mini|Unterschriften von Alice Sheldon und ihrer Pseudonyme

James Tiptree, Jr. (eigentlich Alice B. Sheldon; * 24. August 1915 in Chicago, Illinois; † 19. Mai 1987 in McLean in Virginia, USA) war eine US-amerikanische Schriftstellerin und Psychologin. Die Autorin benutzte zwischen 1968 und 1987 für die Veröffentlichung der meisten ihrer Science-Fiction-Kurzgeschichten sowie zweier SF-Romane das Pseudonym James Tiptree, Jr. Einige ihrer Erzählungen erschienen jedoch unter ihrem weiteren Pseudonym Raccoona Sheldon.

Besonders durch die inhaltlichen und stilistischen Leistungen ihrer Storys der 1970er Jahre gilt Alice Sheldon heute als eine der besten Kurzgeschichten-Autorinnen des Science-Fiction-Genres. Nach ihrem Pseudonym wurde der James Tiptree, Jr. Award benannt, der jedes Jahr für Werke der Science-Fiction oder Fantasy vergeben wird, die die Geschlechterrollen untersuchen und das Verständnis dafür erweitern.

Leben mini|Alice Sheldon in Afrika mit Kikuyu Stammesmitgliedern Alice Sheldon wurde als Tochter von Mary Hastings Bradley, einer produktiven Autorin – meist von Reiseliteratur – und Herbert Bradley, eines Anwalts, Afrika- und Naturforschers geboren. Von früh auf begleitete sie ihre Eltern bei Expeditionen nach Afrika, Indien und Asien, etwa auf einer Safari in den Jahren 1921–1922. In der Schule stand sie nach eigener Aussage eher am Rand und war unter Gleichaltrigen unbeliebt, jedoch nicht bei Erwachsenen, die sie aber langweilig fand. Ihre Interessen und Begabungen lagen anfangs bei der Bildenden Kunst, und sie begann zu zeichnen und zu malen. 1934, im Alter von 19 Jahren, heiratete Sheldon auf Anraten ihrer Mutter überstürzt einen Mann namens William Davey. Bei einer legalen, aber nach ihren Angaben von dem ausführenden Arzt verpfuschten Abtreibung verlor Alice Sheldon die Fähigkeit, Kinder zu bekommen. Sie konzentrierte sich weiter auf eine Karriere als Malerin und Zeichnerin, hatte bis etwa 1940 eine Reihe von Ausstellungen in angesehenen Galerien in den USA, kam aber schließlich zu der Überzeugung, „nicht gut genug“ für eine weitere Laufbahn als Künstlerin zu sein.

1941 ließ sich Sheldon wieder von William Davey scheiden und arbeitete für zwei Jahre als Kunstkritikerin für die Chicago Sun. 1942 trat sie in die U.S. Army ein; zu Beginn wurde sie der Luftaufklärung (Air Intelligence) zugeteilt. Während dieser Zeit war es wichtig für Alice Sheldon, mit weiblichen Offizieren zu tun zu haben, die ihr ein Vorbild sein konnten: Es gab viele Vorurteile, die den Dienst von Frauen in der Armee betrafen, und die ihnen zugewiesenen Tätigkeitsfelder wurden stark beschränkt. Sheldon wurde trotz solcher Einschränkungen die erste Frau, die in der Fotoaufklärung (Photo Intelligence) der Armee arbeiten konnte. 1943 teilte man sie der Army Intelligence zu, dem Nachrichtendienst der Armee. Die nachrichtendienstliche Tätigkeit brachte sie nach Europa, wo sie schließlich Huntington Sheldon traf, einen „blaublütigen Wall-Street-Drop-Out“Mark Siegel: Love Was the Plan, the Plan was … A True Story About James Tiptree, Jr. In: Foundation: The Review of Science Fiction 44 (1988–1989), S. 5–13., der den zweithöchsten Rang bei der europäischen Sektion des damaligen US-amerikanischen Geheimdienstes (American Intelligence) bekleidete. Die beiden heirateten 1945. 1946 wurde Alice Sheldon von der Armee im Rang eines Majors entlassen, während Huntington Sheldon in leitender Stellung beim Nachrichtendienst blieb; von den Anstrengungen des Krieges finanziell und emotional erschöpft und in die USA zurückgekehrt, begann das Paar, eine kleine Hühnerfarm zu betreiben. Gleichzeitig erschien Sheldons erste Kurzgeschichte The Lucky Ones – keine Science-Fiction – in der Zeitschrift The New Yorker.

Das Leben auf der Hühnerfarm endete 1952, als die Sheldons wegen ihrer nachrichtendienstlichen Erfahrung gefragt wurden, ob sie am Aufbau der neugegründeten CIA (Central Intelligence Agency) mitwirken wollten. Dies machte einen Umzug nach Washington notwendig, wo die neue Behörde anfangs in provisorischen Räumen untergebracht war. Zu ihrer Tätigkeit bei der CIA bemerkte Sheldon später einmal, dass sie ganz anders und viel unspektakulärer ausgesehen habe, als man sich gemeinhin Geheimdienstarbeit vorstelle.

Aber schon 1955 verließ Alice Sheldon die CIA wieder, zum einen Teil, weil ihr nicht gefiel, wohin sich die Behörde entwickelte, zum anderen Teil, weil sie Psychologie studieren wollte. Ihr Interesse an speziellen Tätigkeiten beim Geheimdienst hatte sich zwar nicht verringert, aber sie hatte das Gefühl, „nicht mehr zur CIA zu passen“, weil ihr Aufgabengebiet sich allmählich änderte. Diese Kündigung brachte aber Probleme mit sich, da ihr Mann weiter in der Führungsetage der CIA beschäftigt war, dort unter hohem Druck stand und auf die professionelle und emotionale Unterstützung seiner Frau zählte. Man versuchte, sie in ihrem Beruf zu halten. Alice Sheldon flüchtete buchstäblich, versteckte sich in einem kleinen Haus und machte sich mit all den Geheimdienstmethoden, über die sie nun verfügte, ein halbes Jahr lang für die CIA und ihren Mann unsichtbar. Als Huntington Sheldon sie schließlich aufspürte, musste er anerkennen, dass Alices Trennung vom Geheimdienst endgültig war; die Beziehung der beiden Eheleute vertiefte sich dabei jedoch.

1956, im Alter von 41 Jahren, entschied sich Alice Sheldon endgültig für ein Studium und schrieb sich an der American University ein, wo sie 1959 einen Abschluss als B.A. (Bachelor of Arts) erwarb. In diesem Jahr zogen die Sheldons nach McLean in Virginia, weil die CIA ihren Hauptsitz in das nahegelegene Langley verlegt hatte. In den folgenden Jahren arbeitete sie als Assistentin an der Universität. 1967 schließlich führte ihre wissenschaftliche Tätigkeit zu einer Promotion (Ph.D.) in experimenteller Psychologie, die sie von der George Washington University erhielt. Das Thema ihrer Doktorarbeit war „Die Reaktionen von Tieren auf neue Reize in verschiedenen Umgebungen“.

Aber Sheldon war sich unsicher, ob sie überhaupt als Psychologin arbeiten bzw. was sie überhaupt mit ihrem zukünftigen Leben anfangen wollte: “I’ve had too many experiences in my life of being the first woman in some damned occupation” (Isaac Asimov’s Science Fiction Magazine, April 1983). Während einer schlaflosen Nacht, verursacht durch den vorangegangenen Stress zur Erlangung ihres Doktortitels, begann sie zur Entspannung und Ablenkung, eine Science-Fiction-Geschichte zu schreiben. Kurze Zeit später entdeckte sie den Begriff „Tiptree“ auf einem Marmeladenglas, der laut Robert Silverberg auf Tiptree Heath in Essex (Großbritannien) verweist, ein Gebiet, in dem „die Bedingungen für den Anbau von Erd-, Him- und Johannisbeeren höchst günstig sind“.Robert Silverberg: Wer, was ist Tiptree? In: James Tiptree, Jr.: Warme Welten und andere. München 1981, S. 7. Im März 1968, 52 Jahre alt, verwendete Alice Sheldon erstmals das Pseudonym „James Tiptree, Jr.“ für die Veröffentlichung ihrer Kurzgeschichte Birth of a Salesman in der Zeitschrift Analog, das sie von nun an beibehielt.

In den folgenden Jahren erschienen regelmäßig neue Tiptree-Geschichten in verschiedenen Science-Fiction-Magazinen, die von Anfang an auf große Zustimmung und Bewunderung unter Fans und Herausgebern stießen, wegen ihres Erfindungsreichtums und ihrer stilistischen Qualitäten immer wieder Preise erhielten und ab 1973 in mehreren Sammelbänden und Anthologien erneut abgedruckt wurden. In einem Zeitraum von acht Jahren hatte Sheldon ungefähr 40 SF-Kurzgeschichten unter ihrem Pseudonym veröffentlicht, von denen heute etliche als Klassiker des Genres gelten können. John Clute schreibt dazu in Science Fiction – Die illustrierte Enzyklopädie: „Zwischen 1968 und 1976 publizierte sie etwa zwanzig Geschichten von echter Größe; es war einer der bedeutendsten Ausbrüche kreativer Energie, die die SF-Szene – oder jede andere – je erlebt hatte.“ Obwohl sie in der literarischen Form der Kurzgeschichte das ihr gemäße Ausdrucksmittel gefunden hatte, wagte sich Sheldon Mitte der siebziger Jahre – im Alter von 60 Jahren – erstmals an einen 300 Seiten starken Roman, der 1978 unter dem Titel Up the Walls of the World (Die Feuerschneise oder Die Mauern der Welt hoch) erschien und einige Motive vertiefte, die schon in den Kurzgeschichten angeschnitten worden waren. Ende der siebziger Jahre verschlechterte sich jedoch Sheldons Gesundheitszustand; sie erlitt Herzinfarkte, hatte mit blutenden Magengeschwüren und ernsten Depressionen zu kämpfen, die vermutlich durch ein biochemisches Ungleichgewicht in ihrem Körper ausgelöst wurden. Huntington Sheldon, der dreizehn Jahre älter war als seine Frau, erlitt Schlaganfälle und erblindete allmählich. Die Schriftstellerin wendete immer mehr Zeit für die Pflege ihres Mannes auf. Dennoch schrieb sie, wenn auch mit geringerem Output, weiter Kurzgeschichten. Ein zweiter Roman, Brightness Falls from the Air, folgte 1985.

Nachdem sich der Gesundheitszustand beider Eheleute zunehmend verschlechtert hatte, wählte das Ehepaar den Freitod. Am 19. Mai 1987, im Alter von 71 Jahren, erschoss Alice Sheldon mit einem Gewehr ihren 84-jährigen, inzwischen nahezu blinden und bettlägerigen Ehemann; dann richtete sie das Gewehr gegen sich selbst.Vgl. Das Science Fiction Jahr 1988, hrsg. von Wolfgang Jeschke, S. 229

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