Das 1814 errichtete Garde-Schützen-Bataillon (anfänglich aufgrund seiner Rekrutierung im frankophonen Kanton Neuenburg auch Bataillon des Tirailleurs de la Garde genannt) war ein Infanterieverband der Preußischen Armee. Mit dem Garde-Jäger-Bataillon bildete es die leichte Infanterie des Gardekorps.
Geschichte Vorgeschichte mini|Garde-Schützen, Sergeant in Winteruniform und Schütze in Sommeruniform (1815) Nachdem im Fürstentum Neuenburg 1707 das Herrscherhaus Orléans-Longueville erloschen war, bewarben sich 15 Adelige um die Nachfolge. Letztlich fiel die Entscheidung zugunsten des insbesondere von Bern bevorzugten Friedrich I., Königs in Preußen, und gegen den vom französischen König Ludwig XIV. favorisierten Kandidaten. Ludwig akzeptierte den neuen Fürsten jedoch 1714 im Frieden von Utrecht. Der preußische König führte als Herrscher von Neuenburg den Titel „souveräner Fürst von Oranien, Neuchâtel und Valangin“ und ließ das Fürstentum von Gouverneuren regieren. Diese residierten im Schloss von Neuenburg oder in Berlin und leiteten im königlichen Namen zahlreiche Veränderungen ein: Die Justiz wurde reformiert, die Folter abgeschafft und verschiedene Manufakturen sowie eine Académie gegründet (aus der später die Universität Neuenburg hervorging).
Während der Umwälzungen nach der französischen Revolution wurde Neuenburg, anders als die mit ihm informell verbündete Alte Eidgenossenschaft, von französischer Besetzung ausgenommen und nicht Teil der 1798 ausgerufenen Helvetischen Republik. In der Rheinbundakte überließ Preußen das Land jedoch Napoleon Bonaparte. Dieser setzte Marschall Louis-Alexandre Berthier als Fürsten von Neuenburg ein. 1807 stellte er dort für die Grande Armée ein auf Grund seiner gelben Uniformen als Canaris („Kanarienvögel“) bezeichnetes Infanterie-Bataillon auf. Berthier, der selbst nie vor Ort anwesend war, dankte bereits 1814, nach dem Sturz Napoleons, wieder zugunsten Preußens ab. Dies veranlasste Friedrich Wilhelm III. noch im selben Jahr zu einem Besuch in Neuenburg, der ersten und einzigen Visite eines preußischen Königs. Zugleich erklärte er sein Einverständnis, Neuenburg bereits 1814 auf der Basis des Bundesvertrages als 20. Kanton in die Schweizerische Eidgenossenschaft eintreten zu lassen. 1815 wurde der kuriose Status des Landes als „Schweizer Kanton und preußisches Fürstentum“ vom Wiener Kongress bestätigt.
Formationsgeschichte In der Absicht, sich das königliche Wohlwollen zu sichern, sowie mit dem Hintergedanken, sich mit Hilfe der Rekrutierungen unangepasster Kriegsheimkehrer sowie sonstiger entwurzelter Menschen aus den napoleonischen Kriegen entledigen zu können, ersuchte der Neuenburger Staatsrat (Conseil d’Etat) König Friedrich Wilhelm III. von Preußen 1814 um die Erlaubnis, ein „Spezial-Bataillon zum speziellen Dienst für Ihre Majestät“ aufstellen zu dürfen, worauf nach dessen umgehender Einwilligung in Paris das preußische Bataillon des Tirailleurs de la Garde errichtet wurde.
Es war vorgesehen, die Mannschaften zu 2/3 aus Neuenburger Freiwilligen und zu 1/3 aus Freiwilligen anderer Schweizer Kantone, die mindestens 1,68 Meter groß waren, zu bilden. Diese Zusammensetzung konnte in der Folgezeit nie erreicht werden. Die Umgangs- und Kommandosprache war zunächst Französisch, erst ab 1816 durften mündliche und schriftliche Befehle nur noch auf Deutsch erteilt werden.
Die 1814 vom Neuenburger Staatsrat mit Friedrich Wilhelm III. abgeschlossene Kapitulation (Vereinbarung) mit 15 Artikeln sah eine Stärke von 429 Mann in 4 Kompanien (Art. 1) à 4 Züge (= 22 Soldaten pro Zug) mit folgenden Sollbestand (Art. 2) vor:
23 Offiziere: 1 Stabsoffizier als Kommandant (vom König ernannt [Art. 3]); 3 Hauptleute als Kompaniekommandanten, 1 Hauptmann-Leutnant, 3 Oberleutnants, 1 Rechnungsführer-Offizier, 1 Adjutant, 13 Unterleutnants (vom König ernannt auf Vorschlag des Staatsrats [Art. 3]); 40 Unteroffiziere: 4 Feldweibel, 4 Fähnriche, 12 Wachtmeister, 20 Korporale; 352 Soldaten; 9 Musiker: 1 Tambourmajor oder Chefhornist, 8 Tambouren oder Hornistenen; 5 Spezialisten: 1 Bataillonschirurg, 3 Kompaniechirurgen, 1 Waffenmechaniker
Die Soldaten sollten wie folgt beschaffen sein: „frei und ohne Zwang angeworben für 4 Dienstjahre“ [Art. 4], „aus Neuenburg rekrutiert, wobei der König maximal 1/4 übrige Schweizer akzeptiert“ [Art. 5], „im Alter zwischen 17 und 40 Jahren“ [Art. 6], „gesund, ohne Behinderungen, von gutem Ruf und Betragen, kräftig genug die Unbill des Krieges zu ertragen und von mindestens 1,60 m Körpergrösse (barfuß gemessen!)“ [Art. 7]
Musiker waren von den Bestimmungen für Körpergröße und Alter ausgenommen (Art. 8) und der preußische Aushebungsoffizier in Neuenburg hatte den Schlussentscheid (Art. 9). Die Anciennität (Dienstalter) blieb bei Wiedereintritt innerhalb von sechs Monaten nach der Entlassung erhalten (Art. 8). Nach 25 Dienstjahren hatte der Soldat ein Anrecht auf eine Pension ohne eine Bedingung, ab 15 Jahren, falls er eine Dienstunfähigkeit belegen konnte, in der Höhe abhängig von den tatsächlich geleisteten Jahren.
mini|Rekrutenwerbung in Neuenburg Die Rekrutierung des Garde-Schützen-Bataillons gestaltete sich wesentlich mühsamer als der Staatsrat sich dies vorgestellt hatte. In der ersten Euphorie meldeten sich zwar gut situierte Söhne der neuenburgischen Oberschicht als Offiziere, die ihr Patent unter grosszügigeren Bedingungen als sonst üblich in Preußen erhielten. Dem asketischen preußischen Soldatenleben unter kargen Bedingungen nicht immer zugetan oder gewachsen, reichten aber nicht wenige nach kurzer Zeit ihren Abschied ein. Erst als vermehrt preußische Offiziere in das Garde-Schützen-Bataillon eintraten, die zuerst abkommandiert und später fest eingeteilt wurden, stabilisierte sich das Offizierskorps und glich sich dem der übrigen preußischen Armee an. Die ersten Unteroffiziere waren erfahrene Neuenburger Veteranen aus der napoleonischen Zeit unter Fürst Berthier. Einige davon brachten es in Preußen auf Dienstzeiten von über 25 Jahren. Danach stockte der neuenburgische Nachwuchs, so dass, wie bei den Offizieren, auf preußische Kader zurückgegriffen werden musste. Die Werbung der Mannschaften erwies sich als schwierig. Die allgemeine Kriegsmüdigkeit, das weit entfernte und als Dienstherr unbekannte Preußen, die nicht immer konkurrenzfähige Besoldung und die fremde deutsche Sprache wirkten sich negativ auf die Bereitschaft der Neuenburger aus, sich in Preußen als Soldaten zu verpflichten.
Das erste Kontingent (Die Kompanien 1 und 4) war zwei Monate nach Werbebeginn mit 232 Mann unter der Führung von Major de Meuron zu Fuß auf dem Weg nach Mainz. Nach der Eintrittsmusterung dort folgte der mühselige Fußmarsch weiter durch kriegszerstörte deutsche Landschaften bis nach Berlin, bereits mit ersten Desertionen. Viele der wenig disziplinierten Neuenburger waren den Anstrengungen nicht gut gewachsen. Rund einen Monat nach dem Ausmarsch in Neuenburg in der preußischen Hauptstadt angekommen, wurden sie vorerst in Privathaushalten einquartiert, was die Aufrechterhaltung der bereits vorher mangelhaften soldatischen Ordnung zusätzlich erschwerte. Das zweite Kontingent (die Kompanien 2 und 3) zog erst 1815 verspätet und unvollständig los. Mit der Abwesenheit des Kommandanten Baron de Meuron, der in Berlin blieb, sank das Interesse in der Neuenburger Bevölkerung an den Werbungen sprunghaft und das Niveau der Ausgehobenen fiel weiter ab.
Die Rekrutierung, die Grundausrüstung (ohne Waffe) und die erste militärische Ausbildung erfolgten, ebenso wie der trimesterweise Nachschub der Rekruten nach Mainz, auf Kosten Neuenburgs. Die Verschiebung der in Mainz akzeptierten Rekruten nach Berlin erfolgte auf Kosten des Bataillons. Am Standort in Berlin durchliefen sie eine viermonatige Grundausbildung, bis sie den Kompanien des Bataillons zugeteilt werden konnten.
Der Nachschub von neuen Rekruten versiegte zeitweise ganz, trotz Erhöhung der Prämien, laufender Aufweichung der Anforderungskriterien, Aufstockung der Anzahl Werber auf sechs Sergeanten und aller Bemühungen der Behörden Neuenburgs. Der Fokus der Werber verschob sich mehr und mehr auf die bloße Quantität der Auszuhebenden und man begann, die Qualität der Bewerber zu vernachlässigen. Einmal sollen von den 50 Rekruten, die mit einem ausnahmsweise einmal größeren Transport in Mainz ankamen, 31 zurückgewiesen worden sein: 3 waren zu alt, 3 körperlich behindert, 5 permanent betrunken, 3 hatten einen Bandscheibenschaden oder Leistenbruch, 4 konnten keine 10 km am Stück marschieren, 1 wurde beim Diebstahl erwischt, 2 waren offensichtlich geisteskrank, 5 zu klein und 6 auf dem Anmarsch als Deserteure wieder eingefangen worden. Der Sollbestand des Bataillons wurde unter den beschriebenen Umständen nie voll erreicht und der Bestand an Neuenburger Bürgern und sonstigen Schweizern in der Truppe verringerte sich stetig. Im Frühjahr 1815 betrug der Istbestand nur 282 Gardeschützen. Immer wieder wurden daraufhin die Kapitulationsbedingungen großzügiger interpretiert und teilweise Abenteurer aus aller Herren Länder, Bewerber von zweifelhaftem Ruf und Verhalten, Missliebige, Säufer, Delinquenten und Deserteure aus fremden Diensten rekrutiert. Dies erhöhte die Zurückweisungsrate des preußischen Aushebungsoffiziers in Neuenburg, dem schließlich aus Berlin ein Militärarzt zur Seite gestellt werden musste. Auch die Desertionsrate in der Mannschaft erreichte zeitweise ein drastisches Ausmaß. Die negativen Berichte der nach Hause zurückgekehrten Deserteure verdarben die Bereitschaft zum Dienst bei den Preußen in der Bevölkerung zusätzlich. Der Ruf des Bataillons in Berlin, wo es anfänglich von der Bevölkerung als „französisch“ betrachtet und deswegen angefeindet wurde, litt ebenfalls stark.
mini|Während einer Schießübung in der Hasenheide (vor 1843) Das Garde-Schützen-Bataillon war in der langen Friedensepoche zwischen 1815 und 1848 mit eintönigem Garnisonsdienst in Berlin beschäftigt. Zu den gewöhnlichen Tätigkeiten gehörten das tägliche Exerzieren und die bei der Mannschaft wenig beliebten Scheibenschießübungen, die im Winter einmal pro Woche und im übrigen Jahr (mit Ausnahme der Manöverzeit im Herbst) täglich stattfanden. Für besonders gute Schützen gab es Auszeichnungen und Privilegien zu gewinnen. Zu den willkommenen Abwechslungen gehörten Paraden bei den regelmäßig stattfindenden militärischen und höfischen Feiern. Im Laufe der Zeit war es nach dem Urteil der Zeitgenossen gelungen, den größten Teil der Mannschaft an die sprichwörtliche preußische Disziplin zu gewöhnen.Eugène Vodoz: Le bataillon neuchâtelois des tirailleurs de la garde de 1814 à 1848. In: Revue Militaire Suisse. Band 46, Neuchâtel 1901.
Der preußische König Friedrich Wilhelm III. war den Schweizern in aller Regel gewogen, hatte jedoch wie alle Berliner auch fremdenfeindliche Vorurteile. So soll er nach dem Fund einer nur mit einem Hemd bekleideten Leiche in der Hasenheide (nahe der Kreuzberger Kaserne der Gardeschützen) halb im Scherz gesagt haben, ein Gardeschütze könne es nicht gewesen sein, denn der hätte dem Toten auch das Hemd genommen.von Stephani: Festschrift 1914. S. 10. Nach anderer Überlieferung soll der Bataillonskommandeur Major von Tilly diese Äußerung gegenüber dem König getan haben.