mini|Abb. 1: Paarung zweier Schwebfliegen Der Aedeagus oder Aedoeagus (Plural: Aedeagi, Aedoeagi) ist das spermaübertragende Organ (der Penis) männlicher Insekten.
Außer der Funktion der Spermaübertragung sind noch andere Funktionen des Aedeagus bekannt. So kann neben der Übertragung des eigenen Spermas bei einigen Insekten auch beobachtet werden, dass konkurrierender Samen aus früheren Begattungen des Weibchens durch andere Männchen durch den letzten Partner wenigstens teilweise entfernt wird. Die Regel, dass bei Insekten die Form der Geschlechtsorgane innerhalb einer Art eine hohe Konstanz aufweist, sich aber zwischen verwandten Arten bei den Geschlechtsorganen größere Unterschiede zeigen als bei den anderen Teilen des Körperskeletts, bezieht sich auch auf den Aedeagus. So ermöglicht die Form des Aedeagus im Zusammenhang mit dem Bau der weiblichen Geschlechtsorgane ein Schloss-Schlüssel-Prinzip, welches die Wahrscheinlichkeit von Kopulationen zwischen verschiedenen Arten verringert. Es sind noch weitere Funktionen des Aedeagus möglich, so kann der Aedeagus eine Rolle bei der Auswahl eines Partners aus verschiedenen Männchen durch das Weibchen spielen, oder es werden neben dem Samen noch andere Stoffe übertragen.
Bemerkungen zur Geschichte und Abgrenzung des Begriffes Aedeagus Die männlichen Genitalien der Insekten sind extrem unterschiedlich gebaut. Die Beschreibungen der Genitalien, die innerhalb einzelner Insektenordnungen darauf abzielen und abzielten, die Arten gegeneinander abzugrenzen, haben dazu geführt, dass einerseits der gleiche Ausdruck in verschiedenen Insektenordnungen Verschiedenes bedeuten kann und andrerseits einander entsprechende Teile in verschiedenen Ordnungen möglicherweise verschieden bezeichnet werden. Selbst innerhalb einer Ordnung können verschiedene Autoren das gleiche Organteil verschieden benennen. Daraus resultiert ein großes nomenklatorisches Chaos.John L. Capinera (Hrsg.): Encyclopedia of Entomology. 2. Auflage. Springer, 2008, ISBN 978-1-4020-6242-1, S. 7. Dies zeigt sich auch beim Begriff Aedeagus.
Das Wort Aedeagus wird erstmals in einem Manuskript über die Familie der Flohkäfer von Foudras gebraucht. Das Manuskript wird erst nach dem Tod von Foudras 1859 im Folgejahr 1860 durch Mulsant veröffentlicht. In dem Manuskript wird der Begriff Aedeagus lediglich im Vorwort durch seine Lage im Hinterleib der Käfer definiert sowie die Präparation des Aedeagus beschrieben und die Bedeutung seines Feinbaus für die Artbestimmungen erklärt. Bei den Artbeschreibungen wird dann die Form des Aedeagus zur Abgrenzung der Arten gegeneinander hinzugezogen.E. Mulsant: Notice sur Antoine-Casimir-Marguerite-Eugène Foudras. Préface Altisides. In: Histoire naturelle des coléoptères de France. Band 13: Altisides. Begriff „Aedeagus“, S. 32. (biodiversitylibrary.org)
Im Entomologischen Wörterbuch von Kéler wird unter dem Stichwort Aedoeagus außer der Quelle Foudras 1859 als zweite Quelle eine Mitteilung von Peytoureau von 1894 über die Anatomie und Entwicklung der Panzerung (fr. armure, gemeint sind die verschiedenen sklerotisierten Teile) der Geschlechtsorgane männlicher Schmetterlinge angegeben. In dieser Mitteilung wird aber der Begriff Aedeagus nicht benutzt, sondern an seiner Stelle das Wort Penis.A. Peytoureau: Recherches sur l'anatomie et le développement de l'armure génitale mâle des Lépidoptères. In: Comptes rendus hebdomadaires des séances de l'Académie des Sciences. Band 118, Jan. – Juni 1894, Paris 1894, S. 542. (biodiversitylibrary.org) Auch das im Folgejahr 1895 erscheinende Buch von Peytoureau über die Genitalien bei Insekten, in dem er 158 Veröffentlichungen zu den Genitalien von Gliedertieren kurz kommentiert und Genitalien aus mehreren Insektenordnungen beschreibt, enthält den Begriff (in der Schreibweise Oedagus) nur ein einziges Mal, nämlich bei den Wanzen. Der Begriff wird dort als Penis im engeren (eigentlichen) Sinn erklärt (frz. pénis proprement dit, als Teil des zweiteiligen Penis).A. Peytoureau: Contribution à l'étdude de la morphologie de l’armure génitale des Insectes. Paris 1895, S. 174. (biodiversitylibrary.org)
Sharp definiert 1890 für Wanzen den Oedeagus als den Teil der äußeren männlichen Geschlechtsorgane, durch den der Ejakulationskanal und die damit verbundenen Membranen verlaufen.David Sharp: On the structure of the terminal segment in some male Hemiptera. In: Transactions of the Entomological Society of London for the year 1890. London 1890, S. 400. (biodiversitylibrary.org) Sharp und Muir führen den Begriff 1912 – wieder in der Schreibweise Aedeagus – auf Foudras zurück, geben die Etymologie des Wortes an und definieren für Käfer als Aedeagus das Organ, welches zusammengesetzt ist aus dem von älteren Autoren als Penis bezeichneten median lobe (en. mittlerer Lappen) mit der Mündung des Ejakulationskanals und dem Tegmen, welches sich seinerseits wieder aus dem basalen Teil (Phallobasis) und den zwei seitlichen Teilen (Parameren) zusammensetzt und nach Meinung der Autoren keinesfalls mit dem Begriff Penis belegt werden kann.David Sharp, Frederic Muir: The comparative anatomy of the male genital tube in Coleoptera. In: Transactions of the Entomological Society of London for the year 1912. London 1912, S. 484 und S. 481 f. (biodiversitylibrary.org)
mini|Abb. 2: Entwicklung des Aedeagus aus zwei paarigen Anlagen nach Snodgrass, Querschnitt; grün: Parameren, rot: Aedeagus
Snodgrass beschränkt 1912 den Begriff Aedeagus in zweifacher Hinsicht. Einerseits hält er ihn nur für die höheren Ordnungen der Insekten angebracht, bei denen der Aedeagus durch das Zusammenwachsen zweier paariger Organanlagen entsteht (Abb. 2). Bei den einfacheren Insekten benutzt Snodgras für das funktionell gleiche Organ das Wort Penis. Zum anderen bezeichnet er als Aedeagus nur den Teil des Kopulationsorganes, der aus dem distalen Teil der unpaaren Organanlage entsteht, er rechnet also die Phallobasis und die Parameren nicht zum Aedeagus. Mit dieser Definition löst Snodgrass den Begriff Aedeagus von einzelnen Insektenordnungen und macht ihn für alle Insekten verfügbar. In der Folge untersucht er, welche Insektenordnungen nach dem damaligen Kenntnisstand – es muss ja die Entwicklung der Geschlechtsorgane bekannt gewesen sein – einen Aedeagus besitzen und welche nicht.R. E. Snodgrass: A revised interpretation of the external reproductive organs of male insects. In: Smithsonian miscellaneous Collections. Vol. 135135, Nr. 6, Washington 1957, S. 2 ff. (repository.si.edu)
Kristensen definiert bei Schmetterlingen den Aedeagus im morphologischen Sinn als sklerotisierten Abschnitt der phallischen Röhre, der von einer ebenfalls röhrenförmigen Phallobasis entspringt (a sclerotized part of the phallic tube distad from a similary tubular phallobase). Er bemerkt, dass das bei Schmetterlingen traditionell als Aedeagus bezeichnete Organ dieser Definition im Allgemeinen nicht entspricht, und dieses Bauprinzip höchstens in der Familie Agathiphagidae verwirklicht ist.Niels P. Kristensen: Lepidoptera, Moths and Butterflies. Vol. 2: Morphology, Physiology and Development. (= Handbuch der Zoologie. Band IV, Teilband 36). de Gruyter, Berlin / New York 2003, ISBN 3-11-016210-5,
Laut Kéler ist der Aedoeagus der Hauptteil des männlichen Begattungsgliedes, ein schlauchförmiges vom Ductus ejaculatorius durchbohrtes Organ mit der Geschlechtsöffnung an der Spitze. In ihm liegt meist ein bei der Erektion ausstülpbares Organ, der Präputialsack. Der Aedoeagus bildet den distalen Teil des Phallus, wenn eine Phallobase (als Stichwort in der Schreibweise Phallobasis) ausgebildet ist.S. von Kéler: Entomologisches Wörterbuch mit besonderer Berücksichtigung der morphologischen Terminologie. 3. Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1963.
Der Begriff Aedeagus wird aktuell auch für Milben benutzt, die ja nicht zu den Insekten gehören.Gerald William Krantz, David Evans Walter: A Manual of Acarology. Texas Tech University Press, 2009.
Bemerkung zu den Abbildungen Die Abbildungen von Aedeagi, die man im Netz auch unter Fachliteratur findet, sind nicht einheitlich orientiert. Bei Seitenansichten ist das Körperende gewöhnlich rechts abgebildet, bei der Sicht von oben oder unten (ventral oder dorsal), kann das Körperende jedoch im Bild oben oder unten liegen. In diesem Artikel sind die Bilder immer so gedreht, dass bei Dorsal- und Ventralansicht das Körperende oben, der Kopf unten zu denken sind.
Etymologie Aedeagus ist eine gelehrte Neubildung des 19. Jahrhunderts,aedeagus (noun) auf Oxford English Dictionary, abgerufen am 25. Januar 2026. die im Altgriechischen nicht existiert. Der erste Wortteil ist abgeleitet von altgr. ἡ αἰδώς (aidṓs) oder το αἰδοῖον (aidoîon), Mehrzahl τα αἰδοῖα (aidoîa) für Scham, Scheu, Schamglied beziehungsweise αἰδοῖος (aidoîos) für schamhaft. Der zweite Wortteil ist zurückzuführen auf altgr. ἄγειν (ágein) für führen, leiten.
Im Neugriechischen wird der Ausdruck αιδοιαγός sehr selten verwendet.Beispiel für die Verwendung des Begriffs αιδοιαγός in einem Fachtext: Νικολέττα του Κωνσταντίνου Διονυσοπούλου: Μορφολογία κουνουπιών [Morphologie der Mücken], in: Καταπολέμηση των κουνουπιών με λαβροφάγα ψάρια [Mückenbekämpfung mit Koboldkärpflingen], Γεωπόνος-Ιχθυολόγος, Πανεπιστήμιο Θεσσαλίας, Λάρισα, 2013, S. 7. Im Neugriechischen wird stattdessen αιδοίο („Vulva“, „Schamgegend“) für das männliche Begattungsorgan der Insekten und πέος („Penis“) für das weibliche verwendet, also umgekehrt als bei anderen Tieren oder beim Menschen.Θηλυκό έντομο έχει «πέος» και μπορεί να το χρησιμοποιεί για μέρες. [Das weibliche Insekt besitzt einen „Penis“ und kann ihn tagelang benutzen.] Η Ναυτεμπορική, 22. April 2014.
Der Aedeagus als Teil des männlichen Geschlechtsorgansystems
Der Aedeagus ist Teil der männlichen Geschlechtsorgane, der ferner aus paarigen Hoden und herabführenden Gefäßen (Vasa deferentia) besteht. Der daran anschließende Ausspritzungskanal (Ductus ejaculatorius) kann paarig oder unpaarig sein und mündet meist auf dem 9. Abdominalsegment. Zusätzlich sind vielfach noch Anhangdrüsen vorhanden, die Samenflüssigkeit oder gegebenenfalls Samenpakete, sogenannte Spermatophoren, produzieren.
Durch den sklerotisierten Teil des Aedeagus wird während der Begattung das Sperma aus den Hoden in die weibliche Spermakammer (Bursa copulatrix) oder eine Samentasche (Receptaculum seminis), die der Aufbewahrung der Spermien dient, übertragen. Das Sperma wird direkt oder in Form von Samenpaketen (Spermatophoren) übertragen. Bei einigen wenigen Arten wie den Steinfliegen (Plecoptera) oder Tarsenspinnern (Embioptera) fehlt der Aedeagus.
Zum System der Geschlechtsorgane gehören auch die entsprechenden Muskeln, Nerven und Skelettelemente. Für Bestimmungszwecke beschränkt man sich in der Regel auf die sklerotisierten Teile.
Entwicklung des Aedoeagus Bei allen Insekten verlaufen die ersten Entwicklungsschritte des äußeren männlichen Sexualorgans während der Ontogenese sehr ähnlich, was einheitliche Benennungen ermöglicht. Bei den Larven bilden sich über den Endampullen der noch paarig angelegten Samenleiter (Vasa deferentia) auf der Außenhaut je ein primary phallic lobe (Abb. 2 A, en. wörtlich primärer phallischer Lobus, die Anlage des Phalluskomplexes in Form eines kleinen flachen Hügels; frz. bourgon, Knospe oder mamelon, Brustwarze, Nippel).
Bei allen Insekten außer Fischchen und Eintagsfliegen teilen sich diese beiden Zellhaufen in zwei Teile, die Phallomeren genannt werden (von Phallus und μέρος (meros), Teil, Abb. 2 B). Die Phallomeren bilden somit zwei mal zwei sekundäre Phallushügel (en. secondary phallic lobes). Bei den Heuschrecken (Orthoptera) bilden sich aus den vier Phallomeren verschiedene Organe, die Funktionen im Zusammenhang mit der Begattung übernehmen. Auch bei den Schaben verläuft die weitere Entwicklung der Phallomeren außergewöhnlich.