mini|Josquin Desprez Holzschnitt von Petrus Opmeer, 1611
Josquin Desprez, auch Josquin des Préz, Jossequin Lebloitte, Jossequin Lebloitte dit Desprez oder latinisiert Josquinus Pratensis, (* zwischen 1450 und 1455 in der Umgebung von Saint-Quentin; † 27. August 1521 in Condé-sur-l’Escaut, Frankreich) war ein franko-flämischer Komponist und Sänger der Renaissance, der die kompositorischen Techniken der Frührenaissance meisterhaft beherrschte, als bedeutendster Komponist dieser Zeit gilt und schon zu Lebzeiten ein berühmter Musiker war.
Leben und Wirken Kindheit, Jugend und erste Erwachsenenjahre Jossequin Lebloitte dit Desprez wurde um 1450 oder kurz danach als Sohn des Gossard Lebloitte dit Desprez († um 1466) und dessen Ehefrau, vielleicht Jeanne, geboren. Sein Vorname Josquin ist eine Verkleinerungsform (Diminutiv) von lateinisch Jodocus, französisch Josse. Die Häufigkeit dieses Vornamens führte in der bisherigen Musikforschung häufig zu Verwechslungen mit anderen Musikern (insbesondere mit Judocus le Francia / de Kessalia, Sänger in Mailand, ferner mit Jo. de Pratis / Johannes de Stokem, Komponist und Sänger an der päpstlichen Kapelle, oder Josquin Dor und anderen). Wenige Tage vor seinem Tod hat Josquin Desprez für den Eintrag in die Einwohnerliste von Condé-sur-l’Escaut gebeten, als aubain (Auswärtiger) geführt zu werden, weil er jenseits der „Noir Eauwe“ geboren sei (wahrscheinlicherweise die Eau Noire, streckenweise der Grenzfluss zwischen der burgundischen Provinz Hainaut (Hennegau) und dem damaligen Frankreich). Südlich der Eau Noire, nahe der Quelle der Aube, liegt das Dorf Prez, möglicherweise der Namensgeber für Josquins Herkunftsnamen.
Im Jahr 1466 setzten Josquins Onkel Gilles Lebloitte dit Desprez und seine Frau in Condé-sur-l’Escaut ihr Testament zugunsten Josquins auf, was auf den vorangegangenen Tod seines Vaters schließen lässt. Darüber hinaus ist über Josquins Jugend sowie über seine geistliche und musikalische Ausbildung nichts überliefert. Claude Hémeré, seinerzeit Kanonikus an der Kollegiatkirche von Saint-Quentin, gibt unter anderem an, dass Josquin dort als Chorknabe mitwirkte, was eine hohe Wahrscheinlichkeit für sich hat. Direkte biografische Daten fehlen jedoch für die Zeit zwischen 1466 und 1475; die musikhistorischen Forscher haben hier bestenfalls begründete Vermutungen, z. B. auf Grund der Erwähnung Josquins in der Musiker-Motette Omnium bonorum plena von Loyset Compère, geschrieben vielleicht 1468 oder 1472 für die Kathedrale von Cambrai, auf jeden Fall aber vor dem Tod von Guillaume Dufay (1474), wo Josquin in einer Reihe mit Antoine Busnoys, Johannes Ockeghem, Johannes Tinctoris, Johannes Regis und Guillaume Dufay genannt wird – ein Zeichen, dass er sich, vielleicht schon seit 1468, einer hohen Wertschätzung unter seinen Kollegen erfreute.
Durch eine Reihe von vermutlich frühen Werken Josquins wird eine enge Beziehung von ihm zu Johannes Ockeghem nahegelegt: Dessen Chanson D’ung aultre amer werden von Josquins gleichnamiger Messe und Sanctus benutzt, und Josquins Motetten Alma redemptoris mater / Ave regina caelorum beginnen mit einem Zitat aus Ockeghems Alma redemptoris materOrm Finnendahl: Zur Zahlenkonstruktion der Motette Alma Redemptoris Mater/Ave Regina Coelorum von Josquin Desprez, Freiburg 2007. Abgerufen am 23. Dezember 2019. Dennoch ist Josquins Bezug zu Ockeghem nicht wirklich geklärt; dass er sein Schüler gewesen sei, wie lange Zeit öfters behauptet, ist bisher absolut unbewiesen. Auf Ockeghems Tod schrieb Josquin nach 1497 die Nänie (Trauergesang) Nymphes des bois / Requiem aeternam.
Spätestens seit Anfang 1475, dokumentarisch belegt im April 1477, diente Josquin als Sänger in der Hofkapelle des kunstsinnigen Herzogs René von Anjou (1409–1480), der als Maler und Dichter aktiv war, in Aix-en-Provence. Auch für 1478 gibt es einen entsprechenden Beleg. Sollte Josquin dem Herzog bis zu dessen Tod 1480 gedient haben, könnte er zusammen mit der Hofkapelle anschließend in den Dienst von König Ludwig XI. von Frankreich (Regierungszeit 1461–1483) in die Sainte-Chapelle in Paris übernommen worden sein, weil die Herzogtümer Anjou und Bar als „erledigte Lehen“ betrachtet wurden und an die französische Krone fielen.
König Ludwig erlitt im September 1481 einen Schlaganfall und ließ in der Folgezeit (bis zu seinem Tod 1483) in der Sainte-Chapelle des Palasts täglich um sieben Uhr morgens eine von ihm gestiftete Messe von acht Sängern der übernommenen Kapelle des Herzogs singen, wobei gut möglich ist, dass Josquin hier mitwirkte. Auch wurde Josquins Motette „Misericordias Domini in aeternam cantabo“ offensichtlich für den erkrankten König geschrieben; dieser ließ den Text auf fünfzig riesige Pergamente schreiben und in den Räumen seiner Residenz im Schloss Plessis-lès-Tours aufhängen. Am königlichen Hof bestanden für Josquin außerdem Kontaktmöglichkeiten zu etlichen bedeutsamen Personen: zu dem schon erwähnten Johannes Ockeghem, zu dem Dichter Guillaume Crétin (um 1460/70–1525), dem Textdichter der erwähnten Musiker-Motette „Omnium bonorum plena“, und vielleicht zu dem burgundischen Hofdichter und Historiografen Jean Molinet (1435–1507), dem Textdichter der erwähnten Trauermotette (Nänie). Zu bedenken ist auch, dass in dieser Zeit Johannes Ockeghem der einzige in der königlichen Hofkapelle dienende Komponist war und deshalb eine zentrale Bezugsperson für den jüngeren Josquin gewesen ist.
Aufenthalt in Rom Vor Ostern 1483 hielt sich der Komponist in Condé-sur-l’Escaut auf, um die Erbschaft seines Onkels anzutreten und die Verwaltung des geerbten Grundbesitzes zu organisieren. Bei dieser Gelegenheit begrüßte ihn das Kapitel der dortigen Kirche Notre-Dame de Condé mit einem Weingeschenk, weil es Josquins erste Rückkehr nach dem Krieg 1477–1483 zwischen Frankreich und dem habsburgischen Burgund war. Dies deutet auf eine schon länger bestehende Verbindung zwischen Josquin und dem Kapitel dieser Kirche hin. Etwa 1483 oder 1484, nach dem Tod von König Ludwig XI., ging Josquin nach Italien und ist im Haushalt des mächtigen, luxusliebenden und kunstsinnigen Kardinals Ascanio Sforza (1455–1505) in Mailand nachweisbar, wo er sich in einem brieflichen Gesuch wegen seiner Pfründe in Frankreich als capellanus et familiaris continuus commensuralis bezeichnet – ein begehrter Status wegen der damit meistens verbundenen Befreiung von Steuern und Militärdienst. Unklar ist nur, ob er in Frankreich angeworben wurde, wie früher seine Kollegen Loyset Compère, Gaspar van Weerbeke und Johannes Martini, oder ob er bemerkenswerterweise von sich aus nach Italien auf Stellensuche ging.
Kardinal Ascanio übersiedelte im August 1484 nach Rom und Josquin schloss sich ihm als Mitglied seines Hauses an. Hier fungierte Ascanio als Mailänder Verbindungsmann am päpstlichen Hof und wurde zu einem Mittelpunkt des gesellschaftlichen und künstlerischen Lebens. Josquin wirkte in Rom ab Juni 1486 bei dem Chor der päpstlichen Kapelle mit, war dort nachweislich anwesend von September 1486 bis Januar 1487, im September 1487 und von Juni 1489 vielleicht sogar bis 28. Februar 1495, wobei unter anderen die Komponisten Gaspar van Weerbeke und Marbriano de Orto seine Kollegen gewesen sind. Auch lernte er hier den Dichter Serafino de’ Ciminelli dall’Aquila (1466–1500) kennen, der von August 1484 bis zum Jahr 1491 ebenfalls im Dienst von Kardinal Ascanio stand. Serafino trug seine eigenen Werke improvisierend zur Laute vor und schrieb in dieser Zeit sein Sonett Ad Iusquino suo compagno musico d’Ascanio, mit deutlichem Bezug zu Josquin. Indirekt lobte Serafino seinen Kollegen mit der überlieferten Aufforderung, er möge dem Himmel dankbar sein für seinen „sublime ingegno“ (~Erfindungsreichtum) und seine „virtù“ (Tugend).
Aufenthalt in Mailand Während dieser Zeit, schon vor 1485, plante Josquin, die Dienste Ascanios zu verlassen, und wird in einem späteren Beleg vom 11. Februar 1489 als Sänger in der Hofkapelle des Mailänder Herzogs Gian Galeazzo Sforza (1469–1494) bezeichnet, offenbar nur eine vorübergehende Mitwirkung. In dieser Zeit entstand wahrscheinlich Josquins Kontakt zu dem Komponisten, Kapellmeister und Musiktheoretiker Franchino Gaffori (1451–1522), seit 1484 Domkapellmeister in Mailand, der ihn in seiner Schrift Anglicum ac divinum opus musice erwähnt. Im Juni 1489 wird Josquin offizielles Mitglied der päpstlichen Sängerkapelle und wird dort in den Mandati Camerali (Haushaltslisten) bis April 1494 geführt. Diese Listen fehlen für die Jahre 1495 bis 1500, und danach ist Josquin nicht mehr aufgeführt. Er weilte Anfang 1495 vielleicht noch in Rom und bemühte sich, wie andere Komponisten auch, energisch um Pfründen, und zwar fast nur in seiner Heimatdiözese Cambrai, teilweise mit Hilfe von Rechtsstreitigkeiten. So sind Verhandlungen um Pfründen in Saint-Aubin, in Saint-Omer, Saint-Ghislain, Kirchen bei Frasnes sowie von Saint-Géry in Cambrai belegt. Es ist jedoch unsicher, ob der Komponist tatsächlich in den Genuss dieser Benefizien gekommen ist. Er hat in Rom jedoch eine ganz besondere Spur hinterlassen: Es befinden sich in der Wand der Sängerkanzel (Cantoria) der Sixtinischen Kapelle aus der Zeit vom 15. bis 18. Jahrhundert verschiedene Namen eingeritzt; hier befindet sich auch „Josquinus“ – vielleicht von eigener Hand?
Späte Jahre Nach seiner Zeit in Rom hatte Josquin möglicherweise eine Beziehung zum burgundischen Hof von Philipp dem Schönen, weil er diesem im Jahr 1495 ein Exemplar seines Stabat mater zuschickte. Vielleicht war auch der Kontakt zu Kardinal Ascanio nie abgerissen, worauf ein Brief des Mantuanischen Bischofs Ludovico Gonzaga vom Dezember 1498 hindeutet, in dem dieser schreibt, er habe Ascanios Diener Juschino ein Rudel Jagdhunde für den Kardinal als Geschenk nach Rom mitgegeben, woraufhin sich der Beschenkte im Februar 1499 bei Isabella d’Este in Mantua für das Rudel bedankte, das ihm Juschino nostro servitore überbracht habe. Es ist lediglich unsicher, ob dieser Juschino tatsächlich Josquin Desprez gewesen ist. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass der Komponist nach Ausscheiden aus der päpstlichen Kapelle, zumindest für 1501 bis 1503, an die Hofkapelle des französischen Königs Ludwig XII. († 1515) wechselte.
Der Komponist Johannes Ghiselin war seit 1501 ebenfalls Mitglied dieser Hofkapelle, und nach Zeugnis von Belegen wurde er zusammen mit Josquin im Jahr 1503 zur Hofkapelle von Herzog Ercole I. d’Este nach Ferrara abgeworben. Herzog Ercole war seit dem Tode des Johannes Martini 1497 auf der Suche nach einem neuen Kapellmeister und hatte mit Hilfe seines Agenten Girolamo da Sestola (genannt „Coglia“) und seines Sohnes Alfonso d’Este nach einem diplomatischen Treffen mit Ludwig XII. nach Kandidaten in Frankreich gesucht und vielleicht schon gezielt mit Josquin verhandeln lassen. Ein anderer Agent Ercoles, Gian de Artiganova, suchte in Savoyen Sänger für Ercoles Hofkapelle und konnte von dort Heinrich Isaac als möglichen Kandidaten für die Leitung der Kapelle benennen. Es kam zu brieflichen Rückmeldungen der Agenten an den Herzog über die Qualitäten der gefundenen Kandidaten und schließlich zu dem denkwürdigen Brief Gians vom 2. September 1502, in dem er, nach erfolgter Begutachtung einer Probekomposition Isaacs, beide Komponisten und deren Qualitäten vergleicht. Hier heißt es unter anderem: