutiger Sicht wie ein Vorschatten des Bebop“ wirkten.Zit.nach Teddy Doering, S. 129.
Zu der Entscheidung, eine Weile in Europa zu arbeiten, trug auch die „Entthronung“Unter anderem dargestellt in dem Bericht Mary Lou Williams’, der in Nat Hentoffs/Nat Shapiros Buch Jazz erzählt wiedergegeben ist. Hawkins’ Anfang des Jahres 1934 bei, als er mit dem Henderson-Orchester in Kansas City weilte und im neu eröffneten Nachtclub Cherry Blossom auf Lester Young, Ben Webster, Herschel Evans und weitere Kansas-City-Tenoristen traf. Mary Lou Williams war Ohrenzeugin dieser Jamsession: „Bean Hawkins hatte nicht damit gerechnet, dass die Kaycee-Tenoristen„Kaycee“: In den USA gebräuchliches Akronym von Kansas City so gewaltig waren, und war unsicher und konnte keine rechte Linie finden, obgleich er den ganzen Morgen spielte.“Mary Lou Williams, zitiert nach Shapiro, Hentoff: Jazz erzählt. München 1958, S. 301 f.
In Europa (1934–1939) mini|hochkant|Jack Hylton Er verließ New York am 30. März und spielte nach seiner Ankunft in London zunächst in Jack Hyltons großem Orchester wie auch in dem kleineren Ensemble, das von seiner Frau Ennis geleitet wurde; Weihnachten 1934 kam Hawkins erstmals nach Paris. Im Anschluss waren einige Auftritte in Deutschland geplant, doch das nationalsozialistische Regime verbot dem Schwarzen Hawkins die Einreise. Hylton ließ Hawkins in Holland zurück, wo dieser mit Theo Uden Masman und seinen Ramblers spielte. Die Zusammenarbeit mit den Ramblers gipfelte in drei Aufnahmesitzungen, im Februar und August 1935 („I Wanna Go Back to Harlem“). Schon nach der ersten Session beschloss Hawkins, nicht mit Hylton nach England zurückzukehren; ihn lockte Paris. Im Februar trat er bei einem Konzert mit französischen Musikern im Salle Pleyel auf, das der Hot Club de France organisiert hatte. Im März nahm er mit dem Orchester von Michel Warlop auf; mit dabei die Stars des Quintette du Hot Club de France, Django Reinhardt und Stéphane Grappelli. Anschließend ging Hawkins auf eine ausgedehnte Skandinavien-Tournee, wo er begeistert gefeiert wurde. Nach einem längeren Aufenthalt in der SchweizDort kam es im Mai 1936 zu einer Session mit Ernst Höllerhagen und den Berries in Zürich, bei der Hawkins als Vokalist zu hören ist; vgl. Doering, S. 132. fanden am 28. April 1937 seine berühmten Aufnahmen mit Benny Carter, Reinhardt und Grappelli für Swing in Paris statt, wo „Honeysuckle Rose“ und „Crazy Rhythm“ eingespielt wurden.
Das Jahr 1938 verbrachte Hawkins vorwiegend in den Niederlanden, wo er unter anderem im Negro Palace in Amsterdam spielte, und in Belgien; dort spielte er in Namur in der Band seines Landsmannes Arthur Briggs. Er versuchte eine Arbeitserlaubnis für England zu bekommen, die ihm jedoch von der Musiker-Gewerkschaft verweigert wurde. Mit einem Trick gelang es seinen englischen Fans, ihn ins Land zu holen: der Saxophon-Hersteller Selmer organisierte eine Tournee durch Großbritannien, die der „Schulung“ dienen sollte, da Hawkins nur für Musiker spielen werde. Darauf hatten die Gewerkschaften keinen Einfluss, und Hawkins ging im März/April auf England-Tournee. Danach wollte er eigentlich nach Holland zurückkehren; die angespannte politische Lage in Europa bewog ihn aber zur Rückkehr in die Vereinigten Staaten. Es kam noch zu einigen Auftritten in England, erneut mit Hylton; Hawkins wurde als „Variety-Künstler“ angekündigt. Die letzten Vorkriegsaufnahmen entstanden Ende Mai mit dem Hylton-Orchester; dann kehrte er Anfang Juli nach Holland zurück und war am 31. Juli wieder in New York.
Swing Combos, Body and Soul und Bebop (1939–1945) In den fünf Jahren seiner Abwesenheit hatte sich die Szene in den USA verändert; neue Saxophonisten wie Chu Berry und Ben Webster (diese hatten hintereinander Hawkins Platz bei Henderson eingenommen) hatten sich Achtung verschafft, insbesondere aber Lester Young, der nicht mehr die Konkurrenz seines wenige Monate zuvor verstorbenen Rivalen Herschel Evans fürchten musste. In diese Situation kam Coleman Hawkins zurück; und seine Rückkehr machte sofort „die Runde“. Lester Young trat gerade mit Billie Holiday auf, als Hawkins hereintrat; Rex Stewart berichtete von diesem Moment: „Bean marschierte herein, packte sein Instrument aus und spielte zu jedermanns Überraschung mit ihnen.“Zit.nach Polillo, S. 399. mini|Konzertankündigung für Coleman Hawkins
Schon vor seiner Abreise in die USA hatte Coleman Hawkins seine künftigen Arbeitsmöglichkeiten abgeklärt; er hatte die Option, mit eigener Band in Kelly’s Stable (141 West, 51st Street) aufzutreten. Da seine Wunschmusiker wie Red Allen, Benny Carter, Roy Eldridge, John Kirby oder Teddy Wilson in anderen Bands erfolgreich arbeiteten, stellte er ein achtköpfiges Ensemble mit jungen Musikern und der Sängerin Thelma Carpenter zusammen. Mit seiner Band trat er im Arkadia auf, einem Tanzlokal am Broadway. Am 11. Oktober 1939 ging die Band ins Studio, um für das Label Bluebird vier Titel einzuspielen.