Nîmes (, altokzitanisch: Nemze, ) ist eine Stadt im Süden Frankreichs und Hauptstadt des Départements Gard.

Geschichte mini|Historische Ansicht mini|Die Befestigungsanlagen im Jahr 1634 (Kupferstich von Christophe Tassin) mini|Bahnhof (vor 1916) Von der Frühzeit bis in die 1930er Jahre Nîmes hieß bei den Kelten Nemausus (Name der dortigen keltischen Quellgottheit) und war Hauptstadt der Volcae Arecomici. Sie lag im Einflussgebiet von Massilia (dem heutigen Marseille). 121 v. Chr. wurde sie von den Römern erobert und Teil der Provinz Gallia Narbonensis, dann 27 v. Chr. von Kaiser Augustus zur Colonia erhoben (Colonia Augusta Nemausus). Um diese Zeit siedelten sich hier ägyptische Griechen, wohl aus der Armee des Marcus Antonius, an. 149 n. Chr. wurde Nemausus wahrscheinlich nach dem Brand von Narbo (dem heutigen Narbonne) neue Hauptstadt der Narbonensis. Die Stadt war wenigstens bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. prosperierend. Sie war bevölkerungsreich, glänzend gebaut und ein Beispiel für die Blütezeit der gallorömischen Kultur. Die in ihren ältesten Teilen aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. stammende, bis heute erhaltene Tour Magne („Großer Turm“) machten die Römer zum Teil ihrer sieben Kilometer langen Stadtbefestigung. Die verkehrsgünstig an der Via Domitia gelegene Stadt verfügte über eine bedeutende Münzstätte und hatte damals rund 25.000 Einwohner. Von der damaligen Stellung zeugen erhaltene Baudenkmäler wie das Amphitheater, das castellum, der Dianatempel, der Aquädukt Pont du Gard nordöstlich der Stadt, die Maison Carrée sowie das Augustustor.

Nîmes, wo 396 eine Synode stattfand, wurde in der ausgehenden Spätantike ein Bischofssitz; erstmals ist hier für das Jahr 506 ein Bischof bezeugt. 472 wurde die Stadt von den Westgoten erobert, die Septimanien lange gegen die Franken verteidigen konnten. 725 eroberten die Sarazenen Nîmes, das aber 737 von den Franken unter Führung Karl Martells eingenommen und fast gänzlich zerstört wurde. Von den Sarazenen kurzfristig zurückgewonnen fiel die Stadt 752 in die Hände Pippins des Jüngeren. Nachdem Nîmes so zum fränkischen Reich kam, regierten dort die vicecomites (frz. vicomtes), die unter den Herzögen von Septimanien standen. Im 10. Jahrhundert machten sich diese unabhängig und führten seitdem den Titel Grafen. Von den Normannen war die Stadt 859 geplündert worden. Wiederholt Zankapfel zwischen den Grafen von Toulouse, Carcassonne und Béziers sowie dem König von Aragonien wurde Nîmes von Letzterem als Oberlehnsherr ganz an sich gezogen. 1226 eroberte es König Ludwig VIII. von Frankreich. 1259 trat es Jakob I. von Aragonien förmlich an Ludwig IX. ab. Im Hundertjährigen Krieg wurde die Stadt 1378 vom Herzog von Anjou, 1417 von den Engländern und 1420 vom Dauphin Karl VII. erobert.

Im 16. Jahrhundert war Nîmes eine der Hauptstädte der Hugenotten, welche sich dort trotz aller Verfolgungen und Unterdrückungen in verhältnismäßig großer Zahl behaupteten und auf Betreiben der Marguerite von Navarra sogar eine protestantische Universität errichteten. Trotz aller Versöhnungsversuche herrschte seitdem ein schroffer Gegensatz zwischen den katholischen und protestantischen Einwohnern. Dieser führte oft zu blutigen Kämpfen. (siehe: Michelade 1567) In den Zeiten der Reaktion, so nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) und während des Cevennenkriegs (1702–05), kam es zu Verfolgungen der Protestanten. Im Zuge der Kämpfe wurde die Kathedrale der Stadt mehrfach zerstört. Die Religionskonflikte eskalierten auch 1791, und 1815 gab die Restauration der Bourbonen nach der Herrschaft der Hundert Tage von Napoleon Bonaparte hier ebenfalls zu großen Gräueln Anlass. Die Katholiken verfolgten im August und September dieses Jahres durch die „Bandes Verdets“ unter einem gewissen Dupont, genannt Trastaillon, die protestantischen Einwohner mit Mord und Brand; nur wiederholte Versuche des Herzogs von Angoulême beendeten diese Wirren. Ende August 1830 erhob sich nach der Julirevolution die katholische fanatische Partei für Karl X. und verursachte viel Aufruhr, wurde aber unterdrückt. 1835 wütete dann noch die Cholera in Nîmes.

Dennoch erlebte die Stadt einen stetigen wirtschaftlichen Aufschwung, insbesondere seit dem Aufkommen der Manufakturproduktion im 18. Jahrhundert, die vor allem in der Textilproduktion Anwendung fand. Daneben erwies sich der Weinanbau als profitabel, insbesondere, nachdem man mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz und mit dem Bau des Canal du Midi die Erzeugnisse besser absetzen konnte.

1939 – 1945: Internierungslager und Zweiter Weltkrieg Die französische Internierungspraxis der Jahre 1939 bis 1945, die spätestens seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor allem für deutsche und österreichische Emigranten das Recht auf Asyl stetig aushöhlte, führte schon 1939 dazu, dass alle männlichen Ausländer zwischen 20 und 40 Jahren verpflichtet wurden, als Prestataires nicht näher definierte gemeinnützige Arbeiten zu leisten. Sie wurden dazu in paramilitärischen Verbänden unter dem Kommando der Armee zusammengefasst, sogenannten „Compagnies de prestataires“ (Dienstleister-Kompanien, auch Compagnies de Travailleurs Étrangers, CTE, Fremdarbeiterkompagnien).

Im Zuge dieser Politik wurde auch Nîmes bereits 1939 Standort einer Compagnie de Travailleurs Étrangers (CTE 16e), die im Juni 1940 in ein Groupement de Travailleurs Étrangers (GTE 803e) überführt wurde.AJPN: 16e CTE-803e GTE du Camp des Garrigues Die AJPN-Webseite legt den Schluss nahe, dass diese Einheit auf dem Militärgelände Camp des Garrigues stationiert war. () Dieses Militärgelände erstreckte sich allerdings vom nördlichen Stadtrand von Nîmes bis zum Gardon. Dort oben liegt auch ein als Le Cascaret bezeichnetes Areal (), auf dem sich laut AJPN ein Centre de rassemblement des étrangers (Sammellager für Ausländer) befunden haben soll. Weitere Hinweise auf dieses Lager sind dort und in anderen Quellen nicht zu finden.

André Fontaine siedelt sein Camp des Garrigues „auf dem gleichnamigen weitläufigen militärischen Manövergelände 10 km nördlich von Nîmes“ an, das „bis zum Ufer des Gardon“ reiche. Diese vage Lokalisation schließt auch Le Cascaret als den Ort ein, an dem im Januar 1940 ein Lager für 200 deutsche Häftlinge aus einem anderen Teil Frankreichs eröffnet wurde. Dieses Lager habe sich neben einem weiteren für 200 spanische Flüchtlinge befunden. Die Spanier hätten ihre Unterkünfte selbst errichtet und ein Häuschen den Deutschen überlassen, bevor auch diese eine weitere Unterkunft bauen konnten.André Fontaine: QUELQUES CAMPS DU SUD-EST 1939-1940, pdf-S. 21 (Online). Fontaines Beitrag bezieht sich ausschließlich auf dieses erste Lager in der Garrigue und damit auf die Zeit vor der Ankunft des Gespensterzuges Ende Juni 1940

In Frankreich lebten 1939/1940 etwa 700.000 Italiener. Als sich im Rahmen des Westfeldzugs auch Italien zu einem Kriegseintritt entschloss, wurden auch sie zu feindlichen Ausländern (étrangers ennemis), die ab dem 10. Juni 1940 verfolgt und interniert werden sollten. In dem Umfange kam es schon aus logistischen Gründen nie zum Vollzug der Anordnung, doch wurden nach dem 10. Juni etwa 8.500 Italiener verhaftet und in verschiedene schon bestehende Internierungslager eingewiesen. 700 von ihnen wurden in die Nähe von Nîmes verlegt und aus Platzmangel in Zelten (Marabouts)Marabout-Zelte sind Rundzelte: Definition. Siehe hierzu auch die Abbildung der Marabouts bei Salvatore Puglia: Un camp d’internement dans la garrigue. in der Garrigue untergebracht.Denis Peschanski: Les camps français d’internement (1938-1946) - Doctorat d’Etat. Histoire. Univer-sité Panthéon-Sorbonne - Paris I, 2000 (Online1 oder Online2) Auch wenn Peschanski das so explizit nicht sagt, kann man wohl davon ausgehen, dass er mit Garrigue das weitläufige Camp de Garrigues meinte. Die Freilassung dieser Internierten erfolgte nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940) mit einigen Verzögerungen ab dem 17. Juli 1940.

Nach dem Waffenstillstand von Compiègne versuchte der Kommandant des Camp des Milles noch am 22. Juni 1940 etwa 2.000 Gefangene vor den Deutschen in Sicherheit zu bringen. Er schickte sie in einem Zug nach Bayonne, wo angeblich ein Schiff auf sie warten sollte. Bei der Ankunft in Bayonne verbreitete sich das Gerücht, dass die deutsche Wehrmacht kurz vor der Stadt stünde. Einige der Flüchtlinge versuchten daraufhin, auf eigene Faust davonzukommen; die meisten aber blieben beim Zug und begaben sich auf eine Rückreise, die bei Nîmes endete. Die Geschichte dieses „Gespensterzuges“ wurde von Lion Feuchtwanger und Alfred Kantorowicz, beides unfreiwillige Passagiere des Zuges, ausführlich beschrieben und ist auch Gegenstand des Spielfilms Les Milles. Gefangen im Lager.

Die Zugodyssee endete am 27. Juni 1940 auf dem Gelände eines Bauernhofes in der Nähe von Nîmes. Am nächsten Tag begann für die nach wie vor unter Bewachung stehenden Zuginsassen ein stundenlanger Marsch, den Henry Gowa auf einem Bild festgehalten hat.La Marche de Saint-Nicolas, abgebildet bei Salvatore Puglia: Un camp d’internement dans la garrigue Er endete nach etwa 15 KilometernSalvatore Puglia: Un camp d’internement dans la garrigue auf dem Gelände eines aufgelassenen Gutshofes mit dem Namen San Nicola oder Saint-Nicolas. Feuchtwanger hat die Lebensbedingungen dort im Abschnitt Die Zelte von Nîmes ausführlich beschrieben.

Nach Salvatore Puglia lag das Internierungslager Saint Nicolas „innerhalb der Verwaltungsgrenzen der Gemeinden Sainte Anastasie du Gard und Nîmes auf dem Militärgelände von Garrigues […] in der Nähe der Kreuzung der Straßen, die Nîmes, Uzès und Poulx verbinden“ und befand sich in der Nachbarschaft der oben schon erwähnten kleineren Lager für die Spanier und die deutschen Häftlinge. Puglia nennt in einem weiteren BeitragSalvatore Puglia: Retour sur les lieux, mars 2018 (mit Fotos) Koordinaten, die auf eine unmittelbare Nachbarschaft zu Le Cascaret hinweisen. ()

Unabhängig von der genauen Lokalisation herrscht auch in Bezug auf die Benennung des Lagers ein großes Durcheinander.

Bis Oktober 1940 standen den 2.000 Männern aus dem Zug 100 der oben schon erwähnten Rundzelte (Marabouts) zur VerfügungAJPN: Camp Garrigues Saint-Nicolas, die nach Feuchtwanger im Schnitt 16 Personen Platz boten.Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich Das gesamte Lager war von Stacheldraht umgeben, der aber für eine Vielzahl der Internierten kein Hindernis darstellte für regelmäßige Ausflüge Nach Nîmes. Auch wenn es bei Feuchtwanger einzelne Schilderungen pittoreskerer Situationen des Lagerdaseins gibt, kommt die dort herrschende Not nicht zu kurz, die Puglia recht bündig zusammenfasst:

Nach Feuchtwanger entwickelte sich das Lager immer mehr in einen Jahrmarkt, bestehend aus improvisierten Verkaufsständen und Bars, in denen Lagerinsassen Sachen anboten, die sie zum Verkauf organisiert hatten oder aufgrund ihrer eigenen Not zum Verkauf gezwungen waren. Sehr einfühlsam beschrieb er das im Lager herrschende soziale Gefälle, das sich hinter diesem Alltagstrubel verbarg.