Die Stadt ohne Juden ist ein österreichischer Stummfilm aus dem Jahr 1924, der auf dem zwei Jahre zuvor erschienenen gleichnamigen Roman von Hugo Bettauer basiert und dem Genre des Expressionismus zugeordnet wird. Dem Roman von übermorgen, wie der Untertitel lautet, wird aus heutiger Perspektive oft prophetische Weitsicht in Bezug auf die Geschehnisse im Dritten Reich zugeschrieben, die sich auch in den filmischen Bildern der Vertreibung der Juden widerspiegelt. Die Regie führte Hans Karl Breslauer. 2019 erschien eine vollständig rekonstruierte Fassung des zeitweilig als verschollen gegoltenen Films.
Handlung Im historischen Wien der 1920er Jahre, im Film als Utopia bezeichnet, herrschen in der Bevölkerung die drei epochalen Grunderfahrungen vor: Verlustgefühl, drohende soziale Deklassierung und eine Stimmung zwischen Revolutionsgeist und Erregungskultur. Zudem spitzen Inflation und Arbeitslosigkeit die gespannte Lage zu. Das Volk fordert die Ausweisung der Juden, die es für die negativen Entwicklungen verantwortlich macht. Der Bundeskanzler Dr. Schwerdtfeger, zunächst reserviert, setzt sich aus taktischen Gründen an die ideologische Spitze dieser Bewegung und liefert in seinen Reden vor dem Parlament Gründe der Unmöglichkeit des Zusammenlebens mit der jüdischen Bevölkerung. Hierzu werden verschiedene Stereotype aufgegriffen, die mit antisemitischer Rhetorik im Allgemeinen sowie mit bestimmten Stilmitteln aus den Reden jener Zeit beinahe vollständig übereinstimmen. Die Ausweisung der Juden per Eisenbahn bzw. als Fußmarsch wird detailliert vorgeführt. Verschiedene jüdische Lebensrealitäten werden nebeneinander in ihrer Diversität gezeigt (anders als beispielsweise im Golem-Film von 1920, wo die „jüdische“ Welt pauschal als in sich geschlossene, homogene und als „fremdartig“ empfundene Welt einer „christlichen“ Lebenswelt gegenübergestellt wird). So wird etwa deutlich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zwischen „akkulturierten“ Wiener Juden und neu zugezogenen Ostjuden unterschieden, zwischen denen es so gut wie keine Verbindungen gibt.
Alle Gesellschaftsteile werden klischeehaft dargestellt, was absichtlich inszeniert und bewusst eingesetzt wurde. Die meisten Figuren bewegen sich im städtisch-bürgerlichen Milieu bzw. in der Oberschicht. Die Juden aus dem Osten werden in ärmlichen Verhältnissen und in Beziehung zu religiöser Symbolik eingeführt. Sie reagieren auf die Ausweisung vornehmlich leidend und duldend. Nach dem erhofften wirtschaftlichen Aufschwung tritt sehr bald der kulturelle und wirtschaftliche Verfall ein – Wien „verdorft“. In den Theatern werden nur noch Werke von Ludwig Ganghofer und Ludwig Anzengruber gespielt. Viele Kaffeehäuser stehen leer oder werden in Stehbierhallen umgebaut. Der Handel geht stark zurück oder verlagert sich in andere Städte; im Buch sind es Prag und Budapest. Bundeskanzler Schwerdtfeger beginnt, seine Entscheidung zu bereuen und verfällt in eine depressive Lethargie.
Der Protagonist Leo Strakosch kehrt mit gefälschten Papieren inkognito als Kunstmaler aus Paris zurück; es gelingt ihm aufgrund seines Listenreichtums, den Juden die Rückkehr in die Stadt möglich zu machen. Die List besteht zum einen aus der Beeinflussung der öffentlichen Meinung zugunsten der Juden: Er platziert in der Stadt Aushänge des fiktiven Bundes des „wahrhaftigen Christen“, die auf die Verschlechterung der Situation ohne die Juden aufmerksam machen. Zum anderen im Außer-Gefecht-Setzen des größten Antisemiten und Alkoholikers Bernart und im Komplott mit dessen Dienstboten durch Bestechung. Dies ermöglicht eine Abstimmung zugunsten der Rückreise der Juden, während Rat Bernart sich in einer Irrenanstalt wiederfindet. In einer expressionistischen Szenerie, bestehend aus einer asymmetrischen Zelle in einer klaustrophobischen Umgebung, sieht er sich plötzlich von überall aufleuchtenden Davidsternen bedroht. Durch die letztlich glückliche Wiedervereinigung der Liebespaare soll symbolisch die Notwendigkeit der Harmonie innerhalb der gesamten Bevölkerung demonstriert werden. Protagonisten sind hierbei das intellektuelle, romantische Liebespaar Lotte, das „süße Wiener Mädel“, und Leo, sowie das komödiantische Paar der Bediensteten im Hause des Rates Volbert. Dieser zerstört dagegen durch seine unbedachte Stimme für die Ausweisung der Juden (und damit seines Schwiegersohnes) seine eigene Familie. Die Paare bestehen jeweils aus einem jüdischen Mann und einer christlichen Frau.
In der 2000 rekonstruierten Filmversion wacht Bernart zum Schluss im Wirtshaus auf, wodurch die Ereignisse zum Inhalt seines Traumes erklärt werden, durch den er die Wichtigkeit eines friedlichen Zusammenlebens erkennt. In der neurekonstruierten Version hingegen verbleibt Bernart im Irrenhaus, der Film endet mit der Begrüßung der zurückgekehrten Juden durch den Wiener Bürgermeister Laberl, die Aussage über die Wichtigkeit des friedlichen Zusammenlebens erscheint als allgemeiner Schlusstitel und ist nicht einer einzelnen Person zugeordnet.
Unterschiede zur Buchvorlage Teilweise wurden Szenen des Romans für den Film umgestellt oder neue hinzugefügt. Provokante Kapitel des Romans – etwa das, in dem sich Prostituierte über die Ausweisung ihrer reichen jüdischen Klienten beklagen – ließ der Film aus. Die größte Veränderung ist jedoch die Verschleierung der Stadt Wien sowie auch der damaligen politischen Parteienlandschaft, die im Buch explizit genannt werden, wie in dem Kapitel „Das Ende der Hakenkreuzler“. Auch das Parlament ist ursprünglich in mehrere Gruppen und Einzelpersonen unterteilt, woraus im Film zwei verfeindete Logen wurden. Bundeskanzler Schwerdtfeger ist teilweise dem realen Politiker Ignaz Seipel (österreichischer Bundeskanzler zur Entstehungszeit von Roman und Film) nachempfunden, zum Teil auch dem antisemitischen Wiener Bürgermeister Karl Lueger, wird allerdings im Film weniger fanatisch, dafür jedoch moralisch zerrissener dargestellt als in der Buchvorlage. Die Aussparungen sollten der Entschärfung des politischen Sprengstoffes dienen und hatten den Zweck einer möglichst breiten Publikumsansprache. Auch wird die Anspielung auf die Pädophilie des Rates Bernart ausgelassen. Zudem wurde Lottes Familiengeschichte sowie ihre Krankheit ausgespart, die im Buch den Grund darstellt, warum ihr Vater ihr den weiteren Kontakt mit Leo verbietet. Die Wiedervereinigung des Liebespaares findet in Lottes Villa und nicht wie im Roman in einer Gartenszene statt. Das Dandy-hafte und modisch affine der jüdischen Bevölkerung wird im Film nur angedeutet, aber in der literarischen Vorlage häufig thematisiert. Allgemein wird die Judenvertreibung im Roman zwar wesentlich dramatischer dargestellt, jedoch wird das passive Leiden in der Filmadaption viel prominenter gemacht. Zudem werden die Massenszenen, die im Film durch 68 Nebendarsteller, die vor der Außenkamera synchron die Hüte oder Fäuste wedeln, je nach Ge- oder Missfallen, nicht als adäquates Äquivalent für die beschriebenen Massenaufläufe empfunden, obwohl tatsächliche dokumentarische Aufnahmen eingefügt wurden.
Der auffälligste Unterschied sind die zwei Versionen des versöhnlichen Happy Ends. Im Roman wird Leo als erster Rückkehrer vom Bürgermeister mit den Worten begrüßt „mein lieber Jude“. Dagegen stellt sich in der 2000 veröffentlichten bearbeiteten Fassung innerhalb der expressionistischen Szenerie im Irrenhaus das Ganze in einer überraschenden Wende als ein Traum des Antisemiten Bernart heraus, welcher im Wirtshaus aufwacht – und damit den Expressionismus in die Traumwelt verbannt – und mit den Worten schließt: In der 2018 neu rekonstruierten Version findet sich das Ende jedoch ähnlich wie im Roman, auch hier spricht der Bürgermeister zu Leo, als dem ersten zurückgekehrten Juden, die Begrüßungsworte „Mein lieber Jude!“
Entstehung Die Buchvorlage Die Stadt ohne Juden – ein Roman von übermorgen geht auf den damals populären Romanschriftsteller Hugo Bettauer zurück, der aus einer akkulturierten jüdischen Familie aus Wien stammte, jedoch früh zum evangelischen Glauben konvertiert war. Die Stadt ohne Juden war sein großer Durchbruch und wurde auch in mehrere Sprachen übersetzt. Bettauer selbst beschreibt seine Idee zu dem Roman als zufälliges Gedankenspiel, ausgelöst durch die Schmiererei „Juden raus“ in einem öffentlichen Toilettenraum. Nur wenige Monate nach der Premiere wurde Bettauer von dem zeitweiligen NSDAP-Mitglied Otto Rothstock in seinem Büro niedergeschossen – Bettauer erlag den Verletzungen bald danach –, woraufhin dieser, obwohl als „Meuchelmörder“ angeklagt, lediglich wenige Monate in verschiedenen Nervenheilanstalten zubringen musste und 1927 ohne weitere Auflagen entlassen wurde.Reinhard Krammer, Christoph Kühberger, Franz Schausberger: Der Forschende Blick: Beiträge zur Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert; Festschrift für Ernst Hanisch zum 70. Geburtstag. Böhlau Verlag, Wien 2010, S. 202 (Google Books).
Der Regisseur Hans Karl Breslauer arbeitete mit Ida Jenbach an dem Drehbuch und ließ auch den Autor des Romans an dem Entstehungsprozess teilhaben. Breslauer selbst war in der ersten Zeit seines Lebens Schauspieler, später Drehbuchautor und Regisseur. Die Verfilmung von Die Stadt ohne Juden war seine letzte Regiearbeit. Im Nachhinein ist er vornehmlich als Schriftsteller in Erscheinung getreten und trat 1940 der NSDAP bei. Nach dem Krieg mietete er sich in einem Gasthof ein, konnte jedoch an alte Erfolge nicht anknüpfen und starb in Armut. Er produzierte den Film mit Filmgesellschaften, die im Nachhinein keinen rechtlichen Status aufwiesen und möglicherweise für Privatinvestoren stehen sollten.
Johannes Riemann, der hier den sich für die Rückkehr der Juden engagierenden Leo Strakosch darstellt, wurde später NSDAP-Mitglied und Staatsschauspieler und trat unter anderem vor Wachpersonal im KZ Auschwitz auf, während die Darsteller der größten Antisemiten, Hans Moser und Eugen Neufeld, Gegenteiliges erlebten: Neufeld wurde aufgrund seiner kritischen Haltung gegen das NS-Regime zeitweise in Haft genommen und de facto mit Berufsverbot belegt, Moser, der sich weigerte, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen, durfte wegen seiner Popularität zwar trotzdem weiterarbeiten, wurde aber gezwungen, sich von seiner Frau und seiner Tochter zu trennen, die beide ins Ausland emigrieren mussten. Durch die europäische Filmkrise und den entstehenden Tonfilm konnten sich viele der anderen Darsteller nicht in der Filmbranche halten. Als Hauptdarstellerin diente wie in vielen Filmen Breslauers die spätere Frau des Regisseurs, Anna Milety. Einige bekannte jüdische Darsteller in kleineren Rollen, Gisela Werbezirk, Sigi Hofer und Armin Berg, kamen, ebenso wie auch der nichtjüdische Hans Moser, aus dem Umkreis des Budapester Orpheum und des jüdischen Unterhaltungstheaters und sollten ein entsprechend unterhaltsames Flair mit einbringen. In einer kleinen Rolle als Hausknecht war der populäre Gewichtheber Josef Steinbach zu sehen. Die Darsteller der Juden aus dem Osten sind tatsächlich aus dieser Bevölkerungsschicht engagiert worden, um Stereotype darzustellen. Sie werden im Vorspann nicht einzeln angeführt. Hans Moser erhielt in diesem Film seine erst vierte Leinwandrolle.
Aufführungsgeschichte und Rekonstruktionen Der Film hatte seine Uraufführung am 25. Juli 1924 in Wien – als er in den Kinos der Stadt anlief, gab es „Störungen durch nationalistische Aktivisten“. Im Jahr 1933 sorgte der Film ein letztes Mal für Aufsehen, als er im Amsterdamer Theater Carré als Zeichen gegen Hitlerdeutschland gezeigt wurde. Danach geriet der Film weitgehend in Vergessenheit und galt lange Zeit als verschollen.