(243) Ida ist ein Asteroid des äußeren Hauptgürtels, der am 29. September 1884 vom österreichischen Astronomen Johann Palisa an der Universitätssternwarte Wien entdeckt wurde. (243) Ida wurde 1993 durch eine Raumsonde aus der Nähe fotografiert und erforscht, dabei wurde erstmals ein Asteroidenmond entdeckt.
Der Asteroid wurde benannt nach Ide, einer Nymphe aus Kreta, die den jungen Zeus in einer Höhle versteckte und pflegte. Siehe auch bei (239) Adrastea. Die Benennung erfolgte durch Moriz von Kuffner.
(243) Ida ist eines der größeren Mitglieder der Koronis-Familie, einer sehr zahlreichen Gruppe von Asteroiden, die durch eine kollisionsbedingte Zerstörung des Vorgängerkörpers von (158) Koronis entstanden.
Wissenschaftliche Auswertung Aus Ergebnissen der IRAS Minor Planet Survey (IMPS) wurden 1992 Angaben zu Durchmesser und Albedo für zahlreiche Asteroiden abgeleitet, darunter auch (243) Ida, für die damals Werte von 28,0 km bzw. 0,24 erhalten wurden.E. F. Tedesco, P. V. Noah, M. Noah, S. D. Price: The Supplemental IRAS Minor Planet Survey. In: The Astronomical Journal. Band 123, Nr. 2, 2002, S. 1056–1085, doi:10.1086/338320 (PDF; 398 kB).
Photometrische Messungen des Asteroiden fanden statt am 2. und 3. Juni 1984 am Cerro Tololo Inter-American Observatory in Chile. Aus der aufgezeichneten Lichtkurve konnte eine Rotationsperiode von 4,65 h abgeleitet werden.R. P. Binzel: A photoelectric survey of 130 asteroids. In: Icarus. Band 72, Nr. 1, 1987, S. 135–208, doi:10.1016/0019-1035(87)90125-4. Zu dieser Periode passten auch Beobachtungen vom 2. bis 5. Juni 1989 am La-Silla-Observatorium in Chile.A. Erikson, C.-I. Lagerkvist, M. Lindgren, G. Cutispoto, H. Debehogne, G. Hahn, P. Magnusson: Physical studies of asteroids XXIII: Photometric observations of the asteroids 6, 32, 196, 243, 416, 532 and 1580. In: Astronomy & Astrophysics Supplement Series. Band 91, Nr. 2, 1991, S. 259–264, (PDF; 126 kB). Bei weiteren Messungen während sieben Nächten im Zeitraum 17. August bis 17. November 1990 an der Außenstelle Loiano des Observatoriums von Bologna in Italien und am La-Silla-Observatorium konnte ein verbesserter Wert für die Rotationsperiode von 4,6330 h erhalten werden.M. Gonano-Beurer, M. Di Martino, S. Mottola, G. Neukum: Physical study of the asteroid 243 Ida, second fly-by target of the Galileo spacecraft. In: Astronomy & Astrophysics. Band 254, 1992, S. 393–396, (PDF; 92 kB).
mini|links|Berechnetes 3D-Modell von (243) Ida Bei der Planung einer Mission der Raumsonde Galileo zum Planeten Jupiter und dessen Monden geriet (243) Ida als ein Zwischenziel in den Fokus, bei dem fast vier Jahre nach dem Start der Raumsonde ein enger Vorbeiflug erfolgen könnte. Um die Verhältnisse währenddessen besser zu verstehen, konnten noch während der Flugphase der Raumsonde in einer Untersuchung von 1993 aus den archivierten Daten der zuvor genannten photometrischen Beobachtungen in Verbindung mit zahlreichen weiteren, bisher unveröffentlichten Lichtkurven aus einem Zeitraum von September 1980 bis Mai 1993, die an verschiedenen Observatorien gewonnen worden waren, wie dem Steward Observatory und dem Mount-Lemmon-Observatorium in Arizona, dem McDonald-Observatorium in Texas, dem MIT Wallace Astrophysical Observatory (WAO) in Massachusetts, dem UH-2,2-m-Teleskop am Mauna-Kea-Observatorium auf Hawaiʻi, dem Observatoire de Haute-Provence und dem Observatorium auf dem Pic du Midi in Frankreich, dem Charkiw-Observatorium in der Ukraine sowie dem Observatorium Hoher List in Deutschland, für ein dreiachsig-ellipsoidisches Gestaltmodell des Asteroiden zwei alternative Lösungen für die Position der Rotationsachse mit retrograder Rotation und eine Periode von 4,64832 h berechnet werden. Für die Achsenverhältnisse wurden Werte von a/b = 1,82 und b/c = 1,15 abgeleitet. Damit ließen sich die ungefähren Ansichten von (243) Ida von der Raumsonde aus während deren Annäherung und Vorbeiflug vorhersagen. Die Ausformung der Lichtkurven deutete darauf hin, dass (243) Ida möglicherweise eine ungleichmäßige Albedoverteilung aufweist.R. P. Binzel, S. M. Slivan, P. Magnusson, W. Z. Wisniewski, J. Drummond, K. Lumme, M. A. Barucci, E. Dotto, C. Angeli, D. Lazzaro, S. Mottola, M. Gonano-Beurer, T. Michałowski, G. De Angelis, D. J. Tholen, M. Di Martino, M. Hoffmann, E. H. Geyer, F. Velichko: Asteroid 243 Ida: Groundbased Photometry and a Pre-Galileo Physical Model. In: Icarus. Band 105, Nr. 2, 1993, S. 310–325, doi:10.1006/icar.1993.1129.S. M. Slivan, R. P. Binzel: Forty-eight New Rotation Lightcurves of 12 Koronis Family Asteroids. In: Icarus. Band 124, Nr. 2, 1996, S. 452–470, doi:10.1006/icar.1996.0222.
Darauf hatten bereits spektroskopische Beobachtungen am 8. Dezember 1991 am Michigan-Dartmouth-MIT (MDM) Observatory in Arizona hingedeutet.R. P. Binzel, Sh. Xu, S. J. Bus: Spectral Variations within the Koronis Family: Possible Implications for the Surface Colors of Asteroid 243 Ida. In: Icarus. Band 106, Nr. 2, 1993, S. 608–611, doi:10.1006/icar.1993.1196. Auch Beobachtungen am La-Silla-Observatorium zeigten in einer Untersuchung von 1993 rotationsabhängige Veränderungen im Spektrum von (243) Ida, die auf einen wechselnden Gehalt an Pyroxen und Olivin auf ihrer Oberfläche hindeuteten.M. A. Barucci, M. Lazzarin: Koronis family: reflectance spectra of 243 Ida, 1442 Corvina and 2226 Cunitza. In: Planetary and Space Science. Band 41, Nr. 8, 1993, S. 641–646, doi:10.1016/0032-0633(93)90084-F.
Raumsonde Galileo Um ihr Zwischenziel (243) Ida zu erreichen, hatte die Raumsonde während ihrer langen Reise zunächst mehrere Planetenvorbeiflüge zu absolvieren, an der Venus im Februar 1990 und an der Erde im Dezember 1990. Im Oktober 1991 hatte Galileo dann bereits in 1600 km Entfernung den Asteroiden (951) Gaspra passiert. Nach einem weiteren Vorbeiflug an der Erde im Dezember 1992 erreichte die Raumsonde dann am 28. August 1993 (243) Ida, an der sie um 16:52 Uhr UT in 2390 km Entfernung und mit einer Geschwindigkeit von 12,4 km/s vorüberflog.
Während des Vorbeiflugs wurden mit dem Solid-State Imager (SSI) der Raumsonde Aufnahmen des Asteroiden gemacht, beginnend etwa fünfeinhalb Stunden vor der größten Annäherung aus einer Entfernung von 240.000 km bis etwa eine Minute nach der größten Annäherung aus einer Entfernung von 2500 km. Während dieser Zeit vollführte (243) Ida etwas mehr als eine vollständige Rotation. Es wurden dabei 150 Aufnahmen gemacht, zum Teil als Mosaikaufnahmen, die 21 Zeitproben während der Rotation abbildeten und 95 % der Oberfläche des Asteroiden erfassten. Die Bildsequenz wurde vollständig durch Messungen des Near-infrared Mapping Spectrometer (NIMS) komplementiert, welches ergänzende Nahinfrarot-Spektraldaten erfasste.
mini|rechts|Während der Annäherung von Galileo aufgenommene Bilderfolge, die die Rotation von (243) Ida zeigt Wegen Problemen mit der Antenne der Raumsonde war die Datenübertragungsrate zur Erde stark eingeschränkt und alle Aufnahmen mussten zunächst auf einem Bandlaufwerk zwischengespeichert werden, um später während zwei Zeitfenstern im September 1993 und von Februar bis Juni 1994 übertragen zu werden. Dazu wurde vor und während der Übertragung eine Analyse der Daten durchgeführt, um eine adaptive Strategie zu entwickeln, bei der die zuerst übertragenen Daten den Inhalt der späteren Übertragungen beeinflussten. Dabei wurde am 17. Februar 1994 auf den Aufnahmen ein natürlicher Satellit des Asteroiden entdeckt (siehe unten). Einige Aufnahmen, die noch nicht übertragen waren, mussten später für die eigentlichen Ziele der Galileo-Mission geopfert werden, so dass schließlich 96 Bilder des Asteroiden, die 18 Zeitproben während einer Rotationsperiode darstellten, zur Erde übertragen wurden. Sie erreichten Auflösungen an der Oberfläche von bis zu 25 m/Pixel. Der größte Teil von (243) Idas Oberfläche wurde in vier Farben abgedeckt, begrenzte Bereiche auch in fünf Farben, mit Auflösungen von bis zu 105 m/Pixel. Die Auswertung der Aufnahmen brachte folgende Ergebnisse:M. J. S. Belton, C. R. Chapman, K. P. Klaasen, A. P. Harch, P. C. Thomas, J. Veverka, A. S. McEwen, R. T. Pappalardo: Galileo’s Encounter with 243 Ida: An Overview of the Imaging Experiment. In: Icarus. Band 120, Nr. 1, 1996, S. 1–19, doi:10.1006/icar.1996.0032. (243) Idas Form ist unregelmäßiger als die jedes anderen Objekts im Sonnensystem, das zuvor von Raumsonden beobachtet wurde. Das am besten zu ihrer Form passende Ellipsoid hat Hauptabmessungen von (59,8 × 25,4 × 18,6) km, einen mittleren Durchmesser von 31,4 ± 1,2 km, eine Oberfläche von 3900 km² und ein Volumen von 16.000 km³. Von den Polen aus betrachtet hat (243) Ida eine leicht halbmondförmige Gestalt. Kleinere, sich überlappende Vertiefungen erwecken den Eindruck einer „Taille“ und ein scharfer Grat erstreckt sich über etwa 40 km Länge. Die charakteristische Topografie auf beiden Seiten der „Taille“ deutet auf Unterschiede in den mechanischen Eigenschaften entlang der Ausdehnung des Asteroiden hin. Diese Unterschiede könnten von Strukturen herrühren, die von einem größeren Vorgängerobjekt übernommen wurden, oder auf ein aus zwei Komponenten zusammengesetztes Objekt hinweisen. (243) Idas Rotationsachse stimmt nahezu mit der Hauptträgheitsachse überein, was auf eine homogene Dichteverteilung im Inneren hinweist, geringfügige Änderungen der Porosität oder der Zusammensetzung aber nicht ausschließt. Die unregelmäßige Form, die niedrige mittlere Dichte und die schnelle Rotation von (243) Ida bedingen stark variierende Oberflächenbeschleunigungen von 0,3–1,1 cm/s². Die Gefälle an der Oberfläche liegen meist unter 35°, erreichen aber im Einzelfall bis zu 50°.P. C. Thomas, M. J. S. Belton, B. Carcich, C. R. Chapman, M. E. Davies, R. Sullivan, J. Veverka: The Shape of Ida. In: Icarus. Band 120, Nr. 1, 1996, S. 20–32, doi:10.1006/icar.1996.0033. Die Oberfläche von (243) Ida ist von Einschlägen geprägt mit einfacher, schüsselförmiger Gestalt, komplexe Kratermorphologien sind nicht zu beobachten. Die vorhandenen Krater zeigen ein breites Spektrum an Degradationszuständen. Bereiche hellen Materials in den jüngsten Kratern könnten zurückgestürzte Ablagerungen oder das Ergebnis seismischer Störungen in den lose gebundenen Oberflächenmaterialien sein. Die photometrischen Daten bei unterschiedlichen Farben weisen auf einen relativ gleichmäßigen Calciumgehalt in Pyroxenen und ein konstantes Pyroxen/Olivin-Verhältnis hin,R. Sullivan, R. Greeley, R. Pappalardo, E. Asphaug, J. M. Moore, D. Morrison, M. J. S. Belton, M. Carr, C. R. Chapman, P. Geissler, R. Greenberg, J. Granahan, J. W. Head III, R. Kirk, A. McEwen, P. Lee, P. C. Thomas, J. Veverka: Geology of 243 Ida. In: Icarus. Band 120, Nr. 1, 1996, S. 119–139, doi:10.1006/icar.1996.0041. das mit dem von Chondriten mit geringem Eisen- und Metallgehalt übereinstimmt,J. Granahan: A compositional study of asteroid 243 Ida and Dactyl from Galileo NIMS and SSI observations. In: Journal of Geophysical Research – Planets. Band 107, Nr. E10, 2002, S. 20-1–20-10, doi:10.1029/2001JE001759 (PDF; 454 kB). womit (243) Ida etwas mehr einem Asteroiden des mittleren S-Typs entspricht als (951) Gaspra. Die geometrische Albedo liegt bei 0,21. Die Oberfläche zeigt zwei unterschiedlich gefärbte Terrains, wovon eines etwas dunkler ist und einem älteren, reiferen Regolith entspricht, während das andere aus weniger verwitterten, etwas helleren und transparenteren Partikeln besteht.P. Helfenstein, J. Veverka, P. C. Thomas, D. P. Simonelli, K. Klaasen, T. V. Johnson, F. Fanale, J. Granahan, A. S. McEwen, M. Belton, C. Chapman: Galileo Photometry of Asteroid 243 Ida. In: Icarus. Band 120, Nr. 1, 1996, S. 48–65, doi:10.1006/icar.1996.0036.J. Veverka, P. Helfenstein, P. Lee, P. Thomas, A. McEwen, M. Belton, K. Klaasen, T. V. Johnson, J. Granahan, F. Fanale, P. Geissler, J. W. Head III: Ida and Dactyl: Spectral Reflectance and Color Variations. In: Icarus. Band 120, Nr. 1, 1996, S. 66–76, doi:10.1006/icar.1996.0037.