mini|Eine der ersten gleichgeschlechtlichen Eheschließungen in Kanada: Mathieu Chantelois und Marcelo Gomez in Toronto 2003 mini|Lesbisches Elternpaar mit seinen Kindern (2004)

Homosexualität („Gleichgeschlechtlichkeit“; von „gleich“ und „Sexualität“) bezeichnet je nach Verwendung sowohl gleichgeschlechtliches sexuelles Verhalten, erotisches und romantisches Begehren gegenüber Personen des eigenen Geschlechts als auch darauf aufbauende sexuelle Identitäten.

Der Begriff Homosexualität wurde 1869 durch den österreichisch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Benkert erfunden.

Gleichgeschlechtliches Lieben ist in allen Gesellschaften und historischen Epochen durch entsprechende Quellen nachweisbar. Homosexuelles Begehren und homosexuelle Identität fallen aber nicht zwingend zusammen und werden deshalb in der Forschung unterschieden. Die Entstehung einer sexuellen Identität – im Sinne einer auf sexueller Orientierung basierenden Teil der Identität einer Person – gilt heute als das Resultat von Entwicklungen der modernen Gesellschaft. Diese setzten ungefähr im 18. Jahrhundert ein und umfassen Aspekte wie das Städtewachstum, die Bürokratisierung und die kapitalistische Versachlichung sozialer Beziehungen.David Greenberg: The Construction of Homosexuality. Part II: The Construction of Modern Homosexuality. University of Chicago Press, Chicago 1988, S. 301–454. Parallel zur Herausbildung heterosexistischer Normen in der Mehrheitsgesellschaft entstanden nach und nach in fast allen europäischen Metropolen abgegrenzte homosexuelle Subkulturen, deren Angehörige bald zum Gegenstand polizeilicher Überwachung, staatlicher Verfolgung, krimineller Erpressung und teilweise auch gewaltsamer Übergriffe wurden.

Gleichgeschlechtliche Sexualität wurde in verschiedenen Epochen und Kulturen unterschiedlich behandelt: teils befürwortet und toleriert, teils untersagt und verfolgt. Eine besondere Rolle spielen dabei die drei Abrahamitischen Weltreligionen, deren Schriftgelehrte den sexuellen Verkehr zwischen Männern auf der Basis von Bibel, Tora und Koran in der Regel als Sünde betrachteten, auch wenn liberale Strömungen mit dieser exegetischen Tradition vereinzelt brechen.

Begriffsgeschichte Etymologie und Verwendung mini|hochkant=1.8|Erste Nennung des englischen Wortes homosexual (Brief des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Karl Maria Kertbeny, 1868)

Die Bezeichnung „Homosexualität“ ist eine hybride Wortneubildung aus dem Jahr 1868, geprägt vom Schriftsteller Karl Maria Kertbeny (1824–1882, bürgerlich: Karl Maria Benkert) von altgriechisch homόs „gleich“, und lateinisch sexus „Geschlecht“. Gleichzeitig prägte er als Antonym die Bezeichnung Heterosexualität.

Vier Jahre vor Kertbeny führte Karl Heinrich Ulrichs 1864 die Begriffe „Uranismus“, „Urning“ (männlich) und „Urninde“ (weiblich) ein. Zwei Jahre nach Kertbeny und noch vor dem Erscheinen der Psychopathia sexualis prägte Carl Westphal 1870 den Begriff der „conträren Sexualempfindung“. Bis kurz nach der Jahrhundertwende dominierten diese beiden Bezeichnungen die aktivistischen und medizinischen Diskurse.

Richard von Krafft-Ebing sorgte ab 1886 mit seinem Werk Psychopathia sexualis für eine weite Verbreitung der Neubildung Homosexualität.Jody Daniel Skinner: Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen – Band II, Ein Wörterbuch. Die Blaue Eule, Essen 1999, ISBN 3-89206-903-4 (zugleich Dissertation Universität Koblenz-Landau, 1998). Magnus Hirschfeld berichtet 1914, dass sich der Begriff „Homosexualität“ durchgesetzt habe.Magnus Hirschfeld: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes. Verlag Louis Marcus, Berlin 1914, S. 10.

Mit der beginnenden Lesben- und Schwulenbewegung wurde der Begriff vielfach abgelöst. Während Frauen den bereits eingeführten Begriff „Lesben/lesbisch“ als Eigenbezeichnung reklamierten, griffen die Männer den Begriff „Schwuler/schwul“ auf. Ursprünglich abwertend verwendet, wurde die Bezeichnung in den 1970er Jahren von der Lesben- und Schwulenbewegung als Kampfbegriff eingesetzt und gesellschaftsfähig gemacht. Der abwertend gemeinte Charakter der Worte wurde jedoch nicht vollständig zurückgedrängt.

Englischsprachige Begriffe Im englischsprachigen Raum hat die Lesben- und Schwulenbewegung das Wort gay (im nachträglichen Rückgriff auf seine ursprüngliche Bedeutung „fröhlich“ und „bunt“, die zwischenzeitlich vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein allerdings von der Bedeutung „ausschweifend, unmoralisch“ verdrängt worden warSiehe Oxford English Dictionary und Oxford Dictionary of English Etymology (von C. T. Onions), je s. v. (englisch).) als Selbstbezeichnung durchgesetzt.

Der Begriff gay hat sich auch in anderen Sprachen wie dem Französischen (gai) eingebürgert und findet als Lehnwort auch in Deutschland Verwendung.

Anfang der 1990er Jahre kam es durch die Queer-Theorie zu einer Wiederaneignung des Wortes queer als Überbegriff für alle nicht-heteronormativen Lebensweisen, was dann Lesben und Schwule ebenso wie Transpersonen mit einschließt.

Konzepte

Konzeptionen von Homosexualität Seit im Zuge der Aufklärung ein Diskurs zur Sexualität begann, war er bestimmt durch eine essentialistische Perspektive, nach der sexuelle Kategorien wie Homo- oder Heterosexualität biologisch veranlagt sowie kultur- und geschichtsübergreifend anwendbar seien.

Michel Foucaults Der Wille zum Wissen sorgte ab 1977 für eine Verschiebung hin zu einem konstruktivistischen Modell. Laut Foucault konstituierte sich Sexualität als kulturelles und soziales Identitätskonzept erst im 19. Jahrhundert, im Zuge der Aufklärung wurden im Disput von wissenschaftlichen Disziplinen, staatlichen Akteuren sowie Aktivisten verschiedene Sexualitäten als Kategorien gleichermaßen „erfunden“. Daher habe es vor dieser Zeit auch noch keine Begriffe gegeben, die wie die heutigen „heterosexuell“, „trans“, „schwul“ oder „lesbisch“ geeignet waren, sexuelle Selbstverständnisse zu benennen. Seine Theorie erwies sich als ausgesprochen einflussreich und setzte sich in den 90er Jahren im Zuge der „Essentialisten-Konstruktivisten-Kontroverse“ durch; Eve Kosofsky Sedgwick nannte dies später nicht ohne Ironie den „Großen Paradigmenwechsel“. Seither gelten sexuelle Identitäten als Konstruktionen, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen. Zugleich legte Foucault damit den Grundstein zur Queer-Theorie, nach der die binäre Konstruktion von Geschlechtlichkeit nur eine von vielen gleichberechtigten und gleichursprünglichen Konzeptionen von Sexualität und so hinterfragbar sei.

Homosexualität als westliches Konzept Auch in der räumlichen Betrachtung hatte Foucaults Arbeit Folgen, da er die Erfindung der Sexualitäten als Phänomen der westlichen Moderne beschrieb. Als solche ließen sie sich auf nicht-westliche Formen gleichgeschlechtlichen Liebens nicht anwenden. Bei der Idee, gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität sei an eine bestimmte Identität gekoppelt, handelt es sich somit um eine moderne, westlich geprägte Vorstellung.

Heutige Verwendungen Um dem Rechnung zu tragen, wird in der Geschichtswissenschaft häufig der Begriff „Homosexualität“ nur als Bezeichner für die Zeit ab ca. 1860 verwendet, für andere Räume und frühere Zeiten oder als generischer Begriff wird eher „Gleichgeschlechtlichkeit“ verwandt. Innerhalb dieser Epoche wird für die verschiedenen Emanzipationsbewegungen gliedernd auf charakteristische Eigenbezeichnungen zurückgegriffen, etabliert sind die Begriffe Homosexuellenbewegung (~1860 – ~1942), Homophilenbewegung (~1942 – ~1969) und Schwulen- und Lesbenbewegung (ab ~1969). Diese Praxis und das ihr zugrundeliegende Verständnis separierbarer Epochen ist nicht nur von Essentialisten wie Louis Crompton zugunsten von historischen Kontinuitäten in Frage gestellt worden, sondern im 21. Jahrhundert wiederholt auch aus den Queer Studies (z. B. von Carolyn Dinshaw oder Valerie Traub). Dies fand in der Geschichtswissenschaft bisher aber keine nachhaltige Resonanz.

Geschichte

Gleichgeschlechtliches Lieben vor der Homosexualität

mini|Unter dem Vorwurf der Sodomie wurden die Templer auf dem Scheiterhaufen verbrannt (Manuskript-Illustration, um 1350)Gleichgeschlechtliches Lieben und Begehren ist kulturübergreifend in allen historischen Epochen belegt. Zur Abgrenzung vom modernen westlichen Konzept der Homosexualität als Identität wird häufig der Begriff Gleichgeschlechtlichkeit verwendet. Zahlreiche Kulturen überliefern Hinweise auf gleichgeschlechtliche Beziehungen, die dort teilweise gesellschaftlich toleriert waren. Zeugnisse gibt es z. B. bei den Kelten und im alten Ägypten. Im antiken Griechenland und eingeschränkter im Römischen Reich war gleichgeschlechtliches Lieben eingebettet in die jeweiligen Kulturen, insbesondere die griechische Päderastie war eine institutionalisierte Form einer gesellschaftlich anerkannten gleichgeschlechtlichen Beziehung. Ähnliche Institutionalisierungen gleichgeschlechtlicher Beziehungen finden sich auch außereuropäisch, so in Zentralasien als Bacha bazi oder in Japan als Wakashudō.

Sodomie In Europa basierte das Verhältnis des Staates und der Gesellschaft zu gleichgeschlechtlicher Liebe vor der Aufklärung auf christlicher Sexualmoral. Gleichgeschlechtliche Sexualität zählte zu den Sodomien, den Sexualpraktiken, die sämtlich als „sündig“ und „unzüchtig“ begriffen wurden, da sie nicht der Zeugung eines Kindes dienten (siehe auch Sodomitenverfolgung). Dieser nicht immer einheitlich angewandte Begriff umfasste jede von der vaginalen Penetration einer Frau durch einen Mann abweichende Sexualpraktik und konnte gleichermaßen Onanie, Zoophilie, Masturbation, Verkehr zwischen den Schenkeln sowie Anal- und Oralverkehr betreffen.

Soweit es gleichgeschlechtliche Sexualität betraf, bezogen sich Sanktionen vornehmlich auf die sexuelle Praxis unter Männern, da die vormoderne Konzeption von Sexualität phallisch zentriert war. „Unzucht“ zwischen Frauen wurde vor allem dann festgestellt und geahndet, wenn weibliche Sexualität die Grenzen zur Maskulinität verletzte, so wenn beim Verkehr unter Frauen auf auffällige Nachbildungen des Penis zurückgriffen wurde oder im Fall deutlich verlängerter Klitorides.

Im Zuge der Aufklärung, der Französischen Revolution und der Trennung von Kirche und Staat galt „Sodomie“ als opferlose Straftat, die keine Verfolgung rechtfertige. Gleichgeschlechtliches Lieben wurde ab 1791 in Frankreich entkriminalisiert, diese Liberalisierung setzte sich durch die Verbreitung französischen Rechts im Rahmen der Napoleonischen Kriege in vielen Teilen Europas durch.

In einer Gegenbewegung etablierten sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts neue Kriminalisierungen von Homosexualität, die im Wesentlichen mit der „Gefährdung“ der Volksgesundheit begründet wurden.

Homosexualität als moderne Identität Die erste Homosexuellenbewegung

mini|Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung (Magnus-Hirschfeld-Ufer, Berlin-Moabit, Foto: 2017) Eine erste fundierte Verteidigung der Homosexualität schrieb mit Eros. Die Männerliebe der Griechen (1. Band 1836, 2. Band 1838) der Schweizer Modist und Tuchhändler Heinrich Hössli. Er begründete diese mit seiner Überzeugung, dass diese Veranlagung angeboren sei. Auf ihn folgte Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895), der als erster Aktivist die Begriffe Uranismus (bzw. Urning für männliche Homosexuelle, Urninde für weibliche Homosexuelle) verwandte und bekannt machte. Ulrichs publizierte umfangreich und forderte 1867 erstmals öffentlich – auf dem deutschen Juristentag in München vor 500 Mitgliedern – die Straflosigkeit homosexueller Handlungen.