mini|Porträt von Raymond Queneau von Jean-Max Albert Raymond Queneau (* 21. Februar 1903 in Le Havre; † 25. Oktober 1976 in Neuilly-sur-Seine bei Paris) war ein französischer Dichter und Schriftsteller. Sein bekanntestes Werk ist der Roman Zazie dans le métro.
Leben und Schaffen Nach seinem Baccalauréat in Le Havre ging Queneau 1920 nach Paris, wo er an der Sorbonne und an der École pratique des hautes études Philosophie- und Mathematikkurse belegte.Gérard Conreur, Raymond Queneau : Fous Littéraires, Le Chiendent et Cent Mille Milliards de poèmes..., auf: radiofrance.fr (22. Januar 2016), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).Raymond Queneau : Biographie de l'auteur, auf: lepetitlitteraire.fr (2025), abgerufen am 12. Februar 2025 (französisch). Während seines Studiums kam Queneau mit dem Surrealismus in Kontakt.OuLiPo, Raymond Queneau, auf: oulipo.net (2017), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch). Nach seiner Rückkehr vom Militärdienst in Algerien und Marokko (1925–1927) bildete er mit den Surrealisten André Breton, Marcel Duhamel, Jacques Prévert, Georges Sadoul und Yves Tanguy die Groupe de la rue du Château,Marine Pohu, Raymond Queneau : biographie de l'auteur des Exercices de style, auf: linternaute.fr (28. März 2020), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch). an deren Aktivitäten er teilnahm, bis er sich 1929 mit André Breton überwarf. 1930 trat er dem Cercle communiste démocratique (CCD) bei, der die von Boris Souvarine geführte Zeitschrift La Critique sociale herausgab. Im CCD engagierte er sich u. a. mit Michel Leiris und Georges Bataille bei antifaschistischen Aktionen.Daniela Tononi, Littérature et savoir. De la flaubertologie quenienne à l’invention du roman in: Flaubert palimpseste. Revue critique et génétiqué, 2022/27, auf: journals.openedition.org (2022), abgerufen am: 10. Februar 2025 (französisch)Rachel Galvin, News of War: Civilian Poetry 1936–1945, Oxford University Press, 2017, ISBN 978-0-19-062392-0 (S. 209–210).Michel Leiris, Die Lust am Zusehen. Texte über Künstler des 20. Jahrhunderts, Frankfurt und Paris: Qumran Verlag, 1981 (S. 78)
1933 debütierte Queneau mit dem Roman Le Chiendent (deutsch: Der Hundszahn), für den er – als erster Laureat – mit dem „Prix des Deux Magots“ ausgezeichnet wurde.Le Prix des Deux Magots, auf: lesdeuxmagots.fr (2024), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch, englisch). 1938 wurde Queneau Verlagslektor und Übersetzer bei Éditions Gallimard. Zu Kriegsbeginn 1939 nur kurzzeitig mobilisiert, verbrachte Queneau den größten Teil der deutschen Okkupation mit seiner Familie im Limousin. Nach Kriegsende lernte er Boris Vian kennen und nahm ihn im Juli 1945 für Gallimard unter Vertrag.Librairie Le Feu Follet, Boris, 1945 : naissance et essence d'un écrivain, auf: edition-originale.com (9. Februar 1924), abgerufen am: 10. Februar 2025 (französisch) Vian wiederum regte Queneau dazu an, unter Pseudonym einen Unterhaltungsroman zu schreiben, um mehr zu verdienen.Félicie Dubois, Raymond Queneau 1903–1976 II auf: (8 Februar 2022), abgerufen am: 10. Februar 2025 (französisch) 1947 veröffentlichte er unter seinem Pseudonym Sally MaraSally Mara war angeblich eine irische Schriftstellerin. Unter diesem Pseudonym veröffentlichte Queneau zwei „erotische, schwarzhumorige, satirische“ Pulp-Fiction-Romane, die in Irland in der Zeit vom Osteraufstand 1916 bis 1937 angesiedelt sind. Journal intime erhielt 1950 den Prix Claire-Belon. Ab 1962 erschienen die Neuauflagen dieser Titel sowie das bislang unveröffentlichte „Sally plus intime“ unter Queneaus bürgerlichem Namen u. a. in Les Œuvres complètes de Sally Mara (1962). In: James Patrick Gosling, Raymond Queneau's Dubliners : Bewildered by Excess of Love, Cambridge Scholars Publisher, 2019, ISBN 978-1-5275-3712-5 (S. 1–9 und 27) sowie: Anonym, „Sally Mara, romancière irlandaise, enlève le prix Claire Belon“, in: L'Aurore, Paris 22. März 1950 (S. 5). den Roman On est toujours trop bon avec les femmes (deutsch: Man ist immer zu gut zu den Frauen), der 1971 unter gleichem Namen von Michel Boisrond verfilmt wurde.
1947 erschien sein vielbeachtetes Buch Exercices de Style (deutsch: Stilübungen), in dem er eine Anekdote aus dem „Autobus S“ neunundneunzigmal erzählt und sie dabei in zahlreichen Genres und Stilen, sowie in französischen Dialekten, Soziolekten, bis hin zur Lautschrift variiert. Queneau, der sich für Mathematik sowie deren Anwendung im literarischen Schreiben sehr interessierte, war ab 1948 Mitglied der Société Mathématique de France.Raymond Queneau: En savoir plus, auf: radiofrance.fr (2024), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch). Im Jahr 1950 wurde er ins Collège de ’Pataphysique aufgenommen. Die von Alfred Jarrys Ideen inspirierte Künstlergruppe erhob ihn dabei in den Ehrenrang eines Satrapen.Der Ehrenrang Satrape du Collège de 'Pataphysique macht laut den Statuten des Collèges die „Dankbarkeit der ’Pataphysik“ deutlich. Unter: „Titre II : De la Hièrachie des Optimates II“ (Article 6.3), in: Collège de 'Pataphysique, Statuts du Collège, Paris: 1949, auf: fatrazie.com (2012), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).Histoire du Collège de Pataphysique, auf: fatrazie.com (1997), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch). Das dort angegebene gruppeneigene Datum „17 gueules 77“ entspricht dem 11. Februar 1950. Von 1951 bis zu seinem Tod hatte Queneau einen Sitz in der Académie Goncourt inne, die alljährlich den besten französischsprachigen Roman mit dem Prix Goncourt ehrt.Académie Goncourt, Les 10 couverts: Sixième couvert, auf: academiegoncourt.com (2024), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch).
Aus einem gemeinsamen Interesse an Science-Fiction gründete er 1951 mit Boris Vian den Club des Savanturiers, aus dem fünf Jahre später der Cercle du Future hervorging, dessen Präsident Queneau wurde.Seine Vizepräsidenten waren Boris Vian, Gaston Bouthoul und François Le Lionnais. In: Lapprand, V comme Vian (S. 159).Marc Lapprand, V comme Vian, Presses de l'Université Laval, 2006, ISBN 978-2-7637-8403-8 (S. 159). 1952 regte Jean-Paul Sartre den Komponisten Joseph Kosma dazu an, Queneaus Gedicht Si tu t'imagines zu vertonen. Das 1950 von Juliette Gréco veröffentlichte ChansonAuf der B-Seite der Single war der Titel Rue Des Blancs Manteaux mit einem Text von Jean-Paul Sartre.Juliette Greco* – Si Tu T'Imagines, auf: discogs.com (2025), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch). zählt zu deren erfolgreichsten Titeln.Chanson-Legende Juliette Gréco ist tot, auf: rp-online.de (23. September 2020), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch). 1952 war Queneau Jury-Mitglied bei den 5. Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Im selben Jahr wurde er in die Académie de l’humour français aufgenommen.Pierre Maury, Quenau: Ses Journaux, "L'humour est une tentative pour decaper grands sentiments de leur conderie", un florilege de citations, auf: lesoir.be (31. Dezember 1996), abgerufen am: 10. Februar 2025 (französisch) Ab 1954 arbeitete Queneau bei Gallimard als Direktor der Encyclopédie de la Pléiade. Mit seinem 1959 erschienenen Roman Zazie dans le métro (deutsch: Zazie in der Metro), der die Abenteuer einer „Provinzgöre“ in Paris beschreibt, wurde er berühmt. Das Buch erhielt den Grand prix de l'humour noir Xavier-Forneret und wurde im Folgejahr von Louis Malle verfilmt (deutscher Titel: Zazie).
1960 gründete Queneau zusammen mit François Le Lionnais die Künstlerbewegung OuLiPo, der u. a. auch die Schriftsteller Georges Perec und Italo Calvino angehörten. Sein bekanntestes oulipotisches Werk ist der Gedichtband Cent mille milliards de poèmes (deutsch: Hunderttausend Milliarden Gedichte) aus dem Jahr 1961. Sein surrealistischer Roman Les Fleurs bleues (deutsch: Die blauen Blumen) von 1965 wurde ein weiterer Publikumserfolg. Darin variierte Queneau den Schmetterlingstraum von Tschuang-tse: Der Roman handelt von zwei Personen, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten in den Träumen des jeweils anderen zu leben scheinen.
Nach dem Tod seiner Frau Janine im Jahr 1972 zog sich Queneau zeitweilig von allen literarischen Aktivitäten zurück.Queneau war seit 1928 mit Janine verheiratet gewesen. Janine Kahn (1903–1972) war die Schwiegertochter von André Breton. Das Ehepaar hatte einen Sohn, den späteren Maler und Herausgeber Jean-Marie Queneau (1934–2022). In: Conreur, Raymond Queneau …, auf: radiofrance.fr (22. Januar 2016).Gérard Conreur, Raymond Queneau : Fous Littéraires, Le Chiendent et Cent Mille Milliards de poèmes..., auf: radiofrance.fr (22. Januar 2016), abgerufen am 8. Februar 2025 (französisch). Er erkrankte an Lungenkrebs und wurde nach seinem Tod am 25. Oktober 1976 auf dem Friedhof von Juvisy-sur-Orge beigesetzt.
Werke (Auswahl) Romane Le Chiendent, Éditions Gallimard,Queneaus Werke wurden größtenteils von der in Paris ansässigen Éditions Gallimard herausgegeben. Wenn nachfolgend kein Verlag angegeben ist, stammen die französischen Erstauflagen seiner eigenen Werke von ebenda. Paris 1933 – dt.: „Der Hundszahn“, übers. von Eugen Helmlé,Queneaus Werke wurden größtenteils von Eugen Helmlé ins Deutsche übersetzt. Wenn nachfolgend kein Übersetzer angegeben ist, stammt die deutsche Fassung i. d. R. von ihm. Werner Gebühr Verlag, Stuttgart 1972, ISBN 3-920014-03-0. Gueule de pierre, 1934. Les Derniers Jours, 1936, – dt.: „Die kleinen Geschäfte des Monsieur Brabbant“, Werner Gebühr Verlag, Stuttgart 1977. Odile, 1937, – dt.: „Odile“, Manesse, München 2009, ISBN 978-3-7175-2186-0. Les Enfants du Limon, 1938 – dt.: „Die Kinder des alten Limon“, Zweitausendeins, Frankfurt 1988. Un rude hiver, 1939 – dt.: „Ein Winter in Le Havre“, Gebühr Verlag, Stuttgart, 1975; auch als: „Ein strenger Winter“, Suhrkamp, Frankfurt 1985. Les Temps mêlés (Gueule de pierre II), 1941. Pierrot mon ami, 1942 – dt.: Mein Freund Pierrot. Roman aus dem heutigen Paris, übers. von Gottfried Beutel, Stuttgarter Verlag, Stuttgart 1950. Loin de Rueil, 1944 – dt.: „Die Haut der Träume. ›Fern von Rueil‹“, Suhrkamp, Frankfurt, 1964. Le Cheval Troyen, mit Radierungen von Christiane Alanore, Editions Georges Visat, Paris 1948. Saint-Glinglin, 1948 – dt.: „Heiliger Bimbam“, übers. von Eugen Helmlé und Ludwig Harig. Suhrkamp, Frankfurt 1965. Le Dimanche de la vie, 1952 – dt.: „Sonntag des Lebens“, Stahlberg, Karlsruhe 1968. Zazie dans le métro, 1959 – dt.: „Zazie in der Metro“, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1960; neuübers. und Nachwort von Frank Heibert, Suhrkamp, Berlin 2021, ISBN 978-3-518-47116-6. Les Œuvres complètes de Sally Mara, 1962, ISBN 978-2-07-028752-9. Les Fleurs bleues, 1965 – dt.: „Die blauen Blumen“, Stahlberg, Karlsruhe 1966. Le Vol d’Icare, 1968 – dt.: „Der Flug des Ikarus“, Stahlberg, Karlsruhe 1969.
Unter Pseudonym Sally Mara, On est toujours trop bon avec les femmes (Roman), Éditions du Scorpion, 1947;Der Roman war vorgeblich von Michael Presle übersetzt – auch dies ein Pseudonym von Queneau. Dieser doppelte „Deckmantel“ war als Witz gedacht, aber auch dem seinerzeit „obszönen Inhalt“ geschuldet. In: We Always Treat Women Too Well by Raymond Queneau. Translated from French by Barbara Wright, auf: ndbooks.com (2025) Gallimard, 1971 – dt.: „Man ist immer zu gut zu den Frauen“, Karlsruhe, Stahlberg 1964. Sally Mara, Journal intime (Bildungsroman), Éditions du Scorpion, Paris 1950 – dt.: „Intimes Tagebuch der Sally Mara“, Stahlberg, Karlsruhe 1963 und Zweitausendeins, Frankfurt 1979. Sally plus intime, zuerst in: Raymond Queneau, Les Œuvres complètes de Sally Mara (1962).
Kurzprosa und Erzählungen