mini|hochkant=1.5|seite=13|Louis Marchand, Gavotte (Beginn), aus Pièces de Clavecin, Livre Second 1703Die Gavotte (italienisch: Gavotta; englisch: Gavot) ist ein französischer Tanz im geraden Allabreve- oder 2/2-Takt. Charakteristisch ist ein halbtaktiger Auftakt, häufig in Form von zwei Vierteln. Die Gavotte lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen und wird in Volkstanzversionen noch heute in einigen Regionen Frankreichs getanzt. Schon im 16. Jahrhundert wurde sie auch am Hof beliebt und wurde in Gesellschafts- und Bühnentanzformen bis ins 19. Jahrhundert hinein gepflegt. Sie war häufig Bestandteil der barocken Suite.
Herkunft des Wortes Michael Praetorius’ Werk Terpsichore (1612) beschreibt den Ursprung der Gavotte als einen Tanz der Bauern (Gavots genannt) aus der Alpenregion nahe Gap im südöstlichen Frankreich. Eine alternative Erklärung für den Namen leitet sich vom mittelfranzösischen Dialektwort „gavaud“ ab, was „gebogenes Bein“ bedeutet. Diese Bezeichnung könnte sich auf einen charakteristischen Schritt der Gavotte beziehen, wie er in Thoinot Arbeaus Orchésographie (1589) erwähnt wird.
Musikalische Form mini|Ein typischer Gavotte-Rhythmus Kennzeichnend für die Gavotte sind:
Ein lebhaftes, aber nicht zu rasches Tempo im Alla breve- oder 2/2-Takt. Besonders in Frankreich gibt es auch langsamere Gavotten, z. B. in den Pièces de clavecin von Nicolas Lebègue (1677), Jean-Henri d’Anglebert (1689),D’Anglebert war ein Mitarbeiter Lullys, in dessen Comédie-ballets und Tragédies er Continuo spielte; d’Anglebert schreibt bei mehreren seiner Gavotten für Cembalo ausdrücklich die Vortragsbezeichnung lentement („langsam“). Zwei von diesen Stücken sind alte Weisen (Airs anciens), die er für Cembalo gesetzt und mit seinen blumigen Verzierungen versehen hat; zumindest eine dieser alten Weisen (Ou estes-vous allé?) ist aber vermutlich keine alte Gavotte, sondern ein altes Volkslied. S. Jean-Henry d’Anglebert: Pièces de Clavecin – Édition de 1689. Faksimile. Hrsg. J. Saint-Arroman. Édition J. M. Fuzeau, Courlay 1999, S. 23 (G), S. 55–56. oder François Couperin (1713).Bei F. Couperin z. B. die ansonsten sehr typische Gavotte in g-moll des Second Ordre. ( François Couperin: Pièces de Clavecin. Schott, Mainz 1970–1971, Bd. 1, S. 15.) Das Thema zu Jean-Philippe Rameau berühmter Gavotte mit Variationen (ca. 1727–1728) ist langsam und ungewöhnlich lyrisch, eher eine Aria als ein Tanz. Auch Johann Gottfried Walther in seinem Musicalischen Lexikon (Leipzig 1732) beschreibt die Gavotte als „oft schnell, aber gelegentlich langsam“. Und Johann Joachim Quantz schreibt im Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen (Berlin, 1752), die Gavotte sei ähnlich einem Rigaudon, aber moderater im Tempo. Laut Jean-Jacques Rousseau (1768) ist die Bewegung der Gavotte „...gewöhnlich anmutig und graziös (gracieux), oft fröhlich (gai, allegro), und manchmal auch zärtlich & langsam (tendre & lent)...“....Le mouvement de la ‚Gavotte‘ est ordinairement gracieux, souvent gai, quelquefois aussi tendre & lent. Siehe: Jean-Jacques Rousseau: Gavotte. In: Dictionnaire de musique. Paris 1768, S. 230. Siehe auch auf IMSLP: http://imslp.org/wiki/Dictionnaire_de_musique_(Rousseau%2C_Jean-Jacques), gesehen am 12. August 2017. Ein hüpfender und fröhlicher, aber auch kultivierter Charakter. Dieser hüpfende, aber noble Charakter ist vermutlich auch ein Unterschied zur etwas rustikaleren und laut Mattheson eher „fliessenden“ und „gemächlichen“ Bourrée.Die Bourrée belegt Mattheson u. a. mit den Eigenschaften: „...etwas gefülltes, gestopftes, wolgesetztes, starckes, wichtiges, und doch weiches oder zartes das geschickter zum schieben, glitschen oder gleiten ist, als zum heben, hüpffen oder springen“. Einen Paragraphen weiter sagt er über eine bestimmte Bourrée namens la Mariée („die Braut“): „Er schickt sich wahrlich zu keiner Art der Leibesgestalten besser als zu einer untergesetzten.“. Siehe: Johann Mattheson: Die Bourrée. (§ 90–92) In: Der vollkommene Capellmeister. Bärenreiter, Kassel u. a. S. 225–226.Auch Louis de Cahusac schrieb in der Encyclopédie von 1751 (Bd. 2, S. 372), man habe die Bourrée „… wenig verwendet, weil dieser Tanz nicht edel genug schien für das Théatre de l’Opéra.“
Meist halbtaktiger Auftakt, oft (aber nicht immer) bestehend aus zwei kurz gestoßenen, „hüpfenden“ Vierteln. Dieser kurz gestoßene hüpfende Charakter der Viertel ist typisch und kommt meistens und mindestens in der Begleitung auch während des Stückes immer wieder mal vor. Seltener gibt es auch ganztaktige Gavotten. Der halbtaktige oder ganztaktige Beginn ist noch ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal zur Bourrée, die mit einem einfachen Viertel-Auftakt beginnt.Sehr selten sind Gavotten mit einem einfachen Viertel als Auftakt, dann beginnen allerdings die Grenzen zu verschwimmen, wenn der Interpret nicht versucht, den hüpfenden 'preziösen' Charakter zu betonen. Die Gavotte verläuft regelmäßig ohne Synkopen; auch dies wieder im Gegensatz zur Bourrée, deren Melodie meistens durch gelegentliche Synkopen aufgelockert wird (oft im letzten Takt einer Halbphrase oder Phrase). In der Regel besteht die Gavotte wie die meisten anderen Tänze aus zwei Teilen, die beide wiederholt werden. Es gibt auch Gavotten in Rondoform: Die Gavotte en rondeau (normalerweise als A-B-A-C-A). Beispiele findet man schon von Jean-Baptiste Lully, z. B. in den Prologen zu Atys (1676)Dieses Stück ist auch als Air pour la suite de Flore (= „Air für das Gefolge der Flora“) bezeichnet (Siehe außerdem den YouTube-Film 2 unter den Weblinks). oder zu Armide (1686), und in zahlreichen Werken Rameaus, etwa in seinen Pièces de clavecin von 1706, oder in seinen Opéra-Ballets Les Indes galantes (1735)Les Indes galantes, 3. Aufzug (3me Entrée). und Les Fêtes d’Hébé (1739), und der Tragédie Zoroastre (1749).Zoroastre, Akt 1, Szene 3. Robert de Visée schrieb eine Gavotte Rondeau für zwei Gitarren mit optionalem zweiten Teil (contrepartie).Frederick Noad: The Baroque Guitar (= The Frederick Noad Guitar Anthology. Band 2). Ariel Publications, New York 1974; Neudruck (mit CD): Amsco Publications, New York / Sydney, ISBN 978-0-8256-1811-6, S. 34–35. Aus Deutschland gibt es Beispiele von Georg Philipp Telemann u. a. in der Ouverturensuite La Bizarre TWV 55: G2.und auch in der Suite TWV 55: D18. Berühmt ist auch die Gavotte en rondeau von Johann Sebastian Bach in seiner Partita Nr. 3 in E-Dur für Solo-Violine, BWV 1006, sowie die Gavotte en RondeauVgl. etwa Frederick Noad: The Baroque Guitar (= The Frederick Noad Guitar Anthology. Band 2). Ariel Publications, New York 1974; Neudruck (mit CD): Amsco Publications, New York / Sydney, ISBN 978-0-8256-1811-6, S. 74–75 (auch in Pieces pour la Luth a Monsieur Schouster, par J. S. Bach). aus BWV 995. Daneben existieren, erschienen um 1700, auch Tabulaturen von anonymen Komponisten, die in ihren Suiten eine Gavotte en Rondeau aufweisen.Vgl. etwa Adalbert Quadt: Gitarrenmusik des 16.–18. Jahrhunderts. Nach Tabulaturen hrsg. von Adalbert Quadt. Band 1–4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1970 ff., Band 2: nach Tabulaturen für Colascione, Mandora und Angelica, 3. Auflage ebenda 1972, S. 23, 38 und 40–43.
mini|250x250px|Georg Friedrich Händel, „A Tempo di Gavotta“ aus der Sonate op. 1, Nr. 7.
Eine Gavotte kann auch mit einer zweiten Gavotte gekoppelt werden, die zur ersten kontrastiert, ähnlich wie beim Menuett mit Trio; nach der zweiten Gavotte wird die erste wiederholt. Dieses Phänomen nennt sich Gavotte I & II und ist heute besonders durch die Werke Johann Sebastian Bachs (etwa in der Suite g-Moll BWV 995) und Rameaus bekannt.Von Rameau gibt es Beispiele u. a. in Les Indes galantes (1735), Zoroastre (1749/1756), Daphnis et Aeglé (1753), Les Boreades. Besonders bei Rameau kann eine der beiden Gavotten eine Gavotte en rondeau sein (muss aber nicht).Ein Beispiel ist in Les Indes galantes, 2me Entrée, wo die Gavotte 2 ein Rondeau ist. In (italienischen) Sonaten oder Konzerten kommen gelegentlich Stücke vor, die zwar im Stil der Gavotte geschrieben sind, aber nicht ihre typische Tanzform haben, z. B. von Arcangelo Corelli oder Georg Friedrich Händel. Solche Stücke sind dann bezeichnet mit a tempo di Gavotta (siehe Beispiel).Siehe auch: Meredith Ellis Little: Tempo di gavotta. In: Deane Root (Hrsg.): Grove Music Online.(zuletzt eingesehen: 3. Januar 2016).
Geschichte 16. Jahrhundert Die Gavotte wurde von Thoinot Arbeau in seiner Orchésographie (1589) erwähnt: Er beschreibt sie als Folge (suite) von Branles doubles; dementsprechend verwendet er das Wort „Gavotes“ auch nur im Plural. Sie wurden getanzt in einer Reihe oder im Kreis „...mit kleinen Sprüngen in der Manier des Haut Barrois, mit einem Double nach rechts und einem Double nach links, wie die üblichen Branles…“:Gavottes, cest un recueil & ramazun de plusieurs branles doubles que les joueurs ont choisy entre aultres, & en ont composé une suytte que vous pourrez sçavoir deulx & de voz compagnons, a laquelle suytte ils ont donné ce nom de Gavottes, lesquelles se dancent par mesure binaire, avec petits saults, en façon de hault barrois, … (unterstrichene Textstelle entspricht dem kurzen Zitat im Haupttext). Siehe: Thoinot Arbeau: Orchésographie... Jehan des Preyz, Langres 1589 / réedition 1596 (Privileg vom 22. November 1588). = Orchésographie. Reprint der Ausgabe 1588. Olms, Hildesheim 1989, ISBN 3-487-06697-1. Die Gavotte-Branles unterschieden sich von den anderen Branles aber in mindestens zwei Punkten: Galliarde-Schritte wurden in die Double-Sequenzen eingestreut, und jedes Paar tanzte nacheinander allein in der Kreismitte, wonach sie alle anderen Tänzer küssten. Die von Arbeau überlieferte Melodie beginnt nicht mit einem Auftakt, sondern ist ganztaktig.
Tanzformen im 17. und 18. Jahrhundert mini|350x350px|Manuskript der Gavotte aus Bachs 5. Französischer Suite Die Branle-Suite erfuhr im frühen 17. Jahrhundert eine Standardisierung und setzte sich fortan aus fünf verschiedenen Branles zusammen, die stets von einer einzelnen Gavotte abgeschlossen wurden. Diese Kombination erfreute sich großer Beliebtheit an den wichtigen nordeuropäischen Höfen, was durch zahlreiche Sammlungen von Tanzmusik aus dem gesamten Jahrhundert belegt ist. Pierre Rameau berichtet in seinem Werk Le maître à danser (1725), dass diese Branle-Suite während der Regierungszeit Ludwigs XIV. traditionell zur Eröffnung höfischer Festbälle getanzt wurde – zumindest bis in die 1680er Jahre, wobei Rameau hier von einer bereits vergangenen Praxis berichtet.
Die Dokumentation der Branle/Gavotte-Choreographien aus dem 17. Jahrhundert ist leider spärlich. Im Manuskript Instruction pour dancer (1612) erfolgt eine kurze Beschreibung einer Gavotteschrittfolge nach einer 6-teiligen Branlesuite. In derselben Quelle ist auch La Gilotte notiert, eine Choreographie für vier Paare, in der diese Gavotteschrittfolge durchgehend verwendet wird. François de Lauze erklärt in seiner Apologie de la danse (1623), dass eine detaillierte Beschreibung der Schritte und Bewegungen aufgrund der allgemeinen Bekanntheit des Tanzes überflüssig sei. Allerdings erwähnt er die Existenz von mindestens drei verschiedenen Gavotte-Varianten sowie bedeutende regionale Unterschiede. Marin Mersenne liefert in seiner Harmonie universelle (1636) eine Beschreibung, die Arbeaus Darstellung ähnelt, ergänzt aber zusätzliche Details zum Soloteil des Tanzes.