mini|hochkant|Das Titelblatt der ursprünglichen Partitur zeigt einen Umzug der Federación de los estudiantes del Uruguay, für die der ‘Marsch’ komponiert wurde. mini| – Die vom Komponisten Gerardo Matos Rodríguez autorisierte Version mit dem tragischen Liedtext: „La Cumparsa De miserias sin fin Desfila“.
La Cumparsita (spanisch für „kleiner Straßenumzug“) heißt das bekannteste Stück des uruguayischen Architekturstudenten und Komponisten Gerardo Hernán Matos „Becho“ Rodríguez (1897–1948).Becho y un tango – „Becho“ war der Spitzname von Gerardo Matos Rodríguez In der internationalen Tango-Szene wird La Cumparsita superlativisch «el tango de los tangos», „der Tango aller Tangos“, genannt.El tango de los tangos – Artikel auf der spanischsprachigen BBC-Website vom 24. November 2017 zur Hundertjahrfeier der Cumparsita
Der melodische Anfang des Tangos La Cumparsita ist unverwechselbar. Vier Noten des ersten Taktes genügen:
Neben Ángel Villoldos „El Choclo“, Edgardo Donatos „A media luz“A media luz Edgardo Donato – es singt Horacio Lagos, 1941. und Sanders „Adiós muchachos“Adiós Muchachos Carlos Gardel, 1927. ist La Cumparsita „der bekannteste, meistgespielte und weltweit meistverbreitete“Egon Ludwig: Tango Lexikon. Der Tango rioplatense – Fakten und Figuren des berühmten lateinamerikanischen Tanzes. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Berlin 2002, ISBN 978-3-89602-294-3, S. 148. rioplatensische Tango.Leslie Bethell: The Cambridge history of Latin America. Cambridge university Press 1995, ISBN 978-0-521-49594-3, S. 361 ()
Der jugendliche Uruguayer Gerardo Matos Rodríguez komponierte dieses Musikstück im Jahre 1917 zunächst als instrumentalen Karnevals-Marsch für einen studentischen Straßenumzug, für eine Murga.
Im selben Jahr arrangierte der argentinische Pianist und Orchesterleiter Roberto Firpo diese Komposition von Rodríguez und verlieh dem ursprünglichen Marsch einen Tango-Rhythmus. Dazu benutzte er ein Fragment aus einem seiner eigenen Werke, dem Tango La gaucha Manuela.La gaucha ManuelaHéctor Ángel Benedetti: Las mejores letras de tango. Antología de doscientas cincuenta letras de tango, cada una con su historia. Verlag Planeta, Madrid 2012, ISBN 978-987-580-514-9, S. 484 Firpo führte sein Tango-Arrangement von La Cumparsita im Gran Café La Giralda (Montevideo)La Giralda, Gran Café y Confitería, historisches Foto – Artikel in der uruguayischen Tageszeitung El País noch im gleichen Jahr erstmals in der Öffentlichkeit auf. (spanisch) und (englisch)Terceto Roberto Firpo: La cumparsita, 1917
In den darauffolgenden Jahren wurden dem Tango La Cumparsita fünf verschiedene Liedtexte unterlegt. Nur zwei davon konnten sich durchsetzen:
Zum einen das musikalische Plagiat der Tangopoeten Pascual und Enrique Pedro La Cumparsita vor Gericht: Juan Montero Aroca: La Cumparsita: a source of lawsuits (La Cumparsita: una fuente de pleitos). In: Ius et Veritas, Núm. 53 (2016); 268–287. Contursi y Maroni vs. Matos Rodríguez – downloadbare PDF-Datei. unter dem neuen Titel Si supieras – Liedtext auf Hermano Tango aus dem Jahre 1924 und zum andern die anspruchsvolle, tragödienhafte Poesie,Diana Braceras: La Cumparsita Trágica. Ensayo sobre el Tango y el Pesimismo. (Psychoanalytische Interpretation des Liedtextes La cumparsa De Miserias sin fin Desfila): Volltext des Essais auf Spanisch, Abschnitt V.: La estructura trágica de la ‘Cumparsita’ die der Komponist Gerardo Matos Rodríguez in Reaktion auf das Plagiat Si supieras im Jahre 1925 selber dichtete: . – Liedtext des Komponisten Gerardo Matos Rodríguez: „La Cumparsa De miserias sin fin Desfila“. Sänger: der italienische Tenor Tito Schipa, begleitet vom Orquesta típica Victor.La Cumparsa De miserias sin fin Desfila – Liedtext auf Hermano Tango
Die plagiierte Fassung von Contursi/Maroni aus dem Jahre 1924 wurde durch Carlos Gardel im Umweg über Paris und unter dem neuen Titel mit verändertem musikalischem Arrangement international bekanntgemacht.Si supieras, Carlos Gardel, 1924 Liedtext von Contursi/Maroni – remastered In diesen am Schluss schelmisch-pikaresken Versen drückt ein sitzengelassener Mann seine depressiven, nostalgischen Gefühle aus und beklagt einen allgemeinen Liebesverlust, und zwar nicht nur den der Partnerin:Raimund Allebrand: Tango: Nostalgie und Abschied. Psychologie des Tango Argentino, 2. Auflage Horlemann Verlag Bad Honnef 1999, ISBN 3-89502-088-5, S. 42/43
V21 Y aquel perrito compañero V22 Que por tu ausencia no comía, V23 Al verme solo, el otro día V24 También me dejó.
Und jenes Schoßhündchen, Das wegen Deiner Abwesenheit nicht mehr fraß, Als es mich neulich alleine vorfand, Hat es mich ebenfalls verlassen.
Für die uruguayische Identität hat dieses Musikstück eine ganz besondere Bedeutung, denn dieses kleinere Nachbarland Argentiniens erhebt den Anspruch, in der Tango-Geschichte dem größeren Nachbarn Argentinien in nichts nachzustehen:
So fühlen sich Uruguayer durch die Bezeichnung Tango Argentino gekränkt und sprechen stattdessen vom Tango Rioplatense, weil der Tango eben beiden Río-de-la-Plata-Staaten seine Entstehung verdankt.¿Tango rioplatense o tango argentino? – Artikel auf todotango.com Es schmeichelt dem uruguayischen Nationalstolz, dass der Komponist des weltweit bekanntesten Tangos ein Montevideaner ist. So wurde im Jahre 1998 La Cumparsita per Gesetz zur Volks- und Kulturhymne, zum «Himno Popular y Cultural», der Republik Uruguay erhoben.Daniel A. Kempken: Schlaglichter Uruguay, Books on Demand 2013, ISBN 978-3-8482-6314-1, S. 66: Zur Hundertjahrfeier des „Tango de los tangos“ fanden 2017 in Uruguay das ganze Jahr über große Festivitäten statt.100 Jahre des berühmten Tangos La Cumparsita – auf der Webseite der uruguayischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland
Auf Milongas kommt der Cumparsita, dem „Tango aller Tangos“, eine rituelle Bedeutung zu. Traditionell wird La Cumparsita – in allen möglichen Arrangements – als letzter Tango aufgelegt und kündet somit das nahende Ende der Tango-Tanzveranstaltung an.
Bedeutung des Titels „La Cumparsita“ Cumparsita ist das Diminutiv der Lunfardo–Cocoliche Vokabel cumparsa,Oscar Conde: Diccionario etimológico del lunfardo, Taurus 2014, ISBN 978-987-04-0003-5. der in der spanischen Hochsprache das Wort comparsa entspricht:
Im Karneval Montevideos haben solche cumparsitas, kleine Straßenumzüge, als Murga Tradition. Gerardo Matos Rodríguez komponierte den Tango auf einem Klavier im Haus der Federación de estudiantes del Uruguay. Das Titelbild der Original-Partitur zeigt einen solchen Straßenumzug der uruguayischen Studenten.
Entstehungsgeschichte mini|hochkant|Gerardo Matos Rodriguez
Um die Entstehungsgeschichte dieses emblematischen Tangos kreisen unterschiedliche Versionen:
mini|Trio Roberto Firpo, um 1916: Klavier, Geige, Klarinette In einem Interview erzählt der uruguayische Tango-Musiker Miguel Villasboas die Version, die ihm sein Mentor und Freund Roberto Firpo höchstpersönlich zugetragen habe:
Im „Magazin der Tango Argentino Szene in Wien“, Tango-Blog.at, schreibt Bernhard Siegl:
Ohne Erlaubnis des Komponisten unterlegten die Lyriker Enrique Pedro Maroni und Pascual Contursi dem Tango La Cumparsita einen Liedtext und gaben ihm den neuen Titel (Wenn Du wüsstest). Sie wandten sich an Carlos Gardel, der 1924 La Cumparsita unter dem neuen Titel Si supieras sang und in Paris berühmt machte.Carlos Gardel – Si supieras (La Cumparsita) 1924, remastered
Der Komponist Gerardo Matos Rodríguez, der dabei jeweils leer ausging, führte deswegen mehrere Urheberrechtsstreite, die zwanzig Jahre später, 1942, mit einem Kompromiss endeten.Juan Montero Aroca: La cumparsita: vida y derecho en el tango más universal, Verlag Tirant Valencia 2014, ISBN 978-84-15731-63-4.La Cumparsita – eine Quelle von Rechtsstreitigkeiten, Contursi y Maroni vs. Matos Rodríguez – ausführlicher Artikel in spanischer Sprache
Um 1925 brachte der Orchesterleiter Francisco Canaro La Cumparsita in der Instrumentalversion des Komponisten Gerardo Matos Rodríguez nach Paris. Sie wurde genauso wie die Gesangsversion Gardels Si supieras ein Welterfolg.
Liedtexte und musikalische Arrangements Dem ursprünglich als reine Instrumentalmusik komponierten Tango wurden mehrere Liedtexte unterlegt, wobei auch die Musik jeweils arrangiert wurde, um sie an die jeweiligen Verse anzupassen.clubdetango.com.ar Ricardo Ostuni: Las Letras de la CumparsitaLa Cumparsita (I), (II), (III), (IV), (V) – fünf Textversionen befinden sich auf Hermano Tango
Zwei Textversionen konnten sich durchsetzen:
(La Cumparsita, 1924, Contursi/Maroni). Ohne Erlaubnis des Komponisten Rodríguez gaben die Tangopoeten Contursi und Maroni dem Tango La Cumparsita einen neuen Titel, benannten ihn um in Si supieras, was einen jahrzehntelangen gerichtlichen Streit um Autorenrechte zur Folge hatte.Juan Montero Aroca: La Cumparsita: a source of lawsuits (La Cumparsita: una fuente de pleitos). In: Ius et Veritas, Núm. 53 (2016); 268–287. Contursi y Maroni vs. Matos Rodríguez – downloadbare PDF-Datei. (1925, Gerardo Matos Rodríguez, 1925) – , der vom Komponisten selbst gedichtete Liedtext.
Drei weitere spanische Textversionen sind bekannt, von denen sich jedoch keine durchsetzen konnte:
Allá viene alegre Y muy bullanguera La Cumparsita callejera (Alejandro Del Campo, 1926) Cumparsita, Emoción de la infancia (Augusto Mario Delfino) Me atormenta (Roberto Selles übersetzte den englischen Originaltitel The Masked One (Olga Paul) ins Spanische).Ahí viene La Cumparsita (Da kommt der Zug) Alberto Bemposta, 2011.
Si supieras (Contursi/Maroni, 1924) mini|150px|rechts|Der Tango-Lyriker Pascual Contursi
Der Liedtext Si supieras der Tangopoeten Pascual Contursi und Enrique P. Maroni trägt die pathetisch-nostalgische Klage eines sitzengelassenen Mannes vor:
Der Sitzengelassene fragt sich, ob die Verflossene zu ihm zurückkäme, wenn sie wüsste, dass er sie immer noch liebt. Die Tangolyriker unterstreichen den Ausdruck der emotionalen Katastrophe des Verlassenseins, indem sie sich des Stilmittels der Apostrophe bedienen. Der depressive Verlassene spricht seine Ex in einem imaginären Appell direkt an: „Si supieras (wenn Du wüsstest)“:
In den Versen 21–24, in der Szene des das Fressen verweigernden Schoßhündchens, das den Protagonisten des Tangos ebenfalls verlässt, ziehen die Autoren das Register der Komik, der Selbstironie.
Diese Textfassung wurde 1924 von der berühmten Singdrossel („zorzal“) Carlos Gardel zur Gitarre gesungen. Die aufkeimende Schallplattenindustrie Odeon und RCA Victor trug dazu bei, dass diese Textversion sich weltweit verbreiten konnte.Carlos Gardel – Si supieras (La Cumparsita) 1924, remastered
mini|150px|links|Verse 22 bis 24: «Y aquel perrito compañero / Que por tu ausencia no comía / Al verme solo, el otro día / También me dejó».
V01 ¡Si supieras V02 Que aún dentro de mi alma V03 Conservo aquel cariño V04 Que tuve para ti! V05 ¡Quién sabe, si supieras V06 Que nunca te he olvidado! V07 Volviendo a tu pasado V08Te acordarás de mí.
V09 Los amigos ya no vienen V10 Ni siquiera a visitarme; V11 Nadie quiere consolarme V12 En mi aflicción V13 Desde el día que te fuiste V14 Siento angustias en mi pecho, V15 ¡Decí, percanta‘Percanta’ ist ein Lunfardo-Wort: Percanta im Lunfardo Wörterbuch auf todotango.com Laut des Wörterbuchs von Luis C. Villamayor (LCV, 1915) bedeutet Parcanta: ‘Frau’, ‘Geliebte’’, qué has hecho V16 De mi pobre corazón!
V17 Al cotorro abandonado V18 Ya ni el sol de la mañana V19 Asoma por la ventana V20 Como cuando estabas vos V21
V25 ¡Si supieras V26 Que aún dentro de mi alma V27 Conservo aquel cariño V28 Que tuve para ti! V29 ¡Quién sabe, si supieras V30 Que nunca te he olvidado! V31 Volviendo a tu pasado V32 Te acordarás de mí.
Wenn Du wüsstest Dass ich in meiner Seele immer noch Jene Liebe bewahre Die ich für Dich empfunden habe Wer weiß, wenn Du wüsstest Dass ich Dich niemals vergessen habe. Wenn Du in Deine Vergangenheit zurückreist Wirst Du Dich an mich erinnern.