Tughra (, heutige türkische Schreibung tuğra, IPA []) ist die Bezeichnung für den Namenszug des osmanischen Sultans, der – vergleichbar der handschriftlichen Unterzeichnung und dem Siegel westlicher Herrscher – handgeschrieben und gemalt, aber auch in Reliefs und mechanisch vervielfältigt, als imperiales Signum des Sultans verwendet wurde.Franz Babinger, Leipzig 1925.Jean Deny, Leiden o. J.

Herkunft des Begriffes Mahmūd al-Kāschgharī nennt im 11. Jahrhundert in seinem Dīwān Luġāt at-Turk („Sammlung der Dialekte der Türken“) den oghusischen Begriff tughragh für das Siegel (ṭābiʿ) und den Namenszug (tawḳīʿ) des oghusischen Herrschers (malik).al-Kāšġarī: Dīwān Luġāt at-Turk. Band 1, Maṭbaʿa-ʾi ʿĀmire, Istanbul 1333 (1915), S. 388. Die Form tughra kann durch das im Osmanischen gebräuchliche Fallenlassen der gutturalen oghusischen Endung gh erklärt werden. Mahmud al-Kāschgharī kennt auch das Verb tughraghlanmak (bezogen auf ein Dokument bedeutet es, eine Tughragh zu bekommen). Dies entspricht dem von Muhammad al-Makrizi 1270 bezeugten, arabischen tagh-ghara („eine Tughra darauf platzieren“). Über die Etymologie von tughragh sagt Mahmud al-Kāschgharī nur: „wa-lā adrī aslahu“ („seinen [des Wortes tughragh] Ursprung kenne ich nicht“).Mahmūd al-Kašgarī: Compendium of the Turkic dialects (Dīwān Lugāt at-Turk). Turkish Sources VII. Part I-III. Harvard: Harvard University Printing Office, 1982–1985. Danach ist davon auszugehen, dass tughra türksprachlichen Ursprungs ist, ohne dass die primäre Bedeutung bekannt ist.

Weitere etymologische Erklärungen von tughra beziehen sich auf den legendären Vogel tughri oder auf das arabische turra (oberer Rand eines Dokumentes). Auch eine Herkunft von tur-gha(y) („lass es so sein“) oder doghru („Wahrheit“) und eine Verwandtschaft mit tugh, dem Rossschweif als Rangabzeichen der Osmanen, wurden erwogen.

Text und Gestalt der osmanischen Tughra In ihrer klassischen Form aus dem 16. Jahrhundert vereint die osmanische Tughra den Namen des osmanischen Herrschers und den seines Vaters mit aus dem Persischen und Mongolischen entliehenen Titeln sowie arabischen Wörtern und bedient sich der arabischen Schrift. Sie kann sowohl der osmanischen als auch der arabischen Kalligrafie zugerechnet werden.

Von der ersten erhalten gebliebenen, schlichten Tughra Orhan Gazis bis zur prachtvollen Tughra Süleymans I. lässt sich eine stete Weiterentwicklung beschreiben. Die Tughras enthalten immer mehr Text und werden, besonders seit Bayezid II., immer kunstvoller ausgestaltet. Gleichzeitig nimmt ihre Größe zu, von etwa 7 cm Breite bei Orhan Ghazi bis etwa 40 cm Breite bei Süleyman I. – entsprechend der Breite der Schriftstücke, in denen sie verwendet wurden.Ayşegül Nadir, London 1986, S. 27, 59. Gemeinsam haben sie, dass die Wörter des Textes nach kalligraphischen Gesichtspunkten über- und ineinander geschrieben werden.

Herrscher Originaler und transliterierter Text der TughraSuha Umur, Istanbul 1980.Ayşegül Nadir, London 1986, S. 11–14. Übersetzung Orhan Ghazi „b.“ wird in der wissenschaftlichen Literatur mit „bin“, „ben“ und „ibn“ wiedergegeben; „muẓaffer“ und „el-muẓaffer“ begegnen auch als „muẓaffar“ und „al-muẓaffar“; „dā'imā“ wird oft der arabischen Grammatik angeglichen und „dā'iman“ geschrieben. Orhan, Sohn Osmans Bayezid I. Bayezid, Sohn Khan Murads Murad II. Murad, Sohn Khan Mehmeds, siegreich Mehmed II. Mehmed, Sohn Khan Murads, immer siegreich Selim I. Schah Selim, Sohn Khan Bayezids, der immer Siegreiche Süleyman I. Schah Süleyman, Sohn Schah Khan Selims, der immer Siegreiche Tughras werden von rechts unten nach links oben gelesen, kleine Brüche in der Abfolge sind aber möglich.

Der entflochtene Text der Tughra Süleymans I.Klaus Brisch, Berlin 1988, S. 76.

500px|In Einzelteilen dargestellte Tughra Sultan Süleymans I.

Die Tughras der nachfolgenden Sultane unterscheiden sich vom Standard der Süleyman’schen Tughra lediglich dadurch, dass die Titel şāh und ḫan dem Vater und dem Sohn manchmal unterschiedlich zugeordnet werden oder fehlen und – wie bei Mehmed V. Reşad – ein kennzeichnender Zusatzname hinzu kommt. Außerdem enthalten manche Tughras graphisch bedingte Zusatzlinien. Selten setzte der Gestalter der Tughra seinen Namen hinzu. mini|links|Klassifikation der Einzelteile mini|Entwicklung der Beyze

Klassifikation der Einzelteile einer Tughra (nach Paul WittekPaul Wittek: Notes sur la turgha ottomane. In Byzantion XVIII, Brüssel 1948, S. 314. – nicht alle diese Begriffe wurden in osmanischer Zeit auf die Tughra angewendet):

sere („Handfläche“), das eigentliche Emblem mit dem Namen beyze („Ei, Oval“), die Schlaufen tugh („Rossschweif“, wörtl. „Büschel“), die Senkrechten Stangen mit den zülfe („Locken“), den geschwungenen Rosshaaren ḥançer (Dolch) oder ḳol (Arm), die langen Linien nach rechts

Die Entwicklung der kalligraphischen Gestalt der osmanischen Tughra begann bereits mit den Tughras Orhan Ghazis und Murads I. (rechts). Ihr Vergleich zeigt die Herausbildung der später Beyze genannten ovalen Formen. Die arabischen Buchstaben Nūn krümmen sich immer mehr zur ovalen Beyze. Die senkrechten Linien der als „a“, „o“ und „u“ übertragenen Vokale (Alif) lassen sich ab 1348 umdeuten als Schäfte der Tugh, versehen mit den Zülfe der herabschwingenden Rosshaare.

Dass die Gestalt der Tughra der 1365 als Stempel gebrauchten, in Farbe getauchten Hand des angeblich schreibunkundigen Sultans Murad I. entstamme, entsprang einer wahrscheinlich in Ragusa (Dubrovnik) entstandenen Legende und konnte bisher nicht verifiziert werden.Erzählt von Joseph Hammer-Purgstall in Geschichte des Osmanischen Reiches. Erster Band, Pest, 1827, S. 173, siehe auch Johann Christian von Engel: Die Geschichte des Freistaates Ragusa. Wien 1807, S. 141.Franz Babinger, Leipzig 1925, S. 189f. Danach entsprächen die Tugh den drei mittleren Fingern, der Ḥançer dem Daumen, das „dāʾimā“ dem kleinen Finger und die Sere dem Handballen. Demnach hätte Murad I. dafür die als ḥarām geltende linke Hand verwendet.

Funktion und Verwendung der osmanischen Tughra Tughras der Sultane auf Schriftstücken Über die Verwendung der osmanischen Tughra weiß man durch viele erhalten gebliebene Schriftstücke gut Bescheid, im Gegensatz zur Verwendung ihrer möglichen Vorbilder, der oghusischen und seldschukischen Tughras und Siegel (damga), von denen nur sehr wenige erwähnt werden.Sheila S. Blair: Islamic Calligraphy. Edinburgh 2006, reprinted 2007, S. 270–273. mini|links|Ernennungsurkunde (berāt) ausgestellt von Bayezid II. (1486)mini|Fermān Sultan Mahmuds I., besonders reich illuminierte Tughra (1741) Die osmanische Tughra war vornehmlich die stilisierte Handfeste (der offizielle, ursprünglich handschriftliche Namenszug) der osmanischen Sultane. Sie gab den imperialen Schreiben, einem Siegel gleich, Gültigkeit und beglaubigte sie. Die Tughras darauf wurden – je nach der Vorliebe des Sultans und seiner Zeit sowie nach der Bedeutung des Anlasses und des Adressaten – schlicht ausgeführt (links) oder mit kostbaren Farben geschrieben beziehungsweise gemalt und prächtig illuminiert (rechts).Die kostbarsten Farben waren Gold (Goldpulver vermischt mit Zitronensaft, Safran, Wasser und Gummi arabicum und nach dem Schreiben poliert mit Horn oder Elfenbein) und Blau (aus zerriebenem Lapislazuli). Siehe Ernst Kühnel: Islamische Schriftkunst. Graz 1972, S. 83.

Der gute Erhaltungszustand vieler Tughras kommt davon, dass deren Schriftstücke meist gerollt und manchmal gefaltet und in Seidenbeuteln oder Schatullen aufbewahrt wurden.Istanbul – The City and the Sultan. [catalogue of the Exhibition], Amsterdam 2006, Katalognummern 248 u. 250. Manche besonders reich illuminierte Stiftungsurkunden (vaḳfiye) wurden als Blattsammlungen oder gebunden von festen Einbänden geschützt.Klaus Brisch, Berlin 1988, Katalognummer 11.Istanbul – The City and the Sultan. [catalogue of the Exhibition], Amsterdam 2006, Katalognummern 143.

In der Lebenszeit Sultan Süleymans I. wurden schätzungsweise 150.000 Schriftstücke verfertigt und nahezu immer, meist im Kopfteil mit seiner als Formel wie üblich gleich bleibenden Tughra versehen.Josef Matuz: Herrscherurkunden des Osmanensultans Süleyman des Prächtigen. Ein chronologisches Verzeichnis. Freiburg im Breisgau 1971 und Das Kanzleiwesen Süleyman des Prächtigen. Wiesbaden 1974.Das Beibehalten der Textformel war üblich. Nur Mustafa III. änderte den Text seiner Tughra während seiner Regierungszeit. Er tauschte den Titel ḫān gegen den Titel şāh aus. Siehe Suha Umur, Istanbul 1980, S. 268 f. Nur sehr wenige Tughras gelten als mechanisch vervielfältigt. Auf die imperiale Bedeutung der Tughra weist manchmal eine Bemerkung unter der Tughra hin: tevḳīʿ-i refiʿ-i hümāyūn („Die erhabene großherrliche Insignie“), nişān-ı şerīf-i ʿālī-şān-ı sulṭānī („Das edle hochvermögende sultanische Zeichen“), ṭuġra-yı ġarrā-yı sāmī-mekān-ı ḫāḳānī („Die in hohem Rang stehende erleuchtete Tughra des Großkhans“) oder ʿalāmet-i şerīfe („Das edle Zeichen“).İsmet Keten u. Mehmet Nuri Şahin, Ankara 2004, S. 25.Die Begriffe tevḳīʿ (aus dem Arabischen ), nişān (aus dem Persischen ) und ʿalāmet (aus dem Arabischen ) sind Synonyme für tughra. Manches Schreiben trägt zudem den Zusatz ʿalāmet-i şerīfime iʿtimād ḳılasız („Möget ihr meinem imperialen Zeichen trauen“). Bei Erlassen, die an Adressaten in der Hauptstadt gerichtet waren, wurde die Tughra manchmal weggelassen. mini|Tughra und Unterschrift (rechts unten) des Nişāncı Tevḳīʿi Cafer auf Ausschnitten aus einem Mülk-nāme des Sultans Mehmed IV. (1662) Anlässe für imperiale Schreiben waren beispielsweise Stiftungen, Ernennungen, Beförderungen, diplomatische Botschaften, Beglaubigungen, die Übertragung von immobilem Eigentum, die Schlichtung von Streitigkeiten, also Erlasse aller Art.Eine kleine Einführung zur osmanischen Aktenkunde und Diplomatik. Die Schriftstücke wurden meist in unterschiedlich stark stilisiertem osmanischem Türkisch verfasst.Josef Matuz: Zur Sprache der Urkunden Süleymans des Prächtigen. In Acta Orient. Hung. XXVI (2–3), 1971, Seite 285–297 freidok.uni-freiburg.de (PDF) Ausnahmen waren in arabischer Sprache formulierte Originale einiger Stiftungsurkunden und Schreiben an Arabisch sprechende Herrscher und Standespersonen sowie an die einheimischen Sandschakbeys der Arabisch sprechenden Provinzen.Klaus Brisch, Berlin 1988, S. 77.