mini|hochkant|Uta Ranke-Heinemann (um 1990) vor einem Porträt ihres Vaters Gustav Heinemann. Uta Johanna Ingrid Ranke-Heinemann, geb. Heinemann (* 2. Oktober 1927 in Essen; † 25. März 2021 ebenda), war eine deutsche Theologin und Autorin. Ab 26. Januar 1970 war sie die weltweit erste Frau auf einem Lehrstuhl für Katholische Theologie. Nach dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis 1987 wechselte sie bis zur Emeritierung 1990 auf einen kirchenunabhängigen Lehrstuhl für Religionsgeschichte. Als ihre bekanntesten Werke gelten die Bücher „Eunuchen für das Himmelreich“ sowie „Nein und Amen“.
Leben
mini|Das Grab von Uta Ranke-Heinemann auf dem Parkfriedhof Essen
Uta Ranke-Heinemann war das älteste von vier Kindern Gustav Heinemanns und seiner Frau Hilda geb. Ordemann.Geschwister: Christa Delius geb. Heinemann 1928–2016 Traueranzeige faz.net, Barbara Wichelhaus geb. Heinemann * 1933 (weimar.bundesarchiv.de pdf S. 20), Peter Heinemann * 1936 Sie wuchs im Essener Moltkeviertel auf und wohnte dort bis zu ihrem Tod.
Nachdem der erste Luftangriff auf Essen im Rahmen der Battle of the Ruhr am 5. März 1943 das Haus der Familie schwer beschädigt hatte, suchte man zunächst in Langenberg (Rheinland) und im folgenden Jahr in Winterberg Schutz. Im Herbst 1944 brachte ihre Mutter sie in Marburg, wo noch Schulbetrieb stattfand, bei Rudolf Bultmann unter, bei dem Hilda Heinemann selbst 1926 ihr theologisches Staatsexamen abgelegt hatte. Neben dem Schulbesuch wurde sie von Bultmann in griechischer Sprache und Philosophie sowie von Kurt Reidemeister in Mathematik unterrichtet. Am Ende des Kriegs kehrte sie zu ihrer Familie nach Winterberg zurück.Uta Ranke-Heinemann: . In: Alfred Neven DuMont (Hrsg.): Jahrgang 1926/27 – Erinnerungen an die Jahre unter dem Hakenkreuz. Köln 2007, S. 95–106.
Im November 1945 – ihr Vater war inzwischen Bürgermeister von Essen – erwirkte sie persönlich bei der Bezirksregierung in Düsseldorf die Genehmigung, mit dem Wiederbeginn des Unterrichts das Burggymnasium Essen (eine reine Jungenschule) besuchen zu dürfen.Werner Alberts: Uta Ranke-Heinemann. Abschied vom Christentum. Patmos, Düsseldorf 2004, S. 31 books.google Sie war dort 1947 der erste weibliche Abiturient und absolvierte die Prüfung mit Auszeichnung, was am Burggymnasium bis dahin erst ein einziges Mal, 30 Jahre zuvor, vorgekommen war.Artikel über Ranke-Heinemanns Abitur in der ZEIT; Werner Alberts: Uta Ranke-Heinemann. Abschied vom Christentum. Patmos, Düsseldorf 2004, S. 33 books.google
Anschließend studierte sie bis 1953 an den Universitäten Basel, Oxford, Montpellier und Bonn insgesamt 13 Semester evangelische Theologie. Nach ihrer Konversion am 25. September 1953„auf der Suche nach der großen Toleranz […] aber bei den christlichen Kirchen führt jeder Konfessionswechsel immer nur vom Regen in die Traufe“. Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum. München 2002, S. 432. studierte sie katholische Theologie in München und war dort Kommilitonin von Elisabeth Gössmann und Joseph Ratzinger. Im Jahr 1954 wurde sie bei dem Dogmatiker Michael Schmaus mit der Dissertation Das frühe Mönchtum. Seine Motive nach den Selbstzeugnissen der ersten Mönche zur Dr. theol. mit magna cum laude promoviert.
Am 30. Dezember 1954 heiratete sie ihren Klassenkameraden vom Burggymnasium Edmund Ranke (1922–2001). Ihre beiden Söhne, Johannes Ranke-Heinemann und Andreas Ranke, wurden 1958 und 1960 geboren.
Im Jahr 2009 wirkte sie in Rosa von Praunheims Film Rosas Höllenfahrt mit. Im Sommer 2009 erhielt sie den Blütenfest-Award der Essener LGBT-Community beim Ruhr CSD Essen.
Ranke-Heinemann starb am 25. März 2021 im Alter von 93 Jahren. Sie ist auf dem Parkfriedhof Essen begraben.
Wirken Akademische Karriere Ab 1955 war sie zunächst Dozentin am Erzbischöflichen Katechetinnenseminar in Bonn und ab 1965 an der Pädagogischen Hochschule in Neuss. 1969 habilitierte sie sich als erste Frau weltweit in katholischer Theologie (Hauptgutachter war Karl Rahner) und wurde darauf am 26. Januar 1970 die erste Professorin in diesem Fach.
1980 wurde sie nach Auflösung der Pädagogischen Hochschulen in Nordrhein-Westfalen an die Universität Duisburg berufen und 1985 an die Universität Essen, wo sie Neues Testament und Alte Kirchengeschichte lehrte.
Verlust des theologischen Lehrstuhls Ab den 1970er Jahren fiel ihre kritische Haltung zu vielen kirchlichen Fragen auf. Dass sie 1944/1945 rund ein halbes Jahr von Rudolf Bultmann unterrichtet worden war und mit in seiner Familie gelebt hatte, trug zu dieser und zu ihrem Pazifismus erheblich bei. Zu der Intensität ihrer Beziehung zu Bultmann und über ihren Aufenthalt in seiner Familie schrieb dieser am 16. Januar 1945 an Gustav Heinemann:
Nachdem sie am 15. April 1987 in einer Sendung des WDR-Fernsehens aus dem Marienwallfahrtsort Kevelaer das Dogma der Jungfrauengeburt mit den Worten „Viele Juden sind umgebracht worden, weil sie nicht an die Jungfrauengeburt glauben konnten. Und ich kann das auch nicht“ angezweifelt hatte, entzog ihr der Essener Bischof Franz Hengsbach am 15. Juni 1987 die Lehrbefugnis für katholische Theologie.
In ihrer Auffassung, dass die Jungfrauengeburt nicht biologisch, sondern theologisch zu verstehen sei, sah Ranke-Heinemann sich durch Aussagen der Theologen Karl Rahner und Joseph Ratzinger bestätigt und berief sich auf diese in der Fernsehsendung des West-3-Magazins Gott und die Welt, Thema: Jungfrauengeburt, am 13. Juni 1987. Sie verwies auf Rahners Bezeichnung der Jungfrauengeburt als legendären MidraschKarl Rahner: Zum Thema Jungfrauengeburt. 2. Auflage. Stuttgart 1970, S. 124 f. und auf folgende Passage aus Ratzingers Buch Einführung in das Christentum: 2. Auflage, München 1968, S. 225.
Ratzinger hatte diese Sätze allerdings schon 1977 in seinem Buch Die Tochter Zion – Betrachtungen über den Marienglauben der Kirche korrigiert. In Neuauflagen von Einführung in das Christentum blieben sie jedoch völlig unverändert. Der Dominikaner Willehad Paul Eckert (1926–2005) entgegnete Ranke-Heinemann in der genannten Fernsehsendung: „Was Ratzinger und Rahner sagen, ist falsch, Sie dürfen sich nicht auf sie berufen.“Unveränderte Originalfassung der erwähnten Fernsehsendung „Gott und die Welt“ vom 13. Juni 1987 (WDR-Fernsehen-Archiv, Köln). Zur Problematik der Originalfassung siehe diese Brief-Veröffentlichungen.
Zuvor hatte der Dogmatikprofessor Johann Auer (1910–1989) am 11. Juni 1987 an Ranke-Heinemann geschrieben: „Mit Sorge habe ich in der Presse die letzten Ereignisse um Ihre Person verfolgt … Das Wort von der ‚biologischen Jungfrauengeburt‘ ist eine Irreführung, gewachsen auf dem im Grund atheistischen modernen Weltverständnis, wo Gott eben nicht mehr zum Weltbild gehört, seit Rahner und Ratzinger in die Christologie eingegangen und heute weit verbreitet, deshalb aber nicht richtiger geworden.“ Auer bat sie, freiwillig auf ihren Lehrstuhl zu verzichten. „In guter alter Erinnerung an die Bonner Zeiten – Ihr alter Kollege Johann Auer.“
Am 14. Juni 1987 wandte sich Ranke-Heinemann in einem Brief mit der Bitte um Hilfe an Kardinal Ratzinger. Veröffentlichung und Kommentierung dieses Briefes. Nachdem sie am 15. Juni 1987 ihren theologischen Lehrstuhl verloren hatte, erhielt sie Ende 1987 einen kirchenunabhängigen Lehrstuhl für Religionsgeschichte in Essen. In ihrem 2002 erschienenen Buch Nein und Amen nannte sie im Hinblick auf die Stammbäume Jesu die Lehre von der Jungfrauengeburt „theologische Schizophrenie“.Nein und Amen, 2002, S. 98. Sie selbst betrachtete sich als exkommuniziert aufgrund von Häresie. Eine Exkommunikation als Spruchstrafe (excommunicatio ferendae sententiae) wurde gegen sie aber nicht ausgesprochen.
Veröffentlichungen Ihr Buch Eunuchen für das Himmelreich – Katholische Kirche und Sexualität erschien im Oktober 1988 und erregte auch durch den provozierenden Titel große öffentliche Aufmerksamkeit. Es belegte auf der Liste Jahres-Bestseller 1989 des Spiegel bei den Sachbüchern Platz 2 mit 300.000 Exemplaren. – 2000 wurde es als Heyne-Taschenbuchausgabe wesentlich erweitert, vor allem im Kapitel Homosexualität. 2012 wurde das Heyne-Taschenbuch um ein Kapitel über Benedikt XVI. erweitert. In diesem Buch gibt Ranke-Heinemann ihren Eindruck von der 2000-jährigen „Geschichte der katholischen Sexualmoral, von Jesus bis Benedikt XVI.“, wieder. Die Kenntnisse der Autorin in zwölf Sprachen erwiesen sich für die Genauigkeit der Übersetzungen als nützlich.
Nach dem Tod ihres Mannes am 11. September 2001, Vortrag vom 29. Mai 2003 der sie „aus der Verankerung riss“,3sat, 6. Januar 2007 widmete ihm Ranke-Heinemann das Schlusskapitel Eine Blume auf das Grab meines Mannes in der erweiterten Fassung ihres Werks Nein und Amen, das 2002 bei Heyne, München, mit dem veränderten Untertitel: Mein Abschied vom traditionellen Christentum herauskam. Das Buch gilt als internationaler Bestseller.dzb lesen: Nein und Amen:mein Abschied vom traditionellen Christentum., abgerufen am 9. April 2026
Pädokriminalitätsvorwürfe gegen Geistliche
Ranke-Heinemann bezeichnete Pädophilie als „die Gefahr einer monosexuellen Kirche“, der in 2000 Jahren zwar die Vertreibung der Frauen, aber noch nicht die Entsexualisierung geglückt sei. Wie lange die Kirche jetzt noch zur Züchtung des „keuschen Homosexuellen“ benötige, wie er im Weltkatechismus 1992 in Nr. 2357-9 gefordert wird, sei noch nicht klar. Klar sei nur dies:Uta Ranke-Heinemann: Bloß keine Frauenskandale. Gastbeitrag vom 8. Februar 2010 auf evangelisch.de „solange zwangsentsexualisierte Priester mit Männern, Frauen, Jugendlichen und Kindern in dunklem Beichtstuhlgewisper vereint sind, wird sich der Beichtstuhl immer mehr zur Kontaktbörse für Sexualneurotiker entwickeln, in dem auch Pädophilie nicht ausgeschlossen werden kann, und sollte darum für Kinder und Jugendliche verboten werden.“Neues Deutschland – Debatte am 17. September 2010 neues-deutschland.de Thema: Leitlinien der katholischen Kirche gegen sexuellen Missbrauch; siehe auch Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität. Von Jesus bis Benedikt XVI. Heyne, München 2012, S. 523. ISBN 978-3-453-16505-2
Die absolute Geheimhaltung von Pädophiliefällen sei nach Ranke-Heinemann allen Bischöfen in den beiden Crimen sollicitationis 1962 und erneut in De delictis gravioribus von 2001 unter Strafe der Exkommunikation befohlen worden. Diese sagten nichts über Hilfe für die Betroffenen.
Der Vorwurf einer absoluten Geheimhaltung pädokrimineller Fälle vor nichtkirchlichen Instanzen, dem sich Gotthold Hasenhüttl anschloss, ist umstritten. Kirchenrechtler wie Alexander PytlikKirchenrecht Dokumente sexueller Missbrauch: Kritik an römischer Geheimhaltung ist verfehlt. auf: internetpfarre.de machen geltend, von Geheimschreiben könne bei Crimen sollicitationis von 1962 und bei De delictis gravioribus sowie Sacramentorum sanctitatis tutela von 2001, die öffentlich zugänglich seien, keine Rede sein. Inhaltlich gehe es darin um den Schutz des Beichtgeheimnisses und um Regeln für das kirchenrechtliche Verfahren, die weder das staatliche Strafverfahren noch das Recht des Opfers zur Strafanzeige und auf Schadenersatz beeinträchtigten.
Anlässlich von Vorwürfen gegen den Regensburger Bischof Müller, nachdem ein wegen sexuellen Kindesmissbrauchs vorbestrafter Priester im Amt rückfällig geworden war, erklärte Ranke-Heinemann in mehreren Interviews im September/Oktober 2007, das Schreiben Kardinal Ratzingers von 2001 bedeute auch weiterhin großen Schaden für die betroffenen Kinder und Jugendlichen in aller Welt, weshalb sie Papst Benedikt XVI. bitte, es wegen seiner „totalen Justizbehinderung für die staatlichen Gerichte zurückzunehmen“.Sat.1, Regionales NRW vom 2. Oktober 2007, 17:30–18:00 Uhr.