mini|Karl Marx (1875) Kritik der politischen Ökonomie ist die von Karl Marx seit Mitte des 19. Jahrhunderts begonnene Untersuchung und Darstellung von Produktionsweise und Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft. Die Kritik zielt zugleich auf die klassische Politische Ökonomie, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die sie verschleiernde bürgerliche Ideologie. Ziel der Kritik der politischen Ökonomie ist die Erkenntnis und Aufhebung dieser Gesellschaftsform durch die ausgebeutete Arbeiterklasse. In seinem Londoner Exil veröffentlichte Marx hierzu 1859 einen ersten Bericht Zur Kritik der politischen Ökonomie, und 1867 den ersten Band seines Hauptwerkes Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie.

Der Fehler der klassischen Politischen Ökonomie bestand nach Marx’ Auffassung hauptsächlich darin, dass es deren Theoretikern entweder nicht gelang zu zeigen, wie das Verhältnis zwischen dem Arbeitsaufwand zur Produktion von Waren und deren Tauschwert tatsächlich beschaffen ist (z. B. Ricardo), oder dass sie einen solchen Zusammenhang leugneten (z. B. Bailey). Im Gegensatz zu den Klassikern der Politischen Ökonomie ging es Marx darum, den „ideologischen Schleier“ der Oberflächenerscheinungen zu lüften und das „Wesen“ der kapitalistischen Produktionsweise bloßzulegen.

Stellung innerhalb des Marxismus Neben der materialistischen Anthropologie des Marxschen Frühwerkes, dem von Marx und Friedrich Engels seit 1845 begonnenen historischen Materialismus sowie den späteren Engelschen Werken zur naturwissenschaftlichen Dialektik sind die Schriften zur Kritik der politischen Ökonomie die Hauptquellen des Marxismus.

Heutzutage gilt die Kritik der politischen Ökonomie innerhalb des Marxismus als das wichtigste und zentrale Projekt, welches inner- und außerhalb akademischer Kreise zu einer großen Zahl von weiterführenden Ansätzen geführt hat und weiterverfolgt wird.

Darstellung im Kapital Methode Im sogenannten Methodenkapitel der Einleitung der Grundrisse kritisiert Marx, die klassische Ökonomie sei von den konkreten zu immer abstrakteren Kategorien vorgegangen, um aus diesen die Realität im Kopfe zu reproduzieren, wodurch dann die Realität als ein Gedankengebilde erscheine. Richtig sei dagegen, mit den abstraktesten Kategorien zu beginnen und sie so darzustellen, wie diese Kategorien in der modernen bürgerlichen Gesellschaft auseinander hervorgehen.

Marx’ Ansatz wird auf unterschiedliche Weise als Dialektische Darstellungsmethode verstanden.

Nach der auf Engels zurückgehenden, lange vorherrschenden und heute teilweise vertretenen Interpretation bediente sich Marx im Kapital einer logisch-historischen Methode, in dem er die Darstellung mit historisch ältesten und gleichzeitig einfachsten Formen der Warenproduktion begann und von da aus die Entwicklung der moderneren Formen nachzeichnete. Diese Schule der Interpretation legt einen Schwerpunkt auf quantitative und volkswirtschaftliche Analysen und hat zur Entwicklung einer Marxistischen Wirtschaftstheorie geführt.

Dagegen beginnt Marx nach einer heute weit verbreiteten Interpretation die Darstellung unter der Voraussetzung einer voll entwickelten modernen Warenproduktion und stellt die verschiedenen Formen des Warenwertes logisch-systematisch dar. Diese Interpretation wird von der „Neuen Marx-Lektüre“ vertreten und legt einen großen Schwerpunkt auf die wissenschaftliche Durchdringung des Wertes. Nach dieser Interpretation ist die dialektische Darstellung im Kapital insofern zyklisch, als Marx unter Voraussetzung einer entwickelten Warenproduktion von der abstraktesten Form des Werts ausgeht und im Zuge der Wertformanalyse diese vorausgesetzte Warenproduktion wieder rekonstruiert.

Wert- und Geldtheorie

Warenanalyse Ausgangspunkt der marxschen Untersuchung ist der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft als einer ungeheuren Warensammlung mit der einzelnen Ware als Elementarform.MEW 23, S. 49.

Ware zu sein, ist keine natürliche Eigenschaft der Dinge, sondern eine gesellschaftliche; nur in kapitalistischen Gesellschaften stellt sie die typische Gestalt des Reichtums dar. Waren sind beliebig reproduzierbare Güter, die ausschließlich für den Austausch auf dem Markt hergestellt werden.

Waren besitzen einen Wert, der eine Doppelgestalt als Gebrauchswert und Tauschwert hat. Der Gebrauchswert eines Gutes besteht darin, dass es durch seine Eigenschaften nützlich für die Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses ist; er ist unabhängig von der sozialen Form, in welcher er erscheint.MEW 23, S. 50. Der Tauschwert ist das quantitative Tauschverhältnis zweier Gebrauchsgüter.

Gebrauchswert und Tauschwert stehen in einem dialektischen Widerspruch zueinander. Einerseits sind sie gegenteilige Bestimmungen desselben Dinges; andererseits besteht zwischen ihnen ein Abhängigkeitsverhältnis: ohne Gebrauchswert kein Tauschwert und ohne Tauschwert kein Zugang zu den Gebrauchswerten.

Die Waren werden durch Privatarbeit hergestellt. Diese hat – wie die Ware – einen „Doppelcharakter“: Marjorie-Wiki. konkrete und abstrakte Arbeit. Die konkrete Arbeit produziert qualitativ verschiedene Gebrauchswerte. Mit ihr eignet sich der Mensch die Gegenstände der Natur zur Befriedigung seiner Bedürfnisse an. Die abstrakte Arbeit produziert die Tauschwerte. Sie beinhaltet eine Naturalisierung und Entindividualisierung menschlicher Arbeit, insofern sie diese zum einen auf die bloße „Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn“,MEW 23, S. 61. zum anderen auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit reduziert.

Wertformanalyse und Funktionen des Geldes Mit der Wertformanalyse beansprucht Marx etwas zu leisten, das in der bürgerlichen Ökonomie keinerlei Entsprechung hat.MEW 23, S. 62. Ihr Ziel besteht in der Lösung des „Geldrätsels“. Marx’ These ist, dass bereits das einfache Wertverhältnis zweier Waren die Struktur der Geldform enthält.

Die Wertformanalyse wird häufig so verstanden, als wolle Marx auf einem hohen Abstraktionsniveau die historische Entstehung des Geldes ausgehend vom einfachen Produktentausch nachzeichnen.Beispielsweise die „Marxistische Wirtschaftstheorie“ von Ernest Mandel Aus Sicht der „Neuen Marx-Lektüre“ jedoch bezieht sich die marxsche Analyse ausschließlich auf die Ware im Kapitalismus.

In der einfachen Wertform wird der Wert einer Ware in einer anderen Ware ausgedrückt (x Ware A = y Ware B). Letztere wird zum Wertausdruck von ersterer. Der Gebrauchswert der als Äquivalent dienenden Ware B drückt den Wert der Ware A aus. Durch das dialektische Vorantreiben der Widersprüche und Mängel der einzelnen Wertformen entwickelt Marx die jeweils folgende Wertform aus der vorangegangenen: „einfache Wertform“, „einzelne oder zufällige Wertform“, „totale und entfaltete Wertform“, „allgemeine Wertform“.Siehe die Liste von Wertformen Beim Übergang von der „allgemeinen Wertform“ zur „Geldform“ kommt es allerdings zu einem „Bruch in der dialektischen Darstellung“.Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. S. 182. Die Geldform entsteht nicht aus den Mängeln der allgemeinen Wertform, sondern durch die „gesellschaftliche Tat“ der Warenbesitzer.MEW 23, S. 101. Welche Ware historisch zu Geld wird, ist relativ zufällig. Sie muss lediglich bestimmte Eigenschaften erfüllen: Gleichförmigkeit, Dauerhaftigkeit und Teilbarkeit.

Marx unterscheidet drei grundlegende Geldfunktionen: Als „allgemeines Maß der Werte“ quantifiziert es den Wert jeder Ware. Als „Zirkulationsmittel“ vermittelt es den tatsächlichen Austausch der Waren. Im Austauschprozess will der Besitzer der Ware A, die für ihn kein Gebrauchswert ist, in eine andere Ware B (z. B. einen Stuhl) verwandeln, an deren Gebrauchswert er interessiert ist. Er verkauft die Ware A und kauft sich anschließend für das dafür erhaltene Geld die Ware B. Marx bezeichnet diesen Prozess als „Metamorphose der Ware“ (für den Besitzer der Ware A verwandelt sich diese in die Ware B). Der stoffliche Inhalt dieser Metamorphose ist die Ersetzung eines Gebrauchswertes durch einen anderen, Marx spricht hier auch vom „gesellschaftlichen Stoffwechsel“.MEW Band 23, S. 119. Im Unterschied zum einfachen Produktentausch (Ware A gegen Ware B) der Tausch durch Geld vermittelt; der Prozess hat die Form Ware – Geld – Ware (W–G–W). Als „wirkliches Geld“ fungiert es als Schatz, Zahlungsmittel und Weltgeld. Als Schatz wird Geld der Zirkulation entzogen. Es soll nicht mehr länger die Warenzirkulation vermitteln, sondern als selbstständige Gestalt des Werts außerhalb der Zirkulation existieren. Als Zahlungsmittel schließt es einen Kauf ab, der bereits stattgefunden hat. Als Weltgeld fungiert das Geld schließlich auf dem Weltmarkt. Dort kann es wieder als Zirkulationsmittel verwendet werden, um einen Kauf zu vermitteln, als Zahlungsmittel, um ihn abzuschließen, oder als „absolut gesellschaftliche Materiatur des Reichtums“,MEW 23, S. 158. wenn es sich um die Übertragung des Reichtums aus einem Land in ein anderes handelt (z. B. nach einem Krieg).

Warenfetisch Marx überträgt den aus dem religiösen Bereich stammenden Begriff „Fetisch“ auf die ökonomischen Dinge der bürgerlichen Welt. Der Warenfetisch ist für Marx zugleich ein objektives Phänomen gesellschaftlicher Praxis und ein subjektives Bewusstseinsphänomen.

Der Wert scheint den Dingen, sobald man sie als Waren betrachtet, von Natur aus zuzukommen. Ein Ding hat aber von sich aus keinen Wert und kann von Natur aus auch nicht den Wert eines andern Dinges ausdrücken. Dafür ist es notwendig, dass die Dinge zu Waren werden, und die Menschen den in der Warenform existierenden Dingen natürliche Eigenschaften zuschreiben, die ihnen tatsächlich nur aufgrund der sozialen Gegebenheiten anhaften. Der Wert gibt sich den „Schein des Ansichseins“Gerhard Bolte: Von Marx bis Horkheimer. Aspekte kritischer Theorie im 19. und 20. Jahrhundert. Darmstadt 1995, S. 34. und beherrscht die Menschen, da sie ihn für naturgegeben halten. Er existiert zwar nur in den Vorstellungen der Menschen, gerade dadurch wird er aber real. Durch ihr Handeln als Waren tauschende Subjekte bestätigen die Menschen die Existenz des Werts täglich aufs Neue.

Kapitaltheorie Der Übergang vom Geld zum Kapital

Marx vertritt eine monetäre Kapitaltheorie. Das Geld ist als letztes Resultat der Warenzirkulation (W–G–W) zugleich die erste Erscheinungsform des Kapitals (G–W–G’), worin sich die auf den Tauschwert abzielende Warenproduktion verwirklicht. Erst in der Bewegung G–W–G' („allgemeine Formel des Kapitals“MEW 23, S. 161.) behält der Wert seine selbstständige Gestalt, vermehrt sich und wird damit zum Zweck des ganzen Prozesses.

Das Kapital als das „automatische Subjekt“ Marx bezeichnet das Kapital als den sich selbst verwertenden Wert. Als solcher vollzieht es die Bewegung Geld – Ware – Geld (G–W–G’). Den bei der Kapitalbewegung erzielten Wertzuwachs, die Differenz zwischen G’ und G, bezeichnet Marx als „Mehrwert“ – ein Begriff, der sich weder in der klassischen politischen Ökonomie noch in der modernen Volkswirtschaftslehre findet.

Marx zufolge ist die kapitalistische Warenproduktion nicht auf Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet, sondern auf die Verwertung des Werts. Bedürfnisbefriedigung erfolgt nur als Nebenprodukt, sofern sie sich mit der Kapitalverwertung deckt. Die Kapitalbewegung hat als einzigen Zweck die grenzenlose Vermehrung des vorgeschossenen Werts.

Kapitalist ist nicht bereits jemand, der über eine große Wertsumme verfügt, sondern nur der, der diese Wertsumme auch tatsächlich als Kapital verwendet, d. h. die selbstzweckhafte Bewegung des Kapitals zu seinem eigenen, subjektiven Zweck macht. Der Kapitalist folgt in seinem Handeln der Logik des Kapitals und wird zur „Personifikation einer ökonomischen Kategorie“ bzw. „ökonomische Charaktermaske“.MEW 23, S. 100. Wenn der Kapitalist nur die Logik des Kapitals ausführt, dann ist auch nicht er, sondern das Kapital, der sich verwertende Wert, „Subjekt“. Marx spricht in diesem Zusammenhang vom Kapital als „automatischem Subjekt“.MEW 23, S. 169.