Praktische Ethik (Original: Practical Ethics) ist der Titel eines erstmals 1979 erschienenen Buches von Peter Singer, in dem er seinen präferenzutilitaristischen ethischen Ansatz skizziert und Schlussfolgerungen für Problemfelder angewandter Ethik begründet, darunter Tierethik, der Lebenswert von Embryos sowie weitere bioethische Themen. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und sorgte insbesondere in Deutschland, Österreich und der Schweiz für heftige Diskussionen über den Wert menschlichen Lebens (bzw. dessen Bewertbarkeit).

Das Buch wurde 1993 überarbeitet und in einer zweiten Ausgabe wurden zwei neue Kapitel hinzugefügt, eines über ökologische Fragen und eines über Flüchtlinge. Im Jahr 2011 erschien eine dritte Auflage, in der das Kapitel über das Thema Flucht wieder herausgenommen und dafür eines über ethische Fragen des Klimawandels neu aufgenommen wurde.Seite bei Cambridge University Press. Abgerufen am 17. März 2011.

Inhalt Gleichheit und Interessen Singer erklärt in dem Kapitel Gleichheit und ihre Implikationen das Prinzip der gleichen Interessenabwägung. Demnach bedeutet Gleichheit nicht, alle gleich zu behandeln, sondern alle Interessen gleich zu berücksichtigen. Eine Berücksichtigung der Spezies bei der Interessenabwägung ist unberechtigt. Entscheidend ist nicht, ob ein Wesen zur Spezies Mensch gehört, sondern welche Interessen es besitzt. So ist beispielsweise die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, gekoppelt mit dem Interesse, keine Schmerzen zu erleiden. Alle Individuen, die Schmerz empfinden können, müssen daher bei einer Abwägung berücksichtigt werden.

Nach Singer gibt es keinen ethischen Grund, Interessen von Lebewesen nicht gleich zu behandeln. Um sinnvoll von Interessen sprechen zu können, setzt er die Fähigkeit Schmerz zu empfinden, als Voraussetzung für Interessen fest. Lebewesen, die keinen Schmerz empfinden können, haben keine Interessen und somit auch keine Interessen, die berücksichtigt werden müssen.

Singers Ethik basiert auf einem utilitaristischen Ansatz, er hält daher „Rechte“ für wenig sinnvoll, es sei denn, sie dienen als Kürzel, um auf „fundamentalere moralische Prinzipien“ zu verweisen.S. 130

Der Personenbegriff In Anlehnung an John Locke entfaltet Singer seinen Personenbegriff.S. 120 Dies ist konstitutiv für seinen ethischen Ansatz. Eine Person ist demnach ein Lebewesen, das sich seiner selbst bewusst, empfindungsfähig und autonom ist sowie ein Interesse an etwas hat. Es muss außerdem Wünsche für die Zukunft haben können und sich der Vergangenheit und Gegenwart bewusst sein. Es geht um ein kontinuierliches Identitätsbewusstsein über die Zeit hinweg, also eine „distinkte Entität in der Zeit“.

Singer unterscheidet drei Kategorien von Wesen: nicht bewusste Wesen, zum Beispiel Pflanzen. Diese Wesen können keinen Schmerz empfinden und müssen bei Interessenabwägungen nicht berücksichtigt werden.Allerdings ist es durchaus möglich, dass Interessen nicht bewusste Wesen betreffen. So kann beispielsweise eine Person die natürliche Pflanzenwelt als etwas Schönes betrachten und ein Interesse an ihrem Erhalt haben. Nicht bewusste Wesen haben zwar kein eigenes Interesse an ihrem Erhalt (und können es auch nicht haben), aber da bewusste Wesen ein solches Interesse haben können, muss dieses Interesse berücksichtigt werden. Jean-Claude Wolf spricht zur Unterscheidung von einem instrumentellen (im Gegensatz zu einem intrinsischen) Wert. (Jean-Claude Wolf: Tierethik. Freiburg (Schweiz) 1992, 60 f.) bewusste Wesen, zum Beispiel Fische, die empfindungsfähig sind. Ihre Interessen müssen berücksichtigt werden. selbstbewusste Wesen (Personen), zum Beispiel ausgewachsene Menschen und Menschenaffen (sofern keine geistige Beeinträchtigung vorliegt). Sie zu töten wiegt schwerer als das Töten von nur bewussten (aber nicht selbstbewussten) Wesen, da sie in der Regel den Wunsch für die Zukunft haben, weiterzuleben.

Tiere Eine Konsequenz dieses Ansatzes ist es, dass die Interessen aller leidensfähigen Tiere ebenso berücksichtigt werden müssen wie die Interessen von Menschen. Dies hat besonders Auswirkungen auf die moderne Massentierhaltung und Tierversuche, bei denen die Tiere oftmals leiden und damit ihr Interesse, keinen Schmerz zu empfinden, missachtet wird.

Die unterschiedliche Berücksichtigung von Interessen aufgrund der Angehörigkeit zu einer Spezies (zum Beispiel Menschen, die ihre Interessen als höherwertig im Vergleich zu Tieren einstufen), bezeichnet Singer in Anlehnung an Begriffe wie Rassismus oder Sexismus als Speziesismus.

Weshalb ist Töten Unrecht? Weshalb das Töten eines Lebewesens unrecht ist, hängt nach Singer nicht von der Spezies (z. B. ob das Lebewesen ein Mensch ist oder nicht), sondern vom Bewusstseinszustand ab. Während die Tötung eines nur bewussten, nicht selbstbewussten Wesens dem Wesen bloß die Möglichkeit zum weiteren Erleben von Lust nimmt, ist die Tötung einer Person nach Singers Definition schwerwiegender. Da Personen sich ihrer Zukunft bewusst sind und Wünsche für diese haben, stellt die Tötung einer Person die Vereitelung der Erfüllung der Wünsche dar. Zudem ist die Tötung eines Lebewesens in den seltensten Fällen schmerzfrei; dieser Schmerz muss zusätzlich berücksichtigt werden.

Das Töten von Embryonen, Föten und Neugeborenen Beim Heranwachsen einer befruchteten Eizelle über den Fötus zum Säugling gibt es keinen klaren Punkt, ab dem das Töten unethisch ist. Singer stellt fest, dass die gängige Trennlinie an der Stelle der Geburt, dem Vorhandensein eines Bewusstseins oder der eigenständigen Lebensfähigkeit in Bezug auf das Tötungsverbot keine ethische Bedeutung hat, da sie eine unscharfe und oft unbegründete Grenzziehung darstellt.

Denn bei jedem fairen Vergleich moralisch relevanter Eigenschaften wie Rationalität, Selbstbewußtsein, Bewußtsein, Autonomie, Lust- und Schmerzempfindung, und so weiter haben das Kalb, das Schwein und das viel verspottete Huhn einen guten Vorsprung vor dem Fötus in jedem Stadium der Schwangerschaft […].S. 196f

Für Singer ist das wichtigste Kriterium die Leidensfähigkeit des Fötus, die ab einem bestimmten Zeitpunkt einsetzt. Die ernsthaften Interessen einer Frau würden daher normalerweise jederzeit vor den rudimentären Interessen selbst eines bewussten Fötus Vorrang haben.S. 197

Arm und reich Laut Singer ist es moralisch nicht zu rechtfertigen, dass einige wenige Menschen im Überfluss leben, während sich viele andere Menschen in Armut befinden und hungern müssen. Er tritt dafür ein, dass Menschen, die es sich leisten können, 10 % ihres Einkommens spenden sollten, um dieser Ungleichverteilung entgegenzuwirken. Zu dieser Forderung kommt er nach einem Diskurs über die Fragestellung: Was ist moralisch schlimmer? Töten oder sterben lassen? unter dem Gesichtspunkt, dass im Falle wirtschaftlichen Überflusses ein Nicht-Spenden dem Sterben-Lassen gleichkomme. Bei den Spenden wiege der entstehende Nutzen den vergleichsweise geringen Verlust des Gebers auf.

Er selbst führt 20 bis 30 Prozent seines Einkommens an Oxfam und UNICEF ab.

Flüchtlingsproblematik Singer führt in dem nur in der zweiten Auflage enthaltenen Kapitel Die drinnen und die draußen Argumente für die Aufnahme von mehr Flüchtlingen in die reichen Industrieländer an. Nach dem Prinzip gleicher Interessenabwägung aller Betroffenen nennt er an erste Stelle die Interessen von Flüchtlingen – um deren dringlichste und grundlegendste Interessen gehe es offenbar –, an zweiter Stelle die der Einwohner des Aufnahmelandes. Auch indirekte Konsequenzen, zum Beispiel die Chance eines Aufschwungs oder das Risiko einer Destabilisierung im Aufnahmeland oder eine Stabilisierung der Weltordnung, indem reiche Länder die armen nicht mit dem Thema alleine lassen, erwägt er. Im Ergebnis vertritt er, ähnlich wie in dem Kapitel Arm und reich, die Meinung, dass drastisch mehr Flüchtlingen geholfen werden muss, auch wenn dies eine Verminderung des in den Industrienationen üblichen Luxus bedeutet. Eine Verdopplung der Kontingente könnte, so Singer, für die Bevölkerung sogar von Nutzen sein.

In der dritten Auflage nahm Singer das Kapitel wieder aus seinem Werk heraus. Sich mit dem Thema in einem einzigen Kapitel eines an eine internationale Leserschaft gerichteten Bandes zu befassen müsse zwangsläufig oberflächlich bleiben. Eine angemessene und ausreichend differenzierte Erörterung erschien Singer in dem Rahmen nicht möglich.S. 14–15

Klimawandel In die dritte Auflage nahm Singer ein Kapitel über den Klimawandel, „der wesentlichen moralischen Herausforderung unserer Zeit“, auf. Treibhausgasemissionen bewirken, für den Verursacher unmerklich, weit entfernt Schaden. Singer verweist unter anderem auf Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation, denen zufolge durch die Klimaänderungen allein im Jahr 2004 zusätzlich 140.000 Menschen starben.Die Zahlen beziehen sich auf Änderungen gegenüber den Jahren 1961–1990 als Basiszeitraum, siehe Für diese Form von Schaden fehle den Menschen jede Art von instinktiven Hemmungen und emotionalen Reaktionen. Allein die Auffassung, dass man Fremden nicht schaden dürfe, bedeutet, so Singer, eine Verpflichtung, das bisherige Vorgehen zu stoppen und für schon entstandenen Schaden aufzukommen.S. 383–386

Singer erörtert drei Ansätze festzulegen, wer in welchem Ausmaß seine Treibhausgasemissionen reduzieren sollte: Das Prinzip der Berücksichtigung historischer Emissionen, das Prinzip eines gleichen Pro-Kopf-Anteils an einer Aufnahmekapazität der Atmosphäre und das Prinzip einer Begrenzung von Luxus-Emissionen, während existenzsichernde Versorgungs-Emissionen erlaubt blieben. Doch es ist, nach Singer, kein plausibles ethisches Prinzip vorstellbar, das die reichen Länder zur Rechtfertigung ihres hohen Treibhausgasausstoßes heranziehen könnten. Er vergleicht die Handlungsweise der reichen Länder in ihrer massiven Wirkung mit einem Angriffskrieg gegen die bedrohten Menschen.S. 386–406

Hinsichtlich individueller Pflichten führt Singer an: Die Wirkung individueller Emissionsminderungen ist zwar scheinbar gering und von niemandem bemerkbar. Es wird aber durch die Emissionen eines Einzelnen einer sehr großen Zahl von Menschen – Millionen, vielleicht Milliarden – ein (in Summe) sehr großer Schaden zugefügt. Es ist, nach Singer, absurd, in diesem Fall kleine Schäden unbeachtet zu lassen. Hinzu kommen der Vorbildcharakter und die politische Wirkung klimafreundlichen Verhaltens. Neben der Verantwortung für individuelles oder kollektives Unrecht durch den Ausstoß von Treibhausgasen gibt es eine Pflicht, auf eine Veränderung der Politik des eigenen Landes hinzuwirken.S. 407–418

Umwelt Singer sieht bei Fragen nach dem richtigen Umgang mit Natur besonders deutlich verschiedene moralische Wertvorstellungen zutage treten. In einer anthropozentrischen Sicht, wie sie in der abendländischen Tradition verbreitet ist, sind Menschen von zentraler oder sogar alleiniger Bedeutung. Der Wert von etwas Natürlichem liegt dann allein darin, dass es Mittel für menschliche Zwecke sein kann, sei es für seinen Lebensunterhalt oder für z. B. ästhetische Erfahrungen. Berücksichtigt man beim Verbrauch erschöpflicher natürlicher Ressourcen in angemessener Weise auch die Interessen aller künftigen Generationen und die aller empfindungsfähigen Wesen (Pathozentrismus), dann würde schon eine solche Ethik wirkungsvolle Argumente für „Umweltwerte“ liefern. Bei der Berücksichtigung künftiger Generationen könnte die übliche Praxis, Interessen künftiger Personen ein geringeres Gewicht beizumessen (soziale Diskontierung), ungerechtfertigt sein, wenn dadurch Dinge unwiederbringlich verloren gehen, die für die Zukunft bedeutsam sein könnten.S. 419–448