Tarent [] ( [] , Tàrdə im lokalen Dialekt TarandíneNicola Gigante, Dizionario della parlata tarantina, Mandese editore, Taranto, 2002, S. 850., , ) ist eine Stadt mit Einwohnern (Stand: ) in der italienischen Region Apulien und Hauptort der Provinz Tarent. Tarent liegt am Golf von Tarent im Ionischen Meer. Tarent, das einst von griechischen Siedlern gegründet wurde, ist die Stadt der zwei Meere und der Ponte Girevole, deren antikes Zentrum die rund 34 Hektar große Insel Isola del Borgo Antico bildet (mit dem Castello Aragonese), die das Mittelmeer (Mar Grande) von einer hinter der Insel liegenden Lagune (Mar Piccolo) trennt. Tarent nimmt zusammen mit Pilone, Ortsteil von Ostuni (BR) und Santa Maria di Leuca (LE), eine wichtige Stellung im Salento ein. Der Hafen Tarent ist ein großer Handelshafen mit Stahlindustrie, einer Raffinerie, petrochemischen Werken und Zementfabriken, einer Schiffswerft sowie einem Marinestützpunkt.
In Tarent und dem nördlichen Teil der gleichnamigen Provinz Tarent wird Tarandíne, ein Dialekt der italienischen Sprache gesprochen.
Geographie Lage mini|links|Luftaufnahme von Tarent mini|Ponte di Porta Napoli mini|Ponte Girevole Tarent, das auch die „Stadt der zwei Meere“ genannt wird, liegt am Ionischen Meer, das dort ins kleine Meer (Mar Piccolo) und ins große Meer (Mar Grande) unterteilt wird: Das kleine Meer wird von dem großen Meer durch zwei Halbinseln getrennt, die in einem Golf enden. Beide Meere umschließen die Insel Isola del Borgo Antico, die der ursprüngliche Kern der Stadt war. Diese Insel wird durch zwei Brücken, die Ponte di Porta Napoli und die Ponte Girevole, über dem schiffbaren Kanal mit dem Festland verbunden. Von der Drehbrücke aus kann man das Castello Aragonese bewundern.
mini|Ponte Punta Penna Pizzone Das Mar Grande, auch Reede genannt, wird durch die Cheradi-Inseln (San Pietro, San Paolo) und das Capo San Vito vom Ionischen Meer getrennt. Das Mar Piccolo ist als ein Binnenmeer zu betrachten, darum bestehen Probleme des Wasseraustausches. Seine zwei Meerbusen werden durch die Ponte Punta Penna Pizzone geteilt, die Brücke, die die Landspitzen Penna und Pizzone miteinander verbindet. Der erste Meeresbusen hat die Form eines Dreiecks, dessen südlicher Teil in den zweiten Meeresbusen und der westliche auf das Mar Grande über den Porta-Napoli-Kanal übergeht; der zweite Meeresbusen hat jedoch eine elliptische Form, dessen Breite bis zu fünf Kilometer misst.
Die verschiedenen Strömungen und der unterschiedliche Salzgehalt des Meerwassers im Mar Grande und in den beiden Meeresbusen des Mar Piccolo werden von den Winden, den Gezeiten und von unterseeischen Quellen beeinflusst. Im nördlichen Teil der beiden Meeresbusen gibt es einige unterseeische Süßwasserquellen, Citri genannt, die zusammen mit Brackwasser eine ideale Bedingung zur Zucht von Miesmuscheln sind. Außerdem mündet in den ersten Meeresbusen der Fluss Galesus.
Die Stadt hat sich längs der schon erwähnten Küsten entwickelt; die alte Vorstadt befindet sich auf der Insel. Auf der Halbinsel im Osten befindet sich das Stadtviertel Borgo (Borgo Nuovo), das heutige Stadtzentrum. Die Stadtviertel Italia-Montegranaro, Salinella, Solito-Corvisea, Tre Carrare-Battisti, Talsano-San Donato, San Vito-Lama-Carelli bilden die heutige Entwicklungsachse der Stadt. Auf der Halbinsel im Westen befinden sich das Stadtviertel Tamburi, das Industriegebiet und der Handelshafen. Dezentralisierter, im Norden des Mar Piccolo befindet sich das Stadtviertel Paolo VI.
Die Entwicklung der Stadt, längs der Halbinseln, begann Ende des 19. Jahrhunderts, denn vorher lebten die Einwohner der Stadt nur auf der Insel. Davon zeugt das Geflecht von Gassen in der Altstadt. Um auch nur den kleinsten Freiraum auszunützen, baute man die Häuser dicht nebeneinander. Dies vereinfachte auch die Verteidigung im Falle einer Invasion. In der Neustadt dagegen überwiegt eine rationellere fächerförmige Anordnung der Häuser.
Stadtgliederung mini|Das Rathaus, der Palazzo di Città Tarent ist in sechs Stadtbezirke gegliedert: Nr. Stadtbezirk(Circoscrizione) Fläche(km²) Bevölkerung Dichte(Einw./km²) Stadtviertel (Rioni) I Paolo VI 55,05 40.254 731 Paolo VI II Tamburi – Lido Azzurro 37,85 18.300 483 Tamburi, Croce, Lido Azzurro III Città Vecchia – Borgo 2,36 2.745 1163 Città Vecchia, Borgo IV Tre Carrare – Solito 15,93 48.934 560 Tre Carrare-Battisti, Solito, Corvisea V Montegranaro – Salinella 16,34 48.123 2333 Salinella, Italia-Montegranaro VI Talsano – San Vito – Lama 85,34 36.756 407 Talsano, San Vito, Lama Tarent 217,87 195.112 656
Mythologie Nach der Mythologie geht die Gründung Tarents auf die Zeit etwa 1200 Jahre vor der Gründung Roms zurück, als der Halbgott Taras, Sohn Neptuns, in der Nähe der heutigen Stadt, an der Mündung des Flusses Tara, eine Siedlung anlegte.
Geschichte
Die frühesten Siedlungsspuren stammen aus der Jungsteinzeit und wurden im Bereich des Klosters von San Domenico unter wesentlich jüngeren Schichten der Bronze- und frühen Eisenzeit (siehe unten) entdeckt.Marco Bettelli: Italia meridionale e mondo miceneo. Ricerche su dinamiche di acculturazione e aspetti archeologici, con particolare riferimento ai versanti adriatico e ionico della penisola italiana. Florenz 2002, ISBN 88-7814-299-9, S. 28. Während der Bronzezeit existierten im Bereich des heutigen Stadtgebiets und der Umgebung mehrere Siedlungen, die teilweise intensivere Handelskontakte zum mykenischen Griechenland unterhielten. Reste einer bedeutendsten Siedlung wurden bei Notgrabungen 1899 am sogenannten Scoglio del Tonno, einer Anhöhe direkt gegenüber der Altstadt (Città vecchia), archäologisch erforscht. Sie war vom 18. bis mindestens ins 11. Jahrhundert v. Chr. dauerhaft besiedelt.U. a. auch angegeben auf der Seite des Ab ca. 1400 v. Chr. bestanden dauerhafte Kontakte zum ägäischen Raum, wie vor allem zahlreiche Fragmente mykenischer KeramikAuflistung der wichtigsten mykenischen Funde bereits bei Lord William Taylour: Mycenaean Pottery in Italy and adjacent areas. Cambridge 1958, S. 81 ff. belegen. Bronzeobjekte offenbaren teilweise Parallelen zu Norditalien,zu den Bronzefunden u. a. Anna Maria Bietti Sestieri, Claudio Giardino, Mariantonia Gorgoglione: Metal finds at the Middle and Late Bronze Age settlement of Scoglio del Tonno (Taranto, Apulia): results of archeometallurgical analyses. In: Trabajos de Prehistoria. 67 (2), 2010, S. 457–468. weshalb das bronzezeitliche Tarent als eine Drehscheibe des damaligen Handels angesehen wird. Einheimische Keramik aus der frühen Eisenzeit sowie vereinzelte griechische Importe weisen auf eine Besiedlung auch im 9. und 8. und womöglich auch noch nach 700 v. Chr. hin.Mischa Meier: Aristokraten und Damoden: Untersuchungen zur inneren Entwicklung Spartas im 7. Jahrhundert v. Chr. und zur politischen Funktion der Dichtung des Tyrtaios. Steiner-Verlag, Stuttgart 1998, S. 139. Weitere Funde aus der mittleren Bronzezeit bis zur Zeit der griechischen Kolonisation Tarents traten 1990 bei Grabungen bei der Kirche San Domenico, im Westen der Altstadt Tarents, zu Tage.Marco Bettelli: Italia meridionale e mondo miceneo. Ricerche su dinamiche di acculturazione e aspetti archeologici, con particolare riferimento ai versanti adriatico e ionico della penisola italiana. Florenz 2002, S. 28.
mini|hochkant|Reste eines dorischen Tempels aus der griechischen Zeit Durch Schriftquellen ist die Geschichte der Stadt erst für die Zeit ab dem späten 8. Jahrhundert relativ gut belegt, als, laut (allerdings späteren) antiken Überlieferungen, eine Gruppe von spartanischen Kolonisten bzw. Flüchtlingen in der Nähe von Tarent eintraf und die Vorgängersiedlung in eine griechische Polis umgewandelt haben soll. Nach der Tradition geschah dies 706/705 v. Chr. durch den Spartaner Phalantos.Dies und das Folgende bis zum Beginn der Frühen Neuzeit nach Benannt wurde die Siedlung nach dem nahen Fluss Taras. Sie bestand aus der ursprünglichen Halbinsel, heute der Insel zwischen Mar Grande und Mar Piccolo, an dem die Hafenbauten entstanden. Sie besaß eine Akropolis und eine Stadtmauer. Bald wurde die für ihren Reichtum berühmte Stadt, die einzige Apoikie Spartas, ein wichtiges Machtzentrum der Magna Graecia, das zugleich die Hegemonie über die Japyger und die Messapier errang. Schon im 5. Jahrhundert entstand ein neuer, weiterer Mauerring, und Tarent wurde zur Hegemonialmacht im Italiotenbund, einem Koinon der griechischen Städte Süditaliens.
Die Stadt geriet im 3. Jahrhundert in Konflikt mit Rom und wurde 272 v. Chr., trotz Unterstützung durch König Pyrrhus von Epiros, von den Römern erobert. Die Stadt blieb danach zunächst nominell unabhängig, wurde aber von griechischen Romfreunden dominiert und fiel im Zweiten Punischen Krieg 213 v. Chr. zu Hannibal ab, der ihr die Freiheit versprach und dem sie die Stadttore öffnete. Truppen unter Führung des Quintus Fabius Maximus Verrucosus eroberten Tarent 209 endgültig. Kaiser Nero siedelte um 60 n. Chr. römische Veteranen in Tarent an, das erst jetzt seinen griechischen Charakter verlor.
Die folgende Zeit bis in das Hochmittelalter ist wenig erforscht. In der ausgehenden Spätantike war die Stadt wieder stark befestigt. Um 547 rief Tarent den oströmischen Feldherrn Johannes aus Otranto zu Hilfe, der das Stadtareal stark verkleinerte, um Tarent überhaupt verteidigen zu können. So trennte er den Teil am Isthmus vom eigentlichen Stadtareal ab, befestigte ihn stark, und konzentrierte dort die Bevölkerung, auch die des Umlandes. 550 wurde die Stadt dennoch von dem Ostgoten Totila erobert. Als Kommandanten setzte er Ragnaris ein, der versuchte, die oströmische Gegenoffensive unter Narses abzuwehren. Doch wurde er von dem oströmischen Kommandanten Pacurius besiegt. Angeblich soll Narses seinem Schutzpatron zwei Sankt-Theodor-Kirchen gewidmet haben. Dort, wo heute die Altstadt ist, wurde Tarent anschließend erneut aufgebaut.
mini|Herrschaftsgebiet der Langobarden von Benevent im 8. Jahrhundert Tarent stand im Frühmittelalter unter häufig wechselnder Herrschaft. 663 führte Kaiser Konstans II. eine Armee zur Rückeroberung des von den Langobarden von Benevent besetzten Gebietes auch nach Tarent, doch scheiterte am Ende der Angriff auf Benevent. Danach gelangte Tarent mit seinem Umland in langobardischen Besitz. Nur wenig ist über diese Zeit bekannt. So weiß man von einigen Schenkungen an das Kloster Montecassino, und von der Gefangenschaft des Fürsten Siginolf, der 838 wieder freikam.
Die Stadt wurde 839 erstmals von Sarazenen unter Führung eines Saba erobert, dessen Flotte diejenige der Venezianer besiegte, die im Auftrag Konstantinopels die Muslime vertreiben sollte. Drei Jahre später ist die Gegenwart eines „Apolaffar“ belegt, der möglicherweise aus der muslimischen Kolonie Kreta stammte. Die Sarazenen, also islamisierte Araber und Berber, errichteten von 846 bis 880 ein Emirat.Barbara M. Kreutz: Before the Normans. Southern Italy in the Ninth and Tenth Centuries, University of Pennsylvania Press, 1996, S. 170, Anm. 6. Dieses wurde allerdings 846 bis 847 und erneut 851 bis 852 erobert. Der fränkische Mönch und Pilger Bernardus berichtet vom Handel mit christlichen Sklaven, die vom Hafen verschifft wurden. 880 eroberte der byzantinische Feldherr Leon Apostyppes die Stadt für Konstantinopel zurück. Es entstand binnen eines Jahrzehnts eine Art Provinzverwaltung, ein Thema. Dennoch blieb die Stadt gefährdet. So wurde sie am 15. August 927 von Sarazenen unter Führung des Slawen Sabir geplündert und zerstört. Erst ab 967 wurde sie von dem Strategen Nikephoros Hexakionides wieder aufgebaut.