Radikaler Pietismus, genannt auch Radikalpietismus, Separatismus/ separatistischer Pietismus, außerkirchlicher/kirchenkritischer oder konsequenter Pietismus (etwa ab der Mitte der 1670er), war eine kirchenkritische Strömung innerhalb des Pietismus. Die meisten radikalen Pietisten waren davon überzeugt, dass wahres Christentum nur außerhalb der verfassten Kirche gelebt werden könne. Deshalb nahmen sie nicht an den Gottesdiensten und Abendmahlsfeiern der Staatskirche teil. Viele verweigerten Taufe und Konfirmation ihrer Kinder und hielten diese von der Schule fern. Außerdem war ein großer Teil der radikalen Pietisten gegenüber Sexualität/Ehe, Eidesleistung und Militärdienst kritisch eingestellt. Häufig vertraten radikale Pietisten auch von den offiziellen Kirchendogmen abweichende Lehren. Frauen konnten eine wichtige Rolle spielen, vor allem in Zusammenhängen mit Visionen oder Prophezeiungen.
Begriff Obwohl sich die Bezeichnungen „Radikaler Pietismus“ oder „Radikalpietismus“ durchgesetzt haben, sind sie nicht ganz unproblematisch. Solange sich keine andere Bezeichnung überzeugend durchsetzt, empfiehlt Hans Schneider jedoch die Beibehaltung der Bezeichnung trotz der begrifflichen Unschärfen und verknüpften Bewertungen.Hans Schneider: Rückblick und Ausblick. In: Wolfgang Breul u. a. (Hrsg.): Der radikale Pietismus. Perspektiven der Forschung. 2010, S. 451–467.
Zunächst ist festzuhalten, dass „Radikalpietismus“ von keiner Gruppe selbst als Eigenbezeichnung verwendet wurde (wie „Pietismus“ zumindest anfangs auch eine Fremdbezeichnung war). Im Begriff schwingt also schon ein Urteil mit, dass es sich um etwas Radikales handelt. Hinzu kommt dabei das Problem, dass der Begriff „radikal“ sehr unscharf ist, weil mindestens drei verschiedene Bedeutungsebenen gemeint sein können:
tief wurzelnd, ursprünglich, genuin, vollgehaltlich (lat. radix = die Wurzel, vgl. Radieschen) extrem bis hin zu gewaltsam besonders konsequent
Martin Brecht hält diese Bedeutungen für so unscharf, dass sie für ihn unzutreffend und unbrauchbar sind; stattdessen schlägt er vor, vom „außerkirchlichen Pietismus“ zu sprechen. Dieser kann durch seine beiden Hauptvarianten, die auch als Mischform auftreten können, näher bestimmt werden:
Separatistischer Pietismus (in Abgrenzung zur Kirche als Institution) Heterodoxer Pietismus (in Abgrenzung zu kirchlichen Dogmen oder Bekenntnissen)
Auch diese Begriffe sind aus der kirchlichen Perspektive (Abweichung von der Kirche und ihren Lehren), aber sie vermeiden die Konnotationen, die das Adjektiv „radikal“ in Bezug auf die auftretenden Phänomene des außerkirchlichen Pietismus fälschlicherweise assoziieren lassen könnte.
Wenn das von Vorurteilen besetzte Wort „radikal“ im Sinne von „umstürzlerisch“ aufgefasst wird, so liegt ein Missverständnis vor, weil die „radikalen Pietisten“ kaum bis gar kein Interesse an gewaltsamen Änderungen von Politik und Gesellschaft hatten. Weniger pejorative Bezeichnungen wären „entschiedene“ oder „konsequente Pietisten“ oder „kirchenreformerische Fromme“.
Als „umgekehrter Separatismus“ wird die Praxis bezeichnet, dass man z. B. als pietistisch geprägter Pfarrer in der eigenen Kirchengemeinde die Leute mehr und mehr ausschließt, die nicht den eigenen Vorstellungen von Wiedergeburt und Heiligung entsprechen. Dadurch entstand dann mit der Zeit eine pietistisch geprägte Kirchengemeinde, anstatt dass der Pastor mit pietistischen Gesinnungsgenossen in die Separation ging. Der frühe Francke und manche seiner Anhänger können hierfür als Beispiele genannt werden. Francke selbst ist nicht in die Separation gegangen, aber er hat durch seine perfektionistischen Lehren (Streben nach Heiligung) den Samen dafür gesät.
Forschungsgeschichte Die Bezeichnung „radikaler Pietismus“ geht – inklusive ihrer abwertenden, pejorativen Konnotation – auf Albrecht Ritschl in den 1880ern zurück. Emanuel Hirsch, Schneider und Wallmann gehen von zwei Zweigen aus, wobei der eine von Philipp Jakob Spener und der andere von Johann Jakob Schütz begründet wurde.
Wallmann nimmt eine dreifache Charakterisierung des Radikalpietismus (enger Pietismusbegriff) vor:
Konventikel zur Sammlung der Frommen neue Eschatologie: „Hoffnung auf bessere Zeiten“ biblische Frömmigkeit: tota scriptura
Mit der Zeit wurde aber erkannt, dass diese Kriterien nicht auf jede Person zutreffen (wie z. B. Eberhard Ludwig Gruber, der allen Formen von Gemeinschaften – inklusive Konventikeln – kritisch gegenüber steht, Charles Hector de Saint George Marquis de Marsay, bei dem man keine Hoffnung auf bessere Zeiten feststellen kann, oder die Inspirierten, bei denen das lebendige prophetische Wort gegenüber der Bibel höher eingestuft wurde). Schneider schlägt daher folgende Kriterien zur Identifikation des radikalen Pietismus vor:
Heterodoxie Separatismus Non-Konformität (Protestverhalten; Verweigerungsrituale: keine Teilnahme an Gottesdienst und/oder Abendmahl)
Dabei spielen vor allem die Verhältnisbestimmung einzelner Radikalpietisten zu der lutherischen oder reformierten Kirche eine Rolle, die Sicht der Kirche und das Selbstverständnis. Und auf wenige radikale Pietisten trifft Non-Konformität nur bedingt zu, vor allem Ärzte, Pfarrer und Regierungsbeamte, die in teilweiser Anpassung an die Gesellschaft lebten.
Eine weitere Ausdifferenzierung nimmt Schantz vor, indem er vier Kategorien aufstellt:
spiritualistisch-alchemistisches Modell millenialistisches Modell Konventikel-Modell Sekten-Modell
Wurzeln
Die Bewegung kam mit dem Pietismus im späten 17. Jahrhundert auf. Mit dem Auftreten der pietistischen Bewegung innerhalb der lutherischen und reformierten Kirchen Deutschlands traten auch mystisch-spiritualistische Kreise vermehrt an die Oberfläche. Sie beeinflussten den Pietismus, in besonderer Weise seinen radikalen Flügel, aber sind von diesem zu unterscheiden. Als Pietisten bzw. radikale Pietisten sind nur diejenigen Personen zu bezeichnen, deren Biographie in den engeren Kontext der pietistischen Bewegung gehört.Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 392.
Die Wurzeln und die Entstehung des radikalen Pietismus sind vielschichtig: Zum einen sind es die Ideen des mystischen Spiritualismus des 16. und 17. Jahrhunderts und seiner Quellen, zum anderen ist es die radikale Rezeption der Schriften Johann Arndts, der in seinen Werken mystisch-spiritualistische Quellen verarbeitet hat. Weiterhin nahmen radikale Pietisten Ideen der radikal-reformatorischen Täuferbewegung durch persönlichen Kontakte zu Täufern und die Rezeption täuferischer Literatur auf. Ebenso wohnte den durch Philipp Jakob Spener und Theodor Undereyck angeregten Collegia pietatis (Konventikel) die Tendenz zur Radikalisierung inne. Die Sammlung der Frommen innerhalb der Kirche konnte in der Absonderung dieser Frommen von der Kirche und der Welt enden. Die Ideen des reformierten Theologen Jean de Labadie, der sich mit seinen Anhängern von der reformierten Kirche trennte, konnten hier zum Vorbild werden.Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 393–394.
Geschichte
Im 17. Jahrhundert
Schon nach dem Weggang Theodor Undereycks aus Mülheim an der Ruhr, wo er von 1660 bis 1668 als Pfarrer der reformierten Gemeinde im Sinne des Pietismus gewirkt hat, kam es zur Separation frommer Kreise. Diese waren angeregt durch den niederländischen Labadismus.Johann Friedrich Gerhard Goeters: Der reformierte Pietismus in Deutschland. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 249f. und Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 399.
Ein Beispiel für eine Separation von der reformierten Kirche bietet der Pfarrer Samuel Nethenus, der zwar keine heterodoxen Anschauungen vertrat, aber durch seine radikale Abendmahlszucht, die er in seinen Gemeinden durchzusetzen versuchte, für diese untragbar wurde.Johann Friedrich Gerhard Goeters: Der reformierte Pietismus in Deutschland. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 268f. und Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 399.
Ähnlich wie dem reformierten Pietismus erging es dem von Philipp Jakob Spener angeregten Pietismus in den lutherischen Kirchen. Schon während Speners Wirksamkeit in Frankfurt am Main wandte sich der mit Spener befreundete Frankfurter Rechtsanwalt Johann Jakob Schütz (1640–1690) zunehmend von der Kirche ab, nahm mystisch-spiritualistische Gedanken auf und wurde schließlich zu einer Führungspersönlichkeit des frühen radikalen Pietismus. Dasselbe gilt für Johanna Eleonora von Merlau, die spätere Frau Johann Wilhelm Petersens, die ebenfalls in Frankfurt am Main seit 1676 neben dem Collegium pietatis Speners ein eigenes Konventikel unterhielt.Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 399f.
Nach der pietistischen Erweckung in Leipzig um August Hermann Francke und deren Unterdrückung durch die kirchliche und weltliche Obrigkeit in den Jahren 1689/90Martin Brecht: Philipp Jakob Spener: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 333–338 trat der Pietismus wie auch sein radikaler Flügel in ein neues Stadium ein. Die Unterdrückungsmaßnahmen, die zahlreichen Streitschriften für und wider die Sache des Pietismus und die obrigkeitlichen Antipietistenedikte trugen zu Radikalisierungen innerhalb der pietistischen Bewegung bei. Es kam auch zu ekstatischen, prophetischen und visionären Erscheinungen in ihr.Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 400f.
Durch das Ehepaar Petersen wurde der Chiliasmus und die Allversöhnung innerhalb des Pietismus propagiert. Die Gemeinsamkeiten mit den englischen Philadelphiern unter Jane Leade wurden von ihnen fruchtbar gemacht. Das Ehepaar Petersen wurde zu einem Knotenpunkt der Kommunikation für radikale Pietisten.Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 402–406.
In den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts stieg innerhalb des radikalen Pietismus die Erwartung einer eschatologischen Wende im Jahr 1700. Spektakuläre Amtsenthebungen radikal pietistischer Pfarrer (Johann Henrich Reitz, Philipp Jakob Dilthey, Heinrich Horch), die Verfolgung von Gesinnungsgenossen und die Amtsniederlegung von Gottfried Arnold 1698 steigerten diese Erwartungen.Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Geschichte des Pietismus. Band 1, S. 406–417.
Im Jahr 1700 kam es unter vielen radikalen Pietisten zu einem apokalyptischen Taumel, der in Aktionen endete, die das Tausendjährige Friedensreich vorbereiten sollten. Es kam zur „Kirchenrevolution“ in der lutherischen Grafschaft Solms Laubach, in der die radikalen Pietisten ihre Ansichten öffentlich durchzusetzen versuchten. Ein weiteres Zentrum wurden die beiden reformierten Wittgensteiner Grafschaften Sayn-Wittgenstein-Berleburg und Sayn-Wittgenstein-Hohenstein. Dort wurde ein „Melchisedekisches Priestertum“ mit Einsegnungen und Verleihungen neuer, biblischer Namen bei ekstatischen Versammlungen errichtet. Zwar scheiterten die Versuche der Aufrichtung einer philadelphischen Geistkirche, die die „toten Kirchentümer“ ablösen sollte, doch blieben die Hoffnungen darauf innerhalb des radikalen Pietismus bestehen.Hans Schneider: Apokalyptische Erwartungen im Radikalen Pietismus. In: Hans Schneider: Gesammelte Aufsätze I. S. 378–393.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts