mini|Caracalla oder Geta, Louvre, Paris (Inv.-Nr. MA 1076) Publius Septimius Geta (* 7. März 189 in Rom; † 19. oder 25./26. Dezember 211 ebenda) war vom 4. Februar 211 bis zu seinem Tod römischer Kaiser. Er gehörte zur Dynastie der Severer und war Mitregent seines älteren Bruders Caracalla; zeitweilig trug er den Vornamen Lucius.
Geta und Caracalla waren die beiden Söhne des Dynastiegründers Septimius Severus, der sie zu Mitregenten gemacht und auf die gemeinsame Nachfolge vorbereitet hatte. Nach dem Tod des Vaters traten sie am 4. Februar 211 wie geplant zusammen die Nachfolge an. Ihre gemeinsame Herrschaft scheiterte aber noch im selben Jahr an der tödlichen Rivalität zwischen ihnen. Caracalla lockte Geta in eine Falle und ließ ihn ermorden.
Leben mini|200px|Porträt Getas im Thronfolgertypus des Jahres 198 auf nicht zugehöriger Büste (Vatikanische Museen)
Herkunft und Jugend Der aus Afrika stammende Septimius Severus, der in Rom und in verschiedenen Provinzen Karriere gemacht hatte, heiratete im Jahr 187 die vornehme Syrerin Julia Domna. Am 4. April 188 wurde der erste Sohn des Paares, Caracalla, geboren. Damals amtierte Severus in Lugdunum, dem heutigen Lyon, als Statthalter der Provinz Gallia Lugdunensis. Nach dem Ende dieser Statthalterschaft übersiedelte die Familie nach Rom. Dort wurde Geta am 7. März 189 geboren.Diese Datierung ist die in der neueren Forschung vorherrschende, siehe Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 218 und Barbara Levick: Julia Domna, London 2007, S. 32 und Anm. 71. Eine abweichende Datierung (27. Mai 189) vertritt Florian Krüpe: Die Damnatio memoriae, Gutenberg 2011, S. 13, 177. Er erhielt den Namen seines Großvaters väterlicherseits, des punischstämmigen römischen Ritters Publius Septimius Geta. Severus übernahm im Jahr 191 das Amt des Statthalters von Oberpannonien, doch seine Kinder blieben in Rom.Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer, Ann Arbor 1994, S. 5 und Anm. 22. Am 9. April des „zweiten Vierkaiserjahrs“ 193 wurde Severus in Pannonien vom Heer zum Kaiser ausgerufen. Im folgenden Jahr setzte er sich im Bürgerkrieg gegen den Rivalen Pescennius Niger durch.
Zwischen Geta und seinem nur elf Monate älteren Bruder Caracalla kam es schon in früher Jugend zu einer ausgeprägten Rivalität, die sich im weiteren Verlauf ihres Lebens beständig verschärfte und in tödlichen Hass verwandelte. Der Vorrang des älteren Bruders wurde in der Kindheit und Jugend der beiden durch Namen und Titel deutlich zum Ausdruck gebracht. Ab Frühjahr 195 gab sich Septimius Severus zwecks Legitimierung seiner Herrschaft als Adoptivsohn des 180 gestorbenen beliebten Kaisers Mark Aurel aus.Helga Gesche: Die Divinisierung der römischen Kaiser in ihrer Funktion als Herrschaftslegitimation. In: Chiron 8, 1978, S. 377–390, hier: 387f.; Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer, Ann Arbor 1994, S. 9 und Anm. 34; Anne Daguet-Gagey: Septime Sévère, Paris 2000, S. 255f.; Drora Baharal: Victory of Propaganda, Oxford 1996, S. 20–42. Caracalla galt daher als fiktiver Enkel Mark Aurels und erhielt ab 195/196 dessen Namen: Er hieß fortan Marcus Aurelius Antoninus, wurde also wie sein Vater als Angehöriger von Mark Aurels Familie, des Kaisergeschlechts der Antonine, betrachtet. Geta hingegen erhielt zwar zeitweilig den Vornamen Lucius, der vielleicht an Lucius Verus, den Mitregenten Mark Aurels, erinnern sollte,Bruno Bleckmann: Die severische Familie und die Soldatenkaiser. In: Hildegard Temporini-Gräfin Vitzthum (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms, München 2002, S. 265–339, hier: 270. Es könnte sich aber auch um Übernahme des Vornamens von Septimius Severus handeln. Belege bei Attilio Mastino: Le titolature di Caracalla e Geta attraverso le iscrizioni (indici), Bologna 1981, S. 36. wurde aber nicht durch Umbenennung fiktiv in das Geschlecht der Antonine aufgenommen. Darin zeigte sich schon damals eine Bevorzugung seines ein Jahr älteren Bruders.Florian Krüpe: Die Damnatio memoriae, Gutenberg 2011, S. 182f. und Anm. 48. Vielleicht schon Mitte 195, spätestens 196 wurde Caracalla der Titel Caesar verliehen, womit er zum künftigen Kaiser designiert wurde.Für Frühjahr 196 plädiert Matthäus Heil: Clodius Albinus und der Bürgerkrieg von 197. In: Hans-Ulrich Wiemer (Hrsg.): Staatlichkeit und politisches Handeln in der römischen Kaiserzeit, Berlin 2006, S. 55–85, hier: 75–78. Anderer Meinung ist u. a. Helmut Halfmann: Itinera principum, Stuttgart 1986, S. 220; er tritt für Mitte 195 ein. Eine entsprechende Rangerhöhung Getas blieb zunächst aus.
mini|Ein Aureus der Kaiserin Julia Domna, auf der Rückseite ihre beiden Söhne 197 begleitete Geta zusammen mit Caracalla seinen Vater auf dessen zweitem Feldzug gegen die Parther. Vielleicht schon 197, spätestens 198 erhielt er die Titel Caesar und Princeps iuventutis.ILS 8916. Wohl gleichzeitig wurde Caracalla zum Augustus, das heißt zum nominellen Mitregenten des Kaisers, erhoben.Zu den Datierungsansätzen siehe Helmut Halfmann: Itinera principum, Stuttgart 1986, S. 51; Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer, Ann Arbor 1994, S. 10; Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 130. Damit wurde wiederum Caracallas Vorrang festgeschrieben.Vgl. zur Rangordnung Fleur Kemmers: Out of the Shadow: Geta and Caracalla reconsidered. In: Stephan Faust, Florian Leitmeir (Hrsg.): Repräsentationsformen in severischer Zeit, Berlin 2011, S. 270–290, hier: 271–274. Die Kaiserfamilie blieb noch einige Zeit im Orient; 199 reiste sie nach Ägypten, wo sie sich bis 200 aufhielt. Erst 202 kehrte sie nach Rom zurück.Florian Krüpe: Die Damnatio memoriae, Gutenberg 2011, S. 178. Von 202 bis 203 hielt sich die Familie in Nordafrika auf; den Winter verbrachte sie wohl in Severus’ Heimatstadt Leptis Magna in Libyen.Zur Afrikareise und ihrer Datierung siehe Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 146–154.
Vergeblich versuchte Severus, die Feindschaft zwischen seinen Söhnen zu mildern und gegenüber der Öffentlichkeit zu vertuschen. Die kaiserliche Propaganda täuschte Eintracht vor: Es wurden Münzen der Concordia (Eintracht) geprägt,Abbildung bei Barbara Levick: Julia Domna, London 2007, S. 81. Vgl. Daría Saavedra-Guerrero: El poder, el miedo y la ficción en la relación del emperador Caracalla y su madre Julia Domna. In: Latomus 66, 2007, S. 120–131, hier: 122f. und in den Jahren 205 und 208 bekleideten Caracalla und Geta gemeinsam das Konsulat. Eine längere Abwesenheit der beiden Rivalen von Rom schien zur Vermeidung von Skandalen in der Hauptstadt wünschenswert. Wohl auch aus diesem Grund nahm Severus beide Söhne mit, als er 208 zu einem Feldzug nach Britannien aufbrach. Der Kampf richtete sich gegen die im heutigen Schottland lebenden Kaledonier und Mäaten. 209 erhielt Geta die Würde eines Augustus, wurde also in dieser Hinsicht seinem Bruder gleichgestellt.Zur Datierung siehe Anthony R. Birley: The African Emperor. Septimius Severus, 2., erweiterte Auflage, London 1988, S. 274; Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer, Ann Arbor 1994, S. 13 Anm. 58. Damit war die Weichenstellung für die künftige gemeinsame Herrschaft vollzogen; Severus hatte wohl erkannt, dass sein jüngerer Sohn nur so eine Chance hatte, den bevorstehenden Machtkampf zu überleben.Barbara Levick: Julia Domna, London 2007, S. 84.
Die Kämpfe in Britannien zogen sich hin. Da Septimius Severus bei schlechter Gesundheit war, betraute er 210 Caracalla mit der alleinigen Leitung der militärischen Operationen. Geta hingegen erhielt kein Kommando, sondern übernahm rein zivile Aufgaben. Dennoch nahmen beide Söhne den Siegernamen Britannicus maximus an, den auch Severus führte. Am 4. Februar 211 starb Severus in Eburacum (heute York).
Kaisertum und Tod Nach dem Tod des Severus traten seine Söhne wie vorgesehen gemeinsam die Herrschaft an, wobei allerdings der Titel des Pontifex maximus Caracalla vorbehalten blieb; Geta blieb lediglich Pontifex. Obwohl Caracalla damit erneut einen gewissen Vorrang beanspruchen konnte, scheint dieser nicht eindeutig genug gewesen zu sein, um die Machtverhältnisse zu klären. Da Geta aber bei den Soldaten beliebt war, wagte es Caracalla vorerst nicht, offen gegen ihn vorzugehen.Siehe dazu Fleur Kemmers: Out of the Shadow: Geta and Caracalla reconsidered. In: Stephan Faust, Florian Leitmeir (Hrsg.): Repräsentationsformen in severischer Zeit, Berlin 2011, S. 270–290, hier: 271, 283–285. Die beiden Kaiser schlossen mit den Kaledoniern und Mäaten Frieden und kehrten mit getrenntem Hofstaat nach Rom zurück. Dort schützten sich beide durch sorgfältige Bewachung voreinander. Als Vorbild für diese staatsrechtliche Konstruktion konnte die gemeinsame Herrschaft von Mark Aurel und dessen Adoptivbruder Lucius Verus im Zeitraum 161 bis 169 sowie jene zwischen Mark Aurel und seinem Sohn Commodus von 177 bis 180 dienen. Allerdings waren damals der Rangunterschied und die Aufgabenteilung zwischen den Kaisern klarer geregelt gewesen, während bei Caracalla und Geta, die beide leibliche Söhne eines Kaisers waren, eine eindeutige, einvernehmliche Regelung der Hierarchie, Befugnisse und Zuständigkeiten fehlte.
Ein Doppelkaisertum gleichberechtigter Herrscher hätte unter den gegebenen Umständen eine Reichsteilung vorausgesetzt. Der Geschichtsschreiber Herodian behauptet, es sei tatsächlich erwogen worden, das Römische Reich zu teilen und Geta den Osten zuzuweisen, doch sei dieser Plan verworfen worden, denn Julia Domna, die Mutter der beiden Kaiser, habe sich dem Vorhaben nachdrücklich widersetzt.Herodian 4,3,5–9. Dieser Bericht wird aber von mehreren Althistorikern angezweifelt; Versuche, in epigraphischem Material eine Bestätigung dafür zu finden, sind jedenfalls gescheitert.Julia Sünskes Thompson: Aufstände und Protestaktionen im Imperium Romanum, Bonn 1990, S. 63; Géza Alföldy: Die Krise des Römischen Reiches, Stuttgart 1989, S. 190–192, 213f.
In Rom war eine gespannte und sehr labile Lage entstanden. Die römische Stadtbevölkerung, die Prätorianer und die in der Hauptstadt und ihrer Umgebung stationierten Truppen waren gespalten oder unschlüssig, so dass ein Bürgerkrieg bevorzustehen schien. Unklar ist, ob es auch bei den Provinztruppen regional unterschiedliche Präferenzen gab. Einer umstrittenen Forschungshypothese zufolge waren die Anhänger Getas im Osten des Reichs stark, während Caracalla vor allem bei den Grenztruppen im Rhein- und Donauraum Unterstützung fand.Zu diesem Ergebnis kommt Jenő Fitz: Das Verhalten der Armee in der Kontroverse zwischen Caracalla und Geta. In: Dorothea Haupt, Heinz Günter Horn (Hrsg.): Studien zu den Militärgrenzen Roms, Bd. 2, Bonn 1977, S. 545–552; vgl. Markus Handy: Die Severer und das Heer, Berlin 2009, S. 105–110. Auf Ablehnung stößt Fitz bei Julia Sünskes Thompson: Aufstände und Protestaktionen im Imperium Romanum, Bonn 1990, S. 62–64 und Géza Alföldy: Die Krise des Römischen Reiches, Stuttgart 1989, S. 215f.