Kardiomyopathien (synonym Myokardiopathien, , „Herz“, „Muskel“, „Leiden“) sind eine heterogene Gruppe von Krankheiten des Herzmuskels, die mit mechanischen und/oder elektrischen Funktionsstörungen einhergehen und üblicherweise, aber nicht zwingend, eine unangemessene Hypertrophie (Verdickung) oder Dilatation (Erweiterung) einer oder beider Herzkammern hervorrufen. Ihre Ursachen sind vielfältig und häufig genetisch bedingt. Kardiomyopathien begrenzen sich entweder auf das Herz oder sind Teil einer allgemeinen Systemerkrankung, führen oft zu kardiovaskulär bedingten Todesfällen oder einer fortschreitenden Behinderung durch Herzinsuffizienz.

Abzugrenzen sind Erkrankungen, die eine direkte Folge anderer Herz-Kreislauf-Anomalien sind, wie Herzklappenerkrankungen, Bluthochdruck, angeborene Herzfehler oder die Folgen einer atherosklerotischen koronaren Herzkrankheit.

Aufgrund zahlreicher neuer Erkenntnisse wurde diese aktualisierte Klassifikation im März 2006 von der Amerikanischen Herzgesellschaft (AHA) vorgeschlagen und ist heute allgemein anerkannt. Neben oben genanntem werden in einer neuen Klassifikation primäre von sekundären Kardiomyopathien unterschieden. Die primären Kardiomyopathien wiederum werden in angeborene, erworbene und Mischformen unterteilt.B. J. Maron, J. A. Towbin u. a.: Contemporary definitions and classification of the cardiomyopathies: an American Heart Association Scientific Statement from the Council on Clinical Cardiology, Heart Failure and Transplantation Committee; Quality of Care and Outcomes Research and Functional Genomics and Translational Biology Interdisciplinary Working Groups; and Council on Epidemiology and Prevention. In: Circulation, April 2006, Band 113, Nummer 14, S. 1807–1816; . doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.106.174287. PMID 16567565. Volltext (PDF) Die Europäische Fachgesellschaft für Kardiologie (ESC) trägt ihre Leitlinien für die Behandlung von Kardiomyopathien im August 2023 vor.Elena Arbelo et al.: 2023 ESC Guidelines for the management of cardiomyopathies. ESC Clinical Practice Guidelines, 25. August 2023. In: European Heart Journal, 1. Oktober 2023, Volume 44, Issue 37, S. 3503–3626 (englisch); doi:10.1093/eurheartj/ehad194; academic.oup.com (PDF; 12 MB) abgerufen am 21. Mai 2024.

Geschichte In der Mitte des 18. Jahrhunderts war allein die chronische Myokarditis als Herzmuskelerkrankung bekannt. Um 1900 wurde der Begriff der primären Herzmuskelerkrankung geprägt, und erst 1957 kam der Begriff der Kardiomyopathie auf. Bis 1980 gab es mehrere Definitionen, als die WHO die Kardiomyopathie als „Herzmuskelerkrankung unbekannter Ursache“ bezeichnete. Die WHO-Klassifikation von 1995 erweiterte den Begriff auf „Herzmuskelerkrankungen, die zu Fehlfunktionen des Herzens führen“. Neue Erkrankungen wie die arrhythmogene rechtsventrikuläre und die restriktive Kardiomyopathie wurden eingeschlossen.

Primäre Kardiomyopathien

Angeborene primäre Kardiomyopathien

Hypertrophe Kardiomyopathie

Die hypertrophische Kardiomyopathie (HCM) ist durch eine meist asymmetrische Verdickung der Muskulatur der linken Herzkammer charakterisiert.

Arrhythmogene Kardiomyopathie mini|250px|Epsilon-Welle (roter Pfeil) als EKG-Hinweis auf eine ACM

mini|250px|MRT-Aufnahme und pathologisches Präparat einer ACM Die arrhythmogene Kardiomyopathie (ACM), früher auch arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie (ARVCM) oder Dysplasie (ARVD) genannt, ist eine genetisch bedingte Erkrankung.G. Thiene, D. Corrado, C. Basso: Arrhythmogenic right ventricular cardiomyopathy/dysplasia. In: Orphanet Journal of Rare Diseases, 2007, Band 2, S. 45, . doi:10.1186/1750-1172-2-45. PMID 18001465. . (Review). Ursächlich sind Mutationen von Proteinen des Desmosomen-Komplexes.Gautam Sen, Elizabeth Wilson, Daniel Sado, Rachel Bastiaenen, Stefania Rosmini: A “Hot” Cardiomyopathy In: New England Journal of Medicine 2025, Band 392, Ausgabe 13 vom 3. April 2025, Seiten 1335–1342, DOI: 10.1056/NEJMcps2401333 Desmosomen sind für den Zellkontakt der Zellen wichtig.

Am häufigsten, in bis zu 69 %, finden sich Loss-of-Function-Mutationen des Proteins Desmoplakin, das von besonderer Bedeutung bei der Zelladhäsion ist, mit einer spezifischen Unterform.

Bei der Naxos-Krankheit ist beispielsweise das Gen von einer Mutation betroffen, das für das Zelladhäsionsprotein Desmoplakin kodiert.N. Protonotarios, A. Tsatsopoulou: Naxos disease: cardiocutaneous syndrome due to cell adhesion defect. In: Orphanet Journal of Rare Diseases, 2006, Band 1, S. 4; . doi:10.1186/1750-1172-1-4. PMID 16722579. . (Review-Artikel im Open Access). Mutationen im DES-Gen, das für das Intermediärfilament Desmin kodiert, können ebenfalls zu einer ACM führen.B. Klauke, S. Kossmann u. a.: De novo desmin-mutation N116S is associated with arrhythmogenic right ventricular cardiomyopathy. In: Human molecular genetics, Dezember 2010, Band 19, Nummer 23, S. 4595–4607, . doi:10.1093/hmg/ddq387. PMID 20829228.

In der allgemeinen Bevölkerung sind 1:2000 bis 1:5000 Menschen betroffen, in Venetien sei die Prävalenz besonders hoch.A. Nava, G. Thiene u. a.: Familial occurrence of right ventricular dysplasia: a study involving nine families. In: Journal of the American College of Cardiology, November 1988, Band 12, Nummer 5, S. 1222–1228, . PMID 3170963.

Ursprünglich wurde diese Kardiomyopathie als "rechtsventrikulär" eingeordnet, allerdings wurden in der Zwischenzeit sehr viele Fälle rein linksventrikulärer Kardiomyopathien und solche beider Ventrikel beschrieben, weshalb die Bezeichnung "rechtsventrikulär" nicht mehr verwendet wird.

In der ursprünglichen rein "rechtsventrikulären" Form wurde beschrieben, dass mit dem Fortschreiten der Erkrankung immer mehr Muskulatur der rechten Herzkammer durch Fettgewebe ersetzt wird, wodurch sich die rechte Herzkammer vergrößert. Selten finden sich Einschränkungen in der Pumpfunktion des Herzens. Häufiger ist der bei körperlicher Belastung, wie beispielsweise Leistungssport, ausgelöste plötzliche Herztod (PHT) oder „Beinahe“-PHT, insbesondere bei jungen Menschen. Die Diagnose kann mittels Echokardiografie, MRT, EKG und McKenna-Score gestellt werden. Zur Behandlung kann ein Kardioverter-Defibrillator implantiert werden. Sportliche Belastungen sollten vermieden werden. Eine Herztransplantation ist in vielen fortgeschrittenen Fällen die Ultima Ratio.

Die ACM kann in jedem Alter symptomatisch werden, meist wird sie im jungen Erwachsenenalter manifest. Typische Symptome sind die der ventrikulären Arrhythmie oder der ventrikulären Fehlfunktion. Oft sind die kardialen "Biomarker" im Blut normal. Die Diagnose ist oft schwierig zu stellen und erfolgt oft aufgrund mehrerer hinweisender Auffälligkeiten in der Ventrikelfunktion, im histopathologischen Befund von Biospien, in typischen EKG-Veränderungen und in der ventrikulären Arrhythmie.

Allerdings kann es durch eine stärkere sportliche Belastung, einen Virusinfekt oder einen anderen externen "Trigger" zu einer "hot phase" kommen, die einem Akuten Koronarsyndrom, sogar einem Herzinfarkt, oder einer Myokarditis ähnlich sein kann, mit ST-Hebungen im EKG, aber ohne Stenosen der Herzkranzgefäße in der Koronarangiographie. In Biopsien lassen sich dann entzündliche Myokard-Infiltrate feststellen. Allerdings wird die Diagnose zunehmend ohne Biopsie, aber mit einer Magnetresonanztomographie des Herzens gesichert, bei der in bis zu 50 % der Patienten in der "hot phase" ein Myokard-Ödem und eine Spätanreicherung von Gadolinium zu finden sind.

Bei den häufigen Mutationen des Desmoplakin (DSP) sind die Mutations-Formen mit einem vorzeitigen Abbruch der Translation mit verkürztem und nicht-funktionellem Protein, z. B. durch eine Deletion mit einer Verschiebung des Frameshifts, häufig mit einer myokardialen Entzündung, einer linksventrikulären Fibrosierung bereits vor Auftreten einer systolischen Fehlfunktion, sowie sehr oft mit ventrikulären Arrhythmien verbunden.

Da die ARM erblich bedingt ist, empfiehlt sich eine Untersuchung von den Familienangehörigen der Betroffenen. In einigen Ländern, beispielsweise Italien und den Vereinigten Staaten, werden alle Mitglieder von Sportvereinen prophylaktisch untersucht.

Linksventrikuläre Hypertrabekulation

Angeborene, seltene Herzmuskelerkrankung mit schwammartig aufgetriebener Muskulatur vor allem in der Spitze der linken Herzkammer, die tiefe Aushöhlungen (Sinusoide) zwischen Muskelfasern (Trabekeln) aufweist, die mit der Herzhöhle verbunden sind. Bei der Isolierten Nonkompaktion des Herzmuskels (Syn: Non-Compaction-Kardiomyopathie, linksventrikuläre Hypertrabekulation, spongy myocardium) hat sich der Herzmuskel aus seinem losen Maschennetz während der frühen Embryonalphase nicht weiter verdichtet (schwammiges Myokard). Gehäuft bei Skelettmuskelerkrankungen, auch in Kombination mit komplexen zyanotischen Herzfehlern.

Die Diagnose wird durch Echokardiografie, MRT oder Angiografie der linken Herzkammer bei einer Herzkatheteruntersuchung gestellt. Unklar ist der klinische Verlauf. Fälle von schwerem Herzversagen, Thromboembolie, Arrhythmien und plötzlichem Herztod sind bekannt. Familiär gehäufte Fälle wurden beschrieben, wobei Mutationen der Z-Scheibe, der Mitochondrien und des G4.5-Gens für Tafazzin isoliert werden konnten.Engberding, C. Stöllberger, P. Ong, T. Yelbuz, B. Gerecke, G. Breithardt: Isolierte Noncompaction-Kardiomyopathie. In: Dtsch Arztebl Int., 2010; 107(12), S. 206–213.

Glykogenspeichererkrankungen Man unterscheidet PRKAG2 und Danon, eine Glykogenose Typ II.

Leitungsdefekte Die Lenègre-Erkrankung ist ein primär progressiver Leitungsdefekt des His-Purkinje-Systems, der zur Verbreiterung des QRS-Komplexes im EKG führt mit langen Pausen, Bradykardie und Synkopen.

Das Syndrom des kranken Sinusknotens (Sick-Sinus-Syndrom) gleicht phänotypisch einem Leitungsdefekt und kann autosomal-dominant auftreten.

Auch das Wolff-Parkinson-White-Syndrom (WPW) kommt selten familiär gehäuft vor.

Mitochondriale Myopathien

Teilweise werden die Enzyme der Atmungskette auf den Genen der Mitochondrien kodiert. Mehrere Syndrome aufgrund entsprechender Gendefekte sind bekannt, darunter das Kearns-Sayre-Syndrom mit Pigmentdegenerationen der Netzhaut des Auges, Augenmuskellähmung und Kardiomyopathie, und das MELAS-Syndrom mit Myopathie, Enzephalopathie, Laktatazidose und schlaganfallartigen Episoden. Außer den vier durch das Akronym definierten Merkmalen sind eine hypertrophe Kardiomyopathie und eine diffuse Koronargefäßerkrankung typisch. Die Behandlung ist schwierig. Einige Patienten wurden mit kurzfristig bescheidenem Erfolg mit Coenzym Q behandelt. Eine Alternative stellt die Herztransplantation dar.

Ionenkanaldefekte Es gibt eine wachsende Liste seltener erblicher und angeborener Herzrhythmusstörungen, die durch Gene für defekte Ionenkanalproteine kodiert werden. Auch ein kleiner Anteil von 5–10 % von Kindern mit dem plötzlichen Kindstod könnte durch Ionenkanaldefekte verursacht sein. Die klinische Diagnose eines Ionenkanaldefektes ist oft schon phänotypisch durch ein Standard-12-Kanal-EKG möglich. Einige dieser Fälle wurden zuvor als idiopathisches Kammerflimmern klassifiziert.

Long-QT-Syndrom (LQTS) Das Long-QT-Syndrom ist wahrscheinlich die häufigste der Ionenkanalerkrankungen. Charakteristisch sind Verlängerungen der Kammerdepolarisation und des QT-Intervalls im 12-Kanal-EKG. Es kommt zu einer speziellen Form der Kammertachykardie (Torsade de pointes) und damit zu einem Risiko für Synkopen und für einen plötzlichen Herztod.

Jervell- und Lange-Nielsen-Syndrom: selten, autosomal-rezessiv, assoziiert mit Taubheit. Zwei Gene, die einen langsam aktivierenden verzögerten Kaliumkanal kodieren.