miniatur|Widmungszyklus des Gero-Codex: Gero überreicht dem heiligen Petrus den Codex (fol 6v) miniatur|Widmungsgedicht des Gero auf Petrus (fol 7r). Auszüge in deutscher Übersetzung:„Pförtner des Himmels, Zierde und goldenes Licht der Welt, Fürst der Kirche, Petrus genannt nach dem Felsen, dem höchste Macht gegeben ist, irdische Schulden zu lösen.Nimm an – bitte ich – das wertlose Geschenk deines Dieners. Denn ich bringe was ich kann, nicht wie viel ich als Schuldner aufbieten muss. Für diesen Dienst habe ich Dir das Büchlein darbringen lassen. Dieses soll für alle Zeit zu Deiner Ehre erhalten bleiben. Wenn es ein verblendeter Feind wegnimmt, soll er wegen der Schuld des Verbrechens den Zorn des Herrn auf sich ziehen.Petrus, deine Himmelstür möge Gero offen stehen.“Peter Michael Kleine: Glaube und Hoffnung. Der Gero-Codex. Symbol geglaubter Realität. In: Michael Gosmann, Peter Michael Kleine, Kathrin Ueberholz: Der Gero Codex kehrt zurück. Das gemalte Buch von Wedinghausen. Dokumentationsband über die Ausstellung des Gero Codex im Kloster Wedinghausen vom 24. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010. Arnsberg 2010, berichtigte Fassung . miniatur|Widmungszyklus des Gero-Codex: Der Schreiber Anno übergibt Gero das Werk (fol 7v) miniatur|Initiale S aus dem Gero-Codex (fol 103v)
Der Gero-Codex ist die älteste der mittelalterlichen Handschriften, die der Buchmalerschule des Klosters Reichenau zugeschrieben werden kann. Sie wurde um das Jahr 969 vermutlich für den späteren Kölner Erzbischof Gero angefertigt. Die Bilderhandschrift ist ein herausragendes Beispiel der ottonischen Buchmalerei und wurde in die Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO aufgenommen. Es handelt sich um ein Evangelistar oder Perikopenbuch, das die Evangelientexte des Kirchenjahres enthält. Es war so zusammengestellt, dass es die für die Heilige Messe nötigen Teile der Evangelien enthielt und so während der Liturgie genutzt werden konnte. Die Handschrift wird heute in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt unter der Signatur Hs. 1948 aufbewahrt.
Künstler und Stifter Der Schreiber und wohl auch Illustrator war nach Widmung (fol 8r) ein Mönch mit Namen Anno aus der Malschule des Klosters Reichenau. Dort ist er für 958 als Subdiakon belegt. Nach Anno wird eine Gruppe von Reichenauer Manuskripten als Anno-Gruppe bezeichnet. Dazu zählen das Petershausener Sakramentar (Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Sal. IXb), das Epistolar in Cambridge (Fitzwilliam Museum, McClean 30) und ein Fragment eines Missale in Paris (BnF, Bibliotheque de l’Arsenal, Ms.610).Katrin Ueberholz: Der Schreiber-Mönch Anno. In: Michael Gosmann, Peter Michael Kleine, Kathrin Ueberholz: Der Gero Codex kehrt zurück. Das gemalte Buch von Wedinghausen. Dokumentationsband über die Ausstellung des Gero Codex im Kloster Wedinghausen vom 24. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010. Arnsberg 2010, S. 49, S. 53. Nach älteren Forschungen soll der Künstler Eburnat geheißen haben. Dementsprechend gibt es auch die Bezeichnung Eburnat-Gruppe.Reichenauer Malerschule, in: P. W. Hartmann (Hrsg.): In dem Widmungstext bittet Anno den Auftraggeber Gero um Gebete für sich und gibt der Hoffnung Ausdruck, dereinst denselben himmlischen Lohn zu erhalten, wie ihn der Stifter erwarten darf.Tobias Burg: Die Signatur. Formen und Funktionen vom Mittelalter bis zum 17. Jahrhundert. Münster 2007, S. 85.
Möglicherweise sind die letzten drei in etwas kleinerer Schrift verfassten Seiten von einer anderen Hand.
Dem Widmungsgedicht nach wurde die Handschrift für Gero geschrieben, der sie dem Heiligen Petrus für eine diesem geweihte Basilika widmete. Da der Kölner Dom dem heiligen Petrus geweiht ist, erlaubte dieses die Identifikation Geros mit Erzbischof Gero von Köln. Für die Datierung entscheidend ist der Hinweis, dass der Stifter Gero als „Basilicae Petrie custos“ und damit noch nicht als Erzbischof bezeichnet wird. Wenn dem so ist, würde das Werk vor das Jahr 969 zu datieren sein. Sollte der Kustostitel als Umschreibung des erzbischöflichen Amtes verwendet worden sein, würde es in die Zeit zwischen 969 und 976 fallen. Da Gero im Widmungsbild nicht im bischöflichen Ornat dargestellt ist, dürfte die These von der Entstehung vor 969 wahrscheinlich sein.Leo Eizenhöfer, Hermann Knaus: Die liturgischen Handschriften der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt. Harrassowitz, Wiesbaden 1968, S. 108.
Geros Motiv für die Stiftung wird im Widmungsgedicht genannt. Er hofft darauf, dass Petrus ihm als Dank für das Geschenk die Himmelstür öffnet. Über weitere Motive gibt es keine Auskunft. Gero, der einem bedeutenden Adelsgeschlecht entstammte und wohl dem Kölner Domkapitel angehörte, zeigte, dass er über die Mittel verfügte, eine solche Prachthandschrift anfertigen zu lassen. Damit erhoffte er sich möglicherweise Vorteile im Wettbewerb bei einer künftigen Erzbischofswahl.Michael Gosmann: Macht und Reichtum. Gero – Person und Geschichte. In: Ders., Peter Michael Kleine, Kathrin Ueberholz: Der Gero Codex kehrt zurück. Das gemalte Buch von Wedinghausen. Dokumentationsband über die Ausstellung des Gero Codex im Kloster Wedinghausen vom 24. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010. Arnsberg 2010, S. 75f.
Beschreibung Äußere Erscheinung und Text Die 30 × 23 cm messende Handschrift besteht aus 176 Pergamentblättern. Diese sind jeweils 29,7 × 22,2 cm groß. Das Werk enthält 298 Lesungen für das Kirchenjahr. Der Einband besteht aus lederbezogenen Holzdeckeln. Die Holzdeckel sind original, wurden aber mit neuem Leder überzogen. Diese weisen eine Vertiefung in der Mitte auf, die ursprünglich eine Elfenbeinarbeit enthielt. Bei Restaurierungsarbeiten 1949 wurde der Buchrücken mit Rauleder erneuert. Anstelle der Vorsatzblätter aus Papier wurde Pergament eingesetzt.Leo Eizenhöfer, Hermann Knaus: Die liturgischen Handschriften der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt. Harrassowitz, Wiesbaden 1968, S. 108.
Geschrieben ist es in karolingischer Minuskel des 10. Jahrhunderts. Für die Titelseiten wurde die Capitalis rustica verwendet. Der Satzspiegel ist einspaltig und in 21 Zeilen pro Seite gegliedert.Katrin Ueberholz: Der Schreiber-Mönch Anno. In: Michael Gosmann, Peter Michael Kleine, Kathrin Ueberholz: Der Gero Codex kehrt zurück. Das gemalte Buch von Wedinghausen. Dokumentationsband über die Ausstellung des Gero Codex im Kloster Wedinghausen vom 24. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010. Arnsberg 2010, S. 49–71.
Bilder und Initialen Bedeutsam ist die Handschrift wegen acht Illustrationen. Diese ganzseitigen Miniaturen sind: die Widmung Annos an den Stifter Gero, dessen Widmung der Handschrift an den Apostel Petrus, vier Darstellungen mit je einem Evangelisten, die Darstellung der Maiestas Domini (Die Majestät des Herrn) und der Frauen am Grab Jesu in der Osterinitiale M.
Die Evangelistenbilder und die Maiestas Domini haben die Darstellungen des 150 Jahre älteren Lorscher Evangeliars zum Vorbild. Auf fol 1 ist Matthäus dargestellt, es folgen Marcus, Lucas und Johannes. Nach dem Vorbild der Ada-Schule sind die Evangelisten unter einer Bogenarchitektur in sitzender und schreibender Pose dargestellt. Über ihren Köpfen befinden sich die üblichen Symbole der dargestellten Personen. Die Abgebildeten werden im Dreiviertelprofil dargestellt und wahren damit Distanz zum Betrachter. Insbesondere die Anordnung der Evangelisten am Beginn des Werkes weist auf das Lorscher Evangeliar zurück.Katrin Ueberholz: Der Schreiber-Mönch Anno. In: Michael Gosmann, Peter Michael Kleine, Kathrin Ueberholz: Der Gero Codex kehrt zurück. Das gemalte Buch von Wedinghausen. Dokumentationsband über die Ausstellung des Gero Codex im Kloster Wedinghausen vom 24. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010. Arnsberg 2010, S. 58.
Auf den Rektoseiten neben den Bildern befinden sich ornamental gerahmte Flächen in Purpur. Auf diesen stehen mit goldfarbener Tinte geschriebene Verse auf die abgebildeten Personen. Das Bild der Maiestas Domini (fol 5v) befindet sich in einem ornamentalen Kreisrahmen mit Medaillons der vier Symbole der Evangelisten. Auf fol 6v beginnt der Reigen der Widmungsbilder. Auf diesem sind Petrus und Gero unter einem stilisierten Kirchenbau abgebildet. Dabei betonen verschiedene Aspekte die Unterschiede zwischen Gero und Petrus. Besonders signifikant sind die Größenunterschiede beider Figuren. Petrus wird durch Nimbus, Thron und auch Vermeidung des Blickkontaktes mit Gero sowie durch die Farbgebung überhöht. Dagegen blickt Gero, in priesterliche Gewänder gekleidet, demütig zu Petrus auf.Katrin Ueberholz: Der Schreiber-Mönch Anno. In: Michael Gosmann, Peter Michael Kleine, Kathrin Ueberholz: Der Gero Codex kehrt zurück. Das gemalte Buch von Wedinghausen. Dokumentationsband über die Ausstellung des Gero Codex im Kloster Wedinghausen vom 24. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010. Arnsberg 2010, S. 54. Unklar ist die Deutung der zwei Stäbe/Schlüssel in der Hand des Petrus, die in Buchstaben auslaufen. Die einen lesen dies als Petr., die anderen sehen darin die Buchstaben FR für Forum als Begriff für Gerichtsbarkeit. Auf fol. 7v ist der Mönch Anno zu sehen, der dem sitzenden Stifter Gero das fertige Buch überreicht. Im Gegensatz zur unterschiedlichen Farbgebung des Hintergrundes im Fall Petrus und Gero im ersten Widmungsbild sind die Figuren des Anno und des Gero beide vor einem blassblauen Hintergrund dargestellt. Auf diesem Bild ist Gero durch Größe, thronähnlichen Sitz und Pracht der Gewänder die dominante Gestalt. Demgegenüber reicht der Mönch Anno Gero in demütiger Haltung das fertige Buch dar.Katrin Ueberholz: Der Schreiber-Mönch Anno. In: Michael Gosmann, Peter Michael Kleine, Kathrin Ueberholz: Der Gero Codex kehrt zurück. Das gemalte Buch von Wedinghausen. Dokumentationsband über die Ausstellung des Gero Codex im Kloster Wedinghausen vom 24. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010. Arnsberg 2010, S. 55f.
Auch bei den Widmungsbildern befinden sich auf den Rektoseiten beschriftete Purpurtafeln. Die folgenden Seiten (fol 8v–10r) sind leer. Es folgen zwei Seiten mit prachtvollen Initialen aus Goldschrift, Purpur und anderen Bestandteilen. Ähnliche Initialseiten finden sich auf fol 13r und fol 85r. Auf fol 86r finden sich dagegen im M des Namens Maria Darstellungen von Frauen und Engeln vor dem leeren Grab Jesu. Zu Beginn des Pfingstevangeliums stehen zwei Zierseiten. Auf der ersten wird Goldschrift auf Purpur eingesetzt. Die zweite zeigt ein reich ornamentiertes S auf grünem Untergrund. Auch das Evangelium Natale S. Petri beginnt mit einer Zierseite. Insgesamt finden sich fast auf jeder Seite des Werkes weitere kleinere Initialen etwa 4–5 Zeilen hoch im Text. Die Initialen dienen der Markierung von Abschnitten und erleichterten das Vorlesen. Teilweise tauchen auch in weiteren Initialen figürliche Darstellungen wie ein Graureiher oder die „Öhrchenschlange“ auf.Leo Eizenhöfer, Hermann Knaus: Die liturgischen Handschriften der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt. Harrassowitz, Wiesbaden 1968, S. 108. Katrin Ueberholz: Der Schreiber-Mönch Anno. In: Michael Gosmann, Peter Kleine, Kathrin Ueberholz (Hrsg.): Der Gero Codex kehrt zurück. Das gemalte Buch von Wedinghausen. Dokumentationsband über die Ausstellung des Gero Codex im Kloster Wedinghausen vom 24. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010. Arnsberg 2010, S. 59.
Bedeutung miniatur|Majestas Domini (Darstellung des thronenden Christus, umgeben von den Symbolen der Evangelisten) (fol. 5v)