90px|rechts|Wappen von Hannover mini|hochkant=1.5|Ein Merian-Kupferstich zeigt die Stadt Hannover um 1650, im Vordergrund die Windmühle auf dem Lindener Berg

Die Geschichte der Stadt Hannover beschreibt die Entwicklung der Stadt Hannover, die zu Beginn ein Handelsplatz an der Leine war und über eine mittelalterliche Stadt zur Residenzstadt wurde. Als Landeshauptstadt von Niedersachsen gehört Hannover heute zu den bedeutenden Großstädten in Deutschland.

Urgeschichte Archäologische Ausgrabungen zeigen, dass die Region um Hannover schon früh besiedelt war. In den Schotterbänken der Leine bei Arnum, Döhren, Koldingen und Rethen wurden Faustkeile und messerartige Klingen aus der Altsteinzeit um 120.000 v. Chr. gefunden. Aus den folgenden Jahrtausenden finden sich kaum Spuren.

Erst aus dem 8. Jahrtausend v. Chr. wurden hauptsächlich bei Misburg Feuersteingeräte gefunden. Bei Koldingen und Rethen wurden aus der gleichen Zeit Geweihhacken gefunden, die der Bodenbearbeitung dienten. Sie belegen, dass hier eine sesshafte Ackerbaubevölkerung lebte. Aus der Jungsteinzeit wurden Tongefäße aus drei verschiedenen geografischen Tonwarengruppen gefunden. Auch aus der Bronzezeit zeugen aus der Ferne bezogene Geräte für ein Geflecht weiträumiger Beziehungen zu anderen Kulturen.

Frühgeschichte Nach Auswertungen des Originals einer um 150 n. Chr. vom Geografen Claudius Ptolemäus gezeichneten Karte von Germania Magna durch das Institut für Geodäsie der Technischen Universität Berlin gab es an der Stelle des heutigen Hannovers bereits eine Siedlung namens Tulifurdum.Andreas Kleineberg u. a.: Germania und die Insel Thule. Verlag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, Seite 47 Sprachgeschichtlich kann dies nach Klaus Mlynek aus der Zusammensetzung von lateinisch „tuli“ (= „ich habe getragen“) und „furdum“ (= „Furt“) gedeutet werden, welches auf den Leineübergang hinweist.Hannoversche Geschichtsblätter, Bd. 53 Helmut Plath, langjähriger Chef des Historischen Museums, schrieb über den bisher namenlosen Ort in seiner Stadtgeschichte: „Während des 1. bis 3. Jahrhunderts nach Christus, in der römischen Kaiserzeit, bestand auf dem Boden der späteren Alt- und Neustadt eine Besiedlung von nicht geringer Ausdehnung.“ Reste von Tongefäßen aus dieser Zeit wurden unter anderem im Untergrund der Aegidienkirche gefunden. Die Bewohner hätten dem Stamm der Cherusker angehört.Hannover viel älter als gedacht. In: Neue Presse vom 30. September 2010 ()

In einem Leinearm wurde eine römische Münze des Kaisers Alexander Severus (222–232) gefunden. Dies lässt den Rückschluss zu, dass die damals am Leineübergang befindliche Siedlung in Handelsbeziehungen mit Römern stand. Aufgrund der archäologischen Funde geht man davon aus, dass im Raum Hannover große Umwälzungen durch die Völkerwanderung ausblieben.

Hannover im Mittelalter Lage mini|Stadtplan Hannover als Skizze „Hannover im Mittelalter“; 1924 von Karl Friedrich Leonhardt in seinem Artikel „Straßen und Häuser im alten Hannover“ in den Hannoverschen Geschichtsblättern

Hannover entstand an der Stelle der Mittelgebirgsschwelle, wo der Lindener Berg als letzter Ausläufer des Niedersächsischen Berglands die schwer passierbare und sumpfige Leineaue auf 500 m einengte. Das Passieren einer Furt erleichterte ein Werder inmitten des Flusstales. An der Stelle querte eine Handelsstraße des Fernhandels von Göttingen den Fluss und traf auf den Fernweg von Hildesheim nach Bremen.

Vor der Stadtgründung In der Merowingerzeit (550–700) wurde ein großer Friedhof in der Nähe von Anderten angelegt. Die Bevölkerung in der Region gehörte im Frühmittelalter den Sachsen an, die am Ende des 8. Jahrhunderts von Karl dem Großen gewaltsam in das Fränkische Reich eingegliedert wurden. Das Altstadtgebiet gehörte zur damaligen sächsischen Provinz Engern, zum Marstemgau und zum Bistum Minden. Scherbenfunde belegen, dass die Besiedlung des späteren Altstadtgebietes bereits im 11. Jahrhundert vorhanden war. Diese befand sich zunächst längs der heutigen Leinstraße, die am Ufer der Leine Teil der Fernstraße von Hildesheim nach Bremen war. In Höhe der Burgstraße befand sich eine dorthin führende Gasse (Roßmühle). Hier, nahe am Hohen Ufer, bildeten sich die erste Siedlung und ein Herrenhof, der den Flussübergang kontrollierte (siehe auch: Stadtarchäologische Untersuchungen am Hohen Ufer 2013). Dieser Leineübergang bildete auch den kürzesten Weg zwischen Minden und Lüneburg. Dort lagen zu Beginn des 11. Jahrhunderts die Machtzentren der Billunger, die auch die Grafenrechte im Marstemgau innehatten. Daher gewann der Leineübergang bei Hannover in dieser Zeit unter den Billungern an Bedeutung. Nachdem die Billunger mit dem Tode Herzog Magnus 1106 ausstarben, übte Graf Widukind von Schwalenburg die Grafenrechte im Marstemgau aus und hielt zwischen 1113 und 1119 in Linden Gericht. An diesem Gerichtstag nahm auch der Nachfolger der Billunger als Herzog von Sachsen, der spätere Kaiser Lothar III., teil und bestätigte die Schwalenberger Rechte.

Gründung der Stadt unter den Grafen von Rhoden mini|links|hochkant=2|Um 1150 soll ein Mädchen aus dem „vicus honovere“ am Grab von Bischof Bernward von Hildesheim gebetet haben;Relief von Werner Hantelmann im Geschichtsfries am Neuen Rathaus von Hannover

Spätestens 1124 wurde Hildebold von Rhoden, dessen Familie in der Gegend zwischen Hannover und Wunstorf viele Eigengüter besaß, mit der Grafenwürde im Marstemgau belehnt. Unter Hildebold rückte der Herrenhof am Leineübergang in die Mitte des damaligen rhodenschen Herrschaftsbereiches. Er ließ südöstlich davon eine dem Heiligen Georg geweihte Kirche und einen Marktplatz anlegen. Der Ort bestand zunächst nur aus der Marktsiedlung um die Georgskirche, die von Südosten kommende Uferstraße und dem am Leineübergang gelegenen Herrenhof. Spätestens bis zu Hildebolds Tod gegen 1141 war die Gründung des Marktortes, der erstmals 1150 in der Hildesheimer Miracula Bernwardi als „Hanovere“ bezeichnet wurde, abgeschlossen. Die Bedeutung des Namens ist umstritten.

Deutungsversuche zum Namen mini|Hohes Ufer der Leine (rechts) am Rande der Altstadt Allgemein wird als namensgebend „hohes Ufer“ genannt, so bereits von Leibniz.

Dem widersprach auf den ersten Blick die Lage an einem Flussübergang, weil eine Furt gerade eine besonders flache Stelle bezeichnet. Auch lag die Uferhöhe der Leine damals etwa drei Meter unter dem heutigen Niveau. Daher schlug der Historiker und Namenforscher Bodo Dringenberg 2002 eine andere Deutung vor: Es stünde zwar -overe unbestritten für einen „zurückgelegenen, erhöhten Rand“, die Vorsilbe han- aber für einen „eingefriedeten Ort“ nach dem althochdeutschen „hagan“ oder „hagen“ für „Einhegung“. Dieses ursprüngliche Hag(en)- ist allerdings weder überliefert noch aus der lokalen Lautentwicklung zu folgern; diese hätte eher zu Hain- geführt, nicht aber zu den überlieferten Parallelformen mit Hon-. Als weitere Deutungsmöglichkeiten wurden auch „Hahnenufer“, „Sumpfufer“ und „Schilfufer“ genannt.

Tatsächlich spricht für die traditionelle Deutung als „Hohenufer“, dass die erste bekannte Ansiedlung abseits der Furt entstand, nämlich vor Hochwasser und jährlichen Frühjahrsüberschwemmungen geschützt an einem damals schon relativ hohen Ufer, das den Lauf der Leine in Richtung Westen abbiegen lässt. Diese Deutung wird von dem Onomasten Jürgen Udolph mit zahlreichen Parallelen gestützt: Beispielsweise gibt es ähnliche Namensformen, die sich am plausibelsten als „(Am) Hohen Ufer“ deuten lassen, so dass es immer noch am wahrscheinlichsten ist, dass dies auch auf die Stadt Hannover zutrifft.Die Ortsnamen des Landkreises Hannover und der Stadt Hannover. Bielefeld 1998, S. 196 Auch die Betonung auf -over spricht für eine Adjektiv-Substantiv-Komposition und damit gegen die anderen bisherigen Deutungsversuche.

Heinrich der Löwe als Landesherr mini|Heinrich der Löwe mit seiner zweiten Frau Mathilde von England (1188) 1142 wurde der Welfe Heinrich der Löwe, der Enkel Lothars III., mit dem Herzogtum Sachsen belehnt. Er ließ Hannover ausbauen und befestigen. Zwischen 1160 und 1168 belehnte Heinrich den Sohn Hildebolds, Konrad I. von Rhoden, mit der Grafschaft Engern. Wahrscheinlich hat Konrad auch gleichzeitig dem Herzog das Erbgut Hannover aufgetragen und von diesem, um das Aegidienkirchspiel vergrößert, als Lehen zurückerhalten. Die Welfen betrachteten von nun an Hannover als ihr Erbgut. 1163 hielt Heinrich in Hannover einen Hoftag ab. Vermutlich hat hierbei der anwesende Bischof von Minden die Aegidienkirche geweiht. In den folgenden Jahren wurde der Ausbau der Stadt vorangetrieben. Der Handelsverkehr auf dem Markt nahm einen größeren Umfang an, so dass es sich für Herzog Heinrich lohnte, um 1180 in Hannover Kreuzbrakteaten (Hohlpfennige) prägen zu lassen.

Auf dem Reichstag zu Würzburg erreichte 1180 die welfisch-staufische Auseinandersetzung ihren Höhepunkt: Heinrich der Löwe wurde von Kaiser Friedrich Barbarossa als Herzog von Sachsen abgesetzt und musste sich ins Exil begeben. Der Titel Herzog von Sachsen wurde an Bernhard von Anhalt vergeben. Er konnte sich aber hauptsächlich nur in den Ostgebieten durchsetzen. Daher wurden unter dem Herzogtum Sachsen bald nicht mehr das Gebiet des heutigen Niedersachsen und Westfalens, sondern die elbaufwärts gelegenen Gebiete verstanden.

Konrad I. von Rhoden, der ein enger Gefolgsmann Heinrichs war und ihm nun die Treue hielt, standen in dem sich nun anbahnenden Reichskrieg stürmische Zeiten bevor. Er baute in den kommenden Jahren eine kleine, aber gut zu verteidigende Wasserburg in der Leineniederung bei Limmer. Als Heinrich 1189 vorzeitig aus dem Exil zurückkehrte, belagerte ihn König Heinrich VI., der Sohn Barbarossas, vor Braunschweig, das er aber nicht einnehmen konnte. Die abziehenden Truppen zündeten Hannover an und belagerten vergeblich die Burg Limmer. Nach dem Tode von Konrad I. verwalteten seine Söhne Konrad II. und Hildebold II. das Erbe zunächst gemeinsam, spätestens 1215 teilten sie aber das Erbe: Hildebold II. zog auf die Burg Limmer und Konrad II. auf die neu errichtete Burg Lauenrode auf dem westlichen Ufer gegenüber von Hannover. Er nannte sich von diesem Zeitpunkt an „von Lauenrode“. Die Burg wurde innerhalb einer alten Verteidigungsanlage auf dem Werder errichtet. Sie bildete den Kern der späteren Calenberger Neustadt auf dem westlichen Leineufer. Die ehemalige Keimzelle der Stadt, der Herrenhof, verlor nun seine Funktion und wurde mit dem dazugehörigen Besitz der Burgkapelle St. Galli zugeteilt. Konrad erhielt die östlichen Lehen der Familie mit Hannover und der Burg Lauenrode als Mittelpunkt, während Hildebold II. mehr im Westen die Lehnsrechte ausübte.

Erwerb der Selbständigkeit mini|Das Alte Rathaus Auch die Söhne Heinrich des Löwen, (Pfalzgraf) Heinrich, Wilhelm und Otto, teilten 1202 den noch verbliebenen Erbbesitz, zu dem auch Hannover gehörte. Da Otto zum deutschen König und 1209 zum deutschen Kaiser gekrönt wurde und er sich mehr um die Reichspolitik kümmern musste, oblag es hauptsächlich Heinrich, den Braunschweiger Besitz zu verwalten.

Im Zeitraum zwischen 1203 und 1213 sind auch die ersten Hannoveraner namentlich bekannt: Der Münzmeister Tydericus monetarius de Honovere und dessen Ehefrau erwarben damals den Zehnten in Ricklingen;Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein: Chronik der Stadt Hannover von den Anfängen bis 1988. Textfassung der 1991 publizierten Stadtchronik von Dr. Klaus Mlynek und Dr. Waldemar Röhrbein: „Hannover Chronik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Zahlen –Daten –Fakten“; hrsg. vom Stadtarchiv Hannover; als PDF-Dokument herunterladbar von der Seite hannover.de [ohne Datum], zuletzt abgerufen am 28. Mai 2021 es war wohl Tydericus, der in Hannover verschiedene Münzen für den Pfalzgrafen und Braunschweiger Herzog Heinrich prägte.Bernhard Engelke: Die beiden Hannoverschen Pfennige der Grafen von Roden, in: Hannoversche Geschichtsblätter, Bd. 29 (1926), S. 139ff; hier: S. 144;