miniatur|280px|Die Gegend um Ipswich
Die Mordserie im Herbst 2006 in Ipswich umfasste fünf in der Nähe von Ipswich ermordet aufgefundene Frauen. Die Ermittlungen in diesem Kriminalfall begannen Mitte Dezember 2006, als die Leichen von fünf Frauen an verschiedenen Orten nahe Ipswich, in der Grafschaft Suffolk, entdeckt wurden. Alle fünf Opfer dieser Mordserie waren in Ipswich tätige Prostituierte. Die Polizei von Suffolk fasste die fünf Taten zu einem Ermittlungsvorgang zusammen. Die Ermittlungsbehörden betrachteten den Fall ab dem 22. Dezember als gelöst. Die Presse bezeichnete den Täter in Anlehnung an Jack the Ripper und den Yorkshire Ripper als Ipswich Ripper oder Suffolk Ripper. Die Polizeibehörden bevorzugten allerdings die Bezeichnung Ipswich Strangler (Würger von Ipswich).
Tatumstände Alle fünf Opfer waren drogenabhängige Prostituierte im Rotlichtviertel von Ipswich. Sie verschwanden im für Serienmorde ungewöhnlich kurzen Zeitraum von nur einem Monat. Die beiden letzten Opfer wurden dabei zu einem Zeitpunkt ermordet, als bereits nach dem Täter gefahndet wurde und sich 100 Polizisten im Großeinsatz befanden. Alle Opfer wurden erwürgt und unbekleidet in einem Umkreis von circa 15 Kilometern abgelegt, die beiden letzten in unmittelbarer Nähe zur Schnellstraße A14. Lediglich der Schmuck wurde den Opfern gelassen. Hinweise auf sexuellen Missbrauch oder Kampfspuren wiesen die Opfer nicht auf. Die Fundorte der Leichen waren nicht identisch mit den Tatorten. Die Polizei vermutete wegen des Fehlens von Kampfspuren, dass die Opfer vor der Tat betäubt wurden. An den letzten drei Opfern konnten DNA-Spuren für eine DNA-Analyse sichergestellt werden. Bei den ersten beiden Opfern war dies nicht mehr möglich.Spiegel Online vom 20. Dezember 2006
Bestätigte Opfer miniatur|Gedenken am Fundort der Leichen von Paula C. und Annette N. Am 2. Dezember 2006 wurde die Leiche von Gemma A. (25) aus Ipswich in Belstead Brook nahe Hintlesham entdeckt. Sie wurde seit dem Verlassen ihres Hauses am 15. November vermisst. Ein Passant fand ihre Leiche in einem Gewässer bei Thorpe’s Hill.
Sechs Tage später, am 8. Dezember, wurde die Leiche der 19-jährigen Tania N. in einem Gewässer bei Copdock Mill in der Nähe von Ipswich gefunden. Sie war eine Freundin von Gemma A. und war seit dem 30. Oktober als vermisst gemeldet.
Am folgenden Sonntag, dem 10. Dezember, wurde von einem Passanten ein drittes Opfer tot in einem Waldgebiet abseits der Straße A14 gefunden. Der Fundort befindet sich nahe dem Dorf Nacton. Sie wurde später als die 24-jährige Anneli A. identifiziert. Nach Angaben der Polizei wurde sie erdrosselt. Als sie starb, war sie im dritten Monat schwanger.
Am 12. Dezember verlautbarte die Polizei Suffolk, dass zwei weitere weibliche Leichen gefunden wurden. Zwei Tage später bestätigte die Polizei, dass eine der Leichen Paula C. (24) ist. Sie war am 10. Dezember verschwunden und zuletzt in Ipswich gesehen worden. Nach Angaben der Polizei wurde sie erwürgt.
Am 15. Dezember bestätigte die Polizei, dass der zweite Leichnam die am 5. Dezember verschwundene Annette N. (29) sei. Die beiden Leichname wurden ebenfalls in Nacton nahe der Abzweigung Levington der A1156 gefunden, nahe dem Fundort von Anneli A. Ein Bürger hatte eine der Leichen nur sechs Meter von der Straße entfernt entdeckt, die Polizei fand die zweite Leiche im Zuge der ersten Ermittlungen von einem Hubschrauber aus.
Neben den fünf dieser Mordserie zuzurechnenden Taten hatte es seit 1992 mehrere nicht aufgeklärte Morde in Suffolk und den Nachbargrafschaften gegeben. Drei dieser Morde waren ebenfalls an Prostituierten verübt worden. Die Polizei schloss daher nicht aus, dass es sich um einen Serientäter handeln könnte und bezog die früheren Morde in ihre Ermittlungen mit ein.Ungeklärte Morde an Prostituierten werden neu_aufgerollt. In: Die Welt, 21. Dezember 2006.Mutmaßlicher Mörder verkleidete sich als Frau. In: Die Welt, 23. Dezember 2006.Spiegel online, 14. Dezember 2006, BBC, 13. Dezember 2006
Polizeiliche Maßnahmen Ermittlungen Die Ermittlungen bezüglich der Morde in Ipswich stellten eine der umfangreichsten Mordfahndungen in der britischen Kriminalgeschichte dar.Spiegel online, 20. Dezember 2006
Die Ermittlungen zur Mordserie begannen, als am 1. November 2006 das erste Opfer von ihrer Mutter als vermisst gemeldet wurde. Die Mutter teilte mit, dass sie ihre Tochter am 30. Oktober 2006 um 22:30 Uhr zuletzt gesehen habe, als diese das Haus verließ, um ihrer Tätigkeit als Prostituierte nachzugehen. Am 15. November wurde das zweite Opfer von ihrem Lebensgefährten als vermisst gemeldet. Die polizeilichen Ermittlungen nach den vermissten Frauen begannen eher zögerlich, nur durch die Presse wurde die Öffentlichkeit um Hinweise zum Verbleib der Vermissten gebeten.
Nachdem die Leiche der zweiten Vermissten am 2. Dezember um 11:50 Uhr gefunden worden ist, begannen Ermittlungen unter dem Gesichtspunkt eines Tötungsdeliktes. Erst am 8. Dezember wurde von Polizeitauchern die Leiche des ersten als vermisst gemeldeten Opfers gefunden. Am 10. Dezember wurde dann noch ein drittes Opfer gefunden. auf ihrer Homepage
Der Kriminalfall wurde auch zum Thema im britischen Unterhaus, in dem Tony Blair Unterstützung zusagte und der Oppositionsführer David Cameron ebenfalls forderte, alles Erdenkliche zur Ergreifung des Täters zu tun. So kam aus ganz Großbritannien Unterstützung für die örtlichen Polizeikräfte, unter anderem wurden Spezialisten des Innenministeriums zur Obduktion der Leichen abgestellt. Insgesamt waren 250 Beamte aus anderen Grafschaften an der Auswertung der Spuren und Hinweise beteiligt. So gingen allein bis zum 15. Dezember 2006 7.300 telefonische und tausende Hinweise aus E-Mails ein. Unterstützt wurden die Ermittlungen auch durch eine gerade ausgebaute Variante des polizeilichen Computersystems HOLMES 2. Hierdurch konnte der Datenabgleich von Wochen auf Stunden reduziert werden.Mark Dye: IT proves its point as killer brought to justice. ITPro, 17. Oktober 2008. Zum 18. Dezember war die Anzahl der an den Ermittlungen beteiligten Beamten auf 500 angestiegen, 350 davon aus anderen Polizeibehörden. Es mussten alleine 10.000 Stunden an Videoaufzeichnungen gesichtet werden, die Anzahl der Anrufe war mittlerweile auf rund 10.000 gestiegen.BBC vom 18. Dezember 2006 Polizeidatenbanken wurden mit Aufnahmen sämtlicher Nummernschilder der Autos im Rotlichtbezirk abgeglichen, die von Spezialkameras, die im Texterkennungsverfahren arbeiten, aufgenommen wurden. Daraufhin wurden Übereinstimmungen zwischen Fahrzeughaltern und Einträgen im Strafregister gesucht.ORF Eine Zeitung und ein Privatmann lobten eine Belohnung von 250.000 £ für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen. Die Polizei nahm Kontakt zu 300 wegen Sexualdelikten aufgefallenen Personen auf und konnte die Anzahl der Verdächtigen auf zunächst 50 bis 100 Personen eingrenzen.BBC vom 17. Dezember 2006 Schließlich wurden Videoaufnahmen des letzten Opfers auf seiner letzten Bahnfahrt veröffentlicht, um Hinweise aus der Bevölkerung über die letzten Stunden des Opfers zu erhalten.Handelsblatt, 17. Dezember 2006
Am 17. Dezember 2006 gab ein 37-jähriger Supermarktangestellter dem Sunday Mirror ein Interview, in dem er sich der Bekanntschaft mit allen Opfern rühmte und mitteilte, dass er keinerlei Alibis habe.Interview im Sunday Mirror vom 17. Dezember 2006 Am 18. Dezember wurden sowohl dieser Mann als auch der 48-jährige Gabelstaplerfahrer Steve Wright festgenommen. Am 21. Dezember wurde der Supermarktmitarbeiter unter Auflagen wieder freigelassen. Gegen Steve Wright wurde am selben Tag Anklage wegen Mordes erhoben. Dies geschah unter Zeitdruck, da nach britischem Recht der Verdächtige ohne Anklageerhebung nach 96 Stunden hätte freigelassen werden müssen., Spiegel Online, 20. Dezember 2006
Der Verdächtigte soll in der Nachbarschaft vor allem als sehr still und gut gekleidet aufgefallen sein. So soll er nie Jeans getragen haben und einen Hang zur Pingeligkeit gehabt haben. Seine Lebensgefährtin soll sich um den Bekanntenkreis des Paares bemüht haben. Er war früher als Steward auf der „Queen Elizabeth 2“ tätig.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Dezember 2006, Spiegel Online, 20. Dezember 2006 Der Beschuldigte soll trotzdem regelmäßig mit Perücke und in Stöckelschuhen oder in Militärkleidung Prostituierte aufgesucht und in unmittelbarer Nähe des Rotlichtviertels von Ipswich gelebt haben.Tagesspiegel, 22. Dezember 2006
Präventive Maßnahmen Neben den Ermittlungsmaßnahmen wurden auch Maßnahmen zur Gefahrenabwehr durch die Behörden getroffen. Kriminalpsychologen gingen hierbei davon aus, dass der Täter sich wegen der kurzen Abstände zwischen den Morden dem Ende seiner Serientäterkarriere nähere und seinen Drang nicht mehr unter Kontrolle habe. Nach Einschätzung der Polizeibehörden bestand die Gefahr, dass der Täter sich nicht nur auf Prostituierte beschränken würde, sondern auch andere Frauen angreifen könnte. Zunächst wurden nur die Polizeistreifen in Ipswich verstärkt, zum einen, um die Ermittlungen durchzuführen, zum anderen aber auch um für Sicherheit zu sorgen. Daneben patrouillierten auch die Drogen- und die Sozialhilfe. Dennoch verhinderte dies nicht, dass die letzten beiden Opfer zu einem Zeitpunkt verschwanden, als im Rotlichtbezirk von Ipswich bereits eine massive Polizeipräsenz bestand. Am 10. Dezember riefen die Polizeibehörden Suffolks Prostituierte dazu auf, nicht mehr auf der Straße zu arbeiten. Es wurde generell geraten sich nur in Gruppen zu bewegen, nicht per Anhalter zu fahren und generell vorsichtig zu sein.Vgl. . Daneben wurden für zwei Pfund pro Stück Personenalarm-Geräte abgegeben, die bei Betätigung ein Sirenengeräusch abgeben. 2.000 Geräte wurden abgegeben, bis die Vorräte aufgebraucht waren. Trotz der Warnungen gingen die Prostituierten weiter ihrer Tätigkeit nach, da sie das Geld für Drogen und zum Teil auch für Weihnachtsgeschenke benötigten. Das spätere Opfer Paula C. hatte dies kurz vor ihrem Verschwinden noch entsprechend begründet. Ihre Sicherheitsmaßnahmen bestanden in der Beschaffung eines Personenalarms und dem Mitführen eines Backsteines als Verteidigungswaffe.Die Ängste von Ipswich. In: FAZ, 13. Dezember 2006 Erst nach dem Auffinden der fünften Leiche wurde seitens der Grafschaftsverwaltung Suffolk staatliche Hilfe für drogensüchtige Prostituierte zugesagt, obwohl die Behörden davon ausgingen, dass die hierfür aufgebotenen Gelder für Drogen ausgegeben werden würden. Auch ein anonymer Wohltätigkeitsverein spendete Geld, damit dieses an die etwa 40 Prostituierten des Ipswicher Straßenstriches verteilt werden konnte. n24.de vom 13. Dezember 2006:, , Suche nach dem „Suffolk-Würger“. In: Zeit online, 18. Dezember 2006. In: FAZ, 13. Dezember 2006
Reaktionen der Medien Bevor die Leichen gefunden wurden, wurde über die Vermisstenfälle mehrheitlich nur in den lokalen Medien von Ipswich berichtet. Die BBC begann mit der Berichterstattung erst, als die Leiche von Tania N. gefunden wurde. Die Berichterstattung weitete sich nach dem Fund von Anneli Alderton auf nationales und internationales Niveau aus. Die Nachrichtensender Sky News und BBC News 24 konzentrierten sich in der Folgezeit vor allem auf diese Mordserie.
Die Medien stellten Zusammenhänge zwischen den Ipswich-Morden und den Taten des Peter Sutcliffe („Yorkshire Ripper“) her, der in Nordengland zwischen 1975 und 1980 dreizehn Frauen ermordete, von denen die meisten als Prostituierte arbeiteten.Michael Horsnell, Sean O’Neill: In: The Australian, 13. December 2006 Ebenso sah man Parallelen zu Jack the Ripper, der es ebenso auf Prostituierte abgesehen hatte.
Ein Reporter von „ITV News Anglia Tonight“ interviewte Paula C. über die ersten Morde, ein paar Tage bevor sie selbst vermisst wurde. Sie sprach davon, Angst davor zu haben, zu Kunden ins Auto zu steigen, setze ihre Arbeit aber fort, um ihre Drogensucht zu finanzieren.