mini|Die Nord-Süd-Leitung auf C1-Masten nordöstlich von Mannheim

Die Nord-Süd-Leitung, auch Rheinlandleitung oder SüdleitungRWE bezeichnet die Leitungsstrecke im Buch Strom für Europa – 75 Jahre RWE-Hauptschaltleitung Brauweiler 1928–2003 durchgängig als „Südleitung“ genannt, war ursprünglich ein insgesamt ca. 600 km langes Verbundleitungs-System für Drehstrom-Hochspannungs-Übertragung, das die Umspannanlage Brauweiler westlich von Köln mit dem Vermuntwerk der Vorarlberger Illwerke und dem Schluchseewerk im südlichen Schwarzwald verband.

Die Leitung wurde von 1924 bis 1929 durch das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk erbaut und am 17. April 1930 auf ihrer kompletten Länge in Betrieb genommen. Sie ermöglichte es erstmals, die elektrische Leistung zwischen den Stromnetzen in Nord- und Süddeutschland bedarfsgerecht und wirtschaftlich zu verteilen und insbesondere Überkapazitäten der Illwerke und des Schluchseewerks für den hohen Energiebedarf des Ruhrgebietes zu nutzen. Damit bildete sie das Rückgrat des entstehenden deutschen Hochspannungsnetzes, durch sie wurde .Norbert Gilson: Der Irrtum als Basis des Erfolgs. Das RWE und die Durchsetzung des ökonomischen Kalküls der Verbundwirtschaft bis in die 1930er Jahre, in: Helmut Maier (Hrsg.): Elektrizitätswirtschaft zwischen Umwelt, Technik und Politik: Aspekte aus 100 Jahren RWE-Geschichte 1898–1998, Freiberg 1999, S. 75.

Erstmals wurden bei diesem Projekt in großem Stil neuartige Entwicklungen aus dem Bereich der elektrischen Energietechnik angewendet. So war die Nord-Süd-Leitung die erste Freileitung in Deutschland, die kommerziell mit einer Spannung höher als 110 kV betrieben wurde, sowie die erste weltweit, die für eine noch höhere Spannung von 380 kV ausgelegt und darüber hinaus mit induktiv geerdetem Sternpunkt betrieben wurde. Die vom RWE entwickelten Kupfer-Hohlseile mit 42 mm Durchmesser kamen hier erstmals zur Anwendung.J. Nefzger: Vorsicht Hochspannung – Erinnerungen aus dem Freileitungsbau. Richard Bergner, Schwabach 1973, S. 49.

Ab 1979 wurde der nördliche Teil der ursprünglichen Leitung fast vollständig durch leistungsfähigere Neubauten ersetzt. Die südlichen Teile sind noch in Betrieb und werden größtenteils durch Amprion (vormals RWE Transportnetz Strom), einzelne Sektionen von der TransnetBW (ehemals Energie-Versorgung Schwaben bzw. EnBW Transportnetze AG) betrieben.

Vorgeschichte Entwicklung im Rheinland mini|Vorgebirgszentrale 1914, im Jahr der Eröffnung

Mit Inbetriebnahme der Vorgebirgszentrale entwickelte sich das RWE unter Hugo Stinnes vom regionalen Kraftwerksbetreiber im Rheinland und Teilen Westfalens zum überregionalen Energieversorger. Versorgte es nach der Gründung 1898 zuerst nur die Stadt Essen mit Elektrizität, erwarb es 1905 die rheinische Braunkohlegrube Berggeist bei Brühl mitsamt dem zugehörigen, 1899 fertiggestellten Kraftwerk. Als die Vorräte der Grube Berggeist zur Neige gingen, wurde 1913 mit dem Bergwerk Roddergrube bei Hürth ein Liefervertrag abgeschlossen, der dem RWE einen Bezug der dortigen Braunkohle zusicherte. Bernhard Goldenberg, technischer Vorstand des RWE, plante die Verstromung der Braunkohle durch ein firmeneigenes Kraftwerk und entwickelte daher nach dem Konzept Georg Klingenbergs ein Wärmekraftwerk, das aus der Braunkohle der Roddergrube Energie erzeugt. Die 1914 in Betrieb genommene Vorgebirgszentrale (1920 zu Ehren des 1917 verstorbenen Bernhard Goldenbergs in Goldenbergwerk umbenannt) entwickelte sich durch ständige Erweiterungen kurz nach dem Ersten Weltkrieg zum leistungsstärksten Kraftwerk in Europa. Im Zuge dessen wurde das Kraftwerk in der Grube Berggeist stillgelegt.

Um den im Goldenbergwerk erzeugten Strom an die Verbraucher im Umland zu übertragen, errichtete das RWE bereits ein weiträumiges Freileitungsnetz. Die Erfahrungen, die mit der 1912 in Betrieb genommenen 110-kV-Teststrecke zwischen Lauchhammer und Riesa gemacht wurden, nutzte man, um das firmeneigene Fernnetz ebenfalls mit dieser Spannung zu betreiben. Zwischen 1914 und 1917 wurden Leitungen gebaut, die das Goldenbergwerk mit dem Erftwerk bei Grevenbroich, dem Kraftwerk Reisholz (1908 durch das RWE errichtet) und einigen weiteren Anlagen im Ruhrgebiet und im Bergischen Land verbanden. Von der Schaltanlage des Goldenbergwerks aus wurde die Lastverteilung koordiniert, also die Verteilung der elektrischen Energie aus den ans Netz angeschlossenen Kraftwerken gesteuert.

Bereits zu dieser Zeit existierten somit Ansätze eines Verbundbetriebs mehrerer Energieerzeuger, in diesem Fall Braunkohle aus dem rheinischen Revier und Steinkohle aus dem Ruhrgebiet und dem Bergischen Land. Wegen der in kurzen zeitlichen Abständen durchgeführten Erweiterungen im Goldenbergwerk wurde im RWE-Geschäftsbericht 1912/13 ausgeführt, dass „es richtig ist, in Zukunft Kraftzentralen von noch größeren Leistungen unter günstigen Stromerzeugungsverhältnissen zu errichten und mit noch größeren Versorgungsgebieten durch Anwendung höherer Übertragungsspannungen zu versehen als dies bisher schon üblich war.“ Schließlich müssen „auch benachbarte Werke […] dahin kommen […], sich hinsichtlich der Lage ihrer Kraftstationen sowie der Auslegung ihrer Fernleitungsnetze miteinander zu verständigen, wenn nicht eine Menge Kapital unnötig verausgabt werden soll.“T. Horstmann, K. Kleinekorte: Strom für Europa – 75 Jahre RWE-Hauptschaltleitung Brauweiler 1928–2003. Klartext-Verlag, Essen 2003, ISBN 978-3-89861-255-5, S. 16.

Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg wurde daher geplant, die Kraftwerke des RWE und ihr Übertragungsnetz mit anderen Energieträgern zu koppeln, um eine ständige Verfügbarkeit elektrischer Energie zu gewährleisten. Die wirtschaftliche Stabilisierung, die Anfang der 1920er Jahre einsetzte, führte beim RWE zur Entwicklung vorausschauender Expansionspläne. Da aufgrund der Reparationsleistungen und der allgemeinen wirtschaftlichen Lage nach dem Ersten Weltkrieg die Preise für Steinkohle stark angestiegen waren, suchte man nach alternativen Bezugsquellen für elektrische Energie.T. Horstmann, K. Kleinekorte: Strom für Europa – 75 Jahre RWE-Hauptschaltleitung Brauweiler 1928–2003. Klartext-Verlag, Essen 2003, ISBN 978-3-89861-255-5, S. 17. Dies führte 1921 zur Beteiligung an einer Braunkohlengrube der Braunschweigischen Kohle-Bergwerke bei Helmstedt. Ein weiterer Plan bestand darin, Wasserkraftwerke in den Alpen mit Übertragungsleitungen mit den rheinischen Kraftwerken zu verbinden. Die Ergänzung der rheinischen Braunkohlekraftwerke mit den süddeutschen Wasserkraftanlagen wurde unter Arthur Koepchen, seit 1917 technischer Vorstand, vorangetrieben. Im Jahr 1923 übernahm das RWE von der schweizerischen Elektrobank die Mehrheit an der Elektrizitäts-Actiengesellschaft (EAG) vormals W. Lahmeyer & Co. aus Frankfurt am Main – die vormalige Muttergesellschaft des RWE wurde nun zu ihrer Tochtergesellschaft. Diese hielt Beteiligungen an mehreren Energieversorgungsunternehmen im Süden und Südwesten Deutschlands, auf die das RWE nun direkten Zugriff hatte:

Main-Kraftwerke AG in Höchst am Main. Das Versorgungsgebiet des Unternehmens grenzt an jenes des RWE, des Badenwerkes und des Bayernwerkes mit ihren bereits bestehenden 110-kV-Netzen Kraftwerk Altwürttemberg AG (KAWAG) in Ludwigsburg, Wasserkraftwerke am Neckar Lechwerke AG in Augsburg, Dampfkraftwerk und Wasserkraftwerke Großkraftwerk Württemberg AG (Growag) in Heilbronn, Dampfkraftwerk Württembergische Sammelschienen AG (WÜSAG) in Stuttgart, Wasserkraftwerke und Übertragungsnetz in Teilen Württembergs. Das Unternehmen befand sich mehrheitlich im Besitz des Württembergischen Staates

Pläne für ein Verbundnetz Ende März 1923 besichtigte Arthur Koepchen zusammen mit Ernst Henke und Bernhard Salomon, langjähriger Generaldirektor der EAG, Anlagen der Lahmeyer-Tochterunternehmen Lechwerke und KAWAG. Da die Wasserkraftwerke der Lechwerke im Sommer überschüssigen Strom produzierten und das Dampfkraftwerk der KAWAG im Winter Überschuss produzierte, der in Württemberg nicht absetzbar war, hatte Koepchen die Vision, beide Kraftwerksstandorte mit einer Höchstspannungsleitung zu verbinden und so den jeweils überschüssigen Strom aufzunehmen und dorthin zu transportieren, wo er währenddessen gebraucht wurde. Die ersten ausgearbeiteten Planungen vom Mai 1923 sahen vor, über eine 160 km lange Leitung zwischen Heilbronn und Augsburg die Kraftwerke der Tochtergesellschaften miteinander zu verbinden und zusätzlich in Augsburg einen Anschluss an das Bayernwerk herzustellen, das seine elektrische Energie vorrangig in Wasserkraftwerken wie dem Walchenseekraftwerk und den daran angeschlossenen Staustufen der Mittlere Isar AG erzeugte.

Auf der Jahresversammlung des VDE im Jahr 1923 wurde mitgeteilt, dass das 110-kV-Ringleitungsnetz des Bayernwerks nahezu fertiggestellt war und das Walchenseekraftwerk bereits den Betrieb aufnahm. Auch in Württemberg waren die ersten 110-kV-Leitungen zu diesem Zeitpunkt in Betrieb. Ein neuer Plan Koepchens sah nun vor, die projektierte Fernleitung zwischen Heilbronn und Augsburg über Höchst bis zum Goldenbergwerk zu verlängern, womit neben dem Stromtransport der süddeutschen Wasserkräfte bis ins Rheinland auch die Reichweite der Stromerzeugung aus dem Goldenbergwerk erhöht worden wäre. Weil man befürchtete, dass konkurrierende Unternehmen den Planungen entgegenwirken könnten, wurde der Plan zunächst geheim gehalten und offiziell nur an der 160 km langen Verbindung Heilbronn–Augsburg festgehalten. Die Verhandlungen mit den bayerischen und württembergischen Behörden fanden daher aus taktischen Gründen unter der Leitung der EAG, ohne erkennbare RWE-Beteiligung, statt.

Am 26. August 1923 kam es zu einer weiteren Werksbesichtigung im süddeutschen Raum: Hugo Stinnes besuchte zusammen mit Bernhard Salomon, Adolf Pöhlmann (Vorstandschef der Bayerischen Vereinsbank) und Max Berthold (Generaldirektor der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vormals Schuckert & Co.) das Walchenseekraftwerk des Bayernwerks. Stinnes war nun überzeugt, die Energie aus der Wasserkraft zu nutzen, um das Versorgungsgebiet des RWE mit billigem Nachtstrom zu versorgen. Nach einer Besprechung mit dem Vorstand des Bayernwerks verlautbarte Stinnes, dass das RWE bereits von Andernach aus bis zum Main mit Trassierungsarbeiten begann. Mit der Trassierung der nachfolgenden Etappe über Darmstadt und Heilbronn bis Meitingen nördlich von Augsburg, wo sich ein Umspannwerk des Bayernwerks befand, wurde die Lahmeyer AG beauftragt.M. Pohl: Das Bayernwerk 1921 bis 1996. R. Piper GmbH & Co. KG, München 1996, S. 180.

Im Herbst 1923 verpflichteten sich die WÜSAG-Tochter Oberschwäbische Elektrizitätswerke AG (OEW) zusammen mit der schweizerischen Bündner Kraftwerke AG dem Land Vorarlberg vertraglich gegenüber, an der Ill oberhalb von Bludenz und am Lünersee Wasserkraftwerke zu errichten. Da die Bündner Kraftwerke AG kurz darauf in finanzielle Schwierigkeiten geriet, sprang im April 1924 die RWE-Tochtergesellschaft Growag ein. Der Vertrag sicherte den Aktionären der RWE dadurch insgesamt 600 Millionen kWh an speicherfähiger Jahreserzeugung zu. Erst ein Jahr später, am 5. November 1924, wurden durch das RWE, den Bezirksverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke, dem Volksstaat Württemberg und dem Land Vorarlberg die Vorarlberger Illwerke GmbH (VIW) gegründet, die bis 1930 das Vermuntwerk errichtete.Ulrich Pleitgen: , abgerufen am 4. November 2016.

Wahl der Spannungsebene