mini|Robert Spaemann (2010)200pxUnterschrift von Robert Spaemann (1993)
Robert Spaemann (* 5. Mai 1927 in Berlin; † 10. Dezember 2018 in Stuttgart) war ein deutscher Philosoph. Er wird zur Ritter-Schule gezählt.
Leben mini|Robert Spaemann – Porträtplastik von Wolfgang Eckert (2012) Robert Spaemann war der Sohn von Heinrich Spaemann und Ruth Krämer (1904–1936). Er wurde 1930 nach dem Übertritt seiner Eltern zum katholischen Glauben getauft. Nach dem frühen Tod seiner Mutter ließ sich der Vater 1942 zum Priester weihen und übernahm an seinem Wohnort Dorsten eine Kaplanstelle, sodass Robert Spaemann unter älteren Dorstenern als „der Sohn vom Kaplan“ bekannt war.Wolf Stegemann: Das Doppelporträt – Priester Heinrich Spaemann und sein Sohn Robert. In: Dorsten transparent, 11. September 2014 (abgerufen am 25. Juli 2016). Er verbrachte seine Schulzeit in Dorsten und war Schüler des Gymnasiums Petrinum. Im Frühjahr 1944 brachte er sich durch eine anonym an die Tafel gekritzelte Hitler-Karikatur in Gefahr. Doch der Schulleiter, selbst Nationalsozialist, unterband die von anderen Lehrern verlangte Einschaltung der Gestapo und damit schlimmere Konsequenzen für den Urheber der Zeichnung.Robert Spaemann, Stephan Sattler: Über Gott und die Welt: Eine Autobiographie in Gesprächen. Klett-Kotta, Stuttgart 2012, S. 36–38.
Nach eigener Darstellung hat sich Spaemann nach dem Krieg für „kurze Zeit der Faszination der Lektüre von Marx und Lenin hingegeben“, bis er, „im Rahmen von Aktivitäten, die heute verfassungsschutzrelevant wären“, den „realen Sozialismus“ kennen gelernt und so auch die Wahrheit über den kommunistischen Terror in der Sowjetunion erfahren habe.Claus Leggewie: Der Geist steht rechts. Ausflüge in die Denkfabriken der Wende. Berlin 1987, S. 164. In den 1950er Jahren kritisierte er Pläne der damaligen Bundesregierung zur atomaren Aufrüstung der Bundeswehr. Zu jener Zeit wurde er „gelegentlich als Linkskatholik apostrophiert.“Claus Leggewie: Der Geist steht rechts. Ausflüge in die Denkfabriken der Wende. Berlin 1987, S. 165.
Spaemann studierte Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik an den Universitäten Münster, München, Fribourg und Paris.Robert Spaemann: Philosophische Essays. Stuttgart 1983, S. 187. Er wurde 1952 bei Joachim Ritter mit einer Dissertation über Louis-Gabriel-Ambroise de Bonald promoviert.Jürgen Kaube: Das Beste habe wir nicht selbst gemacht. Niemals bei sich bleiben: Zum neunzigsten Geburtstag des Philosophen Robert Spaemann. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Mai 2017, S. 13. Vier Jahre lang war er Lektor im Kohlhammer Verlag, danach wissenschaftlicher Assistent in Münster. Dort habilitierte er sich 1962 in Philosophie und Pädagogik mit einer Arbeit über François Fénelon. Als Assistent in Münster nahm er an den Seminaren des „Collegium Philosophicum“ Joachim Ritters teil. An diesen Seminaren beteiligten sich auch die Philosophen Hermann Lübbe, Odo Marquard und Günter Rohrmoser sowie der spätere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, die man später der sogenannten „Ritter-Schule“ zuordnete. Nach Auskunft Spaemanns war dies eigentlich keine philosophische Schule, sondern „eher ein Kreis von Freunden, die an gewissen Sachfragen immer ein gemeinsames Interesse hatten und die vielleicht stärker als die verwandte Gadamer-Schule das Politische als philosophisch relevant ernst genommen hat.“Claus Leggewie: Der Geist steht rechts. Ausflüge in die Denkfabriken der Wende. Berlin 1987, S. 154 u. 158.
Spaemann war ordentlicher Professor für Philosophie an den Universitäten Stuttgart (bis 1968), Heidelberg, wo er Hans-Georg Gadamer nachfolgte (1969 bis 1972), und München, wo er 1992 emeritiert wurde.
1950 heiratete er Cordelia Steiner (* 12. November 1925, † 24. April 2003), die als Übersetzerin des Langgedichts The Anathemata von David Jones und Mitautorin des katholischen Gesangbuchs „Gotteslob“ bekannt wurde. Das Paar hatte zwei Töchter, darunter die in Wien lebende Pianistin und Klavierpädagogin Susanna Möller-Spaemann, und einen Sohn, den Psychiater Christian Spaemann (* 1957), der in Österreich eine Fachklinik aufbaute und von 2003 bis 2011 leitete.Marina Huber: Ehemaliger Klinikleiter verlegte sein Kummersofa nach Schalchen. In: Oberösterreichische Nachrichten, 13. Oktober 2011, abgerufen am 18. Dezember 2018. Für Spaemann bedeutete der Tod seiner Frau einen schweren Verlust, da sie sein Denken und philosophisches Schaffen stets eng begleitet hatte.Zu Spaemanns Familie insgesamt: Würdigung von Bernhard Gerstle zum 80. Geburtstag im Informationsblatt der Petrusbruderschaft (2007), erneut veröffentlicht zum 90. Geburtstag Spaemanns auf der Homepage des deutschsprachigen Distrikts der Priesterbruderschaft St. Petrus; Martin Mosebach: Ein unstillbares Verlangen nach Wahrheit. In: Die Welt, 5. Mai 2012; Wolf Stegemann: Das Doppelporträt – Priester Heinrich Spaemann und sein Sohn Robert. In: Dorsten transparent, 11. September 2014; alle (teilweise erneut) abgerufen am 16. Dezember 2018.
Robert Spaemann starb am 10. Dezember 2018 in seinem Haus in Stuttgart-Botnang.Rolf Spinnler: Naturrecht, Ökologie und Zeitgeistkritik. In: Stuttgarter Zeitung, 11. Dezember 2018, abgerufen am 18. Dezember 2018. Die Cellistin Marie Spaemann (* 1988) ist seine Enkelin.
Wirken In seinem wissenschaftlichen Werk beschäftigte sich Spaemann mit der Ideengeschichte der Neuzeit, mit Naturphilosophie, Problemen der Ethik, der Politischen Philosophie und der Religionsphilosophie.. In: Märkische Oderzeitung, 11. Dezember 2018. Beachtet wurde sein Engagement in zeitgenössischen Debatten in Gesellschaft und Kirche. Seine Hauptwerke – Glück und Wohlwollen (1989) und Personen (1996) – wären ohne „diese aktuellen Auseinandersetzungen kaum zu denken“. Die Verwicklung in solche Debatten ist Henning Ritter zufolge auch „der Lesbarkeit und dem souveränen Gestus seiner Bücher“ zugutegekommen.Henning Ritter: Zeitgenössisch. Philosoph der Person: Robert Spaemann zum Achtzigsten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Mai 2007, S. 39.
In einem 1996 veröffentlichten AufsatzMerkur. Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 9/10, S. 891–904. kritisierte Spaemann das Projekt Weltethos des Tübinger Theologen Hans Küng scharf. Spaemann zufolge habe die Geschichte Europas gezeigt, dass sich Menschen und Völker auf Leben und Tod bekämpften, auch nachdem sie längst durch ein gemeinsames Ethos verbunden waren. Unterlassung von Kriegen sei hingegen immer ein Ergebnis interessebedingten Kalküls gewesen. Ein gemeinsames Ethos sei daher kein Garant für den Weltfrieden. Spaemann wandte sich auch gegen die Annahme, Religionsfrieden gebe es nur mit Religionsdialog. Auch hier zeige das geschichtliche Beispiel der Reformation, dass Religionskriege auch als Ergebnis eines sich verschärfenden Religionsdialogs gelesen werden könnten. Religionsdialoge enthielten immer die Gefahr eines Streites, der gar nicht entstanden wäre, wenn man sich nicht darauf eingelassen hätte.Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Vom Nutzen und Nachteil des Weltethos (PDF; 981 kB). In: Die Politische Meinung Nr. 395 (Oktober 2002), S. 44–50 (hier: S. 46).
In seinen Reden und Veröffentlichungen setzte sich Spaemann für den Schutz des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis zum natürlichen Tod ein. Er kritisierte deshalb Vorschläge zur – wenigstens teilweisen – Freigabe der Tötung auf Verlangen und zu einer „Liberalisierung“ der Sterbehilfe.Robert Spaemann: Sterbehilfe ist nur ein anderes Wort für Töten. In: Stuttgarter Zeitung vom 26. Oktober 2005. Er begründete dies mit einem Verständnis von Person und Menschenwürde, das jegliche Relativierung des Rechts auf Leben mit Zeitpunkten, Fristen und anderen Bedingungen zurückweise. Gemeinsam mit dem früheren Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte er folgenden Grundsatz: „Wenn es überhaupt so etwas wie Rechte der Person geben soll, kann es sie nur geben unter der Voraussetzung, dass niemand befugt ist, darüber zu urteilen, wer Subjekt solcher Rechte ist.“ Die Menschenwürde kommt der Person nicht unter der Voraussetzung bestimmter Eigenschaften (z. B. des Selbstbewusstseins), sondern allein aufgrund ihrer biologischen Zugehörigkeit zur Spezies Mensch zu. Er weist nach, dass für die Aufklärung ebendiese These, dass „Menschen vor ihrer Geburt Personenrechte“ haben, selbstverständlich gewesen sei. Es wird als Spaemanns Verdienst angesehen, „die Debatte um Abtreibung und Euthanasie auf diese grundsätzliche Ebene gehoben zu haben“.
Nachdem die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit 2006 auf der Leipziger Buchmesse nicht als Aussteller zugelassen werden sollte, unterzeichnete Spaemann den „Appell für die Pressefreiheit“ gegen den Ausschluss der Jungen Freiheit von der Messe. Spaemann hielt es für gefährlich, wenn staatliche Institutionen aufgeboten werden, „um bestimmte verfassungskonforme politische Positionen öffentlich zu ächten“. In staatlich organisierten „Bündnissen gegen Rechts“ sah er den Versuch, den Staat als eine „Wertegemeinschaft“ neu zu begründen. Der liberale Rechtsstaat sei – auch wegen des gesellschaftlichen Pluralismus – konstitutiv eine Rechtsgemeinschaft. Er erkenne die Rechte seiner Bürger unabhängig von ihren weltanschaulichen Auffassungen an, solange diese den Gesetzen gehorchen. Verstehe sich der demokratische Staat als Wertegemeinschaft, so berge dies die „Gefahr eines liberalen Totalitarismus“. Um die Gesetze des Staates zu akzeptieren, müsse man nicht unbedingt die Werte teilen, die diesen zugrunde liegen. Vielmehr genüge es, den Gesetzen zu gehorchen, weil man den „Wert des inneren Friedens“ im Gemeinwesen kenne. Im Blick auf das zusammenwachsende Europa folgerte er, dass die Europäische Union nur dann eine Rechtsgemeinschaft sein kann, wenn sie „Gemeinschaften mit gemeinsamen Wertschätzungen“ schützt, „selbst aber darauf verzichtet eine Wertegemeinschaft zu sein“.Vgl. Robert Spaemann: . In: Cicero, April 2004, abgerufen am 3. März 2015. Aus ähnlichen Gründen kritisierte er im Vorfeld das deutsche Lebenspartnerschaftsgesetz (2001), das gleichgeschlechtlichen Paaren in Deutschland die Eingehung einer rechtlich anerkannten, eheähnlichen Partnerschaft ermöglichen sollte. In dieser Anerkennung sah er eine ungebührliche Privilegierung von Einzelinteressen durch den Staat: „Nachdem man die Aufhebung der Strafbarkeit der Homosexualität damit begründete, dass der Staat sich nicht ins Schlafzimmer einzumischen habe, soll er sich nun wieder einmischen und der homosexuellen Beziehung zu dem Status verhelfen, den ihr die Gesellschaft von sich aus nicht geben würde. Aber dazu ist der Staat nicht da“, schrieb er im Juli 2000 in einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung.Robert Spaemann: Nun soll sich der Staat wieder einmischen. In: FAZ. 20. Juli 2000, S. 11 (Leserbrief). Über Homosexualität allgemein sagte er in einem Interview: „Unter meinen guten Freunden sind mehrere Homosexuelle. Mit denen bin ich darin einig, dass die Abwesenheit der Anziehungskraft des anderen Geschlechts ein anthropologisches Manko ist.“
In der 2009 in Deutschland geführten Debatte über Judenmission sprach sich Spaemann für die Zulässigkeit einer solchen Mission aus; dementsprechend begrüßte er die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für die Juden des vorkonziliaren Passionsritus durch Papst Benedikt XVI. im Jahr 2008, die zugleich eine bedeutende Verbesserung gegenüber der traditionellen Fassung darstelle.Gott ist kein Bigamist, Jüdische Allgemeine, 11. Juni 2009, abgerufen am 27. März 2026; Bundesministerium des Innern: Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen (PDF; 18,3 MB). Zweiter Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus. Berlin 2017 (Stand: Oktober 2018; zuerst veröffentlicht als Drucksache 18/11970 des Deutschen Bundestages), S. 186 f.